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Genitalverstümmelung

Mit Hausbesuchen und Anti-FGM-Clubs gegen weibliche Genitalverstümmelung

Äthiopien: Schätzungen zufolge sind bis zu 150 Millionen Frauen weltweit verstümmelt. Jedes Jahr kommen zwei bis drei Millionen hinzu. Allein in Afrika schätzt man die Zahl auf 92 Millionen Mädchen über zehn Jahren. 28 afrikanische Länder praktizieren noch heute Genitalverstümmelung. In der Regel sind es ältere Frauen aus dem Dorf oder traditionelle Geburtshelfer, die den Eingriff durchführen. Durch Hausbesuche, Aufklärungskampagnen und die Zusammenarbeit mit rechtlichen Institutionen will die Kindernothilfe sicherstellen, dass man langfristig eine Bewusstseinsänderung erreicht.

Aufklärungsarbeit in Äthiopien. Foto: KindernothilfezoomAufklärungsarbeit in Äthiopien.
Foto: Kindernothilfe

Die Kindernothilfe setzt sich seit 2000 gemeinsam mit der Ethiopian Kale Heywet Church in Äthiopien gegen die genitale Verstümmelung von Mädchen ein. In den zwei je vierjährigen Projekten wurden mehr als 747.000 Euro ausgegeben. Das Resultat: Inzwischen wurde die Zahl der Verstümmelungen von 62 % (im Jahr 2005) auf 25 %  im Projektgebiet gesenkt.

1,2 Millionen Menschen wurden erreicht und über 400.000 Mädchen aufgeklärt. Durch das Projekt hat sich auch die Einstellung der Menschen gegenüber der Beschneidung verändert: über 90 Prozent der Mädchen halten FGM für schädlich - das sind 30 Prozent mehr als drei Jahre zuvor. 
 

Mädchen-Club in Äthiopien. Foto: KindernothilfezoomMädchen-Club in Äthiopien. Foto: Kindernothilfe

Aufklärung durch Hausbesuche
Die Geschichte von Meseret, 20 Jahre alt und mit ihrem Mann Asfew verheiratet, ist eine Erfolgsgeschichte, wenn es um den Schutz von weiblicher Genitalverstümmelung geht. Kurz vor ihrer Hochzeit bekam sie Besuch von einem Berater, einem so genannten Change Agent der Ethiopian Kale Heywet Church, einem Partner der Kindernothilfe.

Neben dem Kontakt zu Regierungsstellen, konzentriert er sich vor allem auf Hausbesuche, in denen Mädchen im „beschneidungsfähigen" Alter leben. Er klärt die Familien über Genitalverstümmelung auf und ermutigt die Mädchen, einem Anti-FGM-Club beizutreten. Erfährt ein Change-Agent über die Durchführung der Genitalverstümmelung, leitet er den Tatsbestand direkt an die Strafverfolgungsbehörden weiter.

Auch bei Meseret klärte sie der Change Agent über die Folgen der Genitalverstümmelung auf: Probleme bei Geburten, Sex und Gesundheit. Evaluierungen zeigen, dass die Hausbesuche eine effiziente Methode sind, um über Genitalverstümmelung zu sprechen, da die meisten Menschen sich bei öffentlichen Treffen nicht trauen, über das Tabu zu reden.

Meserets Mann war wie seine Partnerin gegen die Verstümmelung. Doch bei den Familien stießen sie auf Widerstand. Meserets Schwiegermutter versuchte sogar eine traditionelle Beschneiderin zu schicken. Doch Meseret und Asfew wehrten sich erfolgreich. Heute führt Meseret mit ihrem Mann ein ganz normales Leben. Vor kurzem hat sie ihr erstes Kind zur Welt gebracht. Sie lag mit dem kleinen Mädchen nur wenige Stunden in den Wehen. Jetzt klärt sie auch Andere in ihrem Dorf über die Folgen der Genitalverstümmelung auf.

Teigist Lemma, Kindernothilfe-Koodinatorin. Foto: KindernothilfezoomTeigist Lemma, Kindernothilfe-Koodinatorin. Foto: Kindernothilfe Sanktionen sind keine Lösung
Für Teigist Lemma, Kindernothilfe-Koodinatorin in Äthiopien, ist klar, dass man niemals über die Köpfe der Eltern und Mädchen hinweg entscheiden dürfe: "Beim Thema Genitalverstümmelung geht es eben nicht um Sanktionen, sondern darum, Eltern über diesen schweren schmerzhaften Eingriff zu informieren. Aber Erziehung ist nichts, das über Nacht geschieht. Wir reden hier über eine Bewusstseinsveränderung, die stattfinden muss, bevor Genitalverstümmelung komplett gestoppt werden kann." Es müssen gemeinsam alternative Ansätze gefunden werden, die nicht gegen Menschenrechte verstoßen und die der Genitalverstümmelung oftmals zugrunde liegenden sozialen Initiations- oder Integrierungsaspekte ersetzen.

Polizei und Justiz als Bestandteile der Projektarbeit
Aufklärungskampagnen finden an Schulen, in Kirchen und Moscheen sowie auf öffentlichen Plätzen statt. Das Ziel: Information über die gesundheitlichen, sozialen und juristischen Aspekte der Genitalverstümmelung. Polizei und Justizbehörden waren dabei sowohl Kooperationspartner als auch selber Zielgruppe.

