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Selbsthilfegruppe Hulunchay. (Quelle: Christian Herrmanny)

Hinter jedem starken Kind
steht eine starke Mutter

Vor zehn Jahren hat sich eine Handvoll äthiopischer Frauen auf ein Experiment mit uns eingelassen: Sie gründeten eine der ersten Selbsthilfegruppen nach einem Konzept, das wir gerade entwickelt hatten. Was aus ihnen und ihren Familien geworden ist? Lesen Sie selbst!

Von Christian Herrmanny, stellvertretender Pressesprecher

Ihre Stimmen klingen heiter, ihre Stimmung ist sehr gut. Und ihre Gespräche im geräumigen Häuser-Innenhof in einem Vorort von Nazareth/Äthiopien sind alles andere als leise. 19 Frauen sitzen im Kreis, dazwischen spielen Kinder, einige ruhen sich auf dem Schoß ihrer Mutter aus. Die Frauen erzählen einander von ihren Familien, von der Arbeit, von ihren Plänen für die kommenden Wochen. Hulunchay heißt ihre Gruppe. Wie jede Woche treffen sie sich hier am späten Mittwochnachmittag. Übersetzt bedeutet der Gruppenname „Alles ist möglich“. Diesen Namen haben sie sich selbst gegeben, vor zehn Jahren, als sie sich zu einer Selbsthilfegruppe (SHG) zusammenschlossen – zu einer der ersten in ganz Äthiopien.

Am 13. Juli 2002 haben sie ihre SHG gegründet, die Frauen waren damals zwischen 18 und 40 Jahre alt und echte Pioniere. Sie waren völlig verarmt und perspektivlos, inzwischen sind sie erfolgreich, zufrieden und Vorbilder in ihrer Region. Sie können ihre Familien ernähren, ermöglichen ihnen Bildung und medizinische Versorgung – und sie haben sogar das Leben ihrer ganzen Region verbessert. Alles durch ihre starke Gemeinschaft und gegenseitige Kreditvergabe. Aber von vorn. Es war Anfang 2002, als Mitarbeiter des Kindernothilfe-Partners „Ethiopian Kale Heywot Church“ ganz gezielt auf die ärmsten Frauen in einem Stadtteil am Rande Nazareths zugingen. Die Sozialarbeiter erzählten von der Idee einer Selbsthilfegruppe – und sagten dabei ganz offen, dass es sich um ein Experiment handelt, einen Versuch noch ohne jedes Vorbild in Äthiopien. Während einige Frauen anfangs skeptisch waren, überwogen schließlich doch Interesse und Neugier. „Was hatten wir schon zu verlieren?“, fragt Senait rhetorisch in die Runde. „Wir waren alle bitterarm, ohne Zukunft und hörten jetzt, dass sich unsere Situation zum Guten ändern könnte. Also haben wir mitgemacht.“

Ein Name war schnell gefunden: Hulunchay – „Alles ist möglich"

In den ersten Gruppentreffen wurden viele Vereinbarungen getroffen: Wie sollte die SHG heißen, wie häufig wollten sie sich treffen und vor allem: wie hoch oder besser wie niedrig sollte der wöchentlich zu sparende Betrag sein? Der Name war schnell gefunden: Hulunchay. Als die Frauen mit dem Sparen begannen, zahlte jede wöchentlich umgerechnet fünf Eurocent in die gemeinsame Kasse. Heute ist es mindestens das Zehnfache, was zwar auch, aber längst nicht nur mit der allgemeinen Preissteigerung in Äthiopien zusammenhängt: Die Frauen sind schlichtweg allesamt erfolgreich in ihren Jobs und mit ihren Geschäftsideen, die sie mit der Unterstützung der Gemeinschaft aufnehmen und vorantreiben konnten.

Dabei war der Anfang durchaus mühsam für diejenigen, die teilweise kaum lesen oder schreiben noch in großen Zahlenräumen rechnen konnten. Unter Anleitung der SGH-Begleiter, die von Kindernothilfepartnern geschult werden, lernten die Frauen korrekt Buch zu führen und abzurechnen, die wöchentlichen Sitzungen zu protokollieren und einen nachvollziehbaren Geschäftsplan aufzustellen. Aber sie alle lebten noch mehr oder weniger von der Hand in den Mund. An Sparen war kaum zu denken. „Das wenige Geld, das ich beim Verkauf von Eiern auf dem Markt verdiente, das habe ich doch sofort wieder für Brot, Tomaten oder Mangos für meine Familie ausgegeben“, erinnert sich Mahelet. „Mir war nicht klar, wie jemand wie ich einen einzigen Birr sparen sollte. Aber die SHG-Begleiter haben uns gezeigt: Es geht doch!“ So verzichtete Mahelet beispielsweise auf den in Äthiopien elementar zum gesellschaftlichen Leben gehörenden Kaffee – statt drei Tassen am Tag tranken sie und ihr Mann jeweils nur noch eine. Von ihrem ersten Kredit aus der anwachsenden Sparsumme kaufte Mahelet weitere Hühner und besseres Hühnerfutter. Mehr Eier bedeuteten rasch ein höheres Einkommen, das Darlehen konnte schnell zurückgezahlt werden. Das ist das wirtschaftliche Prinzip der SHG.

