Suche
Jetzt spenden Pate werden
Zwei Schwestern in Somaliland. (Quelle: Angelika Böhling)

Somaliland: Warten auf Regen

Bis zu 20 Millionen Menschen in Somalia, Äthiopien, Kenia, dem Südsudan und Uganda hungern nach Angaben der Vereinten Nationen. Mehr als 360.000 Kinder sind vom Hungertod bedroht. Damit erlebt die Welt gerade die größte humanitäre Katastrophe seit 1945. Allein in Somalia benötigen mehr als sechs Millionen Menschen humanitäre Hilfe. Frauen und Kinder sind auf der Suche nach Essen und Wasser über Wochen zu Fuß unterwegs, Schulbesuche sind in weiten Teilen des Hinterlandes nicht mehr möglich. Die Kindernothilfe arbeitet mit lokalen Partnerorganisationen, um die Not der Menschen zu lindern.

Text und Fotos: Angelika Böhling, Pressesprecherin

Hunderte tote Tiere liegen am Straßenrand: Ziegen, Esel, Schafe und Kamele. Bevor man sie sieht, nimmt man schon den beißenden Geruch der Verwesung wahr. Manchmal sind die Kadaver kaum noch zu erkennen, ein anderes Mal wirken die toten Tiere, als wären sie gerade eben erst umgefallen. Die Beine weit von sich gestreckt – als wollten sie fliehen, vor dem Hunger und der Dürre in Somaliland, im Norden Somalias.

Irgendwo im Hinterland liegen auch die Ziegen von Shangsama Ardar in der staubigen Erde. Die 35-jährige Mutter von zwei Mädchen hat einmal 50 Tiere besessen. Ein einziger dürrer Ziegenbock ist der Familie geblieben. Wie die meisten der knapp vier Millionen Somaliländer lebt die kleine Familie von der Viehzucht. Die Menschen hier sind es gewohnt umherzuziehen, auf der Suche nach Wasser und Futter für die Tiere. Doch jetzt ist die Frau sichtlich verzweifelt: „So eine schlimme Dürre habe ich noch nie erlebt. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll“, sagt Shangsama und zieht mit dem Zeigefinger eine tiefe Furche durch den trockenen Sandboden.

Verdurstete Ziegen. (Quelle: Angelika Böhling)
Dürregebiet Somaliland. (Quelle: Angelika Böhling)
 

Zwei Jahre ohne Regen

Seit zwei Jahren hat es in Somaliland nicht mehr richtig geregnet. Die Flüsse sind ausgetrocknet, Akazienbäume und Sträucher sind grau und verdorrt. Früher konnten sich die Menschen hier am Golf von Aden zumindest auf zwei Regenzeiten im April und im Oktober verlassen. Ein paar Wochen im Jahr schüttete es dann kräftig und füllte die Wasserauffangbecken und Regentonnen. Die Somaliländer und ihr Vieh kamen damit aus. Doch das ist schon lange vorbei.

Unweigerlich stellt sich die Frage: Wie können Menschen unter diesen schwierigen Bedingungen überhaupt hier leben? Dabei ist das Land, das sich 1991 von Somalia getrennt hat, politisch gesehen relativ stabil: Anders als in Somalia treten Milizen und islamistische Terroristen wie Al Shabaab kaum in Erscheinung. Das Land, das noch immer um internationale Anerkennung ringt, hat gleich nach seiner Gründung in Erinnerung an die britische Kolonialzeit ein Parlament mit zwei Kammern gebildet: die vom Volk gewählten Abgeordneten politischer Parteien sitzen im Unterhaus, und ins sogenannte Oberhaus werden die Clanältesten berufen. Seit 2001 hat Somaliland eine eigene Verfassung, Wahlen finden regelmäßig alle fünf Jahre statt – und das nicht nur auf dem Papier. So hat es in den vergangenen Jahren auch einen Regierungswechsel gegeben. Die Wahlen dazu sind ohne Turbulenzen oder versuchte Manipulationen über die Bühne gegangen. Für eine freie Presse reichen die demokratischen Bestrebungen noch nicht aus. Dafür sind Nichtregierungsorganisationen ein wichtiges Gegenüber für die Regierung, was in Afrika keine Selbstverständlichkeit ist. Die Partnerorganisationen der Kindernothilfe Candlelight, CCBRS (Comprehensive Community Based Rehabilitation in Somaliland), NAFIS (Network Against FGM in Somaliland) und Baahi Koob (Zentrum für Vergewaltigungsopfer) arbeiten seit Jahren im Land und setzen sich für die Wahrung von Kinder- und Menschenrechten ein. Damit hat Somaliland für viele ostafrikanische Länder durchaus eine Vorbildfunktion. Bei allen Bemühungen um Frieden und Entwicklung macht nun das Klima die Bevölkerung zu Flüchtlingen im eigenen Land.

