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Ein kleines Mädchen sitzt unter einem Strauch. (Quelle: Fabian Strauch)

Der gefährliche Weg nach Norden – Kinder besonders schutzbedürftig

Seit Anfang Oktober letzten Jahres ist in den Medien immer wieder von sogenannten „Flüchtlingskarawanen“ zu hören. Gemeint sind Menschen aus Zentralamerika, die auf der Flucht vor der allgegenwärtigen Gewalt, Armut und Verfolgung gen USA ziehen. Zwischen 12.000 und 14.000 Menschen haben die Südgrenze Mexikos bislang überschritten, rund 7.000 Personen befinden sich bereits in der nördlichen Grenzregion. Die Kindernothilfe setzt sich mit ihren Partnern dafür ein, dass Kinder auch in dieser schwierigen Situation geschützt werden.

 Text: Raoul Mulzer, Kindernothilfe-Pressestelle

Mexiko. Der Weg scheint unbeschreiblich schwer. Und das Ziel? So gut wie unerreichbar. Über 4.000 Kilometer legen die Flüchtenden teilweise unter widrigsten Bedingungen zurück. Zu lesen ist von Erschöpfung, riesigen Notunterkünften, vom Mangel an Nahrung, Wasser und ärztlicher Versorgung. Ein großer Teil der Geflüchteten besteht laut UN aus jungen Familien aus Honduras, Guatemala und El Salvador, die tausende Kilometer zurücklegen in der Hoffnung, am Ende die USA zu erreichen. Für die meisten unter ihnen wird sich diese Hoffnung wohl nicht erfüllen.

US-Präsident Trump bezeichnete die Flüchtlinge bereits als „eine Invasion“, die die USA überrennen werden, verstärkte die Grenze und warnte: „Unser Militär erwartet euch“. Der Versuch, „illegalen“ Migranten per Präsidialdekret grundsätzlich ein Asylverfahren zu verweigern, liegt bislang vor dem US-Bundesgerichtshof auf Eis. Nun folgte der Aufruf an Geflüchtete in den USA, nach Mexiko zurückzukehren und dort auf den Ausgang ihres Asylverfahrens zu warten.

Doch Argwohn und Ablehnung stoßen den Geflüchteten nicht erst an der US-Grenze entgegen, auch offizielle Stellen der Transitländer ergehen sich bisweilen in verbalen Feindseligkeiten. UN-Experten warnten zuletzt, die Stigmatisierung der Geflüchteten als Kriminelle und Überträger von Krankheiten befördere diese Übergriffe. Sie riefen insbesondere die US-Regierung dazu auf, sich lieber an den Lösungen der Probleme zu beteiligen, anstatt mit hate speech (Hassreden) ein Klima von Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz zu befördern. Auch die Drohung, den Herkunftsländern die Finanzhilfen zu kürzen, da diese nicht genug gegen die Ausreise der Migranten getan hätten, verschlimmere das Problem nur. 

Elmer Villeda, Leiter von KNH Honduras, berichtet von einer täglichen Verschlimmerung der Situation

Entlang ihrer Route stoßen die Flüchtenden immer wieder auf beeindruckende Beispiele von Hilfsbereitschaft und Anteilnahme. Menschen nehmen die Geflüchteten auf, kommen mit Decken und Essen zu Hilfe. Die Versorgung so vieler Menschen übersteigt aber schlichtweg die Möglichkeiten der Transitländer. Der UNHCR verstärkte zuletzt seine Aufwendungen und warnte vor einer humanitären Notlage. Auch Elmer Villeda, Leiter von KNH Honduras, berichtet von einer tagtäglichen Verschlimmerung der Situation. Die ärztliche Versorgung ist kaum oder gar nicht gegeben, Trinkwasser, Essen und Unterkünfte sind knapp, oft mangelt es am Nötigsten. Hinzu kommt das raue Klima um diese Jahreszeit, das den Geflüchteten schwer zu schaffen macht.

Besonders in der nördlichen Grenzregion Tijuana beginnt außerdem die Stimmung gegenüber den Migranten zu kippen; die anfängliche Hilfsbereitschaft ist vielerorts in Ablehnung umgeschlagen. Auch das Verhalten der Sicherheitskräfte und Behörden werde zunehmend repressiver, so Villeda. Neben dem allgemeinen Mangel müssen sich die Geflüchteten mit Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, Beschlagnahmung von Handys oder Erpressung beim Zugang zu Unterkünften herumschlagen, auch die Stadtverwaltung von Tijuana blieb bei ihrer Ankündigung, kein Geld für die Unterstützung der Migranten bereitzustellen.

Die Angst, einige schutzlos zurückzulassen, bewegt oft ganze Familien dazu, sich auf die beschwerliche Reise nach Norden zu machen. Gerade junge Menschen sind in den Herkunftsländern besonders von der Gefahr einer Zwangsrekrutierung durch Gangs betroffen. Unter den Geflüchteten finden sich so auch Tausende von Kindern, und gerade sie sind in der chaotischen und gefährlichen Gemengelage besonders verwundbar.

