Wiederaufbau in Haiti

„Mit jedem Stein wächst die Hoffnung
auf einen richtigen Neuanfang"

Bauarbeitenzoom Seit September können sie anrücken: Maurer, Zimmermänner, Kräne, und was man sonst noch alles braucht, um eine der größten Schulen Haitis neu aufzubauen. Vom alten Gebäude war nach dem Erdbeben vom 12. Januar 2010 nur noch ein riesiger Trümmerberg übrig - 150 Kinder begrub er unter sich. Ein halbes Jahr dauerte es, um die Reste der Schule der Ordensschwestern Petites Soeurs in Carrefour abzutragen. Jetzt, nachdem Planung, Baugenehmigung und Ausschreibung abgeschlossen sind, kann es richtig losgehen.

„Endlich!", sagt Schwester Evanette und atmet tief durch, als sie auf das stetig wachsende Fundament blickt. „Es ist so schön mit anzusehen, wie mit jedem Stein auch die Hoffnung unserer Schüler auf einen richtigen Neuanfang wächst." Die vergangenen zwei Jahre hätten die Mädchen und Jungen mit Bravour gemeistert: „Wir sind so stolz auf sie", so Evanette, „das Erdbeben hat sie stark traumatisiert, dennoch schauen sie mutig in die Zukunft und geben alles, ihr Leben in die Hand zu nehmen." Die Abiturienten haben kürzlich sogar allesamt ihren Abschluss geschafft. „Und das, obwohl wir ihnen seit zwei Jahren nur Notschulunterricht in provisorischen Holzpavillons anbieten konnten", betont Evanette.

KNH in Haiti 2010zoomSchwester Evanette beim Notschulunterricht in Carrefour. Kurze Zeit nach dem Beben begannen die Kleinen Schwestern mit Unterstützung der Kindernothilfe 1.200 Mädchen und Jungen täglich mit Essen, Trinken und Medizin zu versorgen. Und trotz schwierigster Bedingungen nahmen sie dann auch nach und nach den Notschulbetrieb auf. Im neuen Gebäude werden 1.400 Kinder lernen können. Und zwar ohne Angst vor einer erneuten Katastrophe haben zu müssen, denn die neue Schule wird erdbeben- und hurrikansicher sein - so wie alle acht weiteren Schulen, die die Kindernothilfe mit ihren Partnerorganisationen in Haiti wieder aufbaut.

Fünf von ihnen entstehen südlich von Carrefour, in weit abgelegenen Dörfern, mitten in den Bergen. Eine von ihnen ist bereits fertig, der Bau der Weiteren eine große Herausforderung: Die Baumaterialien müssen nämlich zu Fuß mit Lasteseln über die weiten Entfernungen transportiert werden. „Die Schulen sollen mithelfen, dass die Menschen auch in den Dörfern Zukunftsperspektiven bekommen und nicht noch weiter in die heillos überfüllten Städte abwandern", erklärt Alinx Jean-Baptiste, Leiter des Kindernothilfe-Büros in Haiti.

Bis die Dorfschulen fertig sind, lernen die Kinder wie in Carrefour in provisorischen Holzpavillons. Der Unterricht besteht aus formeller Bildung und praktischer Ausbildung. Drei Tage in der Woche lesen, schreiben und rechnen die Kinder, und zwei Tage machen sie praktischen Unterricht. Sie stellen Matten aus geflochtenem Stroh her, die etwa als Matratzen benutzt werden, oder gehen auf die Felder und erlernen effizientere Anbaumethoden.

Wharf JeremyzoomBikenlove vor dem taäglichen Sprung über den verschmutzten Abwasserkanal. Bikenlove wurde halbverhungert gefunden

Auch in der Hauptstadt Port-au-Prince baut die Kindernothilfe zwei Schulen auf. Eine steht auch hier bereits, und zwar im größten Armenviertel Haitis: Cité Soleil. 250.000 Menschen leben hier buchstäblich auf einer Müllhalde, Gewalt und Kriminalität sind an der Tagesordnung. In Wharf Jérémie, einem Teil von Cité Soleil, lebt auch ein großer Teil von Haitis sogenannten Restavèk-Kindern. Das sind Mädchen und Jungen, die von ihren Eltern weggeschickt wurden, weil sie sie nicht aus eigener Kraft ernähren konnten. Sie landen dann als „Haushaltshilfen" in fremden Familien, wo sie in sehr prekären Verhältnissen leben und arbeiten. Die allermeisten erleiden Missbrauch und Gewalt.

Bikenlove ist eines dieser Kinder. Halb verhungert hat eine Kindernothilfe-Mitarbeiterin sie gefunden. Sie ist circa neun Jahre alt, doch wenn man sie fragt, sagt sie, dass sie drei Jahre alt ist - die Trennung von ihrer Familie hat sie schwer traumatisiert. Bikenlove ist als Restavèk bei ihrem Stiefvater gelandet, wo sie mit ihren beiden Halbgeschwistern wohnt. Sie leidet dauerhaft an Fieber und ist noch immer unterernährt. Ihren Stiefvater interessiert das wenig. Wichtig für ihn ist, dass sie den Abwasch macht, das Haus putzt und nicht im Weg steht. Vor der Wellblechhütte, in der sie leben, zieht sich ein dickflüssiger Abwasserkanal, über den das kleine Mädchen jedes Mal springen muss, sobald es aus dem Haus geht. Trockenen Fußes kommt sie nur selten herüber.

