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Kindertag in Kenia. (Quelle: Kirsten Milhahn)

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Kenia: Kinderrechte waren lange Zeit ein Fremdwort in Kenia, bis 2010 wurden Minderjährige noch nicht einmal als vollwertige Bürger anerkannt. Mittlerweile mischen aber immer mehr Mädchen und Jungen mit in der Gesellschaft – vor allem auch, weil sie selbst für dieses Recht gekämpft haben.

Von Kirsten Milhahn, freie Autorin

Seit den Morgenstunden herrscht im St. John‘s-Gemeindezentrum großer Betrieb. Aus uralten Lautsprechern schrillt Musik, in der Gemeindehalle kreischen hunderte Kinder und warten, dass die Show beginnt. Es ist der 16. Juni: „Day of the African Child“, anders gesagt, Kindertag in Afrika. Für die Kinder aus den Slumvierteln von Pumwani, einem Stadtteil von Kenias Hauptstadt Nairobi, ist das eine Riesensache. Alle gehen in die Grundschule am Zentrum. Wochenlang haben sie für ihre Auftritte an diesem Tag geprobt, Gedichte und Lieder einstudiert, Theaterstücke und Tänze choreografiert. In der Halle herrscht inzwischen angespannte Stille. Dann drängelt eine Gruppe johlender Jungen und Mädchen aus einer Seitentür auf die Tanzfläche. Trommelmusik vibriert. In Paaren drehen sie sich vor dem staunenden Publikum im Kreis. Doch der Tanz wird schneller, aggressiver. Schließlich rempeln die Jungen die Mädchen vom Parkett und tanzen allein.

„Natürlich ist der Tanz nur symbolisch“, erklärt Peris Macharia, Projektleiterin für Kindesschutz im Gemeindezentrum. Gemeinsam mit den Schülern hat sie die Vorführungen einstudiert. „Die Kinder drücken damit Dinge aus, die sie in ihrem Lebensumfeld verändern wollen, etwa die soziale Ungleichheit zwischen den Geschlechtern.“ Mädchen hätten noch immer weniger Rechte, berichtet Macharia. Oft dürften sie nicht einmal zur Schule gehen, vor allem wenn sie älter werden und aus traditionellen Familien stammten. Diskriminierung ist an diesem so fröhlichen Tag nur eines vieler Themen, die die Schüler vom St. John‘s in ihren Darbietungen künstlerisch ausdrücken.

Eine kleine politische Revolution

Kind auf einer Müllkippe in Nairobi. (Quelle: Christoph Gödan)
Ausbeuterische Kinderarbeit: noch immer trauriger Alltag in Kenia.

Denn es geht um nichts Geringeres als die Grundrechte der Kinder. Ihr Recht auf Bildung, elterliche Fürsorge, soziale Sicherheit, medizinische Betreuung und gesellschaftliche Mitbestimmung. Diese Rechte fordern Kinder in ganz Kenia inzwischen lautstark ein. In der Schule, daheim bei den Eltern oder in aller Öffentlichkeit, wie etwa an ihrem Festtag. In einem Land wie Kenia ist das eine kleine politische Revolution.

Kenias Kinder hatten nämlich bis vor kurzem noch keine Rechte. Und sie waren auch nichts wert. Erwachsene durften Kinder wie Sklaven behandeln. Sie schlagen, einsperren und statt zur Schule auf die Straße zum Betteln oder Arbeiten schicken. Bis 2010 galten Kinder in Kenia nicht einmal als vollwertige Bürger von Kenia. Das hat sich inzwischen geändert. Auf Druck vieler Hilfsorganisationen, wie etwa der Kindernothilfe und ihrem kenianischer Partner Act, hat die Regierung im Jahr 2001 die UN-Konvention zu den Kinderrechten (UNCRC) und die African Charter on the Rights and Welfare of the Child (ACRWC) unterschrieben. Noch im gleichen Jahr wurden mit dem „Children’s Act“, dem so genannten Kinderbeschluss, die Rechte der Kinder auf Mitbestimmung, Meinungsfreiheit und Schutz eingeführt. Doch erst als im Jahr 2010 das neue Grundgesetz verabschiedet wurde, tauchten Kinderrechte erstmals offiziell in der Gesetzgebung auf. Dafür haben die Kinder sogar selbst mitgesorgt. Bevor die Verfassung verabschiedet wurde, haben Kinderforen aus allen acht Provinzen des Landes ihre Forderungen niedergeschrieben und an die Regierung geschickt.

