
Erhard Stückrath, Koordinator Humanitäre Hilfe bei der Kindernothilfe. Foto: Ralf Krämer/ KNH
Wenn die Kindernothilfe nach einer Katastrophe Hilfe leistet, stehen wie bei allen Projekten Kinder im Fokus. Wie sieht die spezielle Hilfe für Mädchen und Jungen aus?
Für Kinder bricht nach einer Katastrophe eine Welt zusammen. Schon wenn sie ihr Haus verlassen, auf engstem Raum mit anderen Familien in Notunterkünften wohnen müssen, verstört das vor allem kleine Kinder. Ganz zu schweigen von jenen Mädchen und Jungen, die Angehörige verlieren. Wir versuchen so schnell wie möglich, die Kinder zu schützen, ihnen ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit inmitten des Chaos zu geben. Besonders wichtig ist es natürlich in den ersten Tagen nach einer Katastrophe, für sauberes Wasser, hygienische Verhältnisse und geeignete Nahrung zu sorgen. Gerade Kinder trockenen sehr schnell aus. Notrationen, die nach Katastrophen verteilt werden, sind oft nicht auf die Bedürfnisse von Kindern abgestimmt. Sie benötigen Proteine und Vitamine, also zum Beispiel Milch oder Eier. Wenn Mädchen und Jungen hungern, drohen rasch unumkehrbare Entwicklungsstörungen. Wir entwickeln deshalb mit einem indischen Partner ein Notnahrungsmittel aus Getreideflocken und Honig, das nahrhaft ist und gut schmeckt. Es ist gut geeignet ist, Kinder zu versorgen.
Welche Projekte startet die Kindernothilfe nach einer Katastrophe in der Regel?
Wir verteilen kindgerechte Zusatznahrung, Wasserreinigungstabletten, Hygieneartikel. Wir richten Schutzzentren für Kinder ein, in denen psychologisch geschulte Betreuer mit ihnen spielen und, so lange Schulen nicht offen haben, auch lernen. Aber die Hilfe muss darüber hinaus gehen. Ziel ist es, die Menschen wieder in die Lage zu versetzen, für sich zu sorgen. Auch wenn die Kameras längst wieder weg sind, brauchen die Menschen weiter Unterstützung. Wir fördern den Wiederaufbau und stärken Familien, zum Beispiel mit kleine Kredite, damit sie ihre Geschäfte oder Handwerksbetriebe wieder öffnen können.

Überflutetes Dorf in Birma. Foto: Detlef Hiller/ KNH
Durch den Klimawandel nehmen Katastrophen zu. Wie reagiert die Kindernothilfe darauf?
Wir können den Klimawandel nicht aufhalten, aber sein Folgen mildern. Eine ganz große Rolle spielt Prävention. Zehn Prozent unserer Mittel für Humanitäre Hilfe fließen in Schutz und Vorbeugung. Ein Beispiel: Wir führen mit unseren Partnern Lehrinhalte zum Katastrophenschutz in die Schulen ein. Die Kinder lernen, was für Naturereignisse ihr Dorf treffen könnte und wie sie darauf reagieren. Wenn ein Taifun kommt, gibt es Wind und Regen. Sie lernen, in höher gelegene Gelände zu fliehen, wo diese sind und wo im Dorf stabile Häuser stehen. Beim Wiederaufbau achten wir darauf, dass die Gebäude sturm- und erdbebensicher sind, richten Tagestätten ein, die als Schutzräume dienen - so weit das möglich ist. In Indien haben wir Mangroven angepflanzt, die bei Sturm als Wellenbrecher dienen. Grundsätzlich berücksichtigen wir Aspekte des Klimaschutzes bei unseren Projektplanungen. Das ist ein Thema, das sich durch unsere gesamte Arbeit zieht.
Auch nach einer Katastrophe sind Erwachsene und Kinder nicht unmündige Hilfsempfänger - wie werden sie in die Arbeit mit einbezogen?
Es ist doch so: Lange bevor ausländische Helfer in einem Krisengebiet eintreffen, beginnen die Menschen, sich selbst zu helfen. Sie retten Leben, kümmern sich um die Nachbarn, die Dorfgemeinschaft, schließen sich zusammen. Sinnvolle Humanitäre Hilfe setzt auf solche lokalen Initiativen. Sie können ja nicht einfach über die Köpfe der Betroffenen hinweg den Menschen etwas organisieren, was diese vielleicht gar nicht wollen. Nach dem Erdbeben in Peru haben wir Frauen unterstützt, die vor unserem Eintreffen bereits Garküchen eingerichtet hatten. So etwas funktioniert sehr gut. Unsere humanitäre Hilfe erfolgt natürlich stet unabhängig von Weltanschauung oder Religion.