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Eine Kamelkarawane in der äthiopischen Wüste. (Quelle: Roland Brockmann)

Eine Schule auf Wanderschaft

Die Schule der Gali Mara passt auf ein Kamel. Das muss sie auch, denn der Clan der Halbnomaden im Nordosten Äthiopiens zieht mehrmals im Jahr um. Ohne die Zeltschule hätten Kinder und auch Erwachsene keine Chance auf Bildung.

Gunhild Aiyub, Kindernothilfe-Redakteurin 

Steiniger Sand, eine beigegraue Wüste bis zum Horizont, hier und da verdorrte Grasbüschel, deren Wurzeln offenbar irgendwann einmal Wasser gefunden haben. Die Sonne steht noch tief über dem flachen Land, der Wind fegt heulend über die endlose Weite. Mitten im Nirgendwo eine bunte Karawane. Majestätisch schreiten die Kamele über den Sand, der noch angenehm kühl ist. Das wird sich bald ändern, dann wird die Luft 40, manchmal 50 Grad heiß sein, und die Sonnenstrahlen werden alles, was sie erreichen können, aufheizen. Deshalb sind die 50 Familien mit ihren Tieren die ganze Nacht durchgewandert.

Wo es Regen gibt, erfahren sie per Handy

Stur geradeaus blicken die Kamele, als sähen sie dort etwas, wohin es sich zu gehen lohnt. Ihre Fracht ist leicht: geflochtene Matten, Kleidungsstücke, Töpfe, Teekessel und andere Haushaltsutensilien. An einem Kamelhöcker leuchten, völlig bizarr in dieser Landschaft, kleine Plastikstühlchen in schrillem Pink und Blau. Ein paar Metallstangen, eine Zeltplane und ganz oben eine schwarze Schultafel – hier schaukelt die mobile Schule der Gali Mara zum nächsten Siedlungsplatz. Dort wird der Clan bleiben, zwei Monate, vielleicht drei, das hängt vom Regen ab. Bleibt es zu lange trocken, finden ihre Kamele kein Futter mehr, ist es Zeit aufzubrechen. Manchmal 60 Kilometer weit. Dazu brauchen sie eine Nacht und einen Tag. Wohin sie wandern müssen, um etwas Grün zu finden, erfahren sie per Handy oder durch andere Clans, die vorbeikommen. Es gibt keinen Fernseher, kein Radio, keinen Computer, keinen Strom. Doch das Netzwerk der Halbnomaden in der Afar-Region funktioniert – wer Wasser und Weideplätze entdeckt hat, informiert sofort die anderen.

Und dann packen die 50 Familien ihr Dorf auf die Kamele und ziehen los. Nur die kleineren Kinder thronen hoch oben auf den Tieren auf dem Hausrat. Ihre Familien, Männer wie Frauen in bunte Tücher gewickelt, gehen neben den Kamelen her. Die Gali Mara reiten nicht auf ihnen, sie setzen sie nur als Lasttiere ein. Schritt für Schritt, immer im ewig gleichen Tempo, ziehen sie durch die Wüste. Wie schon ihre Eltern und Großeltern und Generationen vor ihnen.

Ein Dorf zieht um. (Quelle: Roland Brockmann)
Das Dorf zieht wieder mal um.

Eine riesige Zuckerfabrik beansprucht das fruchtbare Land

Die unwirtliche Afar-Region ist eine der ärmsten in Äthiopien. Die etwa 1,6 Millionen Afar, zu denen die Gali Mara gehören, leben als Halbnomaden in diesem Gebiet, das sich über Teile von Äthiopien, Dschibuti und Eritrea erstreckt. In der gnadenlosen Hitze führen die Bewohner ein karges Dasein. Gali Mara heißt: „Die, die mit Kamelen leben“. „Früher hatte ein Haushalt zwischen 50 und 100 Kamele“, erklärt Clanführer Ahmed Esse. „Heute halten manche nur noch fünf Kamele. Die Regierung verschwendet das wenige fruchtbare Ackerland in der Region für eine riesige Zuckerfabrik und ihre Plantagen, da bleibt nur noch wenig Land für uns übrig.“

Die Sonne steht mittlerweile hoch am Himmel. Das Licht ist gleißend, der Wind bringt nur wenig Kühlung. Die Landschaft hat sich verändert, das erste Grün ist zu sehen, kleine Sträucher, am Horizont ein dunkler Streifen. Die Kamele werden unruhig, sie riechen das Wasser. Noch eine Stunde, dann erreichen sie einen Platz, an dem sie schon einmal in diesem Jahr gesiedelt haben.

