Kindernothilfe e. V.

Kinderpornografie: Das stille Verbrechen. Ein Interview mit Lars Jorgensen

Kinderpornografie: Das stille Verbrechen

Lars Jørgensen, Direktor der philippinischen Organisation Stairways, stellt gemeinsam mit seiner Frau Monica Ray seinen neuen Film "Red Leaves Falling" in Deutschland vor, in dem es um die sexuelle Ausbeutung von Kindern geht. Kindernothilfe sprach mit ihm über das Problem mit der Kinderpornographie.

Stairway Gründer Lars Jorgensen  mit Frau Monika RayzoomLars Jørgensen, Stairway-Direktor, mit seiner Frau Monika Ray beim Besuch der Kindernothilfe in Deutschland. Foto: Ralf Krämer Die Philippinen sind ein beliebtes Urlaubsziel. Dabei spielt aber auch Sextourismus eine Rolle. Inwiefern gibt es eine pornographische, also auf Videos und Fotos basierende Ausbeutung von Kindern?

Lars Jørgensen:
Natürlich haben wir keine verlässlichen Statistiken. Das Problem der Kinderpornographie existiert im Stillen und bringt eine Menge Tabus mit sich. Das ist auch unser Ansatzpunkt: Die Stille zu durchbrechen. Was wir aber sagen können, ist: Kinderpornographie ist in und um Manila präsent und verfügbar. Unglücklicherweise haben wir gesehen, dass sie auch leicht zugänglich ist.

Wir haben einen jungen Mann, den Bruder unseres Psychologen, beauftragt, für uns "einzukaufen". Er fand kleine Straßenläden, die eigentlich nur aus einem kleinen Tisch bestehen, wo DVD's ausgelegt werden. Illegal versteht sich. Hauptsächlich sind das ganz normale Hollywood-Filme. Aber wenn man einige Zeit wartet kommt bald die Frage: „Interessieren Sie sich für etwas anderes?". Dann kommt unter der Tischdecke eine Palette anderer Filme hervor. Kinderpornos inbegriffen.

Vor einigen Monaten besuchte ich ein Einkaufszentrum, das etwas außerhalb lag. Dort standen drei große Regale voll mit DVDs, auch Kinderpornos. Die Bilder dieser Waren sind einfach abstoßend. Die Täter finden einen Weg mit diesem Verbrechen Profit zu machen. Und der Gedanke, dass sie diese Verbrechen begehen, ist furchtbar.

Die Verbrechen richten sich gegen das, was das Wertvollste in unserem Leben sein sollte, nämlich die Kinder. Deswegen können Menschen mit einem gesunden Verstand nicht lange hinsehen. Man hofft, dass Kinderpornographie nicht existiert. Und wenn doch, dann reden wir uns ein, dass das Ausmaß gering ist. Wir wollen uns nicht an das Thema hängen, unsere Aufmerksamkeit nicht darauf richten. Wir verdrängen es, weil es so unglaublich ist.

Wie sieht die pornographische Ausbeutung aus? Und wie viele Kinder sind betroffen?

Lars Jørgensen:
Was wir finden, ist das Material im Internet, Videos und Fotos. Die tauchen aber eben auch auf den DVDs auf. Das Material ist leicht zu bekommen. Wenn es einmal online ist, wird es immer weiter verbreitet.

Monika Ray: Es wird vervielfältigt. Und es ist so, als ob die Kinder immer wieder vergewaltigt werden. Millionen mal, mit jedem Klick.

Lars Jørgensen: Wir können nicht sagen, wie viele Kinder betroffen sind, nicht einmal schätzen. Wir wissen nur, dass nicht nur philippinische Kinder betroffen sind.

Monika Ray: Für die Kinder wird es wegen der neuen Technologien immer härter. Die Videos werden heute vom Handy aufgenommen und direkt in die ganze Welt geschickt.

Was können Sie in Ihrem Land gegen die Ausbeutung unternehmen?