Teigist Lemma dazu:  "In den vergangenen 30 Jahren haben wir verschiedene Projekte zum Thema Genitalverstümmelung verfolgt. Für die Entwicklungshelfer in Äthiopien ist das Thema nichts Neues: Es wurden verschiedene Ansätze verfolgt, um gegen Genitalverstümmelung vorzugehen und die Praktik zu beenden. Da Genitalverstümmelung in sozialen und kulturellen Traditionen und Praktiken verankert ist, ist die Bekämpfung teilweise schwierig, obwohl Erfolge erzielt wurden. Meiner Meinung nach wurde Genitalverstümmelung deswegen unter anderem reduziert, weil NGO's bei Staatsbehörden und Richtern interveniert haben."

Netzwerkarbeit im Projekt
Im Rahmen der Projektarbeit wurden Aktionsnetzwerke gegen schädliche traditionelle Praktiken aufgebaut. Diese bestehen unter anderem aus Dorfautoritäten, Regierungsvertretern und NGOs. Darüber hinaus gibt es heute "Project Advisory Committees", in denen Vertreter wichtiger Sektorministerien wie Gesundheit, Frauen, Landwirtschaft und Justiz zusammenkommen.

Kontrollmechanismen in Kindernothilfe-Wohnheimen
Aufklärungskampagnen auf nationaler Ebene und Berichterstattungen in den Medien haben dafür gesorgt, dass die Zahl der verstümmelten Mädchen in ihren Regionen signifikant reduziert werden konnte. Für den Kindernothilfe-Partner EOC-CFAO ist die Genitalverstümmelung in seiner täglichen Arbeit deswegen kein Thema, das im direkten Zentrum der Arbeit steht.

In den Wohnheimen des Kindernothilfe-Partners selbst gibt es nur wenige Mädchen über 12 Jahren, die sich in Gefahr befinden, verstümmelt zu werden. "In den meisten Fällen findet Genitalverstümmelung im ersten Lebensjahr des Kindes statt", erklärt Awash Gebru von CFAO. Die Organisation nehme aber erst Mädchen im Alter von 5 Jahren an in die Betreung auf. "In den Fällen, in denen ein Mädchen bereits beschnitten wurde, können wir im Projekt nicht mehr viel tun."

Allgemeinere Kontrollmechanismen sind dennoch wichtiger Bestandteil der Projekte: Dazu gehören beispielsweise regelmässige Gespräche der Betreuer mit Lehrern und anderen Mitarbeitern, die Begleitung bei Arztterminen oder das Gespräch mit den älteren Mädchen über Themen, die Sexualität betreffen.

Beschneiderin Maritu: Neue Perspektiven durch Kleinkredite. Foto: KindernothilfezoomBeschneiderin Maritu: Neue Perspektiven durch Kleinkredite. Foto: Kindernothilfe

Neue Perspektiven für Beschneiderinnen
Die Aufklärung im Bereich der Genitalverstümmelung fordert auch neue Perspektiven für die Beschneiderinnen. Kleinkredit-Programme geben ihnen heute die Möglichkeit, ihre bisherige Tätigkeit aufzugeben und sich auf neue Arbeitsfelder zu konzentrieren.

Zum Beispiel Maritu Mansuro. Sie ist 55 und arbeitete mehr als 20 Jahre als Beschneiderin. Von ihrer Mutter lernte sie alles, was sie für ihren Beruf brauchte. Die Mädchen beschnitt sie nicht nur in ihren Familien, sondern auch bei sich zu Hause, während der Sommerferien oft fünf Mädchen pro Tag. Zwar wusste sie aus Erfahrung von den möglichen Nebenwirkungen, schlimmen Blutungen, Schmerzen und Spätfolgen. Doch ohne ihren Beruf fehlte ihr jede Existenzgrundlage. Als Hebamme sah sie auch, wie bei der Geburt eines Kindes die Narben der Verstümmelung aufbrachen und die Frauen unter extremen Schmerzen gebaren.

Seit sie in das Anti-FGM-Programm der Ethiopian Kale Heywet Church integriert ist, hat sie viel über die rituellen Praktiken gelernt. Durch einen Kleinkredit hat sie sich nun eine kleine Schaf-Zucht aufgebaut, das Geld zurückgezahlt und etwas gespart. Sie engagiert sich heute als Gegnerin der Genitalverstümmelung.

Neues Projekt gegen schädliche traditionelle Praktiken (Proj. 6077/AB/54)
Ein neues Projekt in der Region Oromia wurde im März 2009 gestartet. Zusammen mit dem Kindernothilfe-Partner "Rift Valley Children and Women Development Association" (RCWDA) soll in zwölf Distrikten Äthiopiens die Verbreitung von FGM auf weniger als 40 % (bisher etwa 95 %) reduziert werden. Auch andere schädliche traditionelle Praktiken, wie die Frühverheiratung und Kindsentführung sollen ausgerottet werden. Durch Workshops, Schulclubs und Diskussionsforen möchte die Kindernothilfe innerhalb von fünf Jahren mehr als 200.000 Menschen erreichen. Dazu wird das Projekt mit mehr als 588.000 Euro unterstützt. Die nachhaltige Bewusstseinsveränderung der Menschen steht dabei besonders im Mittelpunkt.

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