Chile

Die Wunde blutet weiter:
Chiles staatliche Gewalt gegen die Mapuche

In Chile flammt ein seit 150 Jahren schwelender Konflikt erneut auf. Das Volk der Mapuche kämpft um sein Land und für eine intakte Umwelt. Der Staat schlägt mit brutaler Gewalt zurück - auch gegen Kinder. Der Kindernothilfe-Partner Anide hat 39 Fälle dokumentiert und setzt sich für ein Ende der Exzesse ein.

Mapuche protestieren für mehr GerechtigkeitzoomMapuche protestieren für mehr Gerechtigkeit. Foto: pa Die 200 Polizisten kamen mit allem, was sie aufzubieten hatten: Panzerspähwagen, zehn Jeeps, Wasserwerfer und einem großen, vergitterten Mannschaftsbus. Als sie um 14 Uhr die kleine Schule im südchilenischen Temucuicui bei Ercilla stürmten, warfen sie zunächst Tränengasgranaten in die Klassenzimmer und feuerten dann mit Gummigeschossen auf alles, was sich bewegte. 30 Kinder wurden verletzt, das jüngste war gerade zehn Tage alt. Vierjährige erlitten Augenverletzungen durch Gummigeschosse, andere Kinder Schusswunden an den Beinen und an der Brust. Auch mehrere schwangere Frauen mussten später ärztlich versorgt werden.

Was wie eine Szene aus den finstersten Zeiten des Pinochet-Regimes (1973 - 1990) anmutet, spielte sich im Oktober 2009 ab und ist bis heute alles andere als ein bedauerliches Einzelereignis: brutale staatliche Übergriffe auf die indigene Mapuche-Gemeinschaft. Im geschilderten Fall von Temucuiui hatte die Polizei eine Vollversammlung der Dorfgemeinschaft in der Schule genutzt, um eine lange geplante, jedoch richterlich nicht verfügte Aktion durchzuführen. Sie verhaftete die beiden wichtigsten Autoritäten der örtlichen indigenen Gemeinschaft: den Lonko und den Werken, also den Gemeindeältesten und seinen Sprecher - nachdem sie sie vor aller Augen verprügelt hatte.

Der Konflikt zwischen chilenischem Staat und Mapuche hat sich in den vergangenen zehn Jahren dramatisch zugespitzt: Dabei geht es hauptsächlich um natürliche Ressourcen: Land, Wald und Wasser, die indigene Bevölkerung fordert vor allem die Rückgabe geraubter Territorien. Es geht aber auch um ethnische und kulturelle Anerkennung sowie die historische Schuld der chilenischen Gesellschaft: Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Mapuche durch martialische Militäraktionen unterworfen - nachdem sie nicht nur den spanischen Eroberern im 17. Jahrhundert erfolgreich die Stirn geboten hatten, sondern zuvor bereits den Inkas. Chilenische Schulbücher benennen die Zeit vor 150 Jahren euphemistisch als Pacificación de la Araucanía, also Befriedung des Gebietes südlich des Bio-Bio-Flusses. Die aktuellen Ereignisse machen aber deutlich, dass die unrühmliche Ära Wunden gerissen hat, die bis heute weiterbluten.

Einsatz der Polizei-Spezialkräfte GOPE auf die Mapuche-Comunidad  Chekenko im Süden Chiles, am 2. November 2011.zoomFoto: Cordillera in Villeneuve d'Ascq Einsatz der Polizei-Spezialkräfte GOPE auf die Mapuche-Comunidad  Chekenko im Süden Chiles, am 2. November 2011.zoomFoto: Cordillera in Villeneuve d'Ascq Ein erster trauriger Höhepunkt des Konfliktes war 2002 erreicht: Mapuche-Aktivisten besetzten die Gelände einiger Forstunternehmen, die sich insgesamt 1,5 Millionen Hektar ehemaligen Mapuche-Landes gesichert hatten und 1.000 Jahre alte Araukarienwälder zu Cellulose verarbeiten wollten. Der chilenische Staat reagierte mit aller Härte: Bei Polizeiaktionen gegen Landbesetzer wurden drei Mapuche erschossen, einer von ihnen war der erst 17-jährige Alex Lemún. Alle Festgenom-menen wurden nach dem chilenischen Anti-Terrorgesetz angeklagt und zu drakonischen Strafen verurteilt - in doppelten Verfahren, vor der Militär- und der regulären zivilen Justiz.

