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In der Mädchen-Grundschule Gheba herrscht jetzt eine ganz andere Atmosphäre als früher. (Quelle: Anja Oßwald)

Schule macht Spaß?!

Nicht einmal die Hälfte der Kinder in Pakistan geht in die Schule. Diejenigen, die zur Schule gehen, erleben oft eine triste, von Gewalt geprägte Umgebung. Der Kindernothilfe-Partner SPARC hält mit gewaltfreier Pädagogik in kindgerechter Umgebung dagegen.

Text: Anja Oßwald

„Hey, Mariam, nimm mich mit, ich möchte auch schaukeln!“ Ayesha und Mariam stürmen aus dem Schulgebäude der Mädchen-Grundschule Gheba in Haripur, einer Stadt in der Provinz Khyber Pakhtunkhwa. Sie ist eine von 60 pakistanischen Grundschulen, die am Programm „Learning is fun“ (Lernen macht Spaß) teilnehmen.

Seit vier Jahren engagiert sich die pakistanische Organisation SPARC (Society for the Protection of the Rights of the Child) im Nordwesten Pakistans, um die Schulsituation an den Grundschulen zu verbessern und eine kinderfreundliche Lernumgebung zu schaffen. „Früher sind wir nicht gerne zur Schule gegangen“, berichten Mariam und Ayesha. „Die Lehrer haben uns angeschrien, der Unterricht war langweilig, und wir hatten kaum Bücher.“

Die Situation im Bildungsbereich in Pakistan ist prekär: Nur 41 Prozent der Kinder im Grundschulalter gehen auch tatsächlich zur Schule, Mangel an qualifizierten Lehrern, unzureichendes Lehrmaterial und geschlechterbedingte Diskrepanzen kennzeichnen das Bildungssystem. Durch das Engagement von SPARC haben die Lehrer alternative Lehrmethoden kennengelernt und wissen, dass es auch ohne Gewaltanwendung möglich ist, die Schüler zur Ordnung zu rufen und den Lernstoff zu vermitteln. Schulungen und regelmäßige Beratungen durch die Mitarbeiter der Kindernothilfe-Partnerorganisation bilden die Grundlage für die Lehrer, ihren Unterricht abwechslungsreicher und kinderfreundlich zu gestalten. Als Hilfestellung wurde z. B. ein Zusatzmodul für die Lehrerausbildung entwickelt und leitet die Pädagogen an, wie sie die Mädchen und Jungen besser in die Unterrichtsgestaltung einbinden und das Unterrichtsklima verbessern können.

Lehrerin vor Mädchen, Schulkinder. (Quelle: Anja Oßwald)
Die Mädchen und Jungen beim Unterricht

Auch kreative Ideen und Anregungen zur Gestaltung einzelner Unterrichtsstunden werden vermittelt. „Anfangs war es sehr ungewohnt, dass wir Kinder das Material für den Unterricht selbst mitgestalten können“, erläutert Mariam. „Manchmal spielen wir auch Theater und machen Sketche, um Dinge zu lernen und besser zu verstehen.“

Auch für die Lehrer war die Umstellung zu Anfang eine Herausforderung, wie die Programm-Koordinatorin Asiya Arif berichtet. „Insbesondere den älteren Lehrern ist es schwergefallen, sich auf diese Veränderungen einzulassen. Sie konnten sich nicht vorstellen, wie sie Kinder erziehen sollen, ohne ihnen zu drohen und sie auch gelegentlich zu schlagen.“ Inzwischen wird das gewaltfreie Unterrichtsmodell gut angenommen und kommt auch bei den Eltern gut an. In Eltern-Lehrer-Komitees unterstützen sie die Lehrer und engagieren sich in der Schule. Dazu gehört auch der Umgang mit Beschwerden. Gesammelt werden diese in jeder Schule in einer Beschwerde-Box, die zentral im Schulgebäude angebracht ist. Sie wird regelmäßig geleert, und die Fälle werden vom Komitee diskutiert. Lehrer, Eltern und Schüler sprechen anschließend über Maßnahmen, die zur Verbesserung der Situation führen sollen.

Kommt es zu Meldungen über die Verletzung von Kinderrechten, hilft SPARC bei der Aufklärung, unterstützt das Opfer und dessen Familie und leistet Rechtsbeihilfe. Durch die Schulungen der Lehrer ist die Zahl der Gewaltanwendungen in den Projektschulen erfreulicherweise rückläufig, wie die soeben durchgeführte Evaluierung des Projektes bestätigt. Lehrer jedoch, die noch nicht mit dem neuen Unterrichtsmodell vertraut sind, neigen weiterhin dazu, Gewalt anzuwenden.

Zur Verbesserung der Schulsituation ist auch eine entsprechende Infrastruktur erforderlich. So hat SPARC alle 60 Projektschulen besucht und aufgelistet, was bei der Ausstattung noch fehlt. Nach drei Jahren verfügen nun alle Schulen über eine ausreichende Anzahl an Tischen und Bänken, die Klassenräume sind mit Material ausgestattet. Zeichenfiguren lachen die Schüler von den gestrichenen Wänden an. Es stehen Trinkwasser und Toiletten zur Verfügung. Das Größte für die Kinder aber ist der Schulhof:

Wippe, Schaukel und andere Kleingeräte machen die Pausen zum Highlight der Schultage. An einem Baum hängt ein gelb gestrichener Autoreifen. „Use me“ steht darauf. Der kreative Abfalleimer ist ein echter Hingucker.

Jungen in Schulkleidung. (Quelle: Anja Oßwald)
In der Pause geht es raus auf den Schulhof.

Es hat sich unter den Eltern herumgesprochen, dass die 60 Schulen in den Distrikten Haripur und Abbottabad kinderfreundlicher geworden sind. Dies wird u. a. deutlich an der Steigerung der Einschulungsquoten um durchschnittlich zehn bis 30 Prozent im Vergleich zum Projektbeginn vor vier Jahren. Davon profitieren insbesondere die Mädchen. 2017 wurden mit 1.248 Schülerinnen fünfmal so viele Mädchen eingeschult wie 2014 mit 256 Einschulungen. Auch wenn diese Entwicklung sehr positiv ist, kann sie nicht über das weiterhin bestehende Ungleichgewicht beim Bildungszugang für Mädchen hinwegtäuschen.

Das Projekt „Lernen macht Spaß“ endete im April und wurde vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) mitfinanziert. Es leistete einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Bildungssituation in der politisch instabilen Region. Die gute Kooperation des pakistanischen Partners der Kindernothilfe mit den regionalen Bildungsministerien stellt auch nach dem Ende des Projektes seine Nachhaltigkeit sicher.

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