"Entwicklungshilfeprojekte – Eine sozialpädagogische Analyse" von Sandra Anke Graich

Sandra Anke Graich:
Entwicklungshilfeprojekte – Eine sozialpädagogische Analyse

ZIelgruppe:
Leser, die sich für Entwicklungspolitik interessieren

Inhalt:
Das Buch der Hamburger Sozialpädagogin über ihre sechsmonatige Erfahrung in einem chilenischen Armenviertel liefert eine eindrucksvolle Antwort auf die Frage, warum es sich lohnt, ein Stadtteilprojekt, das die Kindernothilfe seit 1979 fördert, auch im Schwellen- oder "Tiger"-Land Chile weiterhin zu unterstützen. Eine Rezension von Jürgen Schübelin, Kindernothilfe-Referatsleiter Lateinamerika & Karibik:

Sandra Anke Graich: Entwicklungshilfeprojekte - Eine sozialpädagogische AnalysezoomTitelgrafik: VDM Verlag In den 18 Jahren seit dem Ende des Pinochet-Regimes hat sich in Chile zweifelsohne vieles zum Positiven verändert: Nach großen Anfangsschwierigkeiten ist es den Verantwortlichen tatsächlich gelungen, mit der juristischen, politischen und vor allem auch moralischen Aufarbeitung der hunderttausendfachen Menschenrechtsverletzungen und ihrer Trauma-Narben nicht nur zu beginnen - sie konnten auch relevante Teilergebnisse erzielen und damit die unter großen Opfern zurück erkämpfte Demokratie festigen. Unter der Verantwortung der vier Regierungen der Concertación - einer großen Koalition aus Sozialisten, Sozialdemokraten, Christdemokraten und Liberalen - wurden wichtige Erfolge bei der Verbesserung des öffentlichen Gesundheits- und die Schulsystems erreicht. Es gelang außerdem, den Anteil der in Armut und extremer Armut lebenden Menschen zu senken und beachtenswerte Fortschritte im Bereich der öffentlichen Infrastruktur zu erzielen.

Chile wurde in der internationalen Entwicklungsliteratur sehr schnell zum "Modell", zum Vorzeigefall für erfolgreiche Strategien in Sachen Armutsreduzierung - bei gleichzeitiger maximaler Flexibilisierung von Arbeits- und Sozialgesetzen und dem weitest möglichen Rückzug des Staates aus allen Regulierungsaufgaben im Blick auf Wirtschafts- und Marktprozesse.

Sind in einem solchen Land Projekte zur Entwicklungszusammenarbeit überhaupt noch notwendig? Welchen Sinn macht es, angesichts einer derartigen "Erfolgsgeschichte" weiterhin Projekte mit Kindern und Familien in sozialen Brennpunkten auch mit Spendengeldern aus Europa zu unterstützen?

Stadtteilprojekt in Chile, das die Kindernothilfe unterstützt
Die Hamburger Sozialpädagogin Sandra Anke Graich geht diesen Fragen in ihrem Buch am Beispiel des von der Kindernothilfe seit 1979 unterstützten Tagesstätten- und Stadtteilprojektes Piececitos (übersetzt: kleine Füße) in der Armensiedlung Candelaria nach. Candelaria gehört zur Kommune San Pedro de la Paz, südlich der zweigrößten chilenischen Stadt, Concepción . Im Rahmen ihres sechsmonatigen studienbegleitenden Praktikums arbeitete sie in Piececitos mit, lebte bei einer Familie in Candelaria und nutzte diese Zeit intensiv für einen gründlichen Blick unter den Teppich und hinter die Kulissen. Sie beschreibt dabei nicht nur die Strategien und Ansätze einer engagierten sozialpädagogischen Arbeit des Projektträgers, der evangelisch-lutherischen Kirche Chiles (IELCH), mit den rund 300 Kindern und ihren Familien. Sie macht auch deutlich, wie sehr die kollektive Erfahrung des Lebens unter einem staatsterroristischen Militärregime und das tägliche Erleben von Angst, Verfolgung und Repression auch noch 18 Jahre danach den Alltag und das Verhalten der Menschen prägen.

