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Lachende Schulkinder. (Quelle: Katharina Nickoleit)

Von klapprigen Wänden und gestärkten Gemütern

Ein Jahr nach dem Erdbeben sieht es in Nepal immer noch so aus, als hätte sich die Naturkatastrophe gerade erst ereignet. Aber wenn man genauer hinschaut wird klar: Für die Kinder in den betroffenen Gebieten wurde trotz aller Schwierigkeiten viel erreicht und es ist ein Stück Normalität in die noch junge Republik zurückgekehrt.

Katharina Nickoleit, freie Journalistin

Obwohl die Schüler der 6. Klasse der Shree-Kalika-Schule weder mit dem Banknachbarn quatschen noch herumhampeln, ist es in der Klasse so laut wie in einer Bahnhofshalle. Kein Wunder: Die Wände sind aus dünnem Blech und man hört jedes Wort, das in den übrigen Klassenzimmern gesprochen wird. „Ich verstehe manchmal gar nicht, was der Lehrer sagt“, meint Shisana und ihr Klassenkamerad Samrak ergänzt: „Es ist sehr schwierig, sich zu konzentrieren. Aber wir müssen es halt versuchen.“

Seit fast einem Jahr findet der Unterricht für die beiden Zwölfjährigen in einer Notschule. Die sorgfältig gebügelten Uniformen der Kinder stehen im krassen Gegensatz zu ihrer Schule, die tatsächlich wie eine große Notunterkunft aussieht: Sie besteht aus Wellblechplatten und Sperrholz. Mehr als 400 Kinder, von der Vorschule bis zur Abschlussklasse, lernen hier dicht an dicht. Das einzige, das noch so ist wie vor dem Erdbeben, ist der weite Blick über die Berglandschaft Sindhupalchok mit ihren terrassierten Hängen und tief eingeschnittenen Tälern.

Das Erdbeben vom 25. April 2015 ist die größte Naturkatastrophe, die Nepal jemals getroffen hat. Es erreichte eine Stärke von 7,8 auf der Richterskala, das Epizentrum lag nur 80 Kilometer nordwestlich von Kathmandu und damit in der am dichtesten besiedelten Region Nepals. Fast 9.000 Menschen starben, mehr als 22.000 wurden verletzt und über vier Millionen Menschen verloren ihr Zuhause. Trotzdem hat Nepal noch Glück gehabt: Das Erdbeben ereignete sich mittags an einem schulfreien Samstag. So wurde niemand im Schlaf überrascht, die meisten Kinder spielten draußen und saßen nicht im Klassenzimmer. Denn gerade die Schulen waren besonders stark betroffen: 8.000 Gebäude brachen einfach in sich zusammen. In den am schlimmsten betroffenen Gebieten blieb gerade einmal jede zehnte Schule stehen.

Nepal hat sich lange Zeit selbst lahmgelegt

Shiva Sapkota arbeitet bei AMURT, einer Partnerorganisation der Kindernothilfe, die schon einen Monat nach der Erdbebenkatastrophe insgesamt neun solcher Notschulen in Sindhupalchok, dem am schlimmsten betroffenen Distrikt , errichtet hat. „Weil es so schwierig und aufwendig ist, Baustoffe in die Berge zu bringen, haben wir für die Notlernzentren so weit wie möglich Materialien verwendet, die vor Ort zu kriegen sind. Bambus für die Eckpfeiler oder aus Blättern geflochtene Wände. Ansonsten haben wir Wellblech genommen, das wiegt nicht viel und kann gut transportiert werden“, erklärt Sapkota die Ersthilfemaßnahmen. Dass sich die Schulsituation noch nicht wieder normalisiert hat, liegt aber weniger an der Topografie oder den vielen Erdrutschen, die immer wieder Straßen unpassierbar machen. Der Hauptgrund ist, dass sich die nepalesische Regierung lange Zeit selbst lahmgelegt hat. Das Land befindet sich einer Übergangsphase zwischen Monarchie und Demokratie. Ministerien und Behörden wurden neu geordnet und die Zuständigkeiten waren lange unklar. Erst im Januar 2016 wurde ein Gesetz erlassen, das den Wiederaufbau regelt, und die entprechende Behörde geschaffen. Erschwerend kam hinzu, dass die indische Minderheit in Nepals Süden wochenlang die Grenzübergänge zum Nachbarland blockierte, weil sie sich durch die neue Verfassung benachteiligte fühlt. Damit waren die wichtigsten Versorgungsrouten abgeschnitten und in ganz Nepal herrschte Treibstoffmangel. Shiva Sapkota steht im Gerippe einer Schule, von der nur die Eckpfeiler übriggeblieben sind. Leicht verbeulte Fenster- und Türrahmen baumeln an Drähten von den Verstrebungen. „Dafür haben wir die Trümmer beseitigt und alles daraus geborgen, was noch einmal wieder verwendet werden kann“, erklärt er die seltsam anmutende Konstruktion und zeigt auf einen ordentlich aufgeschichteten Haufen Ziegelsteine. „Die werden alle noch mal verbaut.“

