
Fotos: Sascha Decker
Die Schauspielerin und Kindernothilfe-Botschafterin Natalia Wörner reiste im August nach Thailand, um sich über die Situatioin von Kindern im Goldenen Dreieck zu informieren. Kinderhandel und Kinderprositution sind hier an der Tagesordnung. Unter anderem besuchte sie auch ein von der Kindernothilfe gefördertes Kinderheim.
4. Juni 2008
Ich war am 26. Dezember 2004, am Tag des Tsunamis, in Khao-Lak, Thailand. Ein Tag, der mein Leben komplett verändert hat. Im Gegensatz zu anderen Betroffenen hatte ich bisher eine große Scheu, wieder in die Region zu fahren. Ich habe Angst vor Wasser. Die Kindernothilfe ruft mich an, während ich koche. Ich rühre mein Risotto und sie fragen mich, ob ich mit ihnen in das Katastrophengebiet nach Burma fahre. Ich stelle den Herd ab. In der Flutregion entstehen sechs Traumazentren speziell für Kinder. Ich arbeite seit drei Jahren mit der Kindernothilfe zusammen und spüre sofort, dass diese Reise auch eine Reise in meine eigene Geschichte wird.
26. Juni
Ich treffe mich mit der Psychologin und Trauma-Expertin Tina Dietz zu einem Arbeitsessen, um mich auf die Reise vorzubereiten. Ich nehme Zürcher Geschnetzeltes. Frau Dietz hat einige Projekte der Kindernothilfe begleitet. Wir sprechen über die kulturellen Unterschiede im Umgang mit traumatischen Erlebnissen. Und wir sprechen über mich. Ich erzähle ihr von meiner Reise nach Bali vor sechs Monaten. Mein Bungalow stand direkt am Wasser. Mit Schrecken stellte ich fest, dass das Geräusch des Meeres für mich nur noch bedrohlich ist und nichts Beruhigendes mehr hat.
8. Juli

Das Goldene Dreieck - Grenzgebiet zwischen Laos, Thailand und Burma.
Die Partner der Kindernothilfe im Süden Burmas sagen uns ab. Die Militärs dort wollen keine Öffentlichkeit. Ein Rückschlag. Was jetzt? Die Kindernothilfe und ich diskutieren die neue Situation und entscheiden uns für eine Reise in das Goldene Dreieck., eine Region im Grenzgebiet zwischen Laos, Thailand und Burma. Unabhängig von der Flutkatastrophe fliehen Tausende wegen grausamster Menschenrechtsverletzungen aus Burma über die Grenze nach Thailand. In der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Humankapital für Schlepper, Verbrecher und die Mafia. Menschenhandel, Kinderhandel, sexwork. Der Hunger ist mir heute vergangen.
13. Juli
Ein erster Reiseplan nimmt Gestalt an. Und ich beginne, mich auf die Reise zu freuen. Und auf das thailändische Essen. Es explodiert im Mund. Als erstes werden wir Matthew Friedmann in Bangkok treffen. Er arbeitet für UNIAP, eine Zweigstelle der Vereinten Nationen, die sich auf Menschenhandel in der so genannten Sub-Mekong Region spezialisiert hat. Also in Burma, Thailand, Laos, China, Kambodia und Vietnam. Außerdem haben wir einen Termin mit Alinda Suya von ECPAT International bekommen. Ein internationales Netzwerk zur Bekämpfung jeglicher sexueller Ausbeutung von Kindern.
7. August

Erinnerungen an den Tsunami 2006 kommen wieder hoch.
Ich liege nachts wach und denke an die Tage vor dem Tsunami - eine Flussfahrt im Landesinneren, Schnorcheln bei den Similan Islands, ein Elefantenritt durch den Dschungel. Und dann taste ich mich langsam an den 26. Dezember 2004 ran: Versprengte Erinnerungen an den Geruch von Hitze und Angst steigen in mir hoch. Gespenstische Stille mitten in der Hölle. Ich weiß nicht, was ich packen soll. Ich stehe auf und trinke ein Glas Milch.
14. August
Ankunft in Bangkok. Vom Flughafen direkt zu den Vereinten Nationen. Matthew Friedmanns Drei-Schritt-These, um den Menschenhandel im Norden des Landes einzugrenzen: prevention, protection, prosecution. Erstens Aufklärung: Gezielte Information im ursprünglichen Heimatland. Besonders erfolgreich sind soap operas, die sich dem Thema problembewusst widmen. Ich staune. Zweitens Schutz: Auf der Flucht landen unbegleitete Kinder häufig in Notunterkünften. Essen, Schlafen, Kleidung, Registrierung. Drittens: Strafverfolgung. Minderjährige aus dem Rotlicht holen, Fabriken mit Zwangsarbeitern dicht machen. Matthew erzählt von einem Jugendlichen, der in einer Fabrik anfängt und dort eingesperrt wird. Er soll 50 Dollar Gehalt im Monat bekommen. Nach drei Monaten will er sein Geld. Sein Chef aber verlangt 15 Dollar von ihm. „Schlafen und Essen kosten hier 55 Dollar. Im Monat." Es gibt immer noch Sklavenhalter. Abends essen wir Green Curry am Chao-Phraya. Der Fluss fließt mitten durch Bangkok und ich erinnere mich an nichts. Obwohl ich weiß, dass das Hotel, in dem ich zwei Tage nach dem Tsunami wohnte, genau an diesem Fluss lag. Die Zeit ist wie ausgelöscht, als ob sie nie stattgefunden hat. Hippocampale Amnesie.
Kurzfilm zum Tagebuch
15. August

