(Duisburg,Dezember 2010) Im Jahr 2000 haben sich die Regierungschefs der Welt verpflichtet, die Armut deutlich zu reduzieren und hierfür acht messbare entwicklungspolitische Ziele bis 2015 umzusetzen. Heute, zum Jahreswechsel 2010/2011, hinkt die Welt den selbst gesteckten Zielen vor allem bei der Verringerung der Kinder- und Müttersterblichkeit hinterher. Außerdem steigt die Zahl der Hungernden. Damit sind gerade jene Entwicklungsziele gefährdet, die unmittelbare Auswirkungen auf das Leben von Kindern haben.

Grafik: UNDP Brazil
MDG 1: Halbierung von Hunger und ArmutWorum geht es?
Wer weniger als 1,25 Dollar am Tag zur Verfügung hat, leidet laut UN-Definition unter extremer Armut. Die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben müssen, wie auch die Anzahl derer, die Hunger leiden, soll halbiert werden.
Stand der Umsetzung:
Im Zeitraum von 1990 bis 2005 ist der Anteil der Menschen in extremer Armut von 41,7 auf 25,2 Prozent gesunken. Bis 2015 soll er weiter auf 18,5 Prozent zurückgehen. Damit sei es laut Weltbank realistisch, die Halbierung der extrem Armen zu erreichen. Gleichzeitig schätzt die Weltbank, dass infolge der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise bis Ende 2010 zusätzliche 64 Millionen Menschen in extremer Armut leben müssen. Und selbst wenn das Ziel erreicht wird, den Anteil der extrem Armen zu halbieren, so werden 2015 immer noch ca. 1,13 Milliarden Menschen in extremer Armut leben.
Die Zahl der Menschen, die unter chronischem Hunger leiden, stieg 2009 auf einen historischen Höchststand von 1,02 Milliarden, vor allem auch infolge der globalen Ernährungskrise im Jahr 2008. Die Ursachen der Ernährungskrise sind vielfältig: Eine wachsende Nachfrage nach Fleischprodukten infolge veränderter Konsumgewohnheiten, Bevölkerungswachstum, zunehmende Verstädterung sowie die wachsende Nachfrage nach Biotreibstoffen tragen dazu bei, dass Grundnahrungsmittel massiv teuerer - und damit unbezahlbar für die Armen - geworden sind.
Kinder sind in besonderem Maße von Hunger und Unterernährung betroffen. Der Anteil der unterernährten Kinder (unter fünf Jahren) ist von 31 Prozent (1990) leicht auf 26 Prozent (2008) gesunken. In vielen Ländern ist dennoch jedes dritte Kind untergewichtig. Allein in Indien lebt ein Drittel der unterernährten Kinder. Aber auch die Situation für ältere Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren ist besorgniserregend: Allein in Südasien leiden 615 Millionen der unter 18-jährigen unter einer schlechten Ernährungssituation.

Grafik: UNDP Brazil
MDG 2: Grundbildung für alleWorum geht es?
Bildung ist ein Menschenrecht. Trotzdem können viele Kinder nicht einmal die Grundschule besuchen. Gründe dafür können neben der Armut der Eltern auch Krankheit und gesellschaftliche Strukturen, die z.B. Frauen und Mädchen benachteiligen, sein. Doch wer nicht einmal über eine Grundschulbildung verfügt, kann sich nur schwer aus der Armut befreien und ein selbstbestimmtes Leben führen. Deshalb soll 2015 jedes Kind in die Grundschule gehen.
Stand der Umsetzung:
Zwischen 1999 und 2007 sank die Zahl der Kinder, die nicht zur Schule gehen, weltweit um 33 Millionen auf 72 Millionen. Diese Fortschritte reichen jedoch nicht aus, alle Kinder in die Schule zu bringen. 2015 würden bei gleichbleibender Anstrengung immer noch ungefähr 56 Millionen Kinder nicht in die Schule gehen. Die größten Defizite bestehen in Subsahara Afrika. 2007 gingen dort 32 Millionen Mädchen und Jungen nicht zur Schule. Auch hier sind die Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise nicht zu übersehen: Den Regierungen der Entwicklungsländer standen nach Schätzungen der UNESCO 2009 infolge der Krisen 4,6 Milliarden US-Dollar weniger für ihre Bildungsausgaben zur Verfügung. Bei Klassengrößen von bis zu 90 Schülern pro Lehrer geben Einschulungsquoten zudem nur wenig Auskunft über die Qualität der Ausbildung.