und ihre Töchter. (Quelle: Angelika Böhling)

"Wenn unsere Tiere sterben, sind wir verloren"

Shangsama kam vor einigen Wochen mit ihrem Mann Awil, ihrer neunjährigen Tochter Naima und der zwei Jahre jüngeren Aisha nach Yarowe, einem Ort in der Nähe der Großstadt Burao. Nahezu 100 Kilometer sind sie durch die sengende Hitze gelaufen, um Wasser und Nahrung zu finden. „Ich dachte unterwegs, ich müsste sterben“, flüstert die kleine Naima. "Ich konnte einfach nicht mehr weiterlaufen." Nachts rollten sich die vier zum Schlafen unter einem Baum zusammen, tagsüber schleppten sie sich durch die knochentrockene Savanne. Die Ziegen, die am Anfang noch mitliefen und wenigstens etwas Milch für die Kinder abgaben, wurden von Tag zu Tag immer weniger. Völlig erschöpft kam die Familie nach wochenlanger Wanderung in Yarowe an. Ihr weniges Hab und Gut mussten sie zurücklassen. Sie kamen mit nichts weiter als ihren Kleidern am Körper. „Wenn unsere Tiere sterben“, sagt Shangsama, „sind wir verloren, denn sie sind alles, was wir haben.“

Arbeit gibt es für den Viehhirten Awil in Yarowe keine, deshalb machte sich der Vater schweren Herzens weiter auf den Weg nach Burao. Seine Frau und die Kinder ließ er zurück. „Wir haben hier keine Verwandten und kennen niemanden. Überall hungern die Menschen. Wer sollte uns schon helfen?“, sagt Shangsama, und die Sorgenfalten auf der Stirn werden noch tiefer. Doch die Unterstützung, die sie von den Menschen in der Gemeinde Yarowes erfuhren, ist für sie wie ein Wunder: Jemand zeigte ihr ein Fleckchen Land, wo sie ihr Lager aufschlagen konnten, sie bekamen ein paar alte Stoffreste geschenkt, aus denen sie für sich und die Kinder ein notdürftiges Zelt errichtete. Eine Frau überließ ihr einen verbeulten Topf, ein paar gelbe Plastikkanister und einen alten grauen Wasserkessel mit Blumengravur. Die blechernen Teller, die sie von einer anderen Frau aus der Nachbarschaft geschenkt bekam, liegen ordentlich aufeinandergestapelt auf dem nackten Boden. Einmal am Tag gibt es etwas Reis, sonst bleiben die Teller leer, denn auch hier ist das Essen knapp. „Wir sind auf das Mitgefühl der Menschen und auf die Versorgung durch Hilfsorganisationen angewiesen“, sagt Shangsama beschämt. Täglich kommen neue Vertriebene in Yarowe an. Eine enorme Belastung, auch für die Einheimischen. „Vor der Dürre lebten hier 1.300 Menschen“, weiß Asia Abdulkadir, Länderkoordinatorin der Kindernothilfe in Somaliland. „In den vergangenen Monaten sind fast 500 dazugekommen.“

Ohne schnelle Hilfe werden die Menschen in andere Länder fliehen

Wie in Yarowe helfen sich die Menschen überall im Land und teilen das Wenige, was sie haben, mit den ankommenden Flüchtlingen. Dabei spielen auch die im Ausland lebenden Clan-Mitglieder, die sogenannte Diaspora, eine wichtige Rolle. Geschätzt leben mehr als 200.000 Menschen außerhalb des Landes in Europa, Nordamerika und Saudi-Arabien. Sie unterstützen durch regelmäßige Geldtransfers ihre Familienmitglieder und sorgten in den vergangenen 26 Jahren für einen bescheidenen Wirtschaftsboom in der Heimat. Auch jetzt in der Not sind es die Verwandten im Ausland, die Hilfslieferungen ermöglichen. Um jedoch die teuren und dringend benötigten Wasserlieferungen und ausreichend Nahrung zu finanzieren, reicht selbst die Unterstützung von der Familie aus der Ferne nicht mehr aus. Und was macht der Staat? „Wir tun, was wir können“, betont Shukri Ismael Bandare, Ministerin für ländliche Entwicklung und Umwelt, „aber es reicht nicht.“ Seit November 2016 habe die Regierung zwei Millionen Dollar in die humanitäre Hilfe investiert und sei finanziell am Ende der Fahnenstange angelangt. Als eins der ärmsten Länder der Welt verfüge Somaliland nicht über die Mittel, eine Krise dieses Ausmaßes allein zu bewältigen. „Aber was bringen uns internationale Hilfsappelle, wenn die Gelder nach Somalia fließen und nicht nach Somaliland“, sagt sie resigniert. Eine andere Folge der Dürre beobachtet die Ministerin mit Sorge: „Wenn wir den Menschen hier nicht schnell helfen, werden sie sich auf den Weg in andere Länder machen.“

