Kindernothilfe e. V.

Peru: Kinderarbeit in Jaén

"Marsmenschen" im Bauchladen

Am 12. Juni wird jedes Jahr der internationale Tag gegen Kinderarbeit begangen, und im Westen ist man sich darüber einig, dass Kinder nicht arbeiten, sondern zur Schule gehen und spielen sollten. Doch die Realität sieht in den Entwicklungsländern anders aus. Ohne die Mithilfe der Kinder können viele Familien nicht überleben.

Fotos zum Artikel von Katharina Nickoleit über Kinderarbeiter und IFEJANT: DAvid mit seiner EiskistezoomEisverkäufer David will sich selbständig machen. Foto: Christian Nusch Angestrengt runzelt David die Stirn und rechnet seine Rate aus. Umgerechnet drei Euro und 75 Cent muss er zurück zahlen. Der Elfjährige hat einen Kredit aufgenommen, um sein eigenes Geschäft zu gründen. Er ist einer der unzähligen ambulantes, fliegenden Händlern, die in Lima an jeder Ampel und jeder Straßenecke Softdrinks, Bonbons oder Kekse verkaufen. Zwei Jahre Erfahrung als Eisverkäufer hat David bereits. Jetzt will er sich selbständig machen und sein Glück mit selbst gemachtem Eis, marcianos, zu Deutsch „Marsmenschen", versuchen.

Um sein Darlehen von 40 Euro zu bekommen, musste David bei der Kinderrechtsorganisation IFEJANT einen Geschäftsplan vorlegen: Geschäftsidee, Marktstudie, Kostenrechnung. Darüber beriet er sich mit Lady. Die ist 13, hat bereits sechs Jahre Erfahrung im Straßenverkauf und entscheidet als Juniorconsultant über die Kreditvergabe mit. Eis zu verkaufen hält Lady für eine profitable Sache – im Sommer. Für die kühle Jahreszeit rät sie David, zusätzlich Kekse in sein Sortiment aufzunehmen. Gemeinsam überlegen sie, an welcher Straßenecke es wenig Konkurrenz gibt, wo man am günstigsten kleine Plastiktüten bekommt, in die das Eis abgefüllt wird, und wie man es am besten präsentiert.

Fotos zum Artikel von Katharina Nickoleit über Kinderarbeiter und IFEJANT: Elvira mit KindernzoomElvira Figueroa von der Kindernothilfe-Partnerorganisation IFEJANT ist stolz auf die Kinder. Foto: Christian Nusch

„Einfach nur gegen Kinderarbeit zu sein, das reicht nicht aus"

Kinderarbeit, das ist eine zweischneidige Sache. Am 12. Juni wird jedes Jahr der internationale Tag gegen Kinderarbeit begangen, und im Westen ist man sich darüber einig, dass Kinder nicht arbeiten, sondern zur Schule gehen und spielen sollten. Doch die Realität sieht in den Entwicklungsländern anders aus. Ohne die Mithilfe der Kinder können viele Familien nicht überleben. „Einfach nur gegen Kinderarbeit zu sein, das reicht nicht aus", sagt Elvira Figueroa von der Kindernothilfe-Partnerorganisation IFEJANT: „Wer etwas gegen Kinderarbeit tun will, der muss dafür sorgen, dass die Eltern so gut bezahlt werden, dass sie auf das Einkommen ihrer Töchter und Söhne nicht angewiesen sind. Solange das nicht der Fall ist, können wir nur dabei helfen, Kinder vor Ausbeutung, gefährlichen Situation und Missbrauch zu schützen und dazu beitragen, dass die Kinder deutlich weniger Stunden am Tag und unter möglichst guten Bedingungen arbeiten." Wichtig ist der von der Kindernothilfe unterstützten peruanischen Organisation deshalb vor allem, dass die Kinder sich organisieren, ihr Geschäft verstehen und mit möglichst wenig Stunden Arbeit ausreichend verdienen. Vor allem aber muss der Schulbesuch gesichert sein.

Fotos zum Artikel von Katharina Nickoleit über Kinderarbeiter und IFEJANTzoomIn diesem Armenviertel wohnen David und seine Freunde. Foto: Christian Nusch Einmal pro Woche werden sie deshalb zu Schulungen eingeladen. Zwölf Kinder haben sich in der Hütte aus Spanplatten und Wellblech eingefunden. Das ist weit und breit das beste Gebäude hier in Nuevo Sol Naciente, einem Armenviertel im Norden Limas, wo die Behausungen an den steinigen Wüstenhängen meist aus Bastmatten und Plastikplanen bestehen. Draußen reißen Männer die Straße auf. Nicht etwa, um Wasserrohre zu verlegen, sondern um nach großen Steinen zu suchen, die man als Baumaterial verkaufen kann. Es ist eine Gegend, in die sich nach Einruch der Dämmerung kein Taxifahrer mehr wagt. Für Elvira ist klar: „Entweder wir geben den Kindern eine reelle Perspektive - oder sie werden früher oder später kriminell. Mehr Möglichkeiten zum Überleben gibt es hier nicht."