Natalia Wörner im Gespräch mit Patchareeboon Sakulpitakphon von ECPAT.
Patchareeboon Sakulpitakphon von ECPAT berichtet von Kindern, die bereits mit zwei Jahren für Pornographie missbraucht werden. Ab sechs zwingen sie Zuhälter in die Prostitution. Manchmal werden die Mädchen und Jungen zum Anschauen von Pornos gezwungen und mit dieser Gehirnwäsche auf die Ausbeutung vorbereitet. Beim traurigen Ranking des Sextourismus stehen die Chinesen, Japaner und Koreaner ganz vorn, gefolgt von Briten, Deutschen und Männern aus den skandinavischen Ländern. Sextourismus ist ein entscheidender ökonomischer Faktor in diesem Land. Gepaart mit der Angst vor einem Imageverlust sind das die beiden wesentlichen Gründe, weshalb sich thailändische Politiker nach wie vor wegducken und existierende Gesetze ignorieren. In meinem Kopf ist ein Echo von Alindas Goals and Targets, Goals and Targets. Curry am Flughafen mit Internetanschluss. Weiter in den Norden, nach Chiang Rai.
17. August

Hungrig schlingen die Straßenkinder das Essen hinunter.
In Burma, auch Myanmar genannt, gehen die Uhren eine halbe Stunde nach. Wir laufen im Regen über die Grenzbrücke nach Burma. Alle bekommen einen neuen Pass, ich einen neuen Namen: Matalia Seeliger. Die Brücke in Mae Sai ist ein ökonomischer Knotenpunkt auf der Achse Bangkok-China. Umschlagplatz für Legales und Kriminelles, für ausgebeutetes Leben und Hoffnung. Ein Zwischenraum, der viel Platz lässt für den Handel mit Kindern, Prostitution, Zwangsadoption und Organhandel. Wir verbringen den Tag mit zwölf Straßenkindern. Die meisten sind high vom Schnüffeln. Die billigste Art hier, glücklich zu werden. Wir laden sie zum Essen ein. Sie essen schnell und manche bestellen zweimal. Krapau, Schweinefleisch mit Gemüse, Reis und Spiegelei obendrauf. Dazu Cola. Für eine halbe Stunde sind sie Kinder. Myanmartime.
Kurzfilm zum Tagebuch

Die Kinder erklären der Schauspielerin das Stein-Schmeiß-Spiel.
Wir besuchen das Kinderheim, das auch von der Kindernothilfe unterstützt wird. Fast alle der 100 Mädchen und Jungen sind kleinwüchsig, weil lange Zeit unterernährt. Die meisten haben Narben. Viele schluckten früher Amphetamine, drei Viertel sind Waisen und haben schon jede Form von Gewalt erlebt. Wir sprechen mit einem 13-jährigen Mädchen, das seit fünf Jahren im Heim ist. Ihr Stiefvater hat sie geschlagen und gezwungen, auf der Brücke in der Grenzstadt Mae Sai zu betteln. Ami möchte später mal bei Childlife arbeiten. Es ist ihre Familie, ihre Welt geworden. Ein Moment, in dem ich total glücklich bin, für die Kindernothilfe zu arbeiten. Wir essen gemeinsam die aus Deutschland mitgebrachte, zunächst für Seife gehaltene, Mini- Schokolade. Die Kinder versuchen mir ein Stein-Schmeiß-Spiel beizubringen, ich versage fürchterlich. Die Kids amüsieren sich.
18. August

Schülerin der School for Life.
Wir sind in der School for Life von Jürgen Zimmer in Chiang Mai. Ein Mann, der sich zum Ziel gesetzt hat, „keine armselige Pädagogik für arme Kinder, sondern biographische Schrottplätze zu Gold zu machen." 150 Kinder, die meisten Aids-Waisen, gehen in diese Schule. Die Kinder leben in families. Jede Familie hat eine Aufgabe. Mehr noch, ein kleines Unternehmen: einen Friseurladen, eine Pilz- oder Orchideenzucht, eine Werkstatt für Fahrräder. Die Kinder werden auf eine eigenständige Existenz vorbereitet. Am Abend wird für uns eine Party geschmissen, und ich spüre das Herz dieser Schule. Nachts durchsuche ich meinen Rucksack nach etwas Süßem und finde in einem Nebenfach eine Windel von meinem Sohn - ich vermisse ihn so.
19. August
Auf dem Weg zum Flughafen machen wir Halt auf einem Markt. Wir bestellen gegrillte Bambus-Würmer. Ich passe. Würmer-to-go ist mir dann doch zu avantgardistisch. Vor der Passkontrolle in Bangkok steht ein Russe mit Frau und Kind vor uns. Auf seinem T-Shirt steht: Good guy goes to heaven, bad boy goes to Pattaya. ARSCHLOCH. Für alle, die es nicht wissen: Pattaya ist einer der größten Kinder-Sex-Fick-Orte der Welt.
Die Kindernothilfe fördert in Thailand rund 300 Mädchen und Jungen in fünf Projekten. Unter dem Druck Tausender Kinderflüchtlinge aus Burma wird sie neue Projekte gegen Kinderhandel und Missbrauch starten.