SHG in Nazareth: Geldzählen. (Quelle: Christian Herrmanny)
Der Kreditrahmen erweiterte sich im Laufe der Jahre von 12 Euro auf 700 Euro.

Die Kredite haben sich im Laufe der vergangenen zehn Jahre deutlich verändert: Zu Beginn bekam keine Frau mehr als umgerechnet 12 Euro aus dem gemeinsamen Topf. Damit konnte sie wirtschaften und eine Ziege oder Waren zum Weiterverkauf erwerben. So bald wie möglich musste der Kredit zurückgezahlt werden, damit die nächste Frau Geld leihen und ihre Geschäftsidee ausbauen konnte.

Inzwischen liegt der Kreditrahmen bei umgerechnet 700 Euro – mit solchen Beträgen lässt sich in Nazareth schon eine Gaststätte mit Möbeln ausstatten oder ein kleiner gebrauchter Lastwagen anschaffen. Seit 2002 hat sich die Gruppe gegenseitig Kredite in Höhe von 480.000 Birr, also rund 20.000 Euro, vergeben. Ihr Grundkapital beträgt stolze 63.000 Birr (rund 2.600 Euro).

„Das ist so ein tolles Gefühl, die Bank zu betreten“

SHG-Frau backt Injera. (Quelle: Christian Herrmanny)
Mit dem Kredit kann beispielsweise ein Steinofen zum Brotbacken gekauft werden.

Geld wird eingesammelt. Sorgfältig zählen die Frauen die Scheine vor, alles wird ins Buch eingetragen. Umgerechnet fast 60 Euro haben die Frauen diesmal gespart. Im wöchentlichen Wechsel bringt eine von ihnen den Betrag zur Bank: „Das ist so ein tolles Gefühl, die Bank zu betreten“, erzählt Azalech mit glänzenden Augen. „Wir zahlen Geld auf unser eigenes Konto ein. Daran hätte ich niemals zu denken gewagt, als ich noch nicht in der Selbsthilfegruppe war“, so die vierfache Mutter. Doch es geht bei der Arbeit der SHGs längst nicht nur um Geld – und nicht nur um den eigenen Nutzen. In Workshops, deren Kosten die Kindernothilfe trägt, informierten sich die Teilnehmerinnen über Ernährung und Gesundheitsvorsorge inklusive der wichtigen Themen HIV/Aids oder sie diskutierten über Kinderrechte und Erziehung. Die Frauen schlichten Konflikte in ihrem Umfeld und sind zu einer echten Institution im Viertel geworden. So konnten die Frauen zum Beispiel die Planung der Wasserversorgung im Stadtviertel zum Wohle aller Bewohner maßgeblich beeinflussen. Auch die lokalen Politiker wurden von den SHG-Mitgliedern mit Blick auf die fehlenden Lehrer in der Schule in die Pflicht genommen.

Selbst als es anfangs nur um eingesammelte Centbeträge ging, hatten die Frauen das Allgemeinwohl im Blick: Sie besparten einen Sozialfonds und einen Bildungsfonds. Wer eine Schuluniform oder die teuren Schulbücher nicht bezahlen konnte, wurde mit diesem Geld gefördert. Wer krank wird und eine medizinische Behandlung benötigt, die er sich nicht leisten kann, darf noch heute auf das Geld aus dem Sozialfonds zurückgreifen. Auch das passierte in den vergangenen zehn Jahren natürlich: Eine Frau konnte den Kredit nicht zum vereinbarten Zeitpunkt zurückzahlen. Doch auch bei solchen Problemen fanden die SHG-Mitglieder immer Lösungen: Längere Kreditlaufzeiten und im Zweifel sogar die ein oder andere Stundung eines Teilbetrages halfen den Frauen aus der Bredouille. Aber fast immer ging die Geschäftsidee auf, hat sich die Investition gelohnt: Einige kauften einen großen, mit Holzspänen befeuerten Steinofen und backen nun allmorgendlich das traditionelle äthiopische Brot: Injera. 600 dieser runden Fladen aus Wasser, Salz, Öl und dem regionalen Getreide Teff bringt Yeftusira morgens den Restaurants und Hotels in der Stadt. Andere Frauen schafften von den Kleinstkrediten Vieh an. Milch oder Wolle und dazu der Verkauf des Dungs brachten die notwendigen Erträge, um in weitere Tiere zu investieren.