Wer zehn "Marsmenschen" kauft, bekommt einen weiteren geschenkt

Heute schneidet sie ein besonders wichtiges Thema an: Wie behauptet man sich gegen die große Konkurrenz? „Preise senken", kommt es wie aus der Pistole geschossen. „Festen Kundenstamm aufbauen", sagt Milena. Sie verschenkt zu jeder Cola, die sie verkauft, ein Bonbon. David führt Strichlisten: Wer zehn marcianos gekauft hat, bekommt ein weiteres geschenkt. Wichtig auch: Lächeln und ein freundliches Auftreten, ordentliche Kleidung, saubere und hygienische Bauchläden.

Fotos zum Artikel von Katharina Nickoleit über Kinderarbeiter und IFEJANTzoomDie Kinder haben sich in der „Bewegung der arbeitenden Kinder und Jugendlichen Perus", kurz NAT's organisiert. Foto: Christian Nusch Die Kinder haben sich in der „Bewegung der arbeitenden Kinder und Jugendlichen Perus", kurz NAT's organisiert. Lady leitet die lokale Gruppe „Siempre independientes - Immer unabhängig" im Stadtteil Nuevo Sol Naciente. „Wir treten für unser Rechte ein. Wir wollen von den Erwachsenen ernst genommen werden", erklärt die junge Präsidentin selbstbewusst. „Und wir verlangen, von unseren Eltern nicht ausgebeutet zu werden." Darunter versteht sie, nicht mehr als vier bis sechs Stunden pro Tag arbeiten zu müssen, damit genug Zeit für die Schule bleibt. Es sind Kinder, die kämpfen können. Sie müssen sich gegen ihre Eltern zur Wehr setzten, und sie verteidigen ihre Ware auf der Straße mit Fäusten. Arbeiten, das ist hier selbst für Kinder ein brutaler Überlebenskampf.

Fotos zum Artikel von Katharina Nickoleit über Kinderarbeiter und IFEJANT - Mädchen namens LadyzoomLady (13) hat bereits sechs Jahre Erfahrung im Straßenverkauf. Foto: Christian Nusch

15 Euro  Gewinn im Monat

Lady ist sehr gespannt zu erfahren, was Kinder denn in Deutschland so arbeiten. Dass Kinderarbeit in manchen Ländern verboten ist, kann sie kaum glauben. „Wie sollte ich denn dann meine Schulhefte bezahlen?", fragt sie. Ihr Geschäft läuft inzwischen gut: 15 Euro Gewinn macht sie jeden Monat. Was davon übrig bleibt, investiert sie in ein besseres Sortiment, und bald will sie anfangen, etwas Geld zurückzulegen. Ob es reichen wird zu studieren, um ihren Traumberuf Ärztin zu erlernen?

David hat einen Finanzplan aufgestellt. Die Kosten für das Geschäft hat er sorgfältig kalkuliert: Tütchen, Säfte, die Abgabe an den Nachbarn, in dessen Kühlschrank er seine marcianos einfriert. Auch seine Lebenshaltungskosten sind aufgeführt: Jeweils 80 Cent für Frühstück und Abendessen - ein Mittagessen ist nicht vorgesehen. Die Ausgaben für eine Hose, ein Hemd und Sandalen pro Jahr, umgelegt auf die Wochen. Schulsachen. Und die Extrawünsche: Kaugummi, Orangen, Cola. Und natürlich die Raten für den Kredit.

Fotos zum Artikel von Katharina Nickoleit über Kinderarbeiter und IFEJANT - David + Lady zahlen den Kredit zurückzoomStolz zahlt David die erste Darlehens-Rate zurück. Foto: Christian Nusch

Die Rückzahlung der Darlehen klappt reibungslos

Bis vor fünf Jahren wurde den Kindern ihr Startkapital geschenkt. Doch das hat sich nicht bewährt. Zu oft forderten die Eltern das Geld ein, um es in Bier umzusetzen. Gemeinsam mit den Kindern wurde entschieden, nur noch Darlehen zu vergeben. Die Rückzahlung klappt bislang reibungslos, vielleicht auch, weil die Kinder merken, dass man sie ernst nimmt, ihnen etwas zutraut. David jedenfalls präsentiert stolz das passend abgezählte Geld für seine erste Rückzahlung. Zufrieden betrachtet er Elviras Unterschrift in seinem kleinen Kreditheft. „Wenn das so weiterläuft, dann hab ich irgendwann meinen eigenen Laden und muss nicht mehr auf der Straße arbeiten."

Katharina Nickoleit, freie Journalistin

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