Wandmalerei: Jugendliche gegen Gewalt
Jóvenes contra la violencia - Jugendliche gegen die Gewalt

Fluchtursachen bleiben bestehen

Ende November wurde eine erste Gruppe von Migranten an der Südgrenze der USA mit Tränengas zurückgetrieben. Desillusioniert haben viele inzwischen die Hoffnung aufgegeben, die USA zu erreichen. Etwa 30 Prozent von ihnen haben seitdem ein Asylverfahren in Mexiko begonnen, andere lassen sich mit ausländischer Unterstützung in ihre Heimatländer zurückführen.                                                     

Für viele ist dies jedoch keine Option. El Salvador und Honduras gehören zu den Ländern mit der höchsten Mordrate der Welt. In allen drei Ländern erwartet sie extreme soziale Ungleichheit, Gewalt und repressive Regierungen, dazu die allgemeine Perspektivlosigkeit. Oft scheint die Flucht, so schlecht sie als Option sein mag, als letzte Hoffnung. So wird die Situation in den Herkunftsländern auch weiterhin Menschen zwingen, sich auf den gefährlichen Weg zu machen.

Unter den Emigranten werden auch weiterhin viele Kinder sein. Die bestehenden Kindesschutzsysteme in Honduras und Guatemala werden durch die schwachen staatlichen Institutionen jedoch nur unzureichend umgesetzt; ebensowenig existiert für die Rückführungen von Kindern ein geeignetes Schutzkonzept. Dadurch kommt es immer wieder zu Kinderrechtsverletzungen - durch die Heimatländer ebenso wie durch die Länder entlang der Migrationsroute.

Ein Junge macht in einem Lebensmittelgeschäft Hausaufgaben.
In den Projekten unserer Partner wird großer Wert auf Schulbildung gelegt, denn sie eröffnet den Jugendlichen bessere Zukunftschancen.

Die Kindernothilfe setzt bei den Ursachen an

Genau hier setzen wir als Kindernothilfe gemeinsam mit unseren Partnern vor Ort an. Uns geht es darum, Kinder wirkungsvoll vor Rechtsverletzungen zu schützen, egal wo sie sich gerade befinden. Dafür ist es zunächst wichtig, ganz handfest vor Ort anzusetzen. So arbeiten wir etwa mit unserem Partner Casa Alianza Honduras zusammen, um Kinder und Jugendliche in widrigen Lebenssituationen zu unterstützen und Perspektiven zu ermöglichen.

Langfristig geht es aber auch darum, die zugrunde liegenden Strukturen, die zu den Kinderrechtsverletzungen führen, zu verändern. Daran arbeiten wir in einem vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) kofinanzierten Projekt mit unserem lokalen Partner PAMI und den lokalen Kinderrechtsnetzwerken COIPRODEN (Honduras) und CIPRODENI (Guatemala). Der Ansatz ist dabei breit angelegt und richtet sich sowohl an die Staaten wie auch an die Zivilgesellschaft, die Medien und andere Nichtregierungsorganisationen.

Einerseits braucht es Lobbyarbeit, um Verantwortliche im Staat von der Relevanz des Kinderrechtsansatzes und der Bereitstellung der nötigen Mittel zu überzeugen. Dadurch können die Heimatländer passende Regeln insbesondere zum Schutz minderjähriger Migranten festlegen und dann umsetzen. Außerdem unterstützen unsere Partner vor Ort die Erarbeitung von binationalen Vereinbarungen zwischen den Staaten, um den Kindesschutz auch bei der Heimkehr von Kindern gewährleisten zu können. Zum jetzigen Zeitpunkt haben schon über 3.000 Kinder einen Rückführungsprozess durchlaufen; wirksamer Schutz an dieser Stelle ist also nach wie vor zentral. Dafür ist es auch wichtig, möglichst langfristige regionale und internationale Bündnisse zu schmieden und die staatlichen Stellen fortwährend zu beobachten und zu begleiten.

Andererseits unterstützen wir unsere Partner aber auch darin, andere Nichtregierungsorganisationen (NGOs) zu schulen, etwa zum Thema Migration oder in der Lobbyarbeit. Die anderen NGOs können dann umso zielgerichteter auf einen besseren Kindesschutz hinarbeiten oder ihrerseits an staatliche Stellen herantreten und ihre Forderungen vorbringen.

Zu guter Letzt ist es wichtig, dass die entsprechenden Stellen überhaupt mit Informationen versorgt werden. Die besten Absichten nutzen wenig, wenn niemand weiß, wie sich die Situation darstellt oder wo der beste Ansatzpunkt zur Verbesserung liegt. Durch die Unterstützung der Beobachtungsstelle vor Ort kann gewährleistet werden, dass Medien, staatliche Stellen und NGOs auch auf die Informationen zurückgreifen können, die sie zum besseren Schutz von Kindern und Jugendlichen brauchen.

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