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„Ich möchte nicht ruhig dasitzen und nichts tun“

Norbert Blüm begleitet die Kindernothilfe seit 1999. Damals übernahm er den Vorsitz des Stiftungsrates. An seine Enkelkinder verschenkt er Patenschaften und reist selbst immer wieder in Projekte, um sich ein Bild von der Arbeit zu machen. Ein Gespräch mit dem früheren Arbeits- und Sozialminister über sein Engagement für die Kindernothilfe.

Norbert Blüm mit einem Mädchen aus dem Kinderkomitee vom Steinbruch in Chota. Quelle: Jürgen Schübelin.
Dr. Norbert Blüm, Stiftungsratsvorsitzender der Kindernothilfe-Stiftung. (Quelle: Jürgen Schübelin.)

Herr Blüm, Sie sagten einmal: „Bei der Kindernothilfe fühle ich mich zu Hause.“ Was gefällt Ihnen bei der Kindernothilfe besonders gut?

Das sind drei Dinge: Erstens, dass die Hilfe der Kindernothilfe konkret ist, dass sie nicht mit ideologischen Programmen die Welt beglückt, sondern Menschen, die Hilfe brauchen, direkt hilft. Zweitens, dass sie mit lokalen Partnern vor Ort arbeitet. Denn die Betroffenen wissen am besten, was ihnen fehlt: Die beste Hilfe ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Und drittens, dass die Kindernothilfe eine Organisation mit christlichem Fundament ist. Das Christentum steht auf der Seite der Schwachen, es ist eine Religion, deren Gründer ein Gekreuzigter ist, ein Gescheiterter, ein Leidender.

Wie nützlich ist Ihre Prominenz für Ihre Arbeit für die Kindernothilfe? 

Was ich tun kann, ist Aufmerksamkeit zu erzeugen für das, was auf der Welt im Argen liegt. 30.000 Kinder auf dieser Welt verrecken Tag für Tag. Das ist ein großer Skandal, für den es keine Rechtfertigung gibt. Dieselbe Menschheit, die sich rüstet, den Mars zu erobern, die stolz ist, auf dem Mond gelandet zu sein, schafft es nicht, allen Kindern zu essen, zu trinken und gesundheitliche Versorgung zu geben. Dieselbe Informatikgesellschaft, die sich als Wissensgesellschaft brüstet, schickt Kinder in Bergwerke, in Teppichhöhlen, in Steinbrüche, beutet sie aus, macht sie kaputt. Und gegen dieses schreiende Unrecht muss man mobilisieren.

Sie haben viele Projekte von uns gesehen. Die letzte Reise hat Sie nach Peru geführt. Dort haben Sie einen Steinbruch besucht, in dem Kinder unter schwierigsten Bedingungen harte Arbeit verrichten müssen. Was hat Sie in Peru besonders berührt?

Mich überrascht immer wieder, mit welchem Lebensmut, mit welcher Selbstständigkeit Kinder in Not ihr Leben meistern. Diese Kinder haben einen ungeheuren Überlebenswillen und eine Fähigkeit zur Zuversicht, die uns im altersschwachen Europa fast abhanden gekommen ist. In den dunkelsten Hütten hört man noch Lachen. Ich war schon in vielen Elendsvierteln, aber ich habe dort noch nie einen Sterbenden alleine sterben sehen. In Deutschland habe ich das auf Intensivstationen oft erlebt.

Sie engagieren sich besonders gegen ausbeuterische Kinderarbeit. Wieso ist Ihnen dieses Thema so wichtig?

Ich habe als Arbeitsminister in der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) die Konvention gegen ausbeuterische Kinderarbeit mit durchgesetzt. Die haben inzwischen fast alle Staaten der Erde unterschrieben. Das regt mich auf – dieses Ritual von Konventionen, von großen staatlichen Proklamationen und die Welt bleibt unverändert. Den Kampf gegen die Kinderarbeit halte ich für eine Schlüsselstelle im Kampf gegen die Armut. Denn solange Kinder arbeiten und dabei ausgebeutet werden, gehen sie nicht in die Schule und weil sie nicht in die Schule gehen, werden sie als Erwachsene arbeitslos sein und weil sie als Erwachsene arbeitslos sind, werden sie ihre Kinder wieder arbeiten und nicht zur Schule schicken. Und so wälzt sich der Teufelskreis von Kinderarbeit und Ausbeutung durch die Geschichte fort. Also muss man den Hebel dort ansetzen, wo er die höchste Kraft entwickelt, nämlich bei den Kindern, und muss dafür sorgen, dass sie in die Schule gehen, dass sie etwas lernen, dass sie ein Dach über dem Kopf haben.

Herr Blüm, Sie sind selbst überzeugter Pate der Kindernothilfe. Sie schenken jedem Ihrer Enkel traditionell zur Einschulung eine Patenschaft der Kindernothilfe für ein gleichaltriges Kind in einem armen Land. Vor zwei Jahren machten Sie eine ganz besondere Reise: Sie besuchten mit Ihrer zwölfjährigen Enkelin Lilian ihr Patenkind Tamil Mozhi in Indien. Was hat diese Reise für Sie und Ihre Enkelin bedeutet? 