Der Staat kooperiert zwar inzwischen mit den Hilfsorganisationen und hat eine ganze Reihe von Behörden in Sachen Kinderrechte mobilisiert. So gibt es etwa in jedem Stadt- und Landesbezirk einen Kinderbeauftragten oder auf der Polizeistation einen Beamten, der sich ausschließlich den Belangen der Kinder widmet. Dennoch wird in Kenia noch immer vielen Kindern Gewalt angetan, von Eltern oder Verwandten, Lehrern in der Schule oder auf offener Straße. Die Leute schauen weg, vielfach fehlt die soziale Kontrolle. Zudem versickern viele Fälle von Kindesmissbrauch noch heute in den Kanälen korrupter Bürokratie, vor allem in den Armenvierteln der Städte und auf dem Land.

Was Kinder für andere Kinder tun können

Kinder machen sich deshalb selbst stark für ihre Rechte und verfügen mittlerweile über eine Reihe wirksamer Instrumente, um diese durchzusetzen. So gibt es etwa die „Clubs für Kinderrechte“. Das ist eine Art Schülervertretung an den Schulen, und in Kenia nicht so selbstverständlich wie zum Beispiel in Deutschland. Die Kinder treffen sich regelmäßig nach dem Unterricht in den Klassenzimmern, debattieren über ihre Anliegen und suchen nach Lösungen für Konflikte. Sie diskutieren etwa über Kinderarbeit, die in den Slums und Armenvierteln noch immer weit verbreitet ist. Sie sprechen darüber, was Kinder für andere Kinder tun können, denen in der Familie Gewalt angetan wird. Sie reden über Drogenmissbrauch. Sie überlegen sich, was zu tun sei, wenn sich auf der Straße vor ihrer Hütte die Müllberge türmen. Und sogar, wie man mit Sonnenenergie umweltfreundlichen Strom in ihren Wohnvierteln erzeugen kann. In den Clubs lernen die Kinder aber auch mitzubestimmen, wie ihre Zukunft aussehen soll.

Einen Club für Kinderrechte gibt es auch an der Grundschule des St. John‘s-Gemeindezentrum, das die Kindernothilfe mit einem Selbsthilfegruppen-Programm unterstützt. „Mütter aus den Selbsthilfegruppen in den Slums rund um den Bezirk Pumwani haben ihn vor drei Jahren für ihren Nachwuchs gegründet“, sagt Vivian Okoth, Koordinatorin des Selbsthilfegruppen-Programms in Kenia. Inzwischen seien 63 Kinder Mitglied im Kinderclub. Fast alle sind beim afrikanischen Kindertag im Gemeindezentrum dabei.

Kindertag in Kenia
Kinder spielen Erwachsene um Altersgenossen schwierige Themen nahezubringen.

Am Nachmittag tragen sie Stühle und Bänke auf den Fußballplatz und verwandeln ihn für zwei Stunden in ein Freilufttheater. Einige Jungen und Mädchen aus dem Kinderclub der Selbsthilfegruppen führen dort ein Bühnenstück auf. Es geht um Schwerwiegendes: Kindesmissbrauch, Drogensucht der Eltern und Zwangsheirat als Minderjährige. Die Akteure tragen viel zu große Jacken, Schuhe und Hüte, manche haben sich sogar eine Halbglatze geschoren. Sie spielen Erwachsene. Das Publikum schaut im Halbkreis zu, wie ein Vater seine minderjährige Tochter im Suff an einen viel zu alten, aber gut situierten Käufer verschachert. Die Szene ist nicht frei erfunden