Das öffentliche Interesse ist sehr gering

Chile: MapuchezoomWas vom Polizeieinsatz in Temucuicui übrig blieb: Tränengas-Behälter, Gummigeschosse - und 30 verletzte Kinder. Foto: Anide Das öffentliche Interesse an solchen Fällen ist nach wie vor sehr gering. Medien stellen die Aktionen der Mapuche in der Regel als kriminelle Akte kleiner radikalisierter Banden dar und die Methoden der Polizei und ihrer Anti-Terroreinheiten kaum in Frage. Und das, obwohl es bei den Auseinandersetzungen auch um Umweltschäden geht, die für ganz Chile verheerend sind - wie etwa Bodenverseuchung und das Absinken des Grundwasserspiegels.

Um dem öffentlichen Desinteresse und der Gewalt entgegenzuwirken, hat nun der Kindernothilfe-Partner Fundación Anide gemeinsam mit einem chilenischen Kinderrechts-Bündnis 39 besonders extreme Menschen- und Kinderrechts-verletzungen minutiös dokumentiert und systematisiert.
(Auszüge des Reports - aus Sicherheitsgründen wurde er bislang noch nicht koplett veröffentlicht.) Dabei geht es unter anderem um physische Angriffe auf Kinder und Jugendliche aus Mapuche-Gemeinden durch kasernierte Polizei (Carabineros), Polizeispezialeinheiten (GOPE), Kriminalpolizisten, Gefängnispersonal und andere Vertreter des Staates.

Der 92-seitige Report schildert Razzien in den Hütten und Häusern von Mapuche-Familien, in Schulen und Versammlungsräumen mit Übergriffen auf Kinder. Er beschreibt schwerste Misshandlungen, und wie Polizisten selbst Fünfjährige mit vorgehaltener Waffe und unter Schlägen zu Aussagen zwingen. Und immer wieder ist von Kindern die Rede, die entweder durch scharfe Munition, Gummigeschosse oder den Einsatz von Schlagstöcken schwer verletzt wurden. Oder von Fällen, in denen Jugendliche von Carabineros verschleppt und gefoltert wurden.

„Eine ganze Generation wächst in dem Bewusstsein auf, dass die Rechte nichts wert sind"  

 Verhaftung eines jungen Studenten, der an Protesten gegen die Bildungspolitik der Piñera-Regierung vor der U-Bahn-Haltestelle Universidad de Chile im Zentrum der chilenischen Hauptstadt teilgenommen hatzoomVerhaftung eines jungen Studenten, der an Protesten gegen die Bildungspolitik der Piñera-Regierung vor der U-Bahn-Haltestelle Universidad de Chile im Zentrum der chilenischen Hauptstadt teilgenommen hat. Foto: Cordillera in Villeneuve d'Ascq   Mädchen und Jungen erleben diese Gewalt, die Hilflosigkeit ihrer Eltern, denen es nicht gelingt, sie zu schützen, und die Tatsache, dass keiner der Verantwortlichen in Uniform jemals zur Rechenschaft gezogen wird, als einschneidende, traumatische Erfahrung: „Eine ganze Generation von Mädchen und Jungen wächst in dem Bewusstsein auf, dass die Rechte, die angeblich für alle Kinder auf dieser Welt gelten, in ihrem Fall nichts wert sind", sagt José Horacio Wood von der Fundación Anide in Santiago.

Verstärkt wird diese Wahrnehmung durch das Gefühl absoluter Chancenlosigkeit vor Gericht, wie das Beispiel der beiden 17-jährigen Luis und Fernando zeigt. Nachdem sie im Oktober 2009 von Polizisten in Zivil aufgegriffen und verhaftet worden waren, schlugen die Beamten im Polizeifahrzeug derartig brutal zu, dass die Jugendlichen schwere Verletzungen am Kopf und an den Augen erlitten. Den Opfern gelang es im Einsatzfahrzeug, die Verletzungen mit ihren Mobiltelefonen zu filmen, die Chipkarte zu verstecken und sie später dem Menschenrechts-Anwalt Lorenzo Morales Cortés zu übergeben. Als dieser den Beweis für die Übergriffe vor Gericht präsentieren wollte, lehnte es die Kammer kurzerhand ab, sich den Film anzusehen. Morales Cortés entschied daher gemeinsam mit seinen beiden jugendlichen Mandaten, das Dokument über die Internet-Plattform Youtube zu veröffentlichen, wodurch der Fall auch von einem chilenischen Fernsehsender aufgegriffen wurde.