Grafik: UNDP Brazil
MDG 3: Gleichberechtigung der GeschlechterWorum geht es?
Mädchen und Frauen haben weltweit immer noch schlechtere Lebenschancen. So sind 70% aller armen Menschen Frauen. Das soll sich ändern. Mädchen und Frauen müssen hierzu gleichberechtigt an Bildung teilhaben. Denn Bildung hilft ihnen, ihre Familie zu planen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, selbstbestimmt zu leben und gleiche Rechte einzufordern. Daher sollen alle Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern im Grundschulbereich bis 2005 beseitigt werden; auf allen Bildungsebenen bis 2015.
Stand der Umsetzung:
Knapp zwei Drittel der Entwicklungsländer haben das bis 2005 gesteckte Ziel der Geschlechtergleichstellung bei der Einschulung erreicht. Setzt sich der aktuelle Trend fort, so werden die meisten afrikanischen Länder die Geschlechter-Gleichstellung in der Grundschulbildung bis 2015 erreichen. Gleichzeitig sind aber zwei Drittel der über 750 Millionen Analphabeten Frauen und Mädchen. Insbesondere in Westasien, Südasien und Subsahara Afrika haben nach wie vor weitaus weniger Mädchen als Jungen Zugang zur Sekundärbildung.

Grafik: UNDP Brazil
MDG 4: Kindersterblichkeit um zwei Drittel senkenWorum geht es?
Täglich sterben Kinder, obwohl die Welt es verhindern könnte. Die Ursachen hierfür sind z.B. Hunger, schlechte hygienischen Bedingungen und vermeidbare oder heilbare Krankheiten. Das soll sich ändern.
Stand der Umsetzung:
Die Kindersterblichkeit ist in den vergangenen 20 Jahren zwar weltweit gesunken, aber nicht schnell genug, um MDG 4 bis 2015 zu verwirklichen. Jährlich sterben derzeit neun Millionen Kinder unter fünf Jahren zumeist an Unterernährung oder an Krankheiten, die größtenteils vermeidbar wären. Hierzu gehören vor allem Durchfall, Lungenentzündung, Malaria oder Masern. Im südlichen Asien und in Subsahara Afrika sterben im Durchschnitt 144 von 1.000 Kindern vor ihrem fünften Geburtstag. 1990 waren es allerdings noch 185.
Die Reduzierung der Kindersterblichkeit (MDG 4) steht in enger Beziehung zu der Umsetzung anderer MDGs, wie der Alphabetisierungsrate der Frauen (MDG 2 und 3), der Verbreitung von HIV/Aids und anderer ansteckender Krankheiten (MDG 6), Hunger und Unterernährung (MDG1), dem Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitären Anlagen (MDG /) sowie der Müttersterblichkeit (MDG 5). Fortschritte bei der Verwirklichung dieser MDGs helfen, auch die Kindersterblichkeit zu reduzieren.

Grafik: UNDP Brazil
MDG 5: Reduktion der Müttersterblichkeit um drei ViertelWorum geht es?
In vielen Entwicklungsländern haben werdende Mütter oft nur unzureichenden oder gar keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Dazu kommt, dass Mädchen und junge Frauen oft schon sehr früh heiraten und auch früh schwanger werden. Schwangerschaften und Entbindungen werden so lebensgefährlich und viele Kinder müssen ohne Mutter aufwachsen.
Stand der Umsetzung:
Jede Minute stirbt eine Frau aufgrund von Komplikationen bei Schwangerschaft oder der Entbindung. Laut WHO ist dies das Millenniumsziel, dessen Umsetzung am meisten gefährdet ist. Weltweit starben 2008 noch immer knapp 350.000 Frauen während der Schwangerschaft oder der Entbindung. Nach Weltbankprognosen werden 45 Länder MDG 5 voraussichtlich nicht erreichen, Vor allem in Subsahara Afrika und im Südlichen Asien sind die Todesfälle unter Schwangeren und Müttern besonders hoch. Ist ausgebildetes Pflegepersonal bei der Geburt anwesend, werden Frauen während der Schwangerschaft medizinisch betreut und gibt es Möglichkeiten zur Familienplanung, so lässt sich die Müttersterblichkeit maßgeblich reduzieren.