Ruckzuck steht das Dorf am neuen Platz

Mit Gebrüll sinken die Kamele auf die Knie, Frauen und Kinder binden ihre Fracht los und beginnen mit dem Aufbau der Rundhütten. Die gebogenen Äste werden wie ein Gerüst aufgestellt. Jeder Handgriff sitzt, ist auch von den Kindern schon zigmal ausgeübt worden. Die Mutter der siebenjährigen Koyna kämpft im heftigen Wind mit den Matten, mit denen die Rundhütte, der Tukul, von außen verkleidet wird. Schließlich klettert Koyna auf die hohe Kuppel. In ihrem roten Kleid mit schwarzen Punkten krabbelt sie wie ein riesiger Marienkäfer auf dem Dach herum und vernäht die einzelnen Matten miteinander.

Ein Mädchen thront oben auf einer Rundhütte. (Quelle: Roland Brockmann)
Geschafft: Koyna hat die Matten der Hütten zusammengenäht.
Das Schulzelt wird abgeladen. (Quelle: Roland Brockmann)
Koyna kann es kaum erwarten, bis das Schulzelt abgeladen ist.

Koyna ist zappelig und will so schnell wie möglich zu den anderen Kindern. Ein paar Meter weiter sind ihr Vater und ein paar andere Männer dabei, das Schulzelt aufzubauen. Dieses Ereignis verfolgen alle Kinder des Clans immer gespannt mit. Im Nu haben sie die kleinen Plastikstühlchen von dem Kamel gehievt und nebeneinander im Sand aufgereiht. Stühle sind in der Kultur der Gali Mara unüblich, umso interessanter sind sie für die Kinder. Wie im Kino sitzen sie jetzt da und beobachten und kommentieren die Aufbauarbeiten. Sie haben dieses Schauspiel alle schon oft gesehen, trotzdem ist es eine kleine Abwechslung in ihrem Alltag. Ruckzuck haben die Männer das Gestänge für das Zeltdach zusammengesteckt und die Plane darüber gezogen. Große Bahnen Moskitogaze bilden die Außenwände. Auch hier funktioniert jeder Griff wie am Schnürchen, und schon bald ist das 18 Quadratmeter große Klassenzimmer fertig. Lehrer Abdu Mohammod Ali verteilt im Inneren bunte Matten auf dem Boden, stellt die Tafel auf und ruft die Kinder, damit sie die Stühle hereinbringen. Fertig, und dann freuen sich alle auf den nächsten Tag, an dem die Schule an ihrem neuen Standort traditionell eingeweiht wird.

Die Zeltschule der Afar-Nomaden in Äthiopien. (Quelle: Kindernothilfe-Partner)
Die Kinder freuen sich, wenn der Unterricht endlich losgeht.

Lehrer in wenigen Wochen

Bevor der Kindernothilfe-Partner Development Expertise Center (DEC) den Gali Mara die Zeltschule gebracht hat, konnte fast niemand von ihnen lesen, schreiben, rechnen. Clan-Mitglied Abdu Mohammod Ali, 26, ist in der Kleinstadt Assaitia zur Schule gegangen – eine Chance, die sonst kaum jemand im Clan hatte. Deshalb wählten ihn die Clan-Ältesten aus, Lehrer zu werden. In einem mehrwöchigen Crash-Kurs lernte er beim Kindernothilfe- Partner in Theorie und Praxis Basiswissen für Lehrer: Wie vermittelt man den Unterrichtsstoff kindgerecht? Wie bringt man Kindern Gesundheitsaufklärung und Hygiene bei, denn auf dem Lehrplan sollten nicht nur die klassischen Fächer stehen. Wie überzeugt man die Clan-Mitglieder, ihre Kinder, vor allem die Mädchen, zur Schule zu schicken? Abdu Mohammod Ali liebt seine Arbeit, auch wenn er manchmal in Sachen Überzeugungsarbeit verzweifelt. „Koynas Mutter zum Beispiel findet, ihre Tochter sollte ihr bei der Hausarbeit helfen“, seufzt er. „Schule, so behauptet sie, sei nur etwas für Jungen.“

51 Prozent der äthiopischen Bevölkerung können nicht lesen und schreiben, so die Zahl des World Factbooks für 2015. In der Afar-Region sind 90 Prozent der Menschen Analphabeten, denn die Schulen sind viel zu weit weg. Deshalb hat der Kindernothilfe- Partner neben den Gali Mara auch noch fünf weitere Clans in der Umgebung mit Zeltschulen ausgestattet, weitere sechs sollen folgen. Clanführer Ahmed Esse ist stolz auf seine Schule: „Letztes Jahr nahmen 25 Kinder am Unterricht teil, dieses Jahr waren es schon 40. Es kamen sogar Familien aus anderen Clans zu uns, um sich die Zeltschule anzuschauen.“

Tanzenende Kinder vor der Zeltschule. (Quelle: Roland Brockmann)
Vor der ersten Schulstunde am neuen Ort singen und tanzen die Kinder.

Die Zeltschule ist Kita, Klassenzimmer und Schattenplatz

Bevor die Schule am nächsten Morgen beginnt, versammelt sich der ganze Clan vor dem Zelt. Die Erwachsenen knien nieder zum muslimischen Gebet, es folgt die Tanzeinlage der Kinder, auf die sie sich schon gefreut haben. Die henna-gefärbten Locken der Mädchen wippen, die bunten Tücher wehen, mit Begeisterung singen sie die alten, traditionellen Lieder, die schon ihre Vorfahren gesungen haben, sie tanzen und klatschen in die Hände.

