Als bei Gertraud Kennel in Ravensburg vor fünf Jahren das Telefon klingelte, fiel ihr fast der Hörer aus der Hand. „Ich komme am 3. Oktober nach Stuttgart", kündigte am anderen Ende Maureen Johanna Tapi, ehemalige Patentochter aus Chile, an.

Gertraud Kennel mit Maureen Johanna Tapi. Foto: privat
Gertraud und Winfried Kennel hatten 1983 die Patenschaft für die damals Zehnjährige aus Santiago übernommen. Maureens Eltern verdienten nur wenig, und ihre Mutter hatte das Mädchen im Projekt Hogar del Nino Sirio Palestino untergebracht in der Hoffnung, dass sie dort regelmäßig zu essen und eine gute Schulbildung bekommen würde. Kennels hatten von Anfang an regen Briefkontakt mit ihrer Patentochter, der auch 1999 nach dem Ende der Patenschaft nicht abbrach. „Sie war eine fleißige Briefschreiberin. Und eine gute Schülerin - in den Projekt-Jahresberichten kam sie mehrmals vor als Klassenbeste", erzählt Frau Kennel stolz.

Maureen hat guten Kontakt zur ganzen Familie. Foto: privat
Ex-Patenkind ist heute Apothekerin
Tochter Almut, die wegen Kennels erstem Patenkind gerade ein soziales Jahr in Santiago absolvierte, lernte Maureen persönlich kennen. Ihre Schwester Jutta besuchte Maureen ebenfalls. „Sie haben heute noch ein sehr engen Kontakt", freut sich Frau Kennel. „Mit Almut korrespondiert sie per Mail mehr als mit uns. Ich schreibe ihr Briefe auf Englisch."
Maureen studierte Pharmazie. Heute arbeitet die 33-Jährige als Apothekerin in einem Krankenhaus in Santiago und verdient ganz gut. „Bereits mit 15 hatte sie versprochen: Meine erste Auslandsreise mache ich nach Deutschland. Und dieses Versprechen hat sie 2001 eingelöst. Den Flug hat sie selbst bezahlt." Damals verbrachte sie vier Wochen bei ihren Pateneltern und deren vier Kindern. „Sie nennt sich immer unser fünftes Kind", schmunzelt Gertraud Kennel.

Maureen nennt sich Familie Kennels "fünftes Kind". Foto: privat
"Ich kann ein leuchtendes Beispiel zur Patenschaft erzählen"
In diesem Jahr kam Maureen zum zweiten Mal nach Ravensburg. Ehepaar Kennel kämpfte gerade mit einer schweren Grippe. Die junge Apothekerin konnte ihnen gute Tipps geben, welche Medikamente sie nehmen sollten. „Sie hat uns nach Santiago eingeladen", Frau Kennel zögert etwas, „aber ob wir das noch machen.... Wir sind jetzt Mitte 70. Aber mein Mann ist nicht abgeneigt." Maureen hat inzwischen eine kleine Eigentumswohnung gekauft. Jetzt spart sie eisern für Möbel. Trotzdem sorgt sie auch weiterhin für ihre jüngeren Halbgeschwister, denn die beiden sollen einmal einen guten Beruf bekommen.
Gertraud Kennel gibt ihre Erfahrungen gern weiter: „Immer, wenn jemand zu mir sagt: Ach, das mit den Patenschaften, das wird doch nichts, dann kann ich ein leuchtendes Beispiel erzählen."