Grafik: UNDP Brazil
MDG 6: Kampf gegen HIV/Aids, Malaria und andere KrankheitenWorum geht es?
Viele Menschen sterben nach wie vor an den Folgen von Aids; 17,5 Millionen Kinder müssen als Aids-Waisen aufwachsen - 14,1 Millionen in Subsahara Afrika. Viele von ihnen kommen schon mit dem Virus zur Welt. Sie haben kaum eine Chance in ihrem Leben. Auch Malaria, Tuberkulose und andere vermeid- oder heilbare Krankheiten fordern jedes Jahr viele Opfer.
Stand der Umsetzung:
Auf der einen Seite wurden in vielen Ländern bei der Behandlung von HIV/Aids, der Prävention von Malaria und der Reduzierung der Zahl der Tuberkulose-Toten Fortschritte erzielt; auf der anderen Seite ist die Verbreitung von HIV/Aids noch nicht gestoppt, infizieren sich mehr als zweihundert Millionen Menschen jährlich neu an Malaria und steigt die Zahl der Tuberkuloseinfektionen.
2008 gab es ca. 2,7 Millionen HIV-Neuinfektionen. 2,3 Millionen davon waren Erwachsene, 430.000 waren Kinder. 2001 lag die Zahl der Neuinfektionen noch bei 3,2 Millionen. Der Anteil von Infizierten, die antiretrovirale Therapien erhalten, stieg weltweit von sieben Prozent (2003) auf 42 Prozent (2008). Immer noch sterben jährlich zwei Millionen Menschen an den Folgen von Aids.

Grafik: UNDP Brazil
MDG 7: Ökologische Nachhaltigkeit/ Zugang zu sauberen Trinkwasser und SanitäranlagenWorum geht es?
Im Rahmen einer nachhaltigen Entwicklung spielt der Zugang zu sauberen Trinkwasser für alle eine wichtige Rolle. Er ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein sicheres Überleben und ein Leben in Würde. Bis 2015 soll sich die Zahl aller Menschen, denen kein sauberes Trinkwasser zur Verfügung steht, halbiert haben. Bis 2015 soll auch der Anteil der Menschen, die keinen Zugang zu sanitärer Grundversorgung haben, halbiert werden.
Stand der Umsetzung:
1990 hatten weltweit 23 Prozent aller Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser, 2008 waren es nur noch 13 Prozent. Aktuellen Prognosen zufolge werden 2015 nur noch zehn Prozent der Weltbevölkerung ohne einwandfreies Trinkwasser leben. Es würde damit 2015 immer noch 672 Millionen Menschen geben, deren Menschenrecht auf sauberes Trinkwasser verletzt würde.
Waren 1990 2,4 Milliarden Menschen ohne Zugang zu sanitären Anlagen, so sind es heute 2,6 Milliarden Menschen. Zwei Drittel davon leben in Asien. Fehlende Hygiene infolge fehlender Sanitäreinrichtungen wirkt sich negativ auf die Verwirklichung der gesundheitsbezogenen MDGs, gerade auch bei Kindern, aus.

Grafik: UNDP Brazil
MDG 8: EntwicklungspartnerschaftWorum geht es?
Die Industriestaaten haben zugesagt, ihre Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit auf 0,7% ihres BIP (Brutto Inlands Produkt) zu erhöhen. Gleichzeitig geht es um bessere Bedingungen für die Entwicklungsländer, z.B. durch Schulderlass für hoch, verschuldete, arme Länder und fairen Welthandel.
Stand der Umsetzung:
Insgesamt haben sich die Mittel der westlichen Geber für Entwicklungszusammenarbeit (sog. ODA = Official Development Assistance) seit dem UN-Millenniumsgipfel von 53,7 Mrd. US-Dollar (2000) auf 119,6 Mrd. US-Dollar (2009) jährlich mehr als verdoppelt. Allerdings war 2009 infolge der Wirtschaftskrise ein Rückgang um fast drei Mrd. US-Dollar gegenüber 2008 zu verzeichnen. Ausgehend von dem angestrebten 0,7 % Ziel für Entwicklungszusammenarbeit sehen die derzeitigen Quoten vergleichsweise mager aus. So ist die ODA-Quote von 0,22 Prozent (2000) lediglich auf 0,31 Prozent /2009) angestiegen. In Deutschland liegt die Quote bei 0,35 Prozent (2009).
Quelle: terre des hommes und Global Policy Forum (2010): Armutszeugnis 2010
Petra Stephan