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Waffel. (Quelle: Gunhild Aiyub)

„Waffelbacken ist Knochenarbeit“

Jedes Jahr Ende August ist die bekannte Herbstkirmes in Wermelskirchen, und seit 31 Jahren ist der Waffelstand der Kirchengemeinde dort nicht wegzudenken.  Sonnenschirme flogen weg, die Beleuchtung wurde gestohlen, Waffeleisen ging in Rauch auf, doch die Backgruppe ließ sich nicht unterkriegen. Mehr als 205.000 Euro haben sie und ihre inzwischen 100 freiwilligen Helfer für Kindernothilfe-Projekte eingenommen.

Text und Fotos: Gunhild Aiyub

Montagsmittags in Wermelskirchen. Wir sind mit der Waffelstandgruppe auf der berühmten Herbstkirmes verabredet, die immer von freitags bis dienstags läuft und mehr als 200.000 Besucher anlockt. „Da wird ja um diese Uhrzeit noch nicht viel los sein“, sage ich völlig naiv zu meiner Kollegin. Wir kämpfen uns eine der vielen steilen Straßen der Stadt hoch. Der Lärmpegel schwillt an. Auf der Bergkuppe plötzlich unglaubliche Menschenmassen. Musik. Bierausschank. Verfolgt von Helene Fischer wühlen wir uns durch das sogenannte Bermuda-Dreieck, hindurch zwischen schunkelnden Menschen - Einheimische, Touristen, Familien mit Kindern, Senioren im Rollstuhl. Damit hatten wir nicht gerechnet. Wie sollen wir in diesem Gewusel den Waffelstand finden? Einfach jemanden fragen, der Stand ist seit 31 Jahren eine Institution.

Eine Frau bedient den Waffelteig-Portionierer. (Quelle: Gunhild Aiyub)
Erika Schmidt bedient den Teig-Portionierer.
Eine Frau hebt eine fertige Waffel aus dem Eisen. (Quelle: Gunhild Aiyub)
Und wieder ist eine Waffel fertig!

Auf dem Krammarkt reiht sich Händler an Händler, 250 sollen es sein, da gibt es farbige Bambusschüsseln, Haushaltsmesser, jemand demonstriert, wie man Katzenhaare von Polstern bekommt. Dann endlich der Geruch nach frischen Waffeln, weiße Sonnenschirme mit blauem Kindernothilfe-Logo, darunter Leute mit Puderzucker im Gesicht, die in knusprige Waffeln beißen. In einem Pavillon wuseln mehrere Personen in Kindernothilfe-Schürzen hin und her. Daniel Thomas und Erika Schmidt, zwei der 100 Freiwilligen, die die Aktionsgruppe unterstützen, bedienen routiniert den Teigportionierer und je zwei Profi-Waffeleisen. Knopf drücken, etwas Teig ins Waffeleisen laufen lassen, Klappe zu, Klappe wieder auf, Waffel raus und auf einen Teller legen, der direkt vom Verkaufspersonal an die Kunden weitergereicht wird. Immer die gleichen Handgriffe. Drei Stunden dauert eine Schicht, rund zehn Leute sind gleichzeitig in Aktion, die Stände müssen von 10 bis 22 Uhr in Betrieb sein, sonst gibt es Ärger mit der Stadt. Da weiß man anschließend, was man getan hat. Der Andrang vor dem Pavillon ist groß. „Ich hätte gern zehn Waffeln zum Mitnehmen, geht das?“, fragt eine junge Frau. Leichtes Stöhnen aus der Warteschlange.

„Mit oder ohne Puderzucker?“

Konrad Pörsch hält eine Waffel hoch. (Quelle: Gunhild Aiyub)

Konrad Pörsch zaubert eine Waffel nach der anderen.

 

Und es gibt ja noch einen zweiten Stand – dazu muss man einen steilen, natürlich, wir sind ja im Bergischen Land, Weg zum „Haus der Begegnung“ erklimmen. Ein bunt bemaltes Schild weist den Weg, kreiert von einem Gruppenmitglied. Hinter dem Gebäude ein von einer Frauengruppe umlagerter Imbisswagen, in dem auch eifrig gebacken wird und bunt belegte Quarkbrote auf Käufer warten. Auf einem gemütlichen Platz laden Tische und Stühle und ein großes Zelt zum Sitzen ein. Am Waffeleisen ist Konrad Pörsch in seinem Element. „Anstellen wie bei Schürmann“, ruft er aus seinem Wagen. „So sagte man doch früher.“ „Huch, dann hab ich mich vorgedrängt“, meint eine Frau schuldbewusst. Und dann kommt die Frage, die Karl Pörsch und die anderen Freiwilligen während ihrer Schicht wohl hundertmal fragen: „Mit Puderzucker?“ Wobei das überhaupt kein Puderzucker ist, wie ich lerne, sondern Zauberschnee. Der verstopft nämlich das Sieb des Streuers nicht.

