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Eine Kinderarbeiterin formt einen Ziegel. (Quelle: Malte Pfau)

Es tut sich was!

Im Bundesstaat Bihar im Norden Indiens müssen Tausende Jungen und Mädchen in Ziegeleien schuften. Die Arbeit dort kostet die Kinder wegen ihrer fehlenden Schulbildung oft ihre Zukunft. Doch es gibt neue Entwicklungen und Hoffnung für die Kinder im wohl rückständigsten Bundesstaat Indiens.

Text: Josephine Vossen Fotos: Josephine Vossen/Malte Pfau
Kontakt: redaktion@kindernothilfe.de

Es ist ein schneller Handgriff: Eine Handvoll Staub wird in die schwere, eckige Holzform geworfen. Danach greift das Mädchen in einen Berg aus Lehm, seine Hände lösen eine große Ecke ab, schleudern die feuchte, schwere Masse in die Form, streichen den überschüssigen Lehm ab. Dann wird die Form gekonnt umgedreht und behutsam hochgehoben – fertig ist der Ziegel. Nicht mehr als 20 Sekunden hat die zehnjährige Koyel dafür gebraucht. Was bei dem Mädchen und seiner zwei Jahre jüngeren Schwester Payal so gekonnt ist und für den Betrachter wie das Backen von Sandkuchen wirkt, ist für die Kinder hier im Norden Indiens nicht nur harte Arbeit; vor allem beraubt die Plackerei in den Ziegeleien rund um den Ort Nirmali an der Grenze zu Nepal die beiden Schwestern und die anderen rund 600 Kinder, die hier schuften, ihrer Zukunft. Denn während sie sich morgens um sechs Uhr mit ihrer Ziegelform unter dem Arm auf den Weg zur Arbeit machen, begeben sich Millionen andere indische Kinder auf den Schulweg. Und während die Schulkinder ihre Hefte aufschlagen, pressen Koyel und Payal Lehm in ihre Formen – Ziegel für Ziegel für Ziegel.

Fertig mit der Arbeit sind die Mädchen erst gegen 18 Uhr, sechs Tage in der Woche. Doch so richtig fertig werden sie eigentlich nie. Wer Koyel und Payal zwischen den Mauern von Ziegeln sitzen sieht, denkt unweigerlich an Sisyphos. Denn kaum sind die Ziegelsteine von der gleißenden Sonne, die hier unerbittlich vom Himmel scheint, getrocknet, werden sie von Arbeitern zum Brennen abgeholt. Eine Million Ziegel passen in den Brennofen, aufgeteilt in drei Kammern. Und während sich der Ofen füllt, verschwinden auf dem Gelände der Ziegelei die Mauern aus Ziegelsteinen – und Koyel und Payal fangen mit den anderen Jungen und Mädchen wieder von vorne an. Man fragt sich, wann und wie diese Arbeit einmal enden wird, und muss sich einge stehen, dass das wohl nie der Fall sein wird. Zumindest nicht, solange Koyel und ihre Familie Ziegel herstellen müssen, um überhaupt etwas zu essen zu haben. Denn wie alle anderen Familien, die in den Ziegeleien arbeiten, lebt Koyels Familie in bitterer Armut. Eintausend Ziegel schafft die gesamte Familie pro Tag und erhält dafür 450 Rupien. Umgerechnet sind das etwa 6,50 Euro.

6,50 Euro als Arbeitslohn für 1.000 Ziegel am Tag

Zwei indische Kinderarbeiterinnen in einer Ziegelei. (Quelle: Malte Pfau)
Koyel und Payal auf dem Weg zu ihrem Arbeitsplatz.

Dass ihre Familie arm ist, wissen die beiden Mädchen. „Deswegen helfen wir Kinder mit. Gemeinsam können wir schneller arbeiten“, erklärt die achtjährige Payal. Spaß macht den beiden die Schufterei aber nicht. „Es ist so heiß, und von der Arbeit tun mir die Knie und Arme weh“, berichtet das junge Mädchen.

„Anstatt hier zu sein, würde ich lieber in die Schule gehen“, ergänzt die große Schwester. Die Ziegelei gleicht einer Ruinenstadt. Überall sind Wände aus Ziegeln aufgetürmt, und dazwischen hocken die Arbeiter – meist Kinder – und stellen noch mehr des begehrten Baumaterials her. Schatten spendende Bäume gibt es nicht. Doch selbst, wenn  es ein paar schattige Plätze gäbe, würden sie den Kindern nichts bringen. Denn Unterbrechungen sind für sie tabu, selbst Trinkpausen kosten zu viel von der wertvollen Arbeitszeit. Das gilt auch für den zwölfjährigen Raj: „Wenn ich abends nach Hause komme, geht es mir sehr schlecht, weil ich den ganzen Tag nichts getrunken oder gegessen habe“, erzählt er. „Die Brunnen sind einfach zu weit weg. Für den Weg zum Wasser verliere ich zu viel Zeit.“ Während er das berichtet, reibt er seine staubigen Füße aneinander und lässt den Kopf hängen. Genau wie Koyel und Payal würde Raj lieber zur Schule gehen, etwas lernen, einen Abschluss machen und damit die Arbeit in den Ziegeleien hinter sich lassen. Doch noch ist er gefangen im Teufelskreis der Kinderarbeit.

