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2 Jungen beladen in einem Stollen einen Esel. (Quelle: Christian Herrmanny)

Das Leben riskieren, um zu überleben

Text: Christian Herrmanny   

Einen Kilometer unter Tage setzt Shan täglich sein Leben aufs Spiel. Der Zwölfjährige schuftet in einer maroden pakistanischen Kohlemine, damit seine Familie überleben kann. Gesetzlich erlaubt ist diese Kinderarbeit nicht, aber gesellschaftlich anerkannt – weil es scheinbar keine Alternativen gibt. Genau die will der Kindernothilfe-Partner Rasti den Kindern jedoch bieten.

Der schwache Lichtkegel der kleinen Stirnlampe kann den vielen Kohlestaub kaum durchdringen. Shans Lampe ist die einzige Lichtquelle an dieser Stelle tief im Stollen. Sie leuchtet auf Schippen und Kohle, auf ein paar Esel und ab und zu auf einige Holzbalken, die den Kohlestollen an den Wänden und an der Decke sichern sollen. Shan ist zwölf Jahre alt und arbeitet hier unten im Schacht, etwa 1.000 Meter tief im Berg. In brütender Hitze schaufelt der Junge Kohlestücke in zwei Taschen, die über dem Rücken eines Esels hängen. Shan ist ein sogenannter Tapali, ein Kohletransporteur. Die Aufgabe des aufgeweckten schwarzhaarigen Kindes: Die Kohle von der Stelle, an der Erwachsene sie aus dem Stein schlagen, an die frische Luft zu befördern. Und frische Luft ist in der Tat genau das, wonach die Jungen sich hier sehnen: „Durch den vielen Staub haben wir Probleme beim Atmen. Es ist sehr hart, dort zu arbeiten. Wenn wir aus dem Stollen kommen, dann machen wir erst einmal einen ganz tiefen Atemzug“, erzählt Shan.

Gute Atemluft und Tageslicht sind von der Stelle, an der die Jungen ihre tägliche Arbeit verrichten und die Kohle aufladen, eine knappe Viertelstunde Fußmarsch entfernt. Die Aufgabe der Eseltreiber ist mühsam: Oft wollen die sprichwörtlich störrischen Tiere nicht weitergehen; wenn sie endlich am Ende des Stollens Licht sehen, drohen die Lasttiere den Tapalis wegzurennen. Die Esel sind klein, doch selbst die Kinder sind zu groß für die niedrigen Minen: Die Jungen laufen gebückt durch die Stollen – dabei werden sie genau wegen ihrer geringeren Körpergröße, aber auch wegen ihrer geringeren Bezahlung bevorzugt hier unten eingesetzt. Entgegen der geltenden Gesetze und obwohl jeder weiß: Hier machen sich die Kinder schon in frühen Jahren körperlich und seelisch kaputt. „Wir müssen immer bis ganz ans Ende der Mine, um die Kohle aufzuladen“, erklärt Shan – und dabei fühle er sich sehr schlecht: „Wenn ich frühmorgens mit der Arbeit beginne, weiß ich nie, ob ich wieder lebend nach Hause komme. Denn manchmal bricht ein Stollen ein und dann überlebt niemand.“ Fatale Einsichten eines Zwölfjährigen.

Ein Junge kommt mit einem Esel aus einem niedrigen Stolleneingang. (Quelle: Christian Herrmanny)

„Wenn ich kein Geld verdiene, hat die Familie nicht genug zu essen"

Der Distrikt Chakwal in Pakistan ist bekannt für seine Kohleförderung. Hier ist der wertvolle Rohstoff nah an der Erdoberfläche abbaubar, Hunderte, wenn nicht Tausende kleiner Minen sind in der Region zu finden. Und fast überall finden sich auch minderjährige Tapalis, denn die Armut der Familien ist groß. Die Eingänge zu den Förderstellen sind oft nicht breiter als eine ganz normale Haustür. Nur müssen eben auch schon kleine Arbeiter ihren Kopf beim Hineingehen einziehen. Danach geht es steil hinunter in die Mine, mit jedem Schritt steigt die Lufttemperatur, und die Hufe der vorangehenden Esel wirbeln Unmengen Kohlen- und Kalkstaub auf.

Shan und seine Freunde Mubashir und Musha  sind jeden Tag in der Mine, acht Stunden, von sechs Uhr morgens an. Nur am Wochenende haben die Jungen frei. Musha ist 13 Jahre alt und arbeitet schon seit fast drei Jahren als Tapali. Er hat Shan gezeigt, wo die verschlungenen Wege in der Mine entlangführen, und leitete ihn im Umgang mit den Lasttieren an. „Die Wege in der Mine, wo wir die Kohle aufsammeln, sind manchmal richtig schwierig zu finden“, sagt Shan. „Und das Auf- und Abladen der Kohle ist anstrengend. Außerdem ist es schwer, die Esel auf den richtigen Wegen zu halten.“ „Die Arbeit ist schlecht für meine Gesundheit“, ergänzt Musha. „Aber ich meine, was soll ich denn machen?“, fragt er, um sich und uns die Antwort umgehend selbst zu geben: „Wenn ich kein Geld verdiene, hat meine Familie nicht genug zu essen. Also mache ich’s.“ Nur 600 Rupien bekommen die Jungen für einen ganzen Tag harter Arbeit, umgerechnet rund fünf Euro am Tag oder etwas mehr als 60 Eurocent pro Stunde. Die Väter der Jungen und die anderen Erwachsenen verdienen das Doppelte – noch immer ein Hungerlohn, auch in Pakistan.