Neuer Stairway Film: Red Leaves FallingzoomFilm zum Thema Kinderpornografie: Red Leaves Falling. Foto: Stairway Lars Jørgensen: Mit der Veröffentlichung unseres Film „Red Leaves Falling" haben wir den Stein ins Rollen gebracht. Er ist Teil unserer Lobbyarbeit, um ein Gesetz gegen Kinderpornographie anzustoßen. Das Gesetz hat inzwischen schon die dritte Runde im Senat hinter sich und wurde nun im Kongress verabschiedet. Es befindet sich jetzt in der zweiten Kammer. Das alles passierte erst nach dem Film. Natürlich war das nicht der einzige Grund: Wir hatten ein ganzes Netzwerk, um dieses Interesse durchzusetzen.

Wir können das Schweigen brechen. Wir müssen gegen dieses Verbrechen einen angemessenen Aufstand organisieren. Und zwar so, dass die Täter nicht mehr unter dem Deckmantel des Schweigens operieren können. Das ist allerdings etwas, was wir nicht nur bei uns in den Philippinen machen können, sondern auch in Deutschland, überall auf der Welt. Der Aufschrei darf keine Toleranz für dieses schlimme Verbrechen an Kindern dulden.

Sind die Macher der Fotos und Videos diejenigen, die die Kinder sexuell missbrauchen?

Lars Jørgensen: Das ist schwer zu sagen. Egal, ob sie das Kind entführen, hinter der Kamera stehen oder körperlichen Kontakt zu ihm haben: Sie sind Teil des Missbrauchs.

Was wissen Sie über die Wege von Fotographien und Videos ins Internet und was können Sie dagegen tun?

Stairways: Theatergruppe aus den Philippinen spielte im September 2009 in Rheinhausen. Thema: KindesmissbrauchzoomSzene aus dem Stairways-Theaterstück "Cracked Mirrors" - siehe unten "Fotogalerie". Foto: Dietmar Boos Lars Jørgensen: Wir haben den Eindruck, dass es nicht Sache von einzelnen Amateuren ist. Kinderpornographie ist dabei, zu einer großen Untergrundbewegung zu werden. Es fließt so viel Geld, so dass die Menschen bereit sind, große Risiken einzugehen, um noch mehr Profite zu machen. Für uns ist es wichtig, zu wissen: Kinderpornographie kann nur bestehen, weil auch Nachfrage besteht. Und diese Nachfrage besteht überall auf der Welt: in Europa, Amerika und Asien.

Wir haben die Tendenz, Sexhandel mit Kindern nur im Zusammenhang mit Armut zu betrachten. Armut beeinflusst die Situation sicherlich. Aber der wahre Grund liegt eben in der Nachfrage. Und wir sollten das immer im Hinterkopf behalten, weil es dann effektiver ist gegen di Nachfrage anzugehen als gegen die Armut zu kämpfen. Natürlich darf man die Armut dabei nicht außer acht lassen - sie ist ein eigenes großes Thema um das man sich kümmern muss. Aber Kinderpornographie muss vor allem durch den Kampf gegen die Nachfrage bestimmt werden.

Vorbeugung und Verhinderung von solchen Verbrechen ist deshalb auch wichtig. Da ist auch der Grund, warum wir das Gesetz gegen Kinderpornographie durchbringen wollen. Auf den Philippinen gibt es viele strenge Gesetze - auch zum Schutz der Kinder. Aber im Bereich Pornographie sind diese unwirksam. Wenn das Gesetz verabschiedet wurde, haben Behörden und Strafverfolgung eine Basis um zu handeln. Die haben dann die Möglichkeit Täter zu verhaften und die Produktion und Veröffentlichung unter Strafe zu stellen.

Auch Wissen wird dann benötigt. Eine richtige Polizei gibt es nicht. Es müssen dann Menschen ausgebildet und trainiert werden, wie sie intervenieren und Nachforschungen betreiben um so die wirklichen Täter zu fassen, die auch im Internet Drahtzieher sind.

 

Stairways: Theatergruppe aus den Philippinen spielte im September 2009 in Rheinhausen. Thema: KindesmissbrauchzoomFoto: Dietmar Boos Fotogalerie: Junge Leute aus dem Stairways-Projekt führten Ende September in Duisburg-Rheinhausen das Theaterstück  "Cracked Mirrors" auf. Vier Monologe, vier Schicksale - das Stück porträtiert auf die Leidensgeschichte von Kindern und jungen Erwachsenen, die Opfer sexuellen Missbrauchs und Ausbeutung geworden sind. Die Geschichten spiegeln sie die blanke Realität wieder, in der viele Kinder heute leben.

 


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