Die Schule, die die Kindernothilfe in Wharf Jérémie für 250 Kinder errichtet hat, soll vor allem den Restavèk-Kindern Zukunftschancen eröffnen. Inmitten der Wellblechhütten steht die Schule wie ein Leuchtturm. „Jedes Mal, wenn ich an der Schule vorbeilaufe, bin ich stolz auf sie", erzählt uns ein Bewohner Wharf Jérémie, der beim Schulwiederaufbau mitgeholfen hat. „Schulen sind genau das, was Haiti braucht. Wir Alten schaffen es doch nicht mehr, Haiti aufzubauen. Das ist die Aufgabe unserer Kinder. Unsere Verantwortung ist es, ihnen den Weg zu ebnen und die Instrumente in die Hand zu geben. Bildungseinrichtungen sind der Schlüssel dazu."

84995 MOCOSADzoomDie Schule in Wharf Jérémie, kurz vor der Fertigstellung. Die Schule gibt Restavèks Zukunftsperspektiven 

Bikenlove besucht seit ein paar Monaten die Schule. Dort beginnt ihr Tag mit einem reichhaltigen Frühstück, bestehend aus Spezialnahrung für unterernäherte Kinder. „Damit päppeln wir die Kinder wieder auf", sagt eine Projekt-Mitarbeiterin. „Seit drei Monaten bekommt Bikenlove die Spezialnahrung. Ich sehe sie immer häufiger lachen und zusammen mit den anderen Kindern spielen." Doch nicht nur Restavèk-Kindern ergeht es so wie Bikenlove. Die meisten der anderen Kinder, die in die Schule der Kindernothilfe gehen, müssen auch hart arbeiten, werden oftmals geschlagen und schlecht versorgt. Sozialarbeiter versuchen die Familien in Hinsicht auf das Wohlergehen ihrer Kinder zu sensibilisieren, um vor allem häusliche Gewalt und sexuelle Übergriffe zu vereiteln.

Trotz aller Wiederaufbau-Arbeit und der Auflösung vieler provisorischer Lager leben immer noch rund 500.000 Haitianer in Zeltstädten. Etwa in Sineas, wo weiterhin 18.000 Menschen beherbergt sind, und die Kindernothilfe bis heute ein Zentrum zur Versorgung und zum Schutz der der Kinder betreibt. Ganz auflösen wird sich Sineas wohl nicht mehr, vielmehr wird es sich wohl dauerhaft zu einem Stadtteil von Port-au-Prince verfestigen. „Wir werden die Menschen aber auch dann weiterhin unterstützen, damit sie hier solide soziale und wirtschaftliche Strukturen entwickeln können", so Jean-Baptiste, „und dazu brauchen sie dringend Bildung!" Deshalb hat die Kindernothilfe ihr Kinderzentrum nun zu einer Art Bildungszentrum ausgebaut. „Wir bieten hier nicht nur Unterricht für Kinder an, sondern auch für Jugendliche und Erwachsene. Mit Alphabetisierungs-, Handwerks- und Wirtschaftskursen lernen sie etwa, ein kleines Geschäft erfolgreich aufzubauen."

AmurtzoomZeltstadt Sineas: Im Zentrum der Kindernothilfe werden Mädchen und Jungen geschützt, versorgt und unterrichtet . . . Amurtzoom. . .während Jugendliche und Mütter dort lernen, sich wirtschaftlich zu stärken.  Die "Cool Cats" kümmern sich um die Probleme in der Zeltstadt  

„Zum Glück ist die Kindernothilfe noch immer hier", erzählt Minola, eine der Mütter der Mädchen und Jungen, die das Zentrum des Hilfswerks besuchen. „Wenn es das nicht gäbe, wüssten wir nicht, wo wir unsere Töchter und Söhne hinschicken sollten. Die Schulgelder für die staatlichen Schulen sind zu hoch. Mein Mann hat keine Arbeit, und ich verdiene zu wenig." Morgens verkauft sie Gemüse auf dem Markt, und nachmittags nimmt sie an Alphabetisierungskursen im Zentrum der Kindernothilfe teil. „Das mache ich vor allem für meine Kinder, so kann ich ihnen bei den Hausaufgaben helfen. Selber finde ich den Unterricht natürlich auch sehr spannend, und bald kann ich so gut rechnen und schreiben, dass ich nicht mehr von den Zwischenhändlern übers Ohr gehauen werde."

Die Jugendlichen im Zentrum bilden Gruppen, die sich „Cool Cats" nennen. „Wir versuchen Probleme im Lager zu identifizieren und Lösungswege zu finden. Vor allem häusliche Gewalt ist ein Problem", so Andre, ein 17-jähriger Junge, der in einer der „Cool Cats" Gruppen ist. „Letztens haben wir einen kleinen Umzug im Lager organisiert und Lieder zur Vermeidung von häuslicher Gewalt gesungen. Das hat viel Aufmerksamkeit der Lagerbewohner auf sich gezogen und einen Dialog entfacht. Vielleicht ändert es ein wenig, was in manchen Familien passiert."

Auch ein Projektgarten wurde über die letzten zwei Jahre angelegt und ausgebaut. Heute essen die Kinder mittags frisches Gemüse aus eigenem Anbau. Auch auf das Zeltlager wurde die Idee des Gemüsegartens ausgeweitet. Zwischen den Zelten werden Mais, Maniok oder Bananen angepflanzt. „Wir tun, was wir können", so Jean-Baptiste: „damit aus Sineas auch tatsächtlich ein gut funktionierender Stadtteil wird!"

Text und Fotos: Katja Anger, Kindernothilfe-Büro Haiti


Copyright © 2012 Kindernothilfe e.V. - Alle Rechte vorbehalten.