Die jüngsten Kinderarbeiter sind zehn Jahre alt

Zehn- bis zwölfmal täglich gehen die Tapalis dafür in die Mine, laden die Kohle auf und bringen sie raus. Außerdem kümmern sie sich um die Esel, auch das gehört zum Job. Die jüngsten Kinderarbeiter sind gerade mal zehn Jahre alt und kaum größer als die  staubigen grauen Lasttiere, die übrigens dem Minenbesitzer gehören. Sobald die Kinder stark genug sind, werden sie in den meisten Fällen ganz automatisch zu normalen Minenarbeitern, die die Kohle mit Spitzhacken aus dem Berg hauen. Doch dafür sollen sie tatsächlich volljährig sein, denn die Minenbesitzer haben Angst, dass sich Kinder oder Jugendliche beim Kohleabbau verletzen könnten. Erwachsene Arbeiter sind behördlich gemeldet und auch versichert. Dass beim Alter der Jungen schon mal ein Jahr aufgeschlagen wird, um sie früher als vollwertige Arbeitskraft einsetzen zu können, steht außer Frage. Doch verletzt sich ein illegaler Arbeiter oder ein Kind, dann werden auch die Minenbesitzer vorsichtig: Der Verletzte wird meist nach draußen gebracht und der Vorfall vertuscht. Arbeitsunfälle mit Menschen, die hier offiziell gar nicht arbeiten dürfen, gibt es auf diese Weise nicht.

Überhaupt bestehen in Pakistan viele Differenzen zwischen offiziellen und tatsächlichen Abläufen. Laut Gesetz nämlich ist Kinderarbeit in Pakistan verboten. Doch gerade auf dem Land gilt es als selbstverständlich, dass Mädchen und Jungen mitarbeiten. Fast vier Millionen Kinder, so inoffizielle Schätzungen, schuften in dem asiatischen Land, um ihre Familien über die Runden zu bringen. Sie werden als preiswerte Lastenträger oder Dienstmädchen ausgenutzt, sie kommen in Fabriken oder auf Feldern zum Einsatz. Die Arbeit in den Kohleminen ist besonders gesundheitsschädlich und gefährlich, doch darüber hinaus existiert bei jeder Form der ausbeuterischen Kinderarbeit das gleiche Grundproblem: Kinder werden ihrer Kindheit beraubt und meist wird ihnen auch jede Möglichkeit der Bildung genommen. Das gilt für kleine Näherinnen, die Fußbälle in Heimarbeit nähen, ebenso wie für junge Teppichknüpfer, die in den Fabriken arbeiten, essen und schlafen.

Kinderarbeit Pakistan (Quelle: Christian Herrmanny)

Zu Hause geht die Arbeit weiter

Shan und seine Freunde beispielsweise haben noch nie eine Regelschule besucht, haben weder Lesen noch Schreiben oder Rechnen gelernt. Stattdessen helfen sie auch nach der Arbeit im Haushalt mit. Shan muss die Kühe, Schafe, Ziegen und Hühner füttern, über die die neunköpfige Familie verfügt. Er holt Wasser und steht seinem Vater zur Seite, wenn es etwas zu reparieren oder zu verkaufen gibt: Shans Leben ist fast rund um die Uhr von Arbeit geprägt. Trotz aller Anstrengungen der Familie ist der Alltag entbehrungsreich. Im kleinen Haus der Familie lebt Shan mit seinen Eltern, seinen beiden Schwestern, zwei Cousinen und deren Eltern. Geheizt wird mit offenem Feuer, es fehlt an Elektrizität und fließendem Wasser. Morgens gibt es in der Familie nur trockenes Brot und Tee mit Milch, mittags nach der Arbeit in der Mine und abends besteht die Mahlzeit aus Gemüse – vor allem Linsen – und Reis. Fleisch leistet sich die Familie nur einmal pro Woche oder an hohen Festtagen, sofern das Geld beispielsweise für ein Hühnchen reicht. Shan sitzt oft an der Kochstelle, auch wenn dort kein Essen steht. Am Feuer wärmt er gern seine aufgeschürften Hände. Auf sein Leben angesprochen, findet der Zwölfjährige vor allem trostlose Begriffe: „hart“ oder „problematisch“, zum Beispiel.