Mit dem Projekt Pichikeche (Mädchen und Jungen) leisten Anide und die Kindernothilfe seit Anfang 2010 direkte Traumabewältigungsarbeit und setzen sich massiv dafür ein, die Anwendung der chilenischen Anti-Terrorgesetze auf Kinder und Jugendlichen zu beenden. Allein die kontinuierliche Präsenz des Teams vor Ort, die Tatsache, dass Psychologen und Sozialarbeiter die Erfahrungen und Erlebnisse der Kinder ernst nehmen, sie dokumentieren und ihnen beim Verarbeiten helfen, hat in den zurückliegenden 18 Monaten bereits eine wichtige therapeutische Wirkung entfalten können.

Inzwischen gibt es noch eine weitere Hoffnung, dass sich der chilenische Staat irgendwann seiner Verantwortung für die Gewalt gegen Mapuche-Kinder stellen wird: Auf Antrag von Anide und des chilenischen Kinderrechts-Bündnisses beschäftigte sich die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte in Washington im vergangenen März mit den 39 dokumentierten Fällen. Ana Cortez Salas, die Koordinatorin des Projektes Pichikeche, und der engagierte Menschenrechts-Anwalt Lorenzo Morales Cortés, der mehrere Mapuche-Jugendliche vor Gericht vertritt, waren mit Kindernothilfe-Unterstützung nach Washington gereist, um die Kommissions-Mitglieder detailliert zu informieren. Die Chancen stehen gut, dass es zu einem Schiedsverfahren unter der Verantwortung der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) kommt, durch das Chiles Regierung gezwungen wird, ihre Rechts- und Repressionspraktiken gegenüber Kindern und Jugendlichen aus Mapuche-Gemeinden zu verändern. „Wir haben einen ersten wichtigen Schritt geschafft", sagt José Horacio Wood, „aber bis dahin, dass sich Polizeiüberfälle wie der auf die Schule von Temucuicui nie mehr wiederholen, ist es noch ein weiter Weg."

Wie weit, das zeigen die jüngsten Zwischenfälle aus dieser Mapuche-Gemeinde. Allein in der letzten Juliwoche wurden drei Kinder bei Polizeiaktionen schwer verletzt: ein 11- und ein 14-Jähriger während einer erneuten Razzia durch Carabineros sowie zuletzt der 16-jährige Luis durch ein aus 200 Metern abgefeuertes Projektil eines Scharfschützen. Wochenlang rang der Junge nach schwerem Blutverlust im Krankenhaus von Victoria um sein Leben.

Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

Auszüge des Anide-Reports (auf Spanisch)


Das Volk der Mapuche 

AGENTURFOTO: Picture Alliance, Mapuche-Kind in Chile - Verwendbar bis  April 2012 Portrait of a Mapuche child eating an apple. Location: CHILEzoomWenig Nachwuchs: Nur noch rund 600.000 Mapuche leben in Chile. Foto: dpa Die Mapuche sind ein indigenes Volk Südamerikas. Sie nennen sich wie viele andere Indianervölker „Menschen der Erde" (Mapu = Erde, Che = Mensch). Ihr angestammtes Gebiet erstreckt sich auf die Staaten Chile und Argentinien. Das traditionelle Siedlungsgebiet der Mapuche hatte eine Nord-Süd-Ausdehnung von etwa 1.600 Kilometern. Den Mapuche ist es als einzigem indigenen Volk Amerikas über lange Zeit hinweg gelungen, die Unabhängigkeit zu bewahren. Der andauernde Widerstand der Ureinwohner zwang die Spanier 1641 zur Anerkennung einer unabhängigen Mapuche-Nation im Vertrag von Quillín. Bedingt durch den Verlust ihres Landes an Großgrundbesitzer und Holzfirmen wanderten im 20. Jahrhundert viele Mapuche in die Städte ab, etwa 40 Prozent leben heute in Ballungsgebieten. Der chilenische Zensus von 2002 ergab 604.349 Mapuche auf chilenischem Staatsgebiet, im Jahr 1992 waren es noch 928.500.


 

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