Auch der frühere Verkauf von Saatgut, von Gemüse oder Obst auf dem Markt wurde professionalisiert: Während die Frauen bis 2002 die Früchte einfach auf dem Boden zu kleinen Tomaten- oder Papaya-Pyramiden stapelten, konnten sie mit den Darlehen richtige kleine Ladenlokale eröffnen. Samen können nun richtig gelagert werden, ohne dass Ungeziefer oder Schimmelpilz sie unbrauchbar machen, und Obst und Gemüse sind nicht mehr den ganzen Tag der Sonne ausgesetzt. Wieder andere Frauen eröffneten ein Restaurant, und Senait, eine füllige Frau mit gewinnendem Lachen, hat einen Reifenhandel und -reparaturservice aufgemacht. Sie hat inzwischen Angestellte, so gut läuft das Geschäft. „So kann ich auch noch für andere Familien mit sorgen“, sagt die 44-Jährige.

Mehrere Frauen konnten mit ihren persönlichen Ersparnissen Häuser für die eigene Familie bauen – und ihre Wellblechhütten aufgeben. Leilla hat mit ihrem ersten Kredit Altkleidung aufgekauft. Die damals gerade18-Jährigehat die gebrauchten Kleidungsstücke gewaschen und so aufbereitet, dass sie anschließend mit Gewinn weiterverkauft werden konnten. Inzwischen hat Leilla eine kleine Boutique – ebenfalls mit Angestellten. Doch damit nicht genug: Die 27-Jährige besucht sogar selbst die Universität und studiert. Überhaupt steht Bildung bei den Frauen ganz hoch im Kurs: Sämtliche Kinder gehen zur Schule, zum Teil besuchen sie das College und die High School. Darauf sind die Frauen sehr stolz. Genau wie auf ihre Anziehungskraft: Von 20 Gründungsmitgliedern ist nur eine einzige nicht mehr dabei. „Die Gruppe gibt mir Halt und Kraft“, bestätigt Mahelet.

Von einer Sebsthilfegruppe zu einer politischen Größe

Kinder von SHG-Frauen. (Quelle: Christian Herrmanny)
Glückliche Kinder mit Zukunft: Das Ziel der Selbsthilfegruppen-Arbeit.

Aus ehemals ausgegrenzten Frauen sind ernst zu nehmende Handelnde in ihrem sozialen Umfeld und darüber hinaus geworden: Denn gemeinsam mit elf anderen Selbsthilfegruppen haben die Frauen von Hulunchay im Februar 2003 nach Vorbild des SHG-Konzepts der Kindernothilfe eine sogenannte Cluster Level Association (CLA) gegründet – eine Art lokaler Dachverband für ein Dutzend SHGs mit insgesamt 200 Frauen. Jede SHG schickt zwei Vertreterinnen zu diesem monatlich tagenden Gremium, das seinerseits Trainings und Fortbildungen für die Frauen aller Gruppen koordiniert, das den Erfahrungsaustausch der SHGs untereinander fördert und die Bildung neuer Gruppen anregt bzw. junge Gruppen unterstützt. Außerdem packen sie Probleme in ihrer Region an, die die SHGs alleine nicht bewältigen könnten: Eine CLA hat etwa einen großen Kindergarten gegründet und dafür gesorgt, dass er vom Staat betrieben wird, andere haben hartnäckige Kampagnen in ihren Dörfern durchgeführt, um häusliche Gewalt zu reduzieren – mit großem Erfolg. Generell stehen Themen wie der Zugang zu Bildung, Gesundheitsvorsorge und Arbeit ganz oben auf der Agenda.

Noch über den CLA arbeiten auf der dritten Ebene die Federations. Dieser Zusammenschluss aus zehn bis zwölf Vertretern von CLAs spricht dann für rund 2.000 Frauen aus der Region – und ist damit eine echte politische Größe. Die Federation ist von den regionalen Behörden anerkannt und arbeitet mit ihnen zusammen, wo dies sinnvoll und möglich erscheint. Zudem haben sie etwa in Kursen fast 1.000 Frauen alphabetisiert und unzählige weitere bei ihrer Familienplanung beraten, um die sehr hohe Geburtenrate in ihrer Region zu reduzieren. Insgesamt organisieren sich rund 130.000 äthiopische Frauen in über 6.000 SHGs, wovon unmittelbar mehr als 370.000 Kinder profitieren.

Zehn Jahre nach Gründung der ersten Selbsthilfegruppen ist das eine echte Erfolgsgeschichte, meint Yeftusira: „Ich war so lange arbeitslos und wollte morgens schon gar nicht mehr aufstehen, weil ich nicht wusste, was ich meinen Kindern zu essen geben sollte. Ich habe für meine Situation keinen Ausweg gesehen. Und sehen Sie mich heute an: Ich bin eine erfolgreiche Geschäftsfrau und meine Kinder gehen alle zur Schule!“ Jetzt unterstützen Yeftusira, Leilla, Mahelet und die anderen Frauen aus Nazareth den Selbsthilfegruppen- Ansatz, damit noch mehr Frauen an diesem nachhaltigen sozialen Aufstieg teilhaben und mehr Kinder ein besseres Leben haben können. Aus der Idee von vor zehn Jahren ist eine riesige soziale Bewegung geworden – die Dank der Spender-Unterstützung aus Deutschland immer weiter wachsen kann.

So funktioniert unsere Hilfe zur Selbsthilfe

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