3 Jungen stehen vor einem Fun-Learning-Center. (Quelle: Christian Herrmanny)

Ein Lichtblick: das neue Fun-Learning-Center

Doch das soll sich jetzt ändern, die Kinder von Dalwal im Distrikt Chakwal erhalten nun Möglichkeiten zum Lernen und zur selbstbestimmten Gestaltung ihrer – wenn auch wenigen – freien Stunden. Seit Ende 2014 begleitet auch Shan seine Freunde Musha und Mubashir in das sogenannte „Fun-Learning-Center“ der lokalen Kindernothilfe-Partnerorganisation „Rasti“ (Reseach, Advocacy and Social Training Institute). In unmittelbarer Nähe einer Mine haben die Sozialarbeiter ein für die Region völlig neuartiges Angebot geschaffen: Mit finanzieller Unterstützung aus Deutschland und weil der Minenbesitzer einen von ihm nicht mehr genutzten Raum zur Verfügung stellte, kann Rasti am Nachmittag drei Stunden schulen und unterstützen: Lesen und Schreiben in Urdu und Englisch stehen ebenso auf dem Programm wie Rechnen und Gesundheitserziehung. Doch nicht nur die Wichtigkeit von Hygiene, von sauberem Trinkwasser und der Prophylaxe von Malaria stehen auf dem Stundenplan. Auch Kinderrechte werden vermittelt – und welche Rechte die Schüler später als Arbeiter haben. 

Beim Gedanken an einen Beruf, hofft Musha, dank des neu erworbenen Wissens später nicht in der Kohlemine arbeiten zu müssen: „Ich lerne alle möglichen Dinge, die uns unser Lehrer beibringt, und spüre, dass ich dadurch ganz neue Chancen für meine Zukunft bekomme“, so der 13-Jährige. Von Resignation keine Spur. Im Gegenteil: Die Schüler im „Fun-Learning-Center“ sind wissbegierig und fleißig. Aufmerksam folgen sie den Ausführungen ihres Lehrers Mukaram Khan an der Tafel. Zuhören, lange konzentrieren, intensiv lernen, das ist für alle hier ungewohnt – und anstrengend, besonders nach bereits acht Stunden harter Arbeit unter Tage. Doch die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen geben sich große Mühe und wissen um das Privileg, hier wirklich fürs Leben zu lernen.

Ein Junge zeigt auf das ABC an der Tafel. (Quelle: Christian Herrmanny)
Shan ist sehr stolz - er kann auch schon seinen Namen schreiben.

Die Eltern sind glücklich über das Projekt des Kindernothilfe-Partners

An vielen Tagen finden die Jungen nach Arbeit und Unterricht tatsächlich erstaunlicherweise noch Kraft für Spiele oder Sport: Der pakistanische Nationalsport Cricket, aber auch Volleyball oder Fußball stehen ganz oben in der Gunst der Gruppe – auch wenn die Puste oft nur für ein halbes Stündchen reicht. Freude und Spaß gehören originär zum Konzept von Rasti. Darüber hinaus bezieht der Kindernothilfe-Partner auch die Mädchen und die Eltern der arbeitenden Kinder mit ein, ebenfalls durch Schulungen und Aufklärungsarbeit: „Wir ermöglichen den Erwachsenen alternative Einkommensquellen, weil die Arbeit in der Mine für alle, auch für die Väter, viel zu gefährlich ist“, sagt Projektmanager Sayed Mujahid Hussain von Rasti. „Wir qualifizieren die Eltern für neue Jobs und geben auch den Mädchen ein Berufstraining.“

Denn bislang bleiben die Mädchen in vielen ländlichen Gegenden Pakistans in puncto Bildung und Ausbildung außen vor. Rasti will auch die Rolle der Mädchen und Frauen stärken und den Familien langfristig die Chance einräumen, dass sie ihre Kinder nicht mehr in die Kohleminen schicken müssen. Aufgrund der Aufklärungsarbeit sollen die Erwachsenen nicht  länger schicksalshaft hinnehmen, dass die Jungen in die Mine gehen und die Mädchen früh verheiratet werden. „Ich habe alle Schüler zu Hause besucht und mit ihren Eltern gesprochen“, erzählt Lehrer Mukaram Khan nicht ohne Stolz. „Sie sind sehr glücklich, dass ihre Kinder jetzt im Center Bildungsangebote bekommen. Die Väter, die Mütter, die ganzen Familien der Kinder – alle sind sehr dankbar!“ So wie Shan. Der Tapali aus Dalwal will seine Chance auf jeden Fall nutzen: „Es wird der Tag kommen, an dem ich das nicht mehr tun muss und einen anderen Job machen kann.“

 

Kampagne "Action!Kidz - Kinder gegen Kinderarbeit"

Auch Kinder in Deutschland können sich für Kinderarbeiter in Pakistan stark machen – mit der Kampagne „Action!Kidz – Kinder gegen Kinderarbeit“. Infos und Anmeldung: www.actionkidz.de

Kinderarbeit in Pakistan

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