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„Auf der Straße interessiert’s keinen, wie’s dir geht“

„Es braucht ein ganzes Dorf um ein Kind zu erziehen“ – so lautet ein afrikanisches Sprichwort. Doch wenn die traditionellen Strukturen zusammenbrechen, bleiben viele Kinder sich selbst überlassen und landen auf der Straße. In Nyahururu fängt sie der Kindernothilfepartner St Martin auf.

Text: Katharina Nickoleit; Fotos: Roland Brockmann, Christian Nusch

Für Bahati ist alles gut geworden. Er sitzt entspannt zurückge- lehnt auf seinem Sessel und hört seinem Ziehvater zu, dem er das Reden überlässt. Johnson Charles Munene, ein großer, breitschultriger Mann, dessen Autorität von niemandem in seiner Familie angezweifelt wird – und dessen Blick doch weich wird, wenn er Bahati anschaut. Dass er ihn aufgenommen hat und ihm nun seine Familie ersetzt, das ist Johnsons Art, „danke“ für das zu sagen, was ihm das Leben geschenkt hat. „Ich habe drei Kinder, die alle eine gute Ausbildung haben und beruflich etwas erreichen. Ich habe alles, was ich für ein gutes Leben brauche, und darüber bin ich wirklich sehr glücklich. Ich dachte, es ist an der Zeit, von diesem Glück etwas weiterzugeben und einem der Kinder ohne Eltern ein wenig Hoffnung zu schenken.“

02_kenia_knh_1022_bahati_johnson_edwin_miriam.jpg (Quelle: Christian Nusch)
Bahati (l.) ist sehr glücklich in seiner neuen Familie.

Der 57 Jahre alte Lehrer ist keineswegs reich, gemessen an unseren Maßstäben lebt der dreifache Vater sehr bescheiden. Sein kleines Häuschen hat neben dem beengten Wohnzimmer nur drei sehr kleine Schlafzimmer, in denen außer den Bettgestellen keine Möbel stehen. Seit einem Jahr nun teilt sich Bahati eines dieser Zimmer mit Edwin, Johnsons erwachsenem Sohn.

„Als er zu mir gebracht wurde, da sah ich ihn an und wusste: Das ist das Kind, das ich aufnehmen möchte. Und ich bin sehr glücklich darüber, dass er bei uns lebt!“ Und Bahati, wie erlebte er den ersten Tag? Es ist schön zu sehen, wie seine Erinne- rungen denen seines Ziehvaters gleichen. „Als ich Mr. Johnson zum ersten Mal sah, da war ich sehr froh, denn ich wusste, dass ich ein Zuhause gefunden hatte.“

Simon Moira ist froh über den glücklichen Ausgang dieser Geschichte. Er könnte mehr solcher Erfolgsgeschichten brauchen. „Früher, vor 20 Jahren, da gab es bei uns keine Straßenkinder“, erinnert sich der Mitarbeiter von St Martin, der Partnerorganisation der Kindernothilfe. „Wenn sich die Eltern damals, aus welchem Grund auch immer, nicht um ihre Kinder kümmern konnten, dann war im Dorf immer irgendeine entfernte Tante oder auch eine Nachbarin dazu bereit, sie mit unter ihre Fittiche zu nehmen.“

Doch Kenia verändert sich. Auf der Suche nach Arbeit ziehen die Menschen aus ihren Dörfern weg, die weit verzweigten Familienstrukturen zerbrechen und damit auch das Netzwerk, das in Notfällen einspringt. Und diese Notfälle werden mehr. Nicht alle Menschen halten mit der rasanten Veränderung des Landes Schritt. Die Zahl derjenigen, die sich den Anforderungen eines modernen Landes, dem Zeitdruck, der Jobsuche, der Ver- einzelung, nicht gewachsen fühlen, sich in Alkohol und Drogen flüchten oder ganz einfach das Weite suchen, wächst. Bahatis Eltern gehören dazu. „Meine Eltern waren beide Alkoholiker und haben sich nicht um uns Kinder gekümmert. Ich war sieben Jahre alt, als ich anfing, mich alleine auf der Straße durchzuschlagen.“ Bahati erzählt das mit leiser Stimme, fast so, als könne er dadurch erreichen, dass die Erinnerung blass und verschwommen bleibt. Er schloss sich mit anderen Straßenkindern zusammen, gemein- sam sammelten sie Papier, Glas und Metall und verkauften die Rohstoffe an Recycler. Nachts schliefen sie im Schutz der Gruppe gemeinsam in dunklen Ecken von Nyahururu.

Simon Moira (Mitte), Projektmanager, Sozialarbeiter bei St. Martin (Quelle: Christian Nusch)
Sozialarbeiter Simon Moira

Es dauerte sechs Jahre, bis Bahati eines Tages erfuhr, dass es in der Stadt eine Hilfsorganisation namens St Martin gibt und dass sie ein Programm für Straßenkinder unterhält. „Ich wusste sofort, dass dies die einmalige Chance ist, um von der Straße wegzukommen.“ Bahati war 13 Jahre alt, als er beschloss, sein Schick- sal in die eigenen Hände zu nehmen und seinem Leben die entscheidende Wendung zu geben. „Ich nahm allen Mut zusammen und ging in das Büro, um zu fragen, ob sie einen Platz für mich haben.“

Heute besucht Bahati zum ersten Mal wieder den Platz, an den ihn Simon Moira damals brachte: das Drop-In-Center von St Martin. „Es ist ein bisschen wie nach Hause zu kommen“, meint er und begrüßt freudig einen der Betreuer. 13 Jungen sind hier untergebracht, sie alle lebten bis vor Kurzem auf der Straße. Ihre Geschichten ähneln sich: Zu Hause gab es nur Streit und Schläge; weil die Eltern keine Schulsachen kauften, waren sie auch dort nicht erwünscht. Auf der Straße, in Gemeinschaft mit anderen Kindern zu leben, das schien ihnen der bessere Weg zu sein. Oft ist es die Polizei, die die Jungs aufsammelt und zu St Martin bringt. „Wir versuchen erst einmal, sie zu rehabilitieren. Nach Jahren auf der Straße müssen sich die Kinder an vieles ganz neu gewöhnen: an einen regelmäßigen Tagesablauf, an Pflichten im Haushalt, an Respekt vor Erwachsenen. Vor allem aber nehmen wir sie ernst und hören ihnen zu“, erklärt Simon Moira die Aufgabe des Drop-In-Centers. „Ich weiß noch, wie mich hier zum ersten Mal jemand fragte, wie es mir geht“, erinnert sich Bahati. „Auf der Straße interessiert das keinen, hier schon.“

02_kenia_knh_1051_paul_bahati.jpg (Quelle: Christian Nusch)
Bahati und Paul
Simon Moira (Mitte), Projektmanager, Sozialarbeiter bei St. Martin (Quelle: Christian Nusch)
Simon Moira mit Straßenkindern

Die 13 Jungen schauen neidisch und zugleich fast ehrfürchtig zu Bahati auf. Er hat es geschafft, er hat ein neues Zuhause ge- funden, und – noch wichtiger – er darf zur Schule gehen. Zur Schule zu gehen, das ist der größte Traum jedes Einzelnen dieser Kinder. Nach Hause zu den Eltern möchte hingegen keines von ihnen. „Die Kinder sind ja nicht ohne Grund auf der Straße gelan- det“, erklärt Simon Moira. „Ihre Eltern konnten ihnen nicht gerecht werden. Trotzdem müssen wir versuchen, sie wieder in ihre Familien zu integrieren, sie wenigstens bei einer Tante oder der Großmutter unterzubringen.“ St Martin hat keinen Platz, um die Jungen dauer- haft zu beherbergen, sie sind nur vorübergehend hier. Die Unter- bringung ist spartanisch, das Essen sehr einfach, Mitarbeit in der Küche und beim Putzen wird eingefordert. Die Kinder sollen es nicht bequemer haben als in ihren Dörfern, sonst wird es noch schwieriger, sie wieder in ihre Familien zu integrieren, als es ohnehin ist.

Während die Jungen psychologisch betreut werden und Schulstoff nachholen, machen Mitarbeiter von St Martin ihre Familien ausfindig, beraten sie über Elternschaft, sprechen über Kinder- rechte. Gleichzeitig erarbeiten sie mit den Kindern, wo sie sich Hilfe holen können, wenn es daheim wieder Schwierigkeiten gibt, z. B. in der Kirchengemeinde oder bei einem vorher dafür bestimmten Lehrer, der ein Auge auf die ehemaligen Straßen- kinder hat. Und St Martin bezahlt die Schulgebühren, damit die Ausbildung der Kinder gesichert ist.

Doch diese Vorbereitung ist keine Garantie dafür, dass es mit dem Familienleben nachher klappt. Einen der Jungen kennt Bahati noch aus der Zeit, als er selbst im Drop-In-Center von St Martin war. Der gerade mal achtjährige Paul ist schon zum zweiten Mal hier. Er war erst drei, als er auf der Straße landete, sein damals siebenjähriger Bruder kümmerte sich um ihn. Die beiden kamen zusammen zu einer Tante, doch der wurden zwei Kinder zu viel. Nun sucht Simon Moira eine Pflegefamilie für die beiden – und für 20 weitere. Ein schwieriges Unterfangen. „Die Gesellschaft individualisiert sich immer mehr, und damit sind die Menschen weniger bereit, fremde Kinder aufzunehmen. Und dann sind da auch die Kosten“, erklärt der Mitarbeiter von St Martin und meint damit nicht die Verpflegung oder Kleidung. In Kenia sind nur die Grundschulen kostenlos. Wer sein Kind darüber hinaus etwas lernen lassen will, muss dafür bezahlen. „Wenn wir die Pflegefamilien wenigstens bei den Schulgebühren unterstützen könnten, dann würde das schon sehr dabei helfen, ein neues Zuhause für die Straßenkinder zu finden.“ 

Bahati spricht Paul und den anderen Jungen Mut zu. „Habt Geduld und habt Hoffnung, dass alles gut wird“, meint er. „Ob ihr nun zu euren Familien oder in eine Pflegefamilie kommt, habt Respekt vor den Erwachsenen und strengt euch an. Sucht euch ein Ziel im Leben und haltet daran fest!“

Kampagne Artikel Kenia Magazin 2/2017 (Quelle: Ralf Krämer)

Um mehr Menschen aus der örtlichen Gemeinde dazu zu bewegen, Straßenkinder aufzunehmen, lädt Simon Moira regelmäßig Pflegeeltern zu Kirchenversammlungen ein, damit sie von ihren Erfahrungen erzählen. Nicht nur von der Freude, die es macht, einem Kind zu helfen, sondern auch von den Herausforderungen, die damit verbunden sind. „Am Anfang war es schwierig. Wir mussten uns ja erst kennenlernen, und Bahati war wirklich sehr schüchtern, er brachte kaum ein Wort heraus.“ Für Johnson Charles Munene, der sich gerne unterhält und viel zu erzählen hat, war es zunächst nicht leicht, Zugang zu dem verschlossenen Jungen zu finden. „Er hatte so viele Jahre alle Probleme mit sich alleine ausgemacht, dass es ihm sehr schwerfiel, sich zu öffnen“, erinnert sich der Ziehvater und schaut liebevoll zu Bahati hinüber.

Es dauerte einige Wochen, bis der Junge langsam anfing, Vertrauen zu fassen und aus sich herauszukommen. „Es tat mir leid, dass ich nicht viel sagen konnte. Ich hatte einfach nie jemandem zum Reden und war es einfach nicht gewöhnt, etwas zu erzählen. Es hat ja auch niemanden interessiert.“

Es gab vieles, was Bahati anfangs lernen musste. Auf der Straße kommt ein Kind mit dem normalen Alltag und seinen Aufgaben nicht in Berührung. Wie macht man sich etwas zu essen? Wie fegt man ein Zimmer aus oder wäscht sein Hemd? All das war neu für ihn. Und dann ist da natürlich der Schulstoff. Trotz der Nachhilfe im Drop-In-Center war Bahati mit seinen damals 14 Jahren kaum auf dem Stand der 5. Klasse, als er zu seinem Ziehvater kam. Ihn auf den richtigen Lernstand zu bringen, das ist ein Projekt, dem sich Johnson Charles Munene mit all seiner jahrelangen Erfahrung als Lehrer mit Feuereifer widmet. Und mit Erfolg. „Bahati hat es in nur einem Jahr geschafft, auf den Stand der 7. Klasse zu kommen“, verkündet er mit unverhohle- nem Stolz und erzählt von den vielen Büchern, die der Junge in jeder freien Minute verschlingt. Johnson und sein Ziehsohn schauen sich an und lächeln. Keine Frage: Die beiden haben sich nicht nur zusammengerauft, sondern sind tatsächlich eine Familie geworden.

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