In Haiti leben derzeit bis zu 300 000 Mädchen und Jungen unter ausbeuterischen Bedingungen in fremden Familien, vornehmlich der Hauptstadt Port-au-Prince. Sie nennen sich „Restavèk". Das Wort kommt aus dem Französischen von „rester avec" und meint zu deutsch „bei jemandem bleiben".

Odana - Restavèk-Kind in Port-au-Prince. Foto. Jakob Studnar
Obwohl Haiti nach dem Ende der Sklaverei und der Erklärung der Unabhängigkeit im Jahre 1804 einen Passus aufgenommen hatte, der Kindern grundsätzlich ein „Recht auf Liebe, Zuwendung und Verständnis" zusichert und die „Freiheit der Arbeit" regelt, werden in der täglichen Realität diese Vorsätze nicht umgesetzt.
Als Restavèc bezeichnet man in Haiti Kinder, die in Haushalten anderer Familien unter ausbeuterischen Bedingungen arbeiten. Rund 75 Prozent der Kinder sollen Mädchen sein. 10 Prozent sind jünger als 10 Jahre. Arme Familien, die meist auf dem Land leben, geben ihre Kinder, für deren Unterhalt sie nicht aufkommen können, an Verwandte oder Gastfamilien in die Stadt. Die Eltern vertrauen häufig darauf, dass die Kinder leichte Arbeiten im Haushalt verrichten und dafür Nahrung, Unterkunft Schulbildung bekommen.
In der Realität werden jedoch viele Restavèc ausgebeutet und misshandelt. Das Versprechen einer guten Schulbildung, das vielen Eltern gemacht wird, stellt sich häufig als falsch heraus. Die meisten Restavèks werden von ihren Arbeitgebern schamlos ausgebeutet. Sie schuften bis zu 16 Stunden täglich, werden geschlagen, oft auch missbraucht. Etwa die Hälfte der Mädchen, schätzen Experten, wird vergewaltigt. Auch deshalb ist die Aids-Infektionsrate in Haiti so hoch: Jeder zwanzigste Einwohner des Landes ist HIV-positiv.
Restavèks erhalten kein Geld, sie gehen nicht zur Schule und, wenn sie krank werden, auch nicht zum Arzt. Viele Kinder haben nicht einmal einen Nachnamen, geschweige denn eine Geburtsurkunde oder einen Personalausweis. Wegen jeder Kleinigkeit setzt es Prügel. Nicht nur die Erwachsenen schlagen das Mädchen regelmäßig, sondern auch die Kinder der Familie. Restavèks sind absolut rechtlos, abhängig, ausgeliefert.
Seinen Ursprung hat dieses System im vergangenen Jahrhundert, als Kleinbauern ihre Kinder zur Arbeit als Hausangestellte in die Stadt schickten, in der Hoffnung, dass sie dort genügend zu essen, die Möglichkeit, zur Schule zu gehen und die Chance auf ein besseres Leben bekämen. Perfektioniert wurde das Ganze durch die „Gevatterinnen", Vermittlerinnen, entfernte Bekannte, Geschäftsfrauen, die zum Markt in die Stadt fahren, die Bauernfamilien überzeugen, eines oder mehrere ihrer Kinder abzugeben. Sie nehmen die Mädchen und Jungen in die Hauptstadt Port-au-Prince, „sorgen" für die „Unterbringung" bei einer „Gastfamilie". Für diese Vermittlerdienste werden sie von der „Gastfamilie" mit einem kleinen Geldbetrag bezahlt.
Kindernothilfe geht von rund 300.000 Restaveks in Haiti aus. Die meisten davon leben in der Hauptstadt Port-au-Prince. Zehn Prozent der 5 - 17-jährigen Mädchen und Jungen sind Restavèks.
Die gesetzliche Lage und die Realität gehen in Haiti weit auseinander. Denn trotz der vielen Restavèks hat Haiti verschiedene Gesetzesgrundlagen zum Thema. In der Haitianischen Verfassung heißt es in Artikel 35: „Für bezahlte Arbeit muss es ein Mindestalter geben, das für gefährliche Arbeiten bei 18 Jahren liegt." Dies lehnt sich an die ILO (Internationale Arbeitsorganisation)-Konvention zum Thema aus dem Jahre 1973. Die ILO Konvention 182 zu den schlimmsten Formen der Kinderarbeit trat im Jahr 2000 in Kraft und wurde von Haiti am 19.07.2007 ratifiziert. zur Website der ILO
Ein weiteres Gesetz zum Schutz der Kinder böte die UN-Kinderrechtskonvention von 1989: Der Artikel 32 verbietet die wirtschaftliche Ausbeutung von Kindern. Haiti hat die UN-Kinderrechtskonvention ebenfalls ratifiziert. Download Themenheft Kinderrechte
Das Ganze wird komplettiert durch ein Gesetz Haitis vom 5. Juni 2003, das sich vornimmt, alle ausbeuterischen Arbeitsverhältnisse zu bekämpfen.
Die Situation seit dem Erdbeben am 12. Januar 2010 ist nach Einschätzung der Kindernothilfe noch schlechter als vorher. Wurden die Restavek-Kinder schon vor der Katastrophe ausgebeutet, befindet sich die Familie, für die sie arbeiten, derzeit kaum in der Situation, sich um sie zu kümmern. Sie sind entweder durch das Erdbeben ums Leben gekommen oder kümmern sich derzeit um die eigene Existenz. Die Folge: Viele der Restavék sind jetzt komplett auf sich alleine gestellt. Noch mehr als vor dem Beben, sind sie von gewalttätigen Übergriffen oder Kinderhandel gefährdet.
Derzeit fördert Kindernothilfe, gemeinsam mit der Partnerorganisation Mouveman Plin Vis Moun (MVM), 875 Restavèk-Kinder in mehreren Vierteln der Hauptstadt Port-au-Prince. Darüber hinaus gibt es spezielle Förderklassen für Restavèk-Kinder, die in der gemeinsam mit der Heilsarmee geförderten Schule College Verena betreut wurden. Dabei handelt es sich um ein Programm für die Kinder, die bislang nicht in der Schule waren. Hier können sie aufholen, um das gleiche Niveau wie die anderen Kinder zu erreichen. Die Kindernothilfe und ihre Partner setzten alles daran, dass Restavèk-System auf Dauer abzuschaffen. Ein langer, schwieriger Weg - bis es soweit ist. MvM hat sich im Jahre 1997 mit dem Ziel gegründet, die Lebenssituation von Restavék-Kindern in Haiti grundlegend zu verbessern. Dieses Ziel verfolgt die Organisation vor allem mit der Bereitstellung von informeller Grundbildung, weiterführender Berufsbildung und der intensiven Betreuung von Kindern, die schweren Missbrauch erlitten haben. Präventiv setzt MvM besonders auf Sensibilisierungsprogramme sowie Aufklärung über die Situation der Kinder in Haiti.