Trinkwasserversorgung durch den Kindernothilfe-Partner. (Quelle: Angelika Böhling)

Kindernothilfe-Partner brauchen dringend mehr Spenden

Schnelle und direkte Hilfe für die Not leidenden Menschen leisten vor allem lokale Nichtregierungsorganisationen mit internationaler Unterstützung. So finanziert auch die Kindernothilfe Hilfsprogramme der zwei somaliländischen Organisationen Candlelight und CCBRS. Für zunächst einen Monat trägt die Kindernothilfe die Kosten für Wassertransporte und Nahrungsmittel, die an Menschen in den Dörfern im Hinterland von Burao bis an die äthiopische Grenze verteilt werden. Jede Familie erhält vier Kilo Datteln und Haferflocken, fünf Liter Öl und je zehn Kilogramm Reis, Mehl und Zucker. Damit müssen sie einen Monat lang auskommen. Um keine Zeit zu verlieren, fahren die LKW-Fahrer mittlerweile im Dreischicht-Betrieb. Zwei Männer schlafen, während der dritte geschickt über die holprigen Sandpisten prescht und dabei gut darauf achtet, dass der schwere Laster nicht im tiefen Sand steckenbleibt. So transportieren die Mitarbeiter von Candlelight rund um die Uhr das kostbare Gut zu den Menschen, die zu schwach, krank oder zu alt sind, um sich auf den beschwerlichen Weg in die Städte zu machen. „Wenn sich die Situation nicht bald ändert, müssen wir die Hilfe unbedingt ausweiten und weitere Maßnahmen anstoßen. Dazu benötigen wir aber dringend mehr Spenden“, sagt Abdulkadir.

Und noch eine Entwicklung treibt die Helfer vor Ort um: Der Gesundheitszustand der Kinder wird immer schlechter. „Auch wenn hier noch kein Kind verhungert ist, habe ich in den letzten Wochen einige Kinder behandelt, die dem Tod nahe waren“, erklärt Dawoud Hersi, Krankenpfleger und Chef der örtlichen Krankenstation in Yarowe. Einen Arzt gibt es hier nicht - dafür aber lange Schlangen mit Müttern, kleinen Kindern und schwangeren Frauen, die geduldig warten, bis sie an der Reihe sind. Die handgeschriebene Statistik an der Wand macht deutlich, dass die Anzahl an Durchfallerkrankungen und Lungenentzündungen in den ersten drei Monaten des Jahres fast so hoch ist wie im gesamten Jahr 2016. „Die Statistik verrät nicht alles“, sagt Hersi und zieht sich seinen weißen Kittel glatt. „Immer häufiger sterben die Kleinen an Infektionen, als Folge der Dürre. Doch das zählt keiner.“

Wasserlieferung durch den Kindernothilfe-Partner. (Quelle: Angelika Böhling)
Lebensmittel für hungernde Familien. (Quelle: Angelika Böhling)
 