Dann kann die erste Unterrichtsstunde am neuen Ort beginnen. Alle, die schon laufen können und noch nicht erwachsen sind, strömen in das Schulzelt. Drei Jahre ist die Jüngste, 17 der Älteste. Dass die Kleinen mitkommen, ist einmal der Tatsache geschuldet, dass es im Zelt Schatten gibt, ein nicht zu unterschätzender Faktor in der glühenden Hitze. Und wo immer die Familien sich ansiedeln mit ihren Kamelen, dort gibt es keinen Kindergarten, keine Spielplätze, noch nicht einmal Spielzeug. Deshalb fungiert das Schulzelt auch als Kita. Dass es dadurch manchmal ziemlich laut wird im luftigen Klassenzimmer, stört niemanden.

Unterricht in der Zeltschule. (Quelle: Roland Brockmann)
Heute lernen die Kinder Tiernamen.
Koyna (r.) in der Zeltschule. (Quelle: Roland Brockmann)
Koyna geht gerne zur Schule.

 Unterricht mitten in der Wüste

„Was ist das?“, fragt der Lehrer und hält ein Bild mit einer Schlange hoch. Das ist einfach, „Schlange“, rufen alle durcheinander, auch die Jüngsten. Koyna mag die Schule, während sie dem Unterricht folgt, zerknittert sie vor lauter Aufregung ihr Schulheft, das ohnehin schon viele Eselsohren hat. An die Tafel hat der Lehrer das äthiopische Silben-Alphabet in lateinischen Buchstaben geschrieben, ba be bi bu bo, ca ce ci cu co. Die Gali Mara lernen nur die lateinische Schrift. Ein kleiner Junge sitzt zu Koynas Füßen und schiebt große Plastikbuchstaben hin und her. Bei jedem Täfelchen, das Lehrer Abdo hochhält, ruft er im Chor mit den anderen lautstark den Namen des jeweiligen Tieres. Nach dem Unterricht schwärmen die Kinder lachend und schwatzend auseinander: die Mädchen nach Hause, um ihren Müttern zu helfen – Wasser vom Fluss holen, Feuerholz sammeln, Tee kochen, Fladenbrot aus Maiskörnern backen, die Geschwister beaufsichtigen; die Jungen zu den Kamelen, wo ihre Väter sind, um ihnen beim Melken zu helfen.

Nomade School  in Ethiopia /Afar, Projekt: Kindernothilfe (Quelle: Roland Brockmann)
Koyna hilft ihrer Mutter im Haushalt.

Dank Solarlampe lernen abends die Erwachsenen

Die Dämmerung kommt plötzlich, hier so dicht am Äquator. Als sie noch keine Solarlampe hatten, saßen die Gali Mara abends rund um die Feuer, aber ansonsten im Stockfinsteren. Jetzt aber ist das Schulzelt abends hell erleuchtet: Nun unterrichtet Lehrer Abdo die Erwachsenen. Der Unterrichtsstoff gleicht dem der Kinder: Lesen, Schreiben, Rechnen. Heute Abend spricht Abdu mit ihnen auch noch über ein akutes Problem: Die Kamele sind oft krank, und so manches Kind, das die Milch getrunken hat, leidet unter Durchfall. Er gibt ihnen Tipps, wie sie bei sich und ihren Tieren Krankheiten vermeiden können, erklärt, wie wichtig Hygiene ist. Anschließend besprechen sie weitere dringende Dinge. Beispielsweise die bevorstehende Dürre, die die Halbnomaden bereits sehr einschränkt und möglicherweise in den kommenden Wochen gravierende Auswirkungen in weiten Teilen Äthiopiens haben wird. Gut, dass der Lehrer weitere Hilfslieferungen des Kindernothilfe-Partners ankündigen kann – Säcke mit getrocknetem Mais gegen die bevorstehende Hungersnot. An anderen Abenden spricht er auch heikle Themen an wie Genitalverstümmelung und Frühverheiratung, die in der Afar Region weit verbreitet sind. Nur rechtzeitige Aufklärung kann verhindern, dass auch die nächste Generation des Clans unter diesen schädlichen Traditionen leiden muss.

„Ich möchte mich im Namen meiner Gemeinschaft bei denen bedanken, die uns zu dieser Schule verholfen haben“, sagt Clanführer Ahmed Esse. „Wir brauchen Bildung, unbedingt. Diese Schule hilft uns sehr, nicht nur den Kindern, auch uns Erwachsenen, denn auch wir wollen lernen. Bildung ist der Weg zu einem besseren Leben. Die Schule hilft uns auch mit unseren Ressourcen sinnvoller umzugehen und unsere Tiere gesund zu halten. Danke!“

Projekt Nr. 60711   

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