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Eine Familie vor ihrem zerstörten Haus. (Quelle: Kindernothilfe-Partner)

Haiti: Der nächste Neuanfang

Text: Jürgen Schübelin, Referatsleiter Lateinamerika und Karibik

Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 230 Kilometern pro Stunde traf Hurrikan „Matthew“ im Oktober 2016 auf die Südküste Haitis und hinterließ riesiges Elend und Verwüstung. In beiden am stärksten betroffenen Landesteilen, sowohl an der Südküste als auch in den Küstendörfern im Nordwesten, ist die Kindernothilfe mit ihren Partnerorganisationen seit vielen Jahren engagiert. Gemeinsam mit den Partnern AMURT und CDCSH werden die Kinder in diesen schweren Zeiten in Schutzzentren betreut und der ohnehin darniederliegenden Wirtschaft wiederbelebende Impulse gegeben, um so den Familien wieder auf die Beine zu helfen.

Haiti-Landkarte mit Katastrophengebiet.jpg
Das Katastrophengebiet

Seit mehr als 50 Jahren hatte Haiti keine derartige Hurrikan-Katastrophe mehr erlebt: Städte wie Port-à-Piment, Port-Salut oder Damssins und die Landschaften drumherum waren nach der „Matthew“-Nacht nicht mehr wiederzuerkennen: 90 Prozent aller Häuser und Hütten zerstört, dicht bewachsene, grüne Hügelketten wie kahlgefräst, sämtliche Vegetation vernichtet. Vermutlich verloren etwa 1.000 Menschen unmittelbar in dieser Hurrikan-Nacht ihr Leben, mindestens 29.000 Gebäude wurden komplett zerstört: Straßen, Brücken, dazu Plantagen, Felder, Gärten, Hunderte von Fischerbooten. Es dauerte quälend lange Wochen, bis die UN-Mission für Haiti und die Übergangsregierung unter Präsident Jocelerme Privert endlich einigermaßen die Erstversorgung der Hurrikan-Überlebenden mit Trinkwasser, medizinischer Hilfe, Hygieneartikeln und Nahrungsmitteln organisiert hatten.

Der haitianische Zivilschutz sprach von 1,4 Millionen Betroffenen bei rund zehn Millionen Einwohnern. Flächenmäßig waren die Verwüstungen sogar deutlich größer als das verheerende Erdbeben in der Hauptstadtregion um Port-au-Prince im Jahr 2010. Zwei Milliarden US-Dollar, auf diese Summe bezifferte die Katastrophenhilfe-Organisation der Vereinten Nationen den materiellen Schaden durch „Matthew“ und die nachfolgenden Überschwemmungen. Das entspricht einem Viertel des haitianischen Bruttoinlandsproduktes. Würde man diese Dimension auf Deutschland anlegen, käme man auf den atemberaubenden Betrag von 841 Milliarden Euro.

Zerstörtes Haus. (Quelle: Jürgen Schübelin)
Die Zerstörungen waren noch schlimmer als beim Erdbeben 2010.

Die Welt bekam von der Katastrophe fast gar nichts mit

Darüber, dass es Jahre dauern wird, bis entlang der Schneisen an Verwüstung, die „Matthew“ im Süden und Nordwesten Haiti geschlagen hat, wieder ein Leben wie vor der Katastrophe möglich sein wird, sind sich die Menschen sehr wohl bewusst: „Das ist für uns alle hier eine ähnlich gewaltige Herausforderung wie nach dem Erdbeben von 2010“, sagt Demeter Russafov, der Leiter der Kindernothilfe-Partnerorganisation AMURT in Haiti, „nur, dass diesmal die Welt fast gar nichts mitbekam – oder nicht mitbekommen wollte – was sich hier abspielt.“ Im Süden, wo der Hurrikan mit aller Macht auf das Festland traf, war es die direkte Kraft der immensen Windgeschwindigkeiten, die alles zerstörte. Im Nordwesten, an der Küste des Departments Artibonite, der ärmsten Region des Landes, waren es der wochenlange Starkregen und die Überschwemmungen, die „Matthew“ mit sich brachte.

Screenshot Google Maps Salinen Coridon (Quelle: Google Maps)
Satellitenaufnahme von den Salinen

Die Satellitenaufnahmen zeigen immer noch die heile Welt

Schaut man sich im Internet Satellitenbilder der Region an, gibt es die Salinen von Coridon immer noch. Aus dem All sehen sie vergrößert aus wie ein kunstvoll ineinander gefügtes Mosaik – mit Steinchen in vielen verschiedenen Farben. Aber dieses Bild ist Geschichte. „Matthew“ hat diese gesamte Salinen-Landschaft in eine trostlose, graue und braune Einöde verwandelt. Die kleinen Deiche, die die verschiedenen Becken voneinander trennten, sind zerstört, die Salinen unter Tonnen von Schlamm und Wasser begraben.

