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Foto von Sara beim Abschluss der Universität. (Quelle: Josephine Herschel)

"Wir sind Freunde und Familie für immer“

Vor 15 Jahren übernahm das Ehepaar Mielke aus Oberhausen eine Kinderpatenschaft für Sara aus Äthiopien. Gemeinsam haben sie in dieser Zeit einige Herausforderungen gemeistert. Und: Sie lernten sich sogar persönlich kennen.

Von Josephine Herschel, Kindernothilfe-Redakteurin

Andrea Mielke blickt nervös auf die Uhr, doch nichts geht mehr auf der A9 in Richtung München. Sara hatte nochmal angerufen und fragte, wann sie denn da sein würden. Doch vor und hinter ihnen reihen sich die Stoßstangen aneinander. Ihr Mann am Steuer und die Eltern auf der Rückbank versuchen, sie zu beruhigen. „Es geht gleich bestimmt weiter. Wir haben ja die Adresse von der Jugendherberge, da fahren wir sofort hin, sobald wir in München sind.“ Alle sind angespannt, diese Fahrt haben sie so lange und intensiv geplant. Als sie erfahren haben, dass Sara nach München fliegen würde, hatten sie eigentlich schon einen Urlaub gebucht. „Den haben wir dann extra verkürzt, weil wir alle Sara endlich persönlich kennenlernen wollten.“ Denn bis dahin kennen Wolfgang und Andrea Mielke Sara nur aus Briefen und E-Mails.

Vor 15 Jahren wurden sie die Pateneltern des kleinen Mädchens aus Äthiopien, das dort mitten auf dem Land aufwuchs, dessen Mutter früh starb und das seinen Vater nie kennengelernt hat. Sara lebte bei Verwandten und wurde schließlich in ein Programm der Kindernothilfe aufgenommen. So wurde das Ehepaar aus Oberhausen zu den Pateneltern der kleinen Sara aus Äthiopien. Doch für Sara sind die Mielkes noch viel mehr. In ihren Briefen schreibt sie immer wieder: „Ihr seid die wichtigsten Menschen in meinem Leben.“ Und auch für die Mielkes ist Sara wie eine Tochter. „Wir sind eine richtige Familie. Sara nennt uns auch immer Mama und Papa.“

Endlich können sich Sara und die Mielkes in die Arme fallen

Wolfgang und Anrea Mielke schauen gemeinsam Fotos an. (Quelle: Josephine Herschel)
Die Mielkes habe nach Saras Besuch ein ganzes Fotoalbum angelegt.

Als die Mielkes nach stundenlanger Fahrt an der Jugendherberge in München ankommen, ist von Sara keine Spur. Immer wieder wählt Andrea Mielke jetzt Saras Nummer und immer wieder erreicht sie nur die Mailbox. Der Mann an der Rezeption kann ihnen auch nicht weiterhelfen. Sie warten vor der Herberge und mustern fieberhaft alle Menschen, die vorbeilaufen. „Und dann sagte mein Mann ‚Ich glaube, da kommt sie.‘“ Und tatsächlich: Sie ist es. Auf einmal werden alle noch nervöser. „Wir wussten ja gar nicht, wie wir uns begrüßen sollen“, erinnert sich Andrea Mielke. Doch die Unsicherheit ist schnell überwunden. Sara und ihre Patenfamilie fallen sich in die Arme und können nicht glauben, dass sie sich endlich treffen.

Dass die Mielkes und Sara sich in Deutschland persönlich kennenlernen können, ist jedoch keineswegs selbstverständlich. Vielmehr verdanken sie es Saras starkem Willen – dem Willen, Ärztin zu werden. Denn die junge Frau ist in ihrem Medizinstudium in Äthiopien eine der Jahrgangsbesten und darf deswegen an einem Trainingsprogramm mit dem Klinikum der Universität München teilnehmen. „Als wir die Patenschaft für Sara übernommen haben, hatten wir die Hoffnung, dass sie einen einfachen Beruf erlernt und ihren Unterhalt später einmal selbst bestreiten kann. Aber als sie mehrmals Klassen in der Schule übersprungen hat, war uns klar, dass sie es zu etwas Größerem bringen wird“, blickt Wolfgang Mielke zurück.

Sara sprüht vor Energie

Andrea Mielke mit Sara. (Quelle: Privat)
Bei ihrem Treffen in München begreift Andrea Mielke, was Sara antreibt.

Doch der Weg zu Saras erfolgreichem Abschluss war nicht immer einfach. Eines Tages bekam das Ehepaar einen beunruhigenden Brief. Die kleine Sara spielte mit dem Gedanken, die Schule abzubrechen. „Sie hat geschrieben, dass sie arbeiten will, um ihre Verwandten zu unterstützen.“ Andrea und Wolfgang Mielke sind schockiert. Noch am selben Abend schreiben sie Sara einen langen Brief, in dem sie versuchen, sie zu überzeugen, die Schule weiter zu besuchen. „Wir haben ihr gesagt, dass sie später davon profitieren wird und dass sie mit einem Schulabschluss bessere Chancen hat.“ Ein paar Wochen später kommt dann der erlösende Brief: Sara hat sich entschlossen, die Schule nur mit Abschluss zu verlassen. Und sie sprüht mehr denn je vor Energie, zieht die Schulausbildung unddas Studium ohne Umwege durch. So zielgerichtet, dass die Mielkes sie schon bremsen möchten. „Wir haben ihr dann auch geschrieben, dass sie doch jung ist und ihr Leben auch außerhalb des Studiums genießen soll.“
Aber bei ihrem Treffen in München begreift Andrea Mielke, was Sara die ganze Zeit antreibt: „Sara hat ihre Unterstützung nie als selbstverständlich angesehen. Es beschäftigt sie sehr, dass gerade ihr geholfen wurde. In ihrer Heimat sieht sie so viele Kinder, die weiterhin in Armut leben.“ Deshalb hat sie immer alles getan, um irgendwann selbst helfen zu können. Und das möchte sie in ihrer Heimat tun – dem Land und den Menschen dort eine bessere Zukunft ermöglichen. Und so trennt sie sich nach der Zeit in München zwar schweren Herzens wieder von ihren „Eltern“, wird die gemeinsame Woche aber nie vergessen.

"Sie ist unsere Tochter"

Im nächsten Brief schreibt sie Andrea und Wolfgang Mielke „Das waren die schönsten Tage meines Lebens. Wir sind Freunde und Familie für immer.“ Zurück in Äthiopien schließt Sara ihr Studium als Jahrgangsbeste ab. Heute macht die junge Frau eine Zusatzausbildung in Gynäkologie, um ihren Traum zu verwirklichen: eine kleine Praxis zu haben und den Menschen vor Ort etwas von ihrem Glück weiterzugeben. Und auch Andrea und Wolfgang Mielke empfinden Glück bei dem Gedanken an die Begegnung mit Sara. Längst ist das kleine Mädchen aus Äthiopien nicht mehr ihr Patenkind. „Sie ist unsere Tochter.“