Kindernothilfe e. V.

Hintergrund: der neue Hunger

Nur noch von der Hand in den Mund/ Der neue Hunger

Kilinochchi - LTT/Tamil Tiger, ReisfabrikzoomDie Kindernothilfe fördert Kleinbauern. Foto: Jens Großmann

923 Millionen Menschen haben nicht genug zu essen. Durch die weltweit steigenden Lebensmittelpreise werden es ständig mehr. Dabei wollten die Vereinten Nationen die Zahl der Hungernden bis zum Jahr 2015 auf 400 Millionen senken. Die Kindernothilfe setzt seit Jahren auf die Förderung von Kleinbauern - mit Erfolg. Mit neuen Anbaumethoden steigern sie die Ernten, so dass in ihren Dörfern niemand mehr hungern muss.

TV-Interview: Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika bei der Kindernothilfe, zum Phänomen des "neuen Hungers"

Experten sprechen vom „neuen Gesicht des Hungers". Menschen, die bisher über die Runden kamen, können sich kaum noch die Grundnahrungsmittel leisten. „Eine kleine Preiserhöhung, die wir noch wegstecken, ist für viele Menschen in den Ländern des Südens ein K.O.- Kriterium", beklagt Dietmar Roller, Kindernothilfe-Auslandsvorstand. „Sie leben ohnehin schon von der Hand in den Mund. Wenn dann der Reis plötzlich um 20, 30 Prozent teurer wird, können sie ihre Familien nicht mehr ernähren. Das Fatale ist, dass Mangelernährung bei Kindern zu lebenslangen körperlichen und geistigen Schäden führt."

Kinder beim EssenzoomKinder in Brasilien. Foto: Christoph Engel

Hunger hat viele Ursachen
Der Hunger in der Welt hat nicht nur eine Ursache. Die steigenden Energiepreise haben die Lebensmittel verteuert. Veränderte Essgewohnheiten zum Beispiel in China und Indien sorgen für eine größere Nachfrage nach Fleisch. „Und für ein Kilo Fleisch muss man sieben Kilo Grünfutter investieren", erklärt Roller. „Das heißt, Weide und Viehfutter verdrängen Nahrungsmittel für die Bevölkerung von den Feldern." Auch die wachsende Beliebtheit von Biodiesel sorgt dafür, dass vermehrt Raps, Mais, Zuckerrüben, Zuckerrohr für den Brennstoff angebaut werden. So füllen die landwirtschaftlichen Produkte der Entwicklungsländer nicht mehr hungrige Bäuche im eigenen Land, sondern die leeren Tanks von Autos in New York, London und Berlin. Auch durch den Klimawandel verursachte Dürreperioden und Überschwemmungen sorgen für Ernteausfälle und erhöhen die Zahl der Hungernden. Seit vielen Jahren werden Nahrungsmittel an internationalen Börsen gehandelt - aber dass sie als Spekulationsobjekte dienen wie in letzter Zeit und dadurch die Preise steigen, ist neu.

„Jetzt ist die Zeit zu handeln"
„Die Zeit des Redens ist vorbei", kommentierte Jacques Diouf, Chef der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO), die Zahlen, die im Juni 2008 beim Welternährungsgipfel in Rom auf den Tisch kamen, „jetzt ist die Zeit zu handeln." Die deutsche Entwicklungshilfe-Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul sprach sogar von einem „Skandal der Menschheitsgeschichte" angesichts der derzeitigen Nahrungsmittelkrise. Sie rief alle Akteure dazu auf, das Menschenrecht auf Nahrung zu gewährleisten. Große Worte, die Hoffnung auf Taten machten - doch am Ende standen dann doch wieder nur Absichtserklärungen statt konkreter Maßnahmen. Schon beim Millenniumsgipfel im Jahr 2000 hatte es spektakuläre Forderungen gegeben: zum Beispiel, die Zahl der Hungernden (damals 800 Millionen) zu halbieren. Das Gegenteil ist eingetreten. Und der Aufwärtstrend ist noch längst nicht gestoppt: Das Welternährungsprogramm (WFP) befürchtet, dass bald weitere 130 Millionen Hungernde hinzukommen. „Hungerrevolten" in vielen Teilen der Welt sind die Antwort auf die teuren Lebensmittel.

Alberto MosquerazoomAlberto Mosquera, Koordinator der Kindernothilfe in Bolivien. Foto: KNH

Unruhen in Haiti und Bolivien
 „Bewohner aus den Armenvierteln unserer Hauptstadt Port-au-Prince rotten sich zusammen und rufen: ‚Wir haben Hunger!'", berichtete Kindernothilfe-Koordinator Alinx Jean-Baptiste aus Haiti besorgt am Telefon. Er kritisiert die Billigimporte von Nahrungsmitteln aus den USA, die sein Land in den Hunger treiben: „Reis kam zum ersten Mal vor 20 Jahre aus den USA. Er war billiger als unser eigener Reis. Seit 1986 werden auch Hähnchenteile aus den USA eingeführt - zu einem Preis, den die Bauern bei uns nicht unterbieten können. In allen Bereichen der Landwirtschaft sind wir inzwischen auf Importe angewiesen. Steigt der Preis, bekommen wir das sofort zu spüren." „Während meines Aufenthaltes in Quito erlebte ich eine Demonstration von Bauarbeitern und ihren Familien." Jürgen Schübelin, Kindernothilfe-Referatsleiter Lateinamerika und Karibik, ist vor einigen Wochen aus Lateinamerika zurückgekehrt. „Sie schwenkten Transparente mit der Aufschrift: ‚Auch unsere Kinder haben Hunger - wollt ihr aus unserem Land ein zweites Haiti machen?'" Alberto Mosquera, Koordinator der Kindernothilfe in Bolivien, berichtete von ganz ähnlichen Erfahrungen aus seinem Land, wo es fast täglich Massendemonstrationen gibt.

