Villa Nueva/Guatemala. Vielleicht hätte Oma Lucrecia etwas merken müssen. Es gab ja Anzeichen, „Dinge", sagt die alte Dame heute, „die für sich sprachen". Die verrammelte Tür zu Hause bei den Enkeltöchtern. Die Mädchen, die bettelten: „Oma, geh nicht weg. Bleib noch ein bisschen!" Lucrecia aber vertraute ihrem Schwiegersohn mehr als ihrem eigenen Gefühl: „Hoffentlich passiert nicht, was ich denke . . ."
Es ist passiert. Vater Morales hat seine Töchter missbraucht, „angefasst", sagen sie. Dalia, die älteste, Sharlín, die hübsche, Pamela, die verschlossene. Nur Ana Sofía, die jüngste, ließ er in Ruhe, aber sie war sein Druckmittel: „Wenn ihr irgendwas erzählt", drohte er den Mädchen, „nehme ich auch die Kleine." Ana Sofía muss bis heute immer weinen, wenn sie das hört. Sie ist jetzt elf und der Tag, an dem alles aufflog, vier Jahre her. „Als es angefangen hat", rechnet Dalia, 17, kühl, „war ich neun. Als wir ihn angezeigt haben, 13."
Da sitzen die vier, eng aneinander geschmiegt, in einem hübschen Siedlungshaus in Guatemala, und man kann sich das alles nicht vorstellen: ein fröhlich gackernder Hühnerstall. Der sich in Tränen auflöst, als sie erzählen: wie sie sich schämten. Wie sie in der Schule versagten. Wie sie stritten und Stress machten. „Die Kinder waren so traurig und lustlos", sagt die Mutter. Esther, die im Schichtdienst arbeitete, hatte nie etwas bemerkt - bis zu dem Tag, an dem es irgendeinen Streit gab, und plötzlich platzte eine Tochter heraus mit der Wahrheit, und dann redeten sie alle durcheinander: Keine hatte von der anderen gewusst.
"Nach der Dunkelheit kommt Licht"

Helfen Sie mit Ihrer Spende Kindern in Guatemala!
Spendenkonto 310 310
BLZ 350 601 90
Bank für Kirche und Diakonie eG - KD-Bank
Stichwort: Z 5148, Guatemala
„Eine Bombe", sagt Esther, „ein Schock." Im ersten Moment wollte sie ihren Mann umbringen, sie hat es wohl nur wegen der Töchter nicht getan. Sie wandte sich an die Kirche, an ein Menschenrechtsbüro. „Nach der Dunkelheit kommt Licht", sagt Oma Lucrezia. Conacmi hat bei den Morales' das Licht angemacht: die Kommission für misshandelte und missbrauchte Kinder in Guatemala, dieser in Lateinamerika seltene sichere Ort für Mädchen wie die Morales-Schwestern. Ihn unterstützen wir mit unserer Spendenaktion; Sie, liebe Leser, können helfen.
„Es war eine Herausforderung", sagt Conacmi-Psychologin Gloria Solares. „Jede hatte eine andere Traurigkeit." Dalia wollte nicht reden. „Ich bin zur Therapie gegangen", die Kirche hat die Fahrkarte in die Stadt bezahlt, „aber wenn die Fragen stellten, bin ich abgehauen." Sharlín trieb die Scham auf die Straße. Sie hing herum, prügelte sich, nahm Drogen, kam oft tagelang nicht nach Hause. „Wenn man dort Probleme hat, ist es eine Erleichterung, wenn andere Leute einen aufnehmen." Sharlín, kesse 17, sagt: „Ich habe mich schuldig gefühlt, weil ich eine Frau bin."
Wer zusammenhält, ist stärker
Pamela ist bis heute ein ernstes Kind. Sie redet nicht viel, ist nicht so ausgelassen wie ihre Schwestern. Zu ihrem 15. Geburtstag vor einigen Monaten hätte es eigentlich ein großes Fest geben sollen, das gehört sich so in Guatemala. Pamela hat auch schon ein Kleid, aber Geld zum Feiern ist keines da. Und dann Ana Sofía: Die brauchte lange, um den drei Großen nicht mehr vorzuwerfen: „Ihr seid schuld, dass der Papa weg ist." Wo der heute ist? „Im Knast", sagen die vier, und ihre Genugtuung füllt den Raum. Es dauerte nicht lange damals, bis sie auch noch erfuhren: Der Vater unterhielt noch eine zweite Familie, ebenfalls mit Töchtern.
Bei Conacmi aber haben die Schwestern gelernt zu reden. Sie haben gelernt, was Respekt ist, und dass sie stärker sind, wenn sie zusammenhalten. Sie wissen sich zu wehren, sind aber auch weicher geworden: „Sie kommen und umarmen mich", sagt ihre Mutter, „das gab es früher nicht." Auch sie hat durch Conacmi begriffen, dass es kein gottgegebenes Leid ist, eine Frau zu sein. „Als ich jung war, dachte ich, dass man Männer aushalten muss." Nun kennt sie die Grenzen, sie will, dass ihre Kinder frei sind.
Weshalb ihr nicht recht gefallen will, dass Dalia, die Abiturientin, seit kurzem einen Freund hat. „Aber einen Mann, der mich wertschätzt", das kannte sie vorher nicht. Und Oma Lucrezia, die die ganze Schar aufgenommen hat und so oft dachte: „Ich schaff' das alles nicht", die ist inzwischen einfach nur froh. „Froh, dass ich euch gefunden habe", sagt sie zu den Leuten von Conacmi. „Es gibt doch Engel im Leben."
Autorin: Annika Fischer, WAZ-Reporterin
Bastian Strauch