Erwachsene lassen Luftballons steigen. (Quelle: Uma Bista)
Workshop zur Traumabewältigung für Lehrer

AMURT hat nicht nur Notschulen errichtet, sondern auch dafür gesorgt, dass die Kinder dort psychosozial betreut werden. Es gibt kaum ein Kind, bei dem das Erdbeben keine Spuren hinterlassen hat. Rajya Laxmi Nakarmi ist bei AMURT für diesen Teil der Nothilfe zuständig. „Weil so viele Schulen eingestürzt sind, hatten nicht nur fast alle Schüler, sondern auch die meisten Lehrer Angst davor, wieder in die Schule zu gehen. Es gab ja ständig Nachbeben“, erinnert sich die Sechzigjährige an die Wochen nach der Katastrophe.

„Deshalb luden wir die Lehrer der Schulen, für die wir die Verantwortung übernommen haben, zu Workshops mit Psychologen ein. Sie lernten, wie man mit solchen Schocks umgehen kann. Es gab lange Gesprächsrunden, in denen jeder Lehrer ausführlich über die Erlebnisse während des Erdbebens sprechen konnte. Danach analysierten wir gemeinsam, wie sich die Erinnerung daran durch das Erzählen veränderte und dass dies der erste Schritt der Verarbeitung ist.“ Im nächsten Schritt lernten die Lehrer, wie sie mit den Kindern die Erlebnisse aufarbeiten konnten. Obwohl das Erdbeben mitten in die Examenszeit fiel, beschäftigten sich die von AMURT unterstützten Schulen weniger damit, die Prüfungen nachzuholen, als vor allem mit der Aufgabe, ihren Schülern beizustehen.

Kinder haben keine Angst mehr

Wie erfolgreich diese seelische Aufarbeitung war, wird deutlich, wenn man die Kinder nach dem Erdbeben fragt. Keiner, der es erlebt hat, wird es je vergessen. „Ich spielte gerade zu Hause. Plötzlich hörte ich ein lautes Grollen und die Erde bebte. Ich hatte solche Angst!“, erzählt Samrak. Auch Shisana erinnert sich noch daran, als sei es erst vergangene Woche gewesen: „Als ich die Erde beben spürte, bin ich schnell aus dem Haus gerannt. Ich kam gerade noch rechtzeitig aus dem Haus, bevor es zusammen brach.“ Doch bei keinem von beiden bricht die Stimme, keiner lässt bei der Antwort seinen Blick in die Ferne schweifen, keines der Gesichter nimmt einen maskenhaften Ausdruck an. Und beide sagen: „Nach dem Erdbeben konnten wir abends nicht mehr einschlafen, und wenn wir es doch taten, wecken uns Alpträume. Doch jetzt haben wir keine Angst mehr!“

Eine Frau an der Nähmaschine. (Quelle: Katharina Nickoleit)
Tara Bora und ihre Selbsthilfegruppe haben Nähen gelernt, um Geld zu verdienen.

Seit dem Erdbeben leben Samrak und Shisana mit ihren Familien in Notunterkünften aus Wellblech, wie so ziemlich alle Menschen in den 14 vom Erdbeben betroffenen Distrikten. 95 Prozent der einfachen, aus Feldsteinen und Lehm errichteten Häuser sind in sich zusammengebrochen und haben die wenigen Besitztümer den Menschen unter sich begraben. „Töpfe, Geschirr, Bettzeug, Kleidung – es ist einfach alles weg“, klagt Tara Bora. Sie ist 45 Jahre alt und Mutter von zwei Kindern. Schon vor dem Erdbeben hatten es die Menschen in Sindhupalchok schwer, ein Einkommen zu erwirtschaften. Sie waren froh um jeden Trekkingtouristen, der auf seinem Weg durch die Berge etwas Geld in Herbergen und Dorfläden ließ. Doch diese Einnahmequelle ist mit dem Erdbeben versiegt. AMURT versucht deshalb, Frauen wie Tara Bora, die maximal die Grundschule besucht haben, ein paar Fähigkeiten an die Hand zu geben, die ihnen zum Überleben helfen. Sie und die anderen Frauen aus dem Dorf Tekanpur haben sich zu einer Gruppe zusammengeschlossen, die Nähen lernt. „Unsere Selbsthilfegruppe hat den Auftrag bekommen, die Schuluniformen für die Kinder zu nähen. Das Geld, das wir damit verdienen ist wichtig, damit wir unsere Häuser wieder aufbauen können.“