Philippinen: Arme Bevölkerung von Unterernährung bedroht
In den Philippinen beobachtete Dr. Wolf Preuss, Entwicklungsexperte und Verwaltungsratsmitglied der Kindernothilfe, dass die unteren Bevölkerungsschichten für Grundnahrungsmittel mittlerweile mehr als 60 Prozent ihres Einkommens ausgeben müssen. Die Philippinen gehören mit 2,4 Millionen Tonnen jährlich zu den größten Reisimporteuren weltweit. „Anders als die Japaner hat man sich in Manila nicht für die Unterstützung des heimischen Reis-Anbaus, sondern für Ausfuhr-Produkte entschieden, die Devisen ins Land bringen. Das rächt sich jetzt", so Preuss. „Ein Großteil der armen Bevölkerung ist unterernährt."

FeldarbeitzoomFeldarbeit in Kenia. Foto: Christoph Engel/ KNH

Kindernothilfe und ihre Partner fördern Kleinbauern
„Armut ist nach wie vor ländlich", erklärt Dietmar Roller. „Die Entwicklungszusammenarbeit hat es jedoch in den vergangenen Jahren versäumt, die kleinbäuerlicher Produktion zu fördern." Die Kindernothilfe und ihre Partner setzen seit Jahren auf die Kleinbauern, um dem Hunger entgegenzuwirken. Im April startete das Hilfswerk mit Unterstützung der Europäischen Kommission ein Projekt gegen den Hunger in Haiti. 600 Bauernfamilien lernen neue Anbaumethoden, um ihre Ernten zu steigern, und bekommen Tipps zur Tierzucht. Jede Familie erhält eine Ziege, Saatgut und landwirtschaftliche Geräte als Startkapital. Das Projekt soll sich nach drei Jahren selbst tragen. Die EU steuert 750 000 Euro bei, die Kindernothilfe 250 000 Euro.

Selbsthilfe-Kräfte der Gesellschaft stärken
„Wir sind davon überzeugt, dass solche mittel- bis langfristigen Projekte die Selbsthilfekräfte einer Gesellschaft stärken", so Dietmar Roller. In den vergangenen Jahren entwickelte die Kindernothilfe vermehrt agroökologische Projekte in ihren Partnerländern. Kinder und ihre Familien forsten dürregeschädigte Gebiete wieder auf, graben Brunnen, bauen Gemüse ohne Einsatz von Pestiziden und chemischem Dünger an; sie lernen neue Pflanzen zu ziehen, die weniger Wasser brauchen, sie kompostieren landwirtschaftliche Abfälle und züchten Nutzvieh, das sie mit Milch, Eiern und Fleisch versorgt. Sie versorgen sich selbst und ihre Dörfer mit Nahrungsmitteln, Kinder sind nicht länger unternährt.

PIC_12228_270x187_1099x765_150x147zoomKleinbauern aus dem Projekt in Bom Jardin, Brasilien, verkaufen ihre Waren. Foto: Jürgen Schübelin/ KNH

Brasilien: Ökologisch angepasste Landwirtschaft für Familien
In Brasilien beispielsweise ist das Landwirtschaftsprojekt AGRO-FLOR in Bom Jardim sehr erfolgreich. Hier im Agreste, dem Übergang zum dürregeplagten Sertão im Nordosten des Landes, war Wasser ständig knapp. Die Böden waren durch die traditionellen Monokulturen ausgelaugt und brachten kaum noch Ernten. Die Menschen litten Hunger. So wollten sie nicht weitermachen. Gemeinsam mit dem Kindernothilfe-Partner Centro Sabiá stellten sie Anfang 2005 Pläne auf, was sich ändern muss. Der Partner engagierte Fachleute, die den Kleinbauern das Know-how zur Rekultivierung der ausgelaugten Böden vermittelten, und sorgte für finanzielle Unterstützung.

Uganda, Afrika 2006zoomFarmschulein Maska, Uganda. Foto: Pascal Rest/ KNH

"Bildung im ländlichen Bereich ist die beste Investition gegen den Hunger"
Heute gehen 653 Kinder zur Schule. Neben Lesen, Schreiben, Rechnen lernen sie ökologische Landwirtschaft. Sie forsten mit ihren Familien das Trockengebiet auf, bauen zwischen Bäumen und Sträuchern Maniok, Gemüse und Früchte an. Neue Zisternen fangen das Regenwasser auf. Monokulturen sind passé. Was sie nicht selbst verbrauchen, verkaufen die Bauern auf kleinen Biomärkten in der Stadt Recife. „Mir haben Landwirte erzählt, dass sie ihr Einkommen teilweise vervierfacht haben" , berichtet Dietmar Roller. „Sie sind nicht reich, können aber mit ihren Familien gut davon leben. Ein Bauer zeigte auf ein Feld und meinte: ‚Mein Nachbar baut seinen Mais immer noch auf traditionelle Weise an. Das habe ich früher auch gemacht, und wir sind kaum über die Runden gekommen." Dass ihre Kinder zur Schule gehen, sehen die Bauern von Bom Jardim mit Stolz. Denn nur mit Bildung kann man auch in der Landwirtschaft Zusammenhänge erkennen und Neues lernen. „Bildung im ländlichen Bereich ist die beste Investition gegen den Hunger", bestätigt Dietmar Roller.Weitere Informationen:


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