Das war die schönste Reise, die ich je gemacht habe und die ich wahrscheinlich jemals in meinem Leben machen werde. Meine Enkelin Lili hat eine Schwester gefunden – Tamil Mozhi in Indien. Die beiden schreiben sich und werden ein Leben lang zusammenhalten, da bin ich mir ganz sicher. Was ist das größte Geschenk, das du deinen Enkeln machen kannst? Dass sie fähig zum Mitleid werden. Das ist mehr als alle Handys oder schicke Klamotten. Wenn es uns gelänge, das ist mein Traum, die ganze Welt mit nachbarschaftlichen Beziehungen zu überziehen, mit Patenschaften, wenn Millionen von Menschen irgendwo auf der Welt einen Nachbarn hätten, der Schwester, der Bruder ist, dann hätten wir viel erreicht.

Heribert Prantl schrieb anlässlich Ihres 70. Geburtstages in der Süddeutschen Zeitung: „Blüm wusste und weiß, wie es unten aussieht. An der Werkbank bei Opel in Rüsselsheim, wo schon der Vater arbeitete, verdiente er sein erstes Geld. Als Bauarbeiter hat er gearbeitet, als Lkw-Fahrer und Kellner, Straßenbauer und Kunstschmied, bevor er dann studierte und zum „Nobbi“ wurde.“ Wie beeinflusste Ihre Herkunft Ihren Lebensweg, Ihr Engagement für Menschen in Not?

Ich schätze Heribert Prantl sehr, doch hier muss ich ihn korrigieren: Was heißt eigentlich „unten“? Was Ehrlichkeit und Menschlichkeit anbelangt, habe ich an den Werkbänken von Opel bewundernswerte Typen kennen gelernt, von denen ich mich glücklich schätzen würde, wenn ich die in der Politik gefunden hätte. Also mit dem Oben und Unten muss man vorsichtig sein, denn damit wird unausgesprochen eine Wertung ausgesprochen. Ich habe das Leben aus verschiedenen Perspektiven kennen gelernt – nicht nur aus der Perspektive der Öffentlichkeit, sondern auch aus der des Alltags. Das ist eine gute Lehre – auch für alle, die Politik machen wollen. Ich finde es nicht erstrebenswert, von der Universitätsbank in die Parlamentsbank zu wechseln. Mein Rat ist: Jeder, der Politik als Beruf wählt, sollte sich erst als Metzger, Betriebsrat, Schreinermeister, Pförtner, Ingenieur bewährt haben.

Sie selbst haben eine Lehre als Werkzeugmacher gemacht. 

Den Beruf habe ich mir nicht ausgesucht. Das waren damals andere Zeiten. Überhaupt habe ich mein Leben nicht geplant. Sartre hat mal gesagt: „Der Mensch, das ist seine Wahl.“ Da muss ich ihn leider enttäuschen, ich bin höchstens zu 10 Prozent das Ergebnis meiner Wahl. 90 Prozent sind Zufall, Schicksal, Gnade. Ich habe mir weder meine Eltern ausgesucht noch die Zeit, in der ich geboren wurde. Das ist eine Überheblichkeit zu glauben, wir seien der Meister von allem, was mit uns geschieht.

Gibt es ein Ereignis in Ihrem Leben, das Sie besonders geprägt hat? 

Ich war als Kind nach einem Fliegerangriff mit meiner Mutter und meinem Bruder im Heizungskeller eingesperrt. Das Haus hat gebrannt, und wir sind erst in letzter Sekunde rausgekommen. Seit der Zeit weiß ich, was Todesangst ist. Das hat mich stark gemacht. Meine Mutter war nämlich in diesen entscheidenden Minuten ganz ruhig, ganz stark. Warum? Weil sie eine gute Verbindung zum lieben Gott hatte.

Haben Sie die auch? Eine gute Verbindung zum lieben Gott?

An die Glaubensstärke meiner Mutter komme ich nicht heran. Aber ich versuche es, ja, ich glaube, dass wir nicht ohne Gott sind. 

Herr Blüm, Sie haben seit 1999 den Vorsitz der Kindernothilfe-Stiftung. Bei Stiftungen denken viele unwillkürlich an reiche Leute. Was verbinden Sie mit dem Wort „Stiftung“?

Ich fand die Idee, eine Stiftung zu gründen deshalb so genial, weil viele Menschen nicht vergessen werden wollen und deshalb Riesenanstrengungen unternehmen. Sie bauen große Denkmäler, mächtige Herrscher lassen sich neben ihrem Grab Kirchen errichten, Könige Schlösser, andere wiederum investieren viel in ihren Grabstein. Also ich finde, der beste Grabstein ist im Herzen von anderen Menschen und wenn du mit deiner Stiftung anderen helfen kannst, dann ist das besser als ein Grabstein. Denn eine Stiftung ist ein ganz besonderes „Denkmal“: Es „denkt“ jemand an dich, du veränderst über deine Lebensgrenze hinaus die Welt. Du bist nicht tot. Du bist nicht im Grab, und dein Geld hilft Kindern in Afrika. Da braucht man keine Millionen. Aus der Summe von vielen kleinen Anstrengungen entsteht ein großes Werk, wie auch Kathedralen aus vielen Bausteinen bestehen. Und so besteht eine Stiftung aus vielen Stiftungen.

Die Fragen stellte Christine Taylor.

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