Bäcker Steinhaus hat 1.440 Eier verarbeitet!

Kirmes in Wermelskirchen 2018: Aktionsgruppe Waffelstand
Bergischer Zwieback und Spekulatius von Bäcker Steinhaus

Wer möchte, kann auch noch bergischen Zwieback und knusprige Spekulatius mitnehmen. „Es gibt Leute, die kommen extra deswegen zu uns“, weiß Rosemarie Fischer, dies ist ihr 21. Jahr im Leitungsteam des Waffelstandes. „Das sind die besten Spekulatius weit und breit!“ Ok, das wird ein Mitbringsel für die hungrigen Kollegen in Duisburg. Bäcker Werner Steinhaus ist bereits über 80, wirft aber gemeinsam mit seinem Enkel extra für den Waffelstand einmal im Jahr die Teigmaschine an. Auch der Waffelteig stammt von ihm. Im ersten Jahr hat er 160 Pfund Mehl und 1.000 Eier verarbeitet. Inzwischen sind es 195 Pfund Mehl, 95 Pfund Zucker und Fett, 1.440 Eier, 1,9 kg Salz, 1 kg Vanillinzucker und Backpulver und etwas Zimt. Der Teig wird in 10 Liter Eimern geliefert. Am Samstag hat die 71-jährige Margit Lehnhard mehrere davon die steilen Stufen hinunter in den Gewölbekeller im „Haus der Begegnung“ geschleppt. „Ja, Waffelbacken ist ein Knochenjob!“, lacht sie. Sie gehört seit 2007 zum Leitungsteam des Waffelstandes.

Eine Frau kocht Kaffee. (Quelle: Gunhild Aiyub)
Ute Weber herrscht über die Kaffeemaschine.
In einer Küche zupfen zwei Frauen Petersilie. (Quelle: Gunhild Aiyub)
Aassya aus Syrien hilft gerne mit.

In der Küche herrscht Gedränge – Ute Weber gönnt der großen Kaffeemaschine keine Pause, Katja Burger schmiert Schmalzbrote wie am Fließband. „Ich hab 17 kg Schmalz gekauft“, erzählt Margit Lehnhard, „mal sehen, ob wir dieses Jahr damit auskommen.“ Aassya aus Syrien zerpflückt Petersilie. Mehrere Flüchtlinge, die in der Kirchengemeinde von Martina Haack betreut werden, haben sich zum Dienst gemeldet. Ich frage Aassya, ob es in Syrien auch Waffeln gibt. Da lacht sie: „Nein, so etwas haben wir nicht. Aber ich mag sie, sie sind lecker!

In der Küche werden Brote geschmiert. (Quelle: Gunhild Aiyub)
Hektische Betriebsamkeit in der Küche: Margit Lehnhard, Katja Burger und Daniel Thomas

Am Anfang jagte eine Katastrophe die nächste …

Frisch gebackene Waffel. (Quelle: Gunhild Aiyub)

Lecker!

 

Die Anfänge des Waffelstandes gehen zurück auf ein Kindernothilfe-Patentreffen 1988 in der Kirchengemeinde. Pfarrersfrau Ilse Finkenrath und Helga Sowas sowie zwei weitere Frauen hatten die Idee, über die Patenschaften der Gemeinde hinaus mit Waffelbacken Geld für Kindernothilfe-Projekte zu sammeln. Damals unterstützte die Gemeinde bereits 160 Patenkinder, aber die Frauen wollten gern auch noch wichtige Projekte fördern. Sie starteten ganz bescheiden mit vier kleinen Tischen, vier Haushalts-Waffeleisen und zwei Sonnenschirmen. Den Stromanschluss und den Standplatz in der Hauseinfahrt stellte Ehepaar Siebel zur Verfügung, später zog der Stand mehrmals um. „Uns wurde schmerzhaft klar, mit Sonnenschirmen kann man im Bergischen Land selbst im Hochsommer keinen Stand aufbauen“, lese ich in dem kleinen Heftchen zum zehnjährigen Jubiläum der Gruppe. Wind und Regen fegten die Schirme weg, und die Backgruppe verzog sich in die Garage von Familie Störte. Als bei denen Trockner und Spülmaschine  gleichzeitig liefen, hatten die Waffeleisen plötzlich keinen Strom mehr, nette Nachbarn ließen die Gruppe weitere Stromquellen anzapfen. Als nächstes brannten die ersten Waffeleisen durch. Das Nachmittagsgeschäft flaute regelmäßig ab - trotz „flotter Sprüche und marktschreierischem Gebaren“, wie die Chronik offenbart. Also wurde das Sortiment um Quark- und Schmalzbrote erweitert. „Biobrot und Kräuterquark hält die Männer fit und stark“, heißt es scherzhaft in den Annalen.

