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Seilchenspringende Schülerinnen in enem Slum von Bangalore. (Quelle: Jakob Studnar)

Interview mit dem Kindernothilfe-Vorstand: Unser Einsatz für die Kinderrechte 2016

Im Jahr 2016 haben wir fast zwei Millionen Kinder gefördert. Mit insgesamt 741 Projekten haben wir uns für die Rechte von Kindern in Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa ein- gesetzt. In einem kurzen Interview geben die drei Vorstände der Kindernothilfe einen Überblick über die wichtigsten Entwicklungen unserer Arbeit im In- und Ausland.

Herr Borchardt, wie bewerten Sie den Jahresabschluss 2016?

Ich freue mich, dass wir unsere Erträge um mehr als eine halbe Million Euro auf 60,5 Millionen Euro steigern konnten, obwohl die Spenden für die humanitäre Hilfe um vier Millionen Euro niedriger ausfielen als im Jahr davor. Von den staatlichen Gebern wie dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) haben wir fast 1,7 Millionen Euro mehr erhalten. Mit Blick auf die Zukunft gewinnen zudem Nachlässe für uns eine immer größere Bedeutung: Mehr als 1,9 Millionen Euro ermöglichen es uns, das Vereinskapital aufzustocken.

Insgesamt sind wir daher sehr zufrieden. Vor allen Dingen freut es uns, dass 2,3 Millionen Euro mehr in unsere Projektarbeit fließen konnten und damit direkt den Kindern zugute gekommen sind. Das zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Allerdings lagen unsere Ausgaben 2016 bei rund 61,5 Millionen Euro und sind somit eine Million Euro höher gewesen als unsere Einnahmen. Das kommt dadurch zustande, dass wir im vergangenen Jahr Mittel, die uns 2015 für humanitäre Hilfe erreichten, erst 2016 in die Projekte fließen lassen konnten.

Himmel und Hölle Plakat Blau (Quelle: Christoph Gödan)
Plakat unserer Kampagne "Das Leben in der Stadt ist kein Kinderspiel"

Frau Weidemann, mit welchen Kampagnen wird die Kindernothilfe 2017 in der Öffentlichkeit auftreten?

Zunächst einmal wäre da unsere Kampagne „Das Leben in der Stadt ist kein Kinderspiel“, mit der wir zurzeit auf Plakatwänden in der gesamten Republik präsent sind. Zum Hintergrund: Bis zum Jahr 2030, so schätzen die Vereinten Nationen, wird sich die Einwohnerzahl in den weltgrößten Städten verdoppeln.

Besonders in Entwicklungs- und Schwellenländern wird der Wunsch nach einem besseren Leben Millionen von Menschen in die Städte führen. Statt Wohlstand werden diese Völkerwanderungen vor allem eins produzieren: Slums und Favelas. Die Ungleichheit wird steigen, Kriminalität und Gewalt werden weiter zunehmen. Vor diesem Hintergrund ist es das Ziel der Kampagne, Kinder in Städten vor Gewalt zu bewahren. Wir fordern mehr Schutz-, Spiel- und Entwicklungsräume sowie Bildungs- und Unterstützungsangebote für Kinder.

Kinder malen ein "Time to talk"-Plakat. (Quelle: Roland Brockmann)
Diese drei Jungen aus Tansania machen bei "Time to talk" mit.

Arbeitenden Kindern weltweit eine Stimme zu geben, ist das Ziel der Kampagne „Time to talk – Children‘s Views on Children‘s Work“, die wir mitinitiiert haben. Rund 60 Partnerorganisationen haben dafür 1.800 arbeitende Kinder in 37 Ländern befragt. Mädchen und Jungen waren als Vertreter für die Kinder an allen Phasen der Vorbereitung und der Erhebung der Daten beteiligt. Mit dieser weltweiten Konsultation über die Situation arbeitender Kinder und ihre Lösungsvorschläge kann Time to Talk die unterschiedlichen Perspektiven erfassen. Sie sollen im Rahmen eines Reports in die internationale politische Debatte einfließen.

Kinder aus Münster putzen ein Schiff von außen. (Quelle: Ralf Krämer)
Münsteraner Action!Kidz putzen ein Schiff.

Unsere dritte Kampagne läuft schon seit mehreren Jahren und mobilisiert jedes Mal aufs Neue Tausende Kinder und Jugendliche, die sich gegen ausbeuterische Kinderarbeit einsetzen: unsere Action!Kidz. In Schulen, Gemeinden, Sport- und Freizeitgruppen sammelten im Schuljahr 2015/16 rund 3.000 fleißige Helfer Spenden für ein Projekt gegen Kinderarbeit in pakistanischen Kohleminen. Für die neue Kampagne 2016/2017 zur Kinderarbeit auf Tabakplantagen in Sambia haben wir umfangreiches Informations- und Unterrichtsmaterial erstellt und

20.000 Schulen und Gemeinden angeboten. Im Rahmen einer gemeinsamen Studie haben der Verband Entwicklungspolitischer Nichtregierungsorganisationen und Humanitäre Hilfe (VENRO) sowie das BMZ unsere Action!Kidz-Kampagne für eine Evaluierung ausgewählt. Ziel dieses Forschungsvorhabens ist es, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, welche Wirkungen von der entwicklungspolitischen Inlandsarbeit realistisch erwartet werden dürfen, und zu überprüfen, welche Methoden und Instrumente für die Erfassung von Wirkungen geeignet sind.

Syrische Flüchtlingskinder im Unterricht - ein Mädchen schreibt etwas an die Tafel. (Quelle: Jakob Studnar)
Libanon: Drei Viertel der syrischen Flüchtlingskinder in der Region Chouf gehen inzwischen zur Schule.

