
Foto: Jakob Studnar
Vor einem Jahr bat die Kindernothilfe zusammen mit der WAZ um Spenden für den Neubau eines Therapiezentrums in den Armenvierteln der brasilianischen Stadt Recife. Mehr als 300 Kinder und Jugendliche mit Behinderungen finden dort besondere Förderung. Doch es gäbe noch viel mehr zu tun, aber der Platz ist begrenzt. Noch - denn dank Ihrer Spenden wird Mitte 2009 ein neuer, moderner Anbau eröffnet.
Als erstes steigt Gisele jeden Morgen in den dritten Stock des CERVAC-Gebäudes. Von dort oben hat sie den besten Blick auf die Baustelle direkt neben dem Therapiezentrum: „Jeden Tag gibt es etwas Neues zu sehen. Jeden Tag sind die Mauern ein Stück gewachsen."

Gisele (Mitte) führt Rolf-Robert Heringer, stellv. Vorstand der Kindernothilfe, über die Baustelle. Foto: J. Schübelin
Eltern gründeten Zentrum in Eigenregie
Gisele Carla López Albuquerque ist die gewählte Vizepräsidentin von CERVAC, einer Selbtshilfe-Inittaive für 310 Kinder mit Behinderungen und ihre Familien. Gisele ist 21 Jahre alt und verantwortlich für den Empfangsbereich und das Sekretariat des Projektes. Praktisch ihr ganzes Leben ist mit CERVAC verknüpft. Ihre Geburt bildete einen der Anstöße dafür, dieses Zentrum mitten in dem Armenviertel Morro da Conceição in der brasilianischen Küstenstadt Recife zu gründen. Als Gisele mit dem Down Syndrom auf die Welt kam und ihre Mutter sich verzweifelt auf die Suche nach einer Fördermöglichkeit machte, stieß sie auf eine Reihe weiterer Eltern, die vor dem gleichen Problem standen: Nirgendwo im weiten Umkreis gab es irgendein Therapie- oder Begleitangebot für Kinder mit Behinderungen - und niemand außer ihnen interessierte sich für die Mädchen und Jungen.
Anerkanntes Therapiezentrum
Vor 20 Jahren begann CERVAC mit seiner Arbeit - als Selbsthilfe-Initiative von Eltern und Familienangehörigen mit schwer- und schwerstbehinderten Kindern. Heute ist das Projekt eines der anerkanntesten Therapie- und Förderzentren im Bundesstaat Pernambuco.
Zu wenig Platz
Seit Jahren leidet das Projekt unter dem immer gleichen Dilemma: Eigentlich möchte das CERVAC-Team noch mit sehr viel mehr Kindern arbeiten, doch seit langem platzen die zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten aus allen Nähten: „Wenn ich bloß diese Treppe sehe", murmelt Mauricea da Silva, eine der CERVAC-Gründerinnen, und steigt vom zweiten in den dritten Stock des alten Zentrums, „dann fällt mir wieder ein, was wir uns all die Jahre abgerackert haben". Über die enge steile Treppe wuchten sie die Rollstühle mit den Kindern in die oberen Therapieräume, tagein, tagaus.

Foto: Jakob Studnar
137.000 Euro von WAZ-Lesern, Paten und Spendern
Mitte nächsten Jahres hat die Plackerei ein Ende: Dann wird der CERVAC-Neubau eingeweiht. Baubeginn war im September 2008. Seither wird in zwei Schichten täglich gearbeitet, von Sonntag bis Samstag. Drei Stockwerke stehen bereits. Möglich gemacht haben das neue Zentrum die Leserinnen und Leser der WAZ mit ihren Spenden anlässlich der Weihnachtsaktion 2007, bei der etwas über 100.000 Euro zusammenkamen - und die Kindernothilfe-Paten der CERVAC-Kinder, die bereits zuvor die 37.000 Euro aufgebracht hatten, um das Grundstück für den Neubau kaufen zu können.
Ganz neue Therapie-Möglichkeiten
650 zusätzliche Quadratmeter werden, verteilt auf drei Stockwerke, zur Verfügung stehen - Platz für Physiotherapie-Räume, für die Arbeit mit hörgeschädigten Kindern, Klassenzimmer, einen Speisesaal und Sanitärbereich. Vor allem aber gibt es eine breite, bequeme Rampe, um die Kinder in Rollstühlen ohne große Kraftakte in alle drei Stockwerke zu schieben: „Wir freuen uns natürlich auf das ganze neue Haus", sagt Mauricea, „aber die Rampe, die ist wirklich toll."

Der Rohbau wächst neben dem alten Therapiezentrum. Foto: J. Schübelin
Langer Kampf um die Baugenehmigung
Über ein Jahr hatte das CERVAC-Team um die Baugenehmigung für das neue Zentrum kämpfen müssen. Die zuständige Behörde bearbeitete den Antrag nur im Schneckentempo, stellte sich stur, erfand immer neue Ausreden. Am Ende mobilisierten CERVAC und das Team des Kindernothilfe-Projektbüros in Recife alle ihre kommunalpolitischen Kontakte und vor allem die Familien der Kinder, um Druck auszuüben. Am Tag, nachdem die Baufreigabe endlich erteilt war, legten die Maurer sofort los. Bereits Anfang des Jahres hatten die Eltern der Kinder, unterstützt von zahlreichen Nachbarn auf dem Morro da Conceição, in Tausenden von freiwilligen Arbeitsstunden das alte Haus auf dem neuen Grundstück abgetragen, den Bauschutt beseitigt und das gesamte Terrain für den Neubau vorbereitet.
Erfolge im Jahr 2008
Im Dezember informierte sich Rolf-Robert Heringer, stellvertretende Vorstandsvorsitzender der Kindernothilfe, über die Baufortschritte am neuen CERVAC-Zentrum. Er erfuhr: 27 der CERVAC-Kinder konnten 2008 in eine normale Schule wechslen. Força Especial, die Projektband, wurde als die beste Musikgruppe aller Schulen in ganz Recife ausgezeichnet - und sechs Kinder aus dem Projekt haben es in den zurückliegenden zwölf Monaten geschafft, sich - zwar mit Gehhilfen, aber vor allem aus eigener Kraft -, auf den eigenen Beinen zu bewegen.
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