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Kinder malen auf ein großes Stück Papier. (Fabian Strauch)

Schutzhaus für Mädchen und Jungen

San Andres. Die WAZ-Weihnachtsaktion soll Kindern zugute kommen, die unter Gewalt leiden. Einen Bauplatz der Hoffnung gibt es dafür schon.

Text: Hubert Wolf, Fotos: Fabian Strauch, erschienen in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung am 20. Dezember 2018

An diesem Morgen gibt Margarita (16) ihr Kind für ein paar Stunden ab, sie liebt es ja sowieso nicht. Das kleine Mädchen, sieben Monate ist es alt, wurde in einer Vergewaltigung gezeugt: Nun wandert es durch die Hände mehrerer größerer Mädchen, schreit nicht ein Mal, muckt nicht auf, guckt nur um sich – die Lage ,Fremde Hände’ kennt es offenbar schon.

Mama Margarita aber, selbst Kind, hat keinen Blick mehr dafür, sie stürzt sich ins Leben ihrer Gruppe auf einem Feld vor der Stadt: lässt sich, wie geplant, rückwärts in Hände fallen, die sie auffangen; balanciert wie die anderen zu zweit über auch noch besetzte Stühle; stemmt Reifen, auf den Schultern anderer stehend.

Sie lernen Vertrauen, Gemeinsinn, Zusammenhalt

  2 Mädchen stehen auf den Schultern von Männern, in der Mitte ist ein langer Stock. Sie versuchen, einen Autoreifenüber die Spitze des Stockes zu ziehen. (Quelle: Fabian Strauch)
Wennn sie den Reifen über die Spitze bekommen wollen, müssen sie den Schultern vertrauen, auf denen sie stehen.

Ganz klar: Die 57 Kinder und Jugendlichen hier sind, oberflächlich betrachtet, bei einer Art Spiele ohne Grenzen gelandet; tatsächlich aber lehrt man sie gerade Vertrauen, Gemeinsinn und Zusammenhalt. Schön, ihnen beim Leben zuzusehen.

Vertrauen und Zusammenhalt sind ja auch nichts, was sie von zu Hause kennen: nicht Jorge (10), das verschüchterte Kind, das der Vater immer verprügelt hat, auch nicht Esteban (16) mit seinem drogensüchtigen Bruder und seiner eigenen Anfälligkeit, oder Lidia, die in Armut lebt, oder Brian oder . . . Und da stehen auffallend viele sehr junge Mütter. Ach, es ist ein Jammer.

„Cedupaz“, das „Zentrum für Friedenserziehung“

Aber dieses Feld ist ein besonderes: Genau hier soll mit Ihrer Hilfe, liebe Leser, unser Schutzhaus entstehen, ein Rückzugspunkt für Kinder, die Gewalt erleiden. Familiäre, sexuelle und kriminelle Gewalt, Schulhofgewalt, Straßengewalt.

Die deutsche Kindernothilfe und „Coincidir“ wollen das Haus bauen an der Stadtgrenze von San Andres im guatemaltekischen Hochland: ,Cedupaz’ wird es heißen – das spanische Kürzel steht für das geplante „Zentrum für Friedenserziehung“.

Sie werden einen Brunnen graben müssen

Was haben die Kinder am Wochenende geschuftet, um einen ersten Teil des Geländes zu roden: weg mit den dichten Bohnenbüschen! Der spätere Strom? An der Straße stehen Masten. Anschluss? Der Bus hält hier, man kann aber auch laufen. Wasser? Das im unterirdischen Kanal ist zu dreckig, sie werden einen Brunnen graben müssen. Und dann?

Ein Mann steht mit einem Plan in der Hand unter Bäumen. (Quelle: Fabian Strauch)
Saul Interiano mit Plänen für das Gelände. Die Bohnen kommen weg, die Avocado-Bäume bleiben. 

Ein deutschsprachiges Transparent, das hier überraschend hängt, greift ein wenig vor: „Mit der Unterstützung der WAZ-Leser*Innen möchten wir hier das Zentrum des Vereins Coincidir bauen.“ Und dessen Chef Saul Interiano (43) geht an dieser Stelle mal wieder in die Vogelperspektive, was er gerne tut: „Ein sauberer Ort inspiriert mehr als Dreck.“

Raus aus der Familie, raus aus der Gefährdung

Er hat diejenigen seiner Schutzbefohlenen, die 57 von mehreren Hundert, die mit zum Feld gekommen sind, in Gruppen eingeteilt: Sie sollen nun malen und aufschreiben, was sie sich wünschen für das Schutzhaus. Sie malen: Sportfelder, Gärten, Leseraum, Brunnen, Feuerstellen; Computerraum, „Biblioteca“, „Teatro“ schreiben sie. Essraum. Schlafraum.

Und die Größeren, die wissen, malen einige kleine, besonders geschützt stehende Häuschen: für Mädchen und Jungen, die raus müssen aus ihrer Familie, raus aus ihrer Gefährdung. „Die Kinder sind Opfer“, sagt Interiano, „aber wenn sie keine Hilfe bekommen, wiederholen sie das Verhalten, wenn sie erwachsen werden.“

„Dass unsere Kinder einmal ein besseres Leben haben“

Am Rande des kleinen Festes findet eine Frau von „Coincidir“ sehr klare Worte für Margarita, die ihr Kind ignoriert hat: Die eigentliche, psychologische Hilfe des Vereins ist gerade nicht verfügbar, die „Menschen, die mir helfen, mit der Situation klarzukommen“, wie sie selbst sagt.

Jugendliche trampeln mit einem Brett an den Füßen den Boden fest. (Quelle: Fabian Strauch)
Nach dem Fest gibt es auf dem Bauplatz viel zu tun.

Und am Ende pflanzen die Kinder zwei Lebensbäume auf diesem Bauplatz der Hoffnung. Eine Frau sagt: „Dieses Haus soll helfen, dass unsere Kinder einmal ein besseres Leben haben als wir.“

Sie sagt das im Alter von 21 Jahren. Was mag ihr widerfahren sein? Sie sind so viele. Manchmal willst du nicht mehr fragen.

Das Spendenkonto

Empfänger Kindernothilfe IBAN: DE4335 0601 9000 0031 0310
BIC: GENODED1DKD (Bank für Kirche und Diakonie).
Stichwort: Schutzhaus Guatemala

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