Die Kindernothilfe betrachtet die weibliche Genitalverstümmelung (female genitale mutilation, kurz: FGM) als schwere Kinder- und Menschenrechtsverletzung, die das sichere und gesunde Aufwachsen von Mädchen behindert. Aus diesem Grund ist die Kindernothilfe gegen FGM - vor allem in Äthiopien - aktiv. Zwischen 2000 und 2009 haben wir ein sehr erfolgreiches, mit dem BMZ kofinanziertes Projekt abgeschlossen, dessen Erfolge sich durchaus sehen lassen können: Mehr als 1,2 Millionen Menschen wurden durch Präventions- und Aufklärungsarbeit erreicht, 400.000 Mädchen im Alter zwischen vier und zehn Jahren wurden aufgeklärt. Insgesamt konnte die Verstümmelungsrate zwischen 2005 und 2009 von 62 auf 25 Prozent gesenkt werden.
Schätzungen zufolge sind bis zu 150 Millionen Frauen weltweit verstümmelt. Jedes Jahr kommen weitere zwei bis drei Millionen hinzu. Allein in Afrika sind etwa 92 Millionen Mädchen über zehn Jahren genital verstümmelt. 28 afrikanische Länder praktizieren noch heute Genitalverstümmelung. Sie kommt aber auch im Süden der arabischen Halbinsel vor und in Teilen Asiens.

Das Utensil der Genitalverstümmelung: die Rasierklinge. Foto: Engel
Weibliche Genitalverstümmelung umfasst alle Eingriffe, die eine teilweise oder komplette Entfernung der äußeren weiblichen Genitalien mit sich bringt, sowie alle anderen Verletzungen der weiblichen Geschlechtsorgane ohne medizinischen Grund.
Die Verstümmelung von Mädchen und Frauen kann unterschiedliche Ausmaße haben. Besonders verbreitet sind:
Das Alter der Mädchen und Frauen
Das Alter in dem die weiblichen Mitglieder einer Gemeinschaft verstümmelt werden, ist unterschiedlich. Üblicherweise wird der Eingriff bei Mädchen zwischen vier und zehn Jahren durchgeführt. Das Alter scheint aber generell geringer zu werden. Der Eingriff kann im Säuglingsalter, während der Kindheit, aber auch zum Zeitpunkt der Heirat oder der ersten Schwangerschaft passieren.
Die ausführenden Personen
In der Regel sind es ältere Frauen aus dem Dorf oder traditionelle Geburtshelfer, die den Eingriff durchführen. Diese Frauen verdienen damit ihren Lebensunterhalt und sind angesehene Mitglieder der Gemeinschaft. Zunehmend werden diese Eingriffe aber auch von medizinischem Personal, zum Beispiel in Krankenhäusern durchgeführt.
Der Eingriff
Die Durchführung erfolgt mit speziellen Messern, aber auch mit Scheren, Skalpellen, Glasscherben, Rasierklingen oder Deckeln von Konservendosen. Aufgrund dieser ungeeigneten Instrumente, unzureichender Lichtverhältnisse und nicht steriler Umgebung kann es zu zusätzlicher Schädigungen der Mädchen und Frauen kommen. Im Allgemeinen werden keine Narkose-, Beruhigungs- oder Desinfektionsmittel benutzt. Die Prozedur dauert 15 bis 20 Minuten. Danach werden auf die entstandenen Wunden Salbenmischungen aus Kräutern, Haferbrei, Asche oder Ähnlichem eingerieben, um die Blutung zu stillen.
Gesundheitliche Folgen
Die weibliche Genitalverstümmelung führt neben dem Schaden durch den Eingriff an sich, meistens zu schweren physischen und psychischen Folgen für die Betroffene, die ein Leben lang darunter leidet. Man kann zwischen den sofort auftretenden Gesundheitsschäden und den langfristigen Gesundheitsschäden unterscheiden. Zu den sofortigen Schäden zählen extreme Blutungen, wenn beispielsweise Arterien durchtrennt werden, Schock durch die Schmerzen und die Angst, Infektionen wie Tetanus, Blutvergiftung und Wundbrand, Harnverhaltung und Verletzungen des angrenzenden Gewebes. Schäden, die später auftreten können, sind Blutungen durch eine infizierte Wunde, Schwierigkeiten beim Urinieren, wiederholte Harnwegsinfektionen, Inkontinenz, chronische Unterleibsentzündungen, Unfruchtbarkeit, Abszesse, Zysten, Fisteln, Sexualstörungen, Schwierigkeiten bei der Menstruation sowie Probleme während der Schwangerschaft und der Geburt.
Die genitale Verstümmelung kann bei einer betroffenen Frau ein fast unauslöschbares Trauma hinterlassen. Der Eingriff kann eine Ursache für Verhaltensstörungen sein. Die Mädchen, die sich diesem Ritual unterziehen müssen, verlieren das Vertrauen in ihre Bezugspersonen. Von genitaler Verstümmelung betroffene Mädchen und Frauen fühlen sich oft unvollständig, leiden unter Depressionen, Angstzuständen, chronischer Reizbarkeit, Partnerschaftskonflikten, Frigidität und Psychosen.
Gründe für Genitalverstümmelung
Die Gründe, warum Mädchen und Frauen verstümmelt werden, sind vielfältig. Kulturelle, religiöse und soziale Faktoren kommen zusammen.
Gerd Heidchen