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(Quelle: Jakob Studnar)

Hilfe für die Rohingya: Auch Nachbarn des Lagers leiden Not

Text: Hubert Wolf, Fotos: Jakob Studnar, erschienen in der WAZ am

Ein halbes Jahrhundert lebt Suhura Khatun jetzt in ihrem Dorf, hat von der Welt praktisch nichts gesehen, da kam die Welt zu ihr. In dem Dorf Muchar Khola, zwei durchrüttelnde Autostunden entfernt von der Großstadt Cox’s Bazar, von der Zivilisation, wie wir sie kennen, betreibt die zahnlose 50-Jährige ein Lädchen, sitzt auf einem sehr niedrigen Plastikhocker im Eingang und erzählt, wie die Welt zu ihr war. Erst gut, damals, 2017. Jetzt nicht mehr.

Die Bestände sind ganz klein, der Ladenraum ist auch der Ort, wo sie mit ihrem Enkel Ismael (12) schläft, kocht, lebt. Seine Eltern sind fort. Ein Päckchen Fertignudeln kostet bei Frau Khatun acht Taka, also neun Eurocent, ein Keks etwas mehr als zwei Cent, aber keine drei, ein Fläschchen Limonade um die 20 Cent. Bangladesch ist arm hier.

„Heute haben sie ihre eigenen Geschäfte, und meine Einkünfte sinken“

„Als die Flüchtlinge 2017 kamen, wurde das Geschäft erst besser. Sie waren Kunden“, erinnert sie sich: „Heute haben sie ihre eigenen Geschäfte, und meine Einkünfte sinken.“ 10.000 Taka im Monat, etwa 100 Euro brauchten sie und Ismael, rechnet Suhura Khatun vor, um zu leben und vor allem für den Arzt.

Wenige hundert Meter entfernt vom Dorf beginnt das größte Flüchtlingslager der Welt, „Kutupalong Expansion“. Eine Million Vertriebene leben seit 2017 hier, 400.000 Kinder darunter. Sie gehören dem Volk der Rohinya an, einem Volk, dass niemand will: Inzwischen leben in Bangladesch („Land der Bengalen“) wohl mehr Rohingya als in ihrem Heimatland Myanmar. Die Kindernothilfe (KNH) aus Deutschland hilft ihnen, vor allem den Mädchen und Jungen, baut Zentren, wo sie sich treffen, spielen und lernen können; baut Latrinen und Wasserstellen.

Beiden Gruppen zu helfen, verringert die möglichen Konflikte

Aber den Einheimischen in der Umgebung hilft sie auch, hier, wo die Menschen arm sind, konservativ und kinderreich, in den vielen kleinen Dörfern rund um das Lager. „Kinder und ihre Familien haben die gleichen Rechte, im Flüchtlingslager und außerhalb“, sagt die Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, Katrin Weidemann.

Das Problem der Einheimischen sei „eine Million neue Nachbarn“: Beiden Gruppen zu helfen, verringert mögliche Konflikte. Der Staat Bangladesch schreibt inzwischen vor, dass ein Anteil der ausländischen Hilfe an betroffene eigene Bürger geht. „It is Realpolitik, so you call it in Germany“, sagt Karl Andersson, ein dänischer Mitarbeiter des KNH-Partners „Amurt“.

Manche Kinder können jetzt nicht mehr zur weiterführenden Schule gehen

In Muchar Khola sitzen jetzt 14 Frauen auf geflochtenen Matten in einem Hof, sie haben auf den Besuch der Helfer gewartet, sie wollen etwas los werden, dringend. Sie erzählen von Jobs, die es nicht mehr gibt, und von Einkommen, das deutlich gesunken ist: von 200 bis 300 Taka täglich, also bis zu drei Euro, auf die Hälfte. „Es sind ja plötzlich so sehr viel mehr Menschen da.“

Die Flüchtlinge dürfen zwar offiziell nicht arbeiten, verdingen sich aber für wenig Geld dann doch als Tagelöhner, Erntehelfer oder Holzsammler, um der Untätigkeit im Lager zu entgehen und die Einheitsverpflegung aus Reis und Bohnen sowie Bohnen und Reis aufzubessern.

Das bekommen auch die Kinder zu spüren. Manche können nicht mehr zur weiterführenden Schule. „Das Schulgeld können wir nicht mehr bezahlen, 50 Taka am Tag“, sagt eine Mutter (circa 53 Cent). Andere beklagen, dass sie nicht mehr einkaufen können, was ein Schulkind braucht an Stiften, Heften und Essen. Und: Lehrer fehlen schnell, wenn man so viele Kinder hinzubekommen hat und die Hilfsorganisationen im Lager Lehrer gut bezahlen.

Kleinstkredite, mit denen man hier aber schon etwas anfangen kann

Und so wird die Kindernothilfe nun auch hier helfen. „Es braucht nur einen Anschub, und wenn die Frauen merken, dass sie etwas bewegen können, dann wächst auch wieder das Selbstvertrauen“, sagt Katrin Weidemann. Es geht um kleine Projekte, kleine Geschäftsmodelle, Hühner züchten, Hocker flechten, verbunden mit einem Projekt für Mikrokredite: Die Gruppe bringt etwas Geld auf und vergibt an andere Mitglieder Kleinstkredite, mit denen man aber schon etwas anfangen kann. Immerhin „haben die Frauen schon erkannt, dass sie sich organisieren müssen“, sagt die einheimische Helferin Tina Baidya,

Es geht zurück nach Norden, nach Cox’s Bazar. Die wichtigste Straße, die ständig verstopfte und zuschanden gefahrene N1, führt über viele Kilometer neben dem Flüchtlingslager her, wo eine Million neue Nachbarn wuseln. Rohingya. Bengalen auch sie.

Das Spendenkonto

Wir wollen in den Lagern und der Umgebung Kinderschutzzentren bauen, die Versorgung mit sauberem Wasser, Trink- und Waschgelegenheiten verbessern und Kinder mit einer Mahlzeit pro Tag versorgen.

Und Sie können helfen:
Kindernothilfe
IBAN DE4335 0601 9000 0031 0310
BIC GENODED1DKD (Bank für Kirche und Diakonie)
Stichwort "Bangladesch"

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