Ein Junge mit getrockneten Ziegeln in der Hand. (Quelle: Malte Pfau)
Raj würde lieber zur Schule gehen als hier zu schuften.

„Das Problem ist, dass die Familien arm sind“, erklärt Rachel Thomas von der Kindernothilfe Indien. „Sie haben keine andere Wahl: Ihre Kinder müssen mitarbeiten, damit die Familien überhaupt erst ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen auf dem Teller haben.“ Während die Arbeit der Kinder kurzfristig das Problem der Familie, nämlich den Hunger zu stillen, löst, führt sie langfristig dazu, dass Kinder wie Koyel, Payal und Raj keinen Schulabschluss machen. Sie haben einfach keine Zeit, zur Schule zu gehen. Der fehlende Abschluss wiederum wird die drei an die Ziegeleien als einzige Einnahmequelle binden oder in eine vergleichbar schlechte Alternative in der Landwirtschaft zwingen. Was soll in der Folge aus Koyels Kindern werden? Oder aus Rajs? Vermutlich werden auch sie in der nächsten Generation zum Familieneinkommen beitragen müssen. Der Teufelskreis bliebe geschlossen.

Vor allem Mädchen nehmen am Unterricht teil

Das Förderzentrum neben der Ziegelei. (Quelle: Malte Pfau)
Ein Förderzentrum auf dem Gelände der Ziegelei.

Dabei ist der Weg nach draußen gar nicht weit: Tatsächlich befindet er sich direkt auf dem Gelände der Ziegelei: ein kleines weißes Gebäude mit zwei Räumen und bunten Bildern an den Wänden – das Förderzentrum der Kindernothilfe-Partnerorganisation Gyan Sewa Bharti Sansthan (GSBS). Die Mitarbeiter von GSBS haben sich hier zum Ziel gesetzt, arbeitende Kinder in eine bessere Zukunft zu führen. Der Schlüssel ist eine Art Nachhilfeunterricht, der den Kindern einen Schulbesuch ermöglichen soll. Doch leicht ist dies nicht, berichtet Koordinatorin Rachel Thomas: „Die größte Hürde besteht darin, die Familien davon zu überzeugen, langfristig zu denken. Sie müssen verstehen, dass es um die Zukunft ihrer Kinder geht.“ Deswegen sprechen die Mitarbeiter von GSBS so oft wie möglich mit den Eltern der arbeitenden Kinder und leisten die wichtige Überzeugungsarbeit – mit Erfolg. 500 Jungen und  Mädchen besuchen bereits die Förderzentren in den Dörfern rund um Nirmali. Bald sollen es doppelt so viele sein, die am Nachhilfeunterricht teilnehmen.

Eine Gruppe von Mädchen tanzt. (Quelle: Josephine Herschel)
Neben Lernen stehen auch Tanzen und Spielen auf dem Programm in den Förderzentren.

Das Überraschende dabei ist, dass vor allem Mädchen in die Förderzentren gehen. Denn bis vor ein paar Jahren war es im noch immer sehr traditionellen Bundesstaat Bihar gang und gäbe, Töchtern den Schulbesuch zu verweigern. Sie sollten zu Hause bleiben und sich um den Haushalt kümmern. Heute strömen sie geradezu in die Förderzentren in Nirmali. Dafür haben die Mitarbeiter von GSBS eine einfache Erklärung: Ganz langsam beginnen die Menschen in Bihar, den Wert von Bildung für Mädchen und Frauen zu begreifen. Es ist ein mühsamer Prozess, der noch Jahre dauern wird, aber in einigen Fällen führt eine Ausbildung der Mädchen schon heute zu Erfolgen: Obwohl das Mitgift-System offiziell in Indien verboten ist, wird es insbesondere in ländlichen Regionen noch praktiziert. Hier müssen die Familien der Mädchen zum Teil horrende Summen an den zukünftigen Ehemann zahlen. Die Bildung der jungen Frauen führt nun in einzelnen Fällen dazu, dass die Männer deutlich weniger verlangen, wenn ihre zukünftige Frau einen Beruf erlernt hat und somit zum Familieneinkommen beitragen kann. „Wir kennen Fälle, bei denen die Mitgift um 25 Prozent gesunken ist, weil die Frau einen gut bezahlten Job hatte“, berichtet Rachel Thomas. Der Grund der sinkenden Mitgift scheint auf den ersten Blick perfide. Doch letztlich bietet er den Mädchen und Frauen die Chance auf Emanzipation.

Eine Chance, die viele vor ihnen nie hatten. Und noch etwas ist neu: Seitdem viele Menschen vom Land in die Stadt ziehen, überlegen auch die Arbeitgeber, wie sie ihre Arbeitskräfte halten können. Hier auf dem Land gilt nicht mehr die Devise, 'wenn du nicht für mich arbeitest, tut's ein anderer‘. Arbeitskräfte werden rar, Arbeitsgeber wie die Ziegeleibesitzer brauchen gute Argumente, warum man bei ihnen arbeiten soll. Eines dieser Argumente ist die Bildung der Kinder. Die Erlaubnis, auf dem Gelände einer Ziegelei ein Lernzentrum für die Arbeiterkinder aufzubauen, ist keine Wohltat, sondern Kalkulation. Das Zentrum kann einen überzeugenden Standortfaktor für die Arbeitskräfte darstellen. Und so wird vielen Kindern, für die Bildung seit jeher ein unerreichbares Gut schien, das Lernen auf einmal ermöglicht.

Förderzentren: Sprungbretter in staatliche Schulen

Ein Mädchen sitzt auf dem Boden und schreibt. GSBS (Quelle: Malte Pfau)
Jyoti macht ihre Hausaufgaben.

Wer eines der Zentren betritt, bekommt direkt in ohrenbetäubender Lautstärke das Wissen der Kinder entgegengeschmettert: das Alphabet, die Zahlen von eins bis hundert und allerlei englische Wörter. Stolz sind die Jungen und Mädchen auf das, was sie schon gelernt haben, und voller Energie, noch mehr zu lernen. Rechnen, Lesen, Schreiben, alles saugen die Kinder förmlich auf, tragen mit breiter Brust ihre Hefte und Stifte unterm Arm, wenn sie vormittags zum Unterricht kommen und die Förderzentren mittags wieder verlassen. Dabei sind die Zentren nur ein Zwischenschritt. Das Ziel ist, die Kinder in die staatlichen Schulen in der Umgebung zu integrieren. Gar nicht so einfach. Denn viele der Jungen und Mädchen sind trotz ihres Alters von zehn oder zwölf Jahren noch nie in einer Schule gewesen. Sie auf das Schulniveau zu bringen, haben sich die Zentren zur Aufgabe gemacht. Die ersten Erfolge gibt es schon.


Jyoti beispielsweise hat den Sprung geschafft. Die Zwölfjährige besucht jetzt regelmäßig die dritte Klasse in einer staatlichen Schule. In die Ziegelei, in der sie vorher schuften musste, geht sie gar nicht mehr. Stattdessen lernt sie fleißig. Ihr Lieblingsfach ist Hindi. Das hat ihr Vorbild ihr beigebracht: ihre Lehrerin aus dem Förderzentrum. Kein Wunder, dass Jyoti also auch einmal Kinder unterrichten will. „So wie meine Lehrerin mir alles beigebracht hat, so möchte ich auch mein Wissen an andere weiter- geben“, sagt das Mädchen schüchtern, aber mit Stolz in der Stimme. Für Raj und die Schwestern Koyel und Payal ist der Sprung in eine staatliche Schule noch nicht in Sicht. Doch immer- hin haben sie die Erlaubnis ihrer Eltern, das Förderzentrum zu besuchen, und damit den ersten Schritt geschafft. Vier Stunden am Tag dürfen sie zusammen mit 20 anderen Jungen und Mädchen lernen. Aufmerksam hören sie ihrem Lehrer zu und schreiben eifrig in ihre Hefte. Sie wissen um die Bedeutung  von Bildung, ihrer Bildung. Sobald der Unterricht beendet ist, packen sie behutsam ihre Stifte und Hefte zusammen und laufen schnell nach Hause. Hier verstauen sie sorgfältig ihre Schulsachen. Dann geht es für sie sofort wieder raus in die Ziegelei, zwischen die hohen Mauern aus Ziegeln, wo sie Stein für Stein formen. Immer weiter, ohne Ende, Ziegel für Ziegel für Ziegel, in der Hoffnung, dass dies bald für sie Vergangenheit ist und ihre eigenen Kinder es einmal besser haben werden.

Projektnummer: 22604