Herr Dehn, welche wichtigen Entwicklungen gab es in der Projekt- und Programmarbeit?

Wir stellen fest, dass in immer mehr Ländern der Bewegungsspielraum von Nichtregierungsorganisationen eingeschränkt wird. Da werden auf einmal hoch aufwändige Berichte Pflicht, im Kinderrechts- und Menschenrechtsbereich zu arbeiten wird verboten, Visa für Dienstreisen in einige unserer Partnerländer werden verweigert. In Lateinamerika haben mehrere Regierungswechsel zu einem Abbau von Sozialprogrammen und einer Zunahme der alltäglichen Gewalt geführt. Für viele unserer Partner in Afrika, Asien und Lateinamerika bedeuten diese Entwicklungen eine ernsthafte Bedrohung ihrer Arbeit.

Eröffnung des neuen Kindernothilfe-Büros in Indien. (Quelle: Katrin Weidemann)
Indien: Eröffnung des Koordinationsbüros

Unser wichtigstes Partnerland ist nach wie vor Indien. Im vergangenen Jahr haben wir dort ein eigenes Koordinationsbüro aufgebaut, unser Partnerfeld neu strukturiert und uns geo graphisch auf die Armutsstaaten im Norden konzentriert. Auch in Indien ist die Regierung dabei, der Zivilgesellschaft immer striktere Regulierungen aufzuerlegen. Sofern dadurch die grassierende Korruption eingedämmt wird, haben die Regulierungen – neben allen Erschwernissen – aber auch gute Seiten.

Somaliland: Unsere Koordinatorin vor einem Tankwagen mit Trinkwasser. (Quelle: Angelika Böhling)
Somaliland: Unser Partner hat Menschen mit Trinkwasser versorgt.

Die Dürrekatastrophe in Folge des Klimaphänomens El Niño hat 2016 in vielen Ländern des östlichen und südlichen Afrikas sowie in Lateinamerika die Lebensbedingungen enorm verschlechtert und zu massiver Mangel- und Unterernährung geführt. Wir haben mit mehr als einer Million Euro Humanitäre-Hilfe-Projekte finanziert, auch wenn die Notsituation in den Medien seinerzeit kaum Thema war und wir deshalb nicht annähernd genug Spenden in diesem Zusammenhang erhalten konnten.

Im Libanon konnten wir die Arbeit mit syrischen Flüchtlingskindern erweitern. Unser wichtigstes Ziel ist hier, alle Kinder im Schulalter in die Schule zu bringen, Traumata zu lindern und Jugendlichen berufliche Perspektiven zu geben. Tatsächlich ist es unserem Partner gelungen, dass drei Viertel der syrischen Flüchtlingskinder in der Region Chouf zur Schule gehen. Daneben haben wir mit vier weiteren Partnerorganisationen im Libanon die Kooperation aufgenommen.

Nach Hurrikan Matthew vergessen die Kinder im Kinderzentrum beim Malen, Spielen und Singen die schrecklichen Ereignisse(Quelle: Demeter Russafov /AMURT Haiti)
Haiti: In den Kinderzentren vergessen die Kinder für kurze Zeit die schrecklichen Erlebnisse.

Mitte 2016 haben wir die Wiederaufbauphase nach dem verheerenden Erdbeben im Januar 2010 in Haiti abgeschlossen. Das Collège Véréna, unser 13. Schulneu- und -wiederaufbau in Haiti, ist mittlerweile fertiggestellt und wir haben einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass Kinder kostenlos und gut unterrichtet werden. Im Oktober 2017 machte Hurrikan Matthew in Haiti erneut humanitäre Hilfe notwendig. Schon wenige Tage nach dem Sturm konnten wir 16 Kinderzentren für 2.000 Kinder eröffnen. Anfang 2017 sind die Wiederaufbauarbeiten gut angelaufen; die von der Sturmflut fast völlig zerstörte Berufsschule in Port-à-Piment wird von ehemaligen Schülern wieder aufgebaut und in Kürze ihren Betrieb aufnehmen.

Evaluierung von Selbsthilfegruppen. (Quelle: Barbara Winker)
Evaluierung einer Selbsthilfegruppe in Uganda

Wirksamkeit ist natürlich das höchste Ziel der Kindernothilfe. Was wurde 2016 getan, um sie weiter zu erhöhen?

In dieser Hinsicht haben wir vor allem unsere Planungs- und Monitoring-Instrumente verbessert. Traditionell konzentrieren sich unsere Partnerorganisationen in ihren Berichten darauf, welche Aktivitäten sie durchgeführt haben, wie viele Kinder sie betreut, welche Fortbildungen sie gegeben oder wie viele Therapieplätze sie geschaffen haben. Unsere Partner sollen darüber hinaus ebenfalls erheben, wie ihre Aktivitäten gewirkt haben. Die neuen Antrags- und Berichtsformate, die wir 2016 eingeführt haben, sind die Grundlage dafür.

Eines der wirksamsten Instrumente, um Armut zu bekämpfen, Kinderrechte durchzusetzen und Familien und Gemeinschaften zu stärken, ist unser Selbsthilfegruppen-Ansatz. Damit fördern wir inzwischen etwa 30.000 Gruppen in 19 Ländern. In unseren sechs asiatischen Partnerländern haben wir ein Kontrollsystem entwickelt, mit dem wir für das gesamte Programm in Asien sehr genau nachvollziehen können, wie viel Fortschritt der Ansatz gebracht hat.

Katrin Weidemann, Vorstandsvorsitzende (CEO)
Christoph Dehn, Vorstand Programmbereich (CPO)
Jürgen Borchardt, Vorstand Finanzen und Verwaltung (CFO)

Kontakt: vorstand@kindernothilfe.de