Salinen. (Quelle: Jürgen Schübelin)
Intakte Salinen
Zerstörte Salinen. Quelle: Jürgen Schübelin)
Überschwemmte Salinen
 

Inmitten dieses Chaos gelang es Lenoix, dem Agraringenieur der Kindernothilfe-Partnerorganisation AMURT, eine Gemeindeversammlung einzuberufen. Er erklärte, wie wichtig es ist, in solch einer Situation die Kinder als erste zu versorgen, bevor es an den Wiederaufbau der Salinen gehen sollte. Er erläuterte den Plan, Kinderzentren zu errichten, und erklärte, wie sie funktionieren. Die Frauen aus den Kindernothilfe-Selbsthilfegruppen wurden ebenfalls mit eingebunden und übernahmen die Zubereitung der Mahlzeiten für die Kinder und konnten so Geld verdienen. Cash for work nennt sich dieses Prinzip, durch das es möglich wurde, die betroffenen Familien mit etwas Barmitteln auszustatten.

Kinderzentren im Nordwesten des Department Artibonite; Haiti nach Hurrikan Matthew (Quelle: Demeter Russafov /AMURT Haiti)
In den Kinderschutzzentren können die Kinder wieder lachen, singen und tanzen.

Gute Nachrichten aus den Kinderschutzzentren im Norden Haitis

Bereits einige Wochen später erreichten uns gute Nachrichten aus dem stark gebeutelten Nordwesten: Die Kinder in unseren Schutzzentren lebten auf und schöpften neuen Mut. Optimismus, der bis heute anhält. Bis zu 1.400 Kinder werden in den Kinderschutzzentren versorgt. Dort hilft ihnen die Kindernothilfe, die schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten und wieder fröhlich zu sein. Hier der Bericht unseres Partners vor Ort: (...) „Platz haben die Kinderschutzzentren in den örtlichen Schulen gefunden, die wir gemeinsam wieder hergerichtet haben. Hier können die Kinder spielen, musizieren, tanzen und Sport treiben. Außerdem spielen wir gemeinsam Theater und erzählen Geschichten. Ab Januar wollen wir sogar Yoga anbieten.

Kinderzentren im Nordwesten des Department Artibonite; Haiti nach Hurrikan Matthew (Quelle: Demeter Russafov /AMURT Haiti)
Frauen-Selbsthilfegruppen kochen für die Kinder.

Das Essen für die Kinder kommt von lokalen Händlern und Bauern. Das Trinkwasser bringen Lastwagen herbei, aufbewahrt wird es in großen Plastiktanks. In drei der Dörfer errichten wir nahe den Kinderschutzzentren insgesamt sechs öffentliche Toiletten, die auch von den Dorfbewohnern genutzt werden können – vorher gab es überhaupt keine Sanitätseinrichtungen dieser Art.

Die Betreuer kommen alle aus den Ortschaften selbst. Sie werden von uns zweimal im Monat geschult und kontinuierlich begleitet. Alle Betreuer zeigen großen Einsatz und leisten wirklich gute Arbeit. Die Dorfgemeinschaften sind ausgesprochen begeistert von dem Angebot der Kinderschutzzentren. Allen ist klar, wie gut der Einfluss auf die psycho-soziale Entwicklung der Kinder ist. In Befragungen der Kinder und ihrer Eltern konnten wir große Fortschritte seit der Katastrophe feststellen: Die Kinder sind merklich gesünder und fröhlicher. Sie spielen und singen Lieder, die sie im Schutzzentrum gelernt haben. Auch Lehrer und Schuldirektoren betonen den positiven Effekt der Nachmittagsbetreuung im Projekt. Wir sind sehr zufrieden mit den bisherigen Erfolgen."

Gemeinsam mit unseren einheimischen Partnerorganisationen haben wir viel erreicht, was nur möglich wurde durch viele Spender in Deutschland und eine großzügige Förderung des Kindernothilfe-Kooperationspartners DER Touristik Foundation. Das macht uns zuversichtlich, dass wir mit unserer weiteren Arbeit dauerhaft viel bewegen können.

Aber nicht nur die Kinder in den Kinderschutzzentren schöpfen neuen Mut. Auch der Wiederaufbau der Salinen, der Lebensgrundlage der Kinder und ihrer Familien, ist in vollem Gange, mit ambitionierten Zielen: So haben die Menschen laut Demeter Russafov, dem Haiti-Landesdirektor von AMURT, nun die Chance, „die Salzfelder diesmal anders anzulegen, mehrere, miteinander verbundene Becken gemeinsam zu bewirtschaften und dadurch Salz in besserer Qualität zu erzeugen“ und damit die Lebenssituation durch mehr Einkommen nachhaltig zu verbessern.

Child Friendly Space (CFS) nach Hurrikan Matthew. (Quelle: Kindernothilfe-Partner)
Schuluntericht in einem Kinderschutzzentrum

Kinderschutzzentren im Süden Haitis

Neben den Dörfern an der Nordwestküste arbeiten wir auch im Süden Haitis mit der Strategie der „Child friendly Spaces“ (Kinderzentren). In dem am 4. Oktober von „Matthew“ zu 90 Prozent verwüsteten Ort Port-à-Piment erreicht dieses Humanitäre-Hilfe-Programm noch einmal über 550 weitere Kinder in insgesamt zehn Zentren. Hier ist CDCSH der lokale Partner der Kindernothilfe.

 

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