Sandra Graich belegt mit ihren eindrucksvollen Interviews, welche Wirkung "die Kultur der Angst", deren disziplinierenden Effekte bis zum heutigen Tag andauern, selbst in die Generation der Kinder und Jugendlichen hinein hat, die Pinochet gar nicht mehr selbst an der Macht erlebte. Eindringlich wird in dem Buch aber auch deutlich, wie die Prekarisierung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Armenviertelbewohner - verbunden mit der in Candelaria noch immer bei über 30 Prozent liegende Arbeitslosigkeit - zahlreiche neue Probleme geschaffen hat, die sich vor allem in Gestalt von innerfamiliärer Gewalt, Alkohol- und Drogenmissbrauch und einer erschreckend hohen Rate von Schulabbrüchen manifestieren.

So sind im Umfeld des Projektes Piececitos noch immer 58 Prozent der beteiligten Familien nicht in der Lage, ihre Grundbedürfnisse angemessen zu befriedigen. Bei 34 Prozent aller Kinder in Piececitos ist es entweder die Mutter, eine Tante oder die Großmutter, die als "Alleinerziehende" die Familie über die Runden bringen muss. Die Väter haben sich schlichtweg ihrer Verantwortung entzogen.

Zu den spannendsten Teilen dieses Buches gehören sicherlich die Erfahrungsberichte und Interviews, die sich mit neuen, partizipativen Arbeits- und Pädagogikformen des multidisziplinären Piececitos-Teams beschäftigen. Sie machen deutlich, dass es hier um einen emanzipatorischen, diakonisch-sozialen Ansatz einer seit Jahrzehnten in der Armenviertelarbeit engagierten lutherischen Gemeinde geht, die längst nicht mehr ein Projekt "für" Kinder und ihre Familien betreibt: Sie ermöglicht eine Arbeit "mit" Kindern, Jugendlichen, aber vor allem auch den Frauen aus Candelaria. Es geht hier also um Methoden und Didaktik eines Prozesses der politisch-sozialen Aktion im Sinne des brasilianischen Pädagogen Paulo Freire.

Sandra Graich bescheinigt diesem vor 29 Jahren als Kindertagesstätte entstandenen Projekt, heute unbestritten in einer sozialen Brennpunktzone Kristallisationspunkt für einen Gemeinwesenentwicklungsprozess zu sein und einen nachhaltigen Beitrag zur Stadtteilentwicklung in Candelaria zu leisten: indem es die Kinder, Jugendlichen und beteiligte Erwachsenen bestärkt, ihre Selbsthilfekräfte, ihre in Piececitos erworbene soziale Kompetenz, ihr gewachsenes Selbstbewusstsein und ihren Erfahrungsschatz einzusetzen, um Probleme gemeinschaftlich zu lösen. Die dezidiert ökumenische Ausrichtung der Projektarbeit hat diesem Prozess in fast drei Jahrzehnten Glaubwürdigkeit und Verbindlichkeit verliehen. Ganz entscheidend dabei ist nach Überzeugung der jungen Autorin die Bildung von Netzwerken in und um das Projekt herum, etwa bei der Arbeitsplatzsuche oder - mindestens genauso wichtig - bei der Prävention und dem Schutz vor innerfamiliärer Gewalt.

Das Buch der Hamburger Sozialpädagogin über ihre sechsmonatige Erfahrung in einem chilenischen Armenviertel und die Stimmen der Menschen, die in ihm zu Wort kommen, liefert eine eindrucksvolle Antwort auf die Frage, warum es sich lohnt, eine derartige ökumenische Projektarbeit auch im Schwellen- oder "Tiger"-Land Chile weiterhin zu unterstützen.

VDM Verlag Dr. Müller, Saarbrücken 2007,

Umfang:
84 Seiten

Bezug:
über den Buchhandel


Copyright © 2012 Kindernothilfe e.V. - Alle Rechte vorbehalten.