Die Sonnenschirme wurden schließlich durch einen alten Marktstand ersetzt, mit Rohren, Gestänge und Plane erweiterte und mit Beleuchtung ausgestattet. Die wurde dann direkt in der ersten Nacht geklaut! Das Geschirr lieferte die Kirchengemeinde. Gespült wurde in einer kleinen Schüssel, „das Spülwasser erhitzten wir mit einem Tauchsieder“, verrät die Chronik. Die riesigen Kaffeemengen wurden im Gemeindezentrum der Stadtkirche gekocht, und „Kaffeekuriere“ karrten sie in großen Bottichen per Bollerwagen durch den Kirmestrubel zum Stand. Die ersten Jahre versammelten sich die Gruppe dann nachts in Familie Siebels Küche und machte Kassensturz.

125 Tage Waffelstand bringen mehr als 205.000 Euro Spenden

5.600 Mark Reinerlös verbuchten die Frauen nach ihrem ersten Einsatz – ein Ergebnis, das alle fast aus den Schuhen haute. Und der Erfolg ging weiter. 1999 waren es sensationelle 17.419,07 Mark; den bisherigen Spitzenwert erreichte die Gruppe 2005 mit unglaublichen 10.073 Euro! Die Unkosten – inzwischen 3.000 Euro - sind dabei schon abgezogen. Dass die Einnahmen schwanken, liegt z. B. am Wetter und daran, ob Schulferien sind oder nicht – Faktoren, auf die die Waffelbäckerinnen und -bäcker keinen Einfluss haben. Die Spendenzwecke erfragen sie jedes Jahr bei der Kindernothilfe: eine Schule für hörgeschädigte Kinder in Indien, eine Schulspeisung in Simbabwe, Reparaturen einer Kita in Südkorea, Soforthilfe in Äthiopien, Straßenkinder in Brasilien, ein Ausbildungszentrum in Bangladesch, Unterstützung mobiler Ärzteteams im Irak, die Liste ist lang. Und das alles wurde möglich durch die Initiative von vier Frauen!

Kinder, Küche, Kirche

Rosemarie Fischer an der Kaffeemaschine. (Quelle: Gunhild Aiyub)
Rosemarie Fischer ist seit 21 Jahren im Leitungsteam!
Martina Haack verkauft Quarkschnitten. (Quelle: Gunhild Aiyub)
Martina Haack freut sich über den reißenden Absatz von Quartschnitten.

Als Ehepaar Finkenrath nach zehn Jahren Nachfolger für die Teamleitung suchte, fragten sie Rosemarie Fischer an. Ihr Mann meinte dazu nur: „Du bist für Kinder, Küche, Kirche zuständig, mach doch.“ Gemeinsam mit den anderen zehn Frauen zwischen 50 und 75 organisiert sie seit 1997 den Waffelstand. Viermal im Jahr treffen sie sich, um zunächst Bilanz zu ziehen und dann das nächste Jahr vorzubereiten. Aufgaben werden verteilt, die Johanniter frischen die Kenntnisse in Erste Hilfe auf – „falls mal wieder jemand umfällt oder sich am Waffeleisen verbrennt!“, sagt Margit Lehnhard. Die freiwilligen Helfer werden per Gemeindebrief und Anzeigen in der Tageszeitung rekrutiert. In den zwei Tagen vor der Kirmes müssen die Zelte aufgebaut, Elektrik installiert und das Geschirr gespült werden. Auch nach jeder Abendschicht stehen Spülen und Aufräumen auf dem Plan. Am Mittwoch nach Veranstaltung läuft die Reihenfolge umgekehrt ab – Spülen, Abbauen, Wegfahren. ! In der Tat, dieser Waffelstand ist wirklich ein Knochenjob! “Aber für die Kinder nehmen wir diese Anstrengungen gerne auf uns!“, sagt Margit Lehnhardt.

Das bedeutet heute für die Gruppe und ihre Helfer: noch zwei Tage Arbeit unter Hochspannung! Rosemarie Fischer verabschiedet sich nach ihrer Mittagsschicht für heute. Sie ist seit halb fünf auf den Beinen. „Ich habe für heute für den Stand 12 Pfund Quark angerührt, mit Schnittlauch, Dill, Sahne und was da sonst noch so hineingehört.“ Lecker! Auch wir müssen wieder zurück nach Duisburg. Vielen Kollegen ist die Waffelstandgruppe in Wermelskirchen ein Begriff – durch Mail-, Brief- oder Telefonkontakt und durch die Meldungen im Kindernothilfe-Magazin. Wir werden ihnen und auch der Öffentlichkeit berichten, dass diese Gruppe fantastisch und absolut einen Besuch wert ist!