Bei den Kindern wächst der Hunger nach Bildung

Die Krankenstation hat Shangsama Ardar mit ihren beiden Töchtern glücklicherweise noch nicht aufsuchen müssen. Vielleicht liegt es daran, dass die beiden Mädchen an der nahe gelegenen Grundschule regelmäßig zweimal täglich zum Essen kommen dürfen und auch mit Wasser versorgt werden. Morgens früh gibt es Porridge, eine Haferflockensuppe, und mittags eine warme Mahlzeit. Das Programm hier und in vier Dörfern rund um Hargeisa und im westlichen Gabiley wird ebenfalls von der Kindernothilfe unterstützt und erreicht sowohl die neu hinzugezogenen Kinder als auch die Mädchen und Jungen, die dort schon vor der Dürre wohnten und zur Schule gehen. So sehr sich Naima und ihre Schwester auch über die gemeinsamen Mahlzeiten mit den anderen Kindern freuen, so traurig sind die beiden, wenn sie nach dem Essen die Schule wieder verlassen müssen. Denn die Regierung hat festgelegt, dass alle Kinder Schulkleidung tragen und Bücher und Lernmaterial selbst bezahlen müssen. Auch wenn die Schule für alle kostenlos ist, fehlt den vertriebenen Familien schlicht das Geld, um ihren Kindern den Besuch zu ermöglichen. So auch der Familie von Naima und Aisha. „Ich würde meine Mädchen gerne in den Unterricht schicken“, sagt Shangsama, „aber wie soll ich das bezahlen, wenn wir noch nicht einmal einen Dollar für Wasser und Essen übrig haben?“

Naima. (Quelle: Angelika Böhling)

Durch die Dürre bleibt Tausenden Mädchen und Jungen in Somaliland wochen- oder sogar monatelang der Schulbesuch verwehrt. So wächst bei den Kindern der Hunger nach Bildung und gleichzeitig der Wunsch, bald wieder nach Hause zurückkehren zu können. Mutter Shangsama schaut betreten nach unten, denn sie weiß, dass die Zukunft für ihre Töchter und Millionen anderer Kinder in Somaliland ungewiss ist. In ihrem Zelt kramt Naima ein altes Schulheft mit Zeichnungen und Bildern hervor, in dem nur noch ein paar freie Seiten sind. Stolz zeigt sie, wie geschickt sie mit dem Stift umgehen, ihre Hand umranden und ausmalen kann. „Ich hoffe, der Regen kommt bald und dann wird alles wieder gut“, sagt sie und legt das Heft beiseite.

Projekt 69047

 

Spenden werden weiterhin dringend benötigt:

Spendenkonto Kindernothilfe e.V.
Stichwort „Soforthilfe für Dürreopfer“, Zweck: 57620
IBAN: DE92 3506 0190 0000 4545 40
Bank für Kirche und Diakonie eG (KD-Bank)

  • Somaliland

    Die Republik Somaliland hat sich 1991 von Somalia abgespalten. Die Unabhängigkeit wird von der Internationalen Gemeinschaft jedoch nicht anerkannt, obwohl der Staat recht gut funktioniert und im Gegensatz zu Somalia, befriedet ist. Mit 138.000 Quadratkilometern ist Somaliland in etwa so groß wie Griechenland und hat vier Millionen Einwohner. Drei Viertel von ihnen leben als Nomaden und Halbnomaden von der Viehzucht. Circa 80 Prozent des Tierbestandes ist durch die Dürre gestorben. Der Viehhandel ist nicht nur Lebensgrundlage der Bevölkerung, sondern auch eine wichtige Steuereinnahme der Regierung in der Hauptstadt Hargeisa.

    In guten Jahren gibt es zwei Regenzeiten im April und im Oktober, die wenigstens so viel Wasser bringen, dass Zisternen und Wassertonnen gefüllt werden können. In den vergangenen Jahren sind die Regenzeiten immer wieder ausgefallen und seit zwei Jahren hat es so gut wie gar nicht mehr geregnet. In ganz Somalia sind nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) fast sechs der zwölf Millionen Menschen akut vom Hunger bedroht. Anfang März hat UN-Generalsekretär António Guterres einen dringenden Spendenappell an die Internationale Gemeinschaft gerichtet. Nach Angaben des UN-Nothilfebüros in Genf gingen bis Ende März aber nur zehn Prozent der benötigten Summe ein.

    So hilft die Kindernothilfe mit ihren lokalen Partnerorganisationen:

    • In 10 Dörfer rund um die Stadt Burao erhalten insbesondere Familien mit Schulkindern Nahrungsmittel und Wasser. Verteilt werden Datteln, Öl, Mehl, Zucker, Reis und Haferflocken.
    • 100 Familien erhalten „Unconditional Cash relief“, also Bargeld. Die Menschen entscheiden dann selbstständig, wie sie das Geld einsetzen.
    • Über 350 LKW versorgen mehr als 30.000 Kinder und Erwachsene mit frischem Trinkwasser.
    • In 4 Dörfern um die Hauptstadt Hargeisa und im Umland von Burao finanzieren wir in den Grundschulen Mahlzeiten und Wasser für 430 Mädchen und Jungen.