Der Mädchenhandel hat sprunghaft zugenommen

Natürlich ist es wichtig, dass die Menschen wieder in festen Unterkünften leben können. Doch das Einkommen schützt die Kinder nicht nur davor, noch länger obdachlos zu sein, sondern bewahrt sie womöglich auch vor einem viel schlimmeren Schicksal. Denn es gibt in jeder Katastrophe immer auch Menschen, die versuchen, die Not anderer auszunutzen. Nach dem Erdbeben kamen plötzlich Männer in die Dörfer, die den Eltern schöne Versprechungen machten. „Sie sagen, sie hätten Stipendien zu vergeben, die den Mädchen eine Ausbildung ermöglichen - sie müssten dazu allerdings in die Hauptstadt kommen“, berichtet Devaki Shrestha, die bei AMURT für die Frauengruppen zuständig ist. „Doch tatsächlich werden sie in Bordelle in Indien oder China verschleppt.“

Mädchenhandel ist in Nepal schon lange ein großes Problem, doch nach dem Erdbeben nahm er noch einmal sprunghaft zu: „Die Menschen sind nach der Katastrophe so verzweifelt, dass sie sich an jeden Strohhalm klammern und Versprechungen blind glauben.“ AMURT versucht deshalb nicht nur, die schlimmste Not der Familien zu lindern, sondern auch aufzuklären: Weil vielen Bewohnern der abgelegenen Regionen überhaupt nicht bewusst ist, dass es eine Mafia gibt, die Mädchenhandel betreibt, hat Devaki Shrestha mit Jugendlichen auch ein Straßentheaterstück einstudiert, welches das Thema aufgreift. Obwohl es nur einfaches Laientheater ist, sind die Frauen von der Vorführung gebannt, lachen über den betrunken schwankenden Vater und fiebern mit dem Mädchen mit, das schließlich der Bordellbesitzerin entkommt und nach Hause zurückkehren kann. „Es ist wichtig, dass diese Theaterstücke auch ein bisschen lustig sind, damit die Menschen gerne herkommen und sie anschauen. Wären sie langweilig, dann würden wir niemanden damit erreichen“, erklärt Devaki Shrestha das Konzept des Straßentheaters.

Kinder überqueren eine Hängebrücke. (Quelle: Bastian Strauch)
Kinder nehmen weite Wege auf sich, um zur Schule zu gehen.

Das schwerste Erdbeben seit 80 Jahren traf die Republik Nepal in den Kinderschuhen. Viele politische und strukturelle Hindernisse verhinderten einen schnelleren Wiederaufbau. Aber trotz aller Widrigkeiten haben es die Partner der Kindernothilfe geschafft, auf vielen Ebenen die Situation derjenigen zu verbessern, die fast alles verloren hatten: Kinder gehen wieder in die Schule und viele konnten die schlimmsten emotionalen Folgen des Bebens hinter sich lassen. Selbsthilfegruppen sorgen für wirtschaftliche Perspektive für die ohnehin arme Landbevölkerung und Aufklärungsmaßnahmen schaffen zunehmende Sicherheit vor denjenigen, die Not und Armut ausnutzen wollen. Dafür, dass es für sie im Himalaya-Staat weiter bergauf geht, nehmen auch die Kinder täglich große Anstrengungen in Kauf. So müssen ältere Kinder z. B. oft lange Strecken gehen, um zu ihrer Notschule zu kommen. Dass Kinder wie Samrak jetzt anstatt zehn Minuten fast eine Stunde zur Schule laufen müssen, nimmt er mit vorbildlicher Leichtigkeit: „No problem“, lacht der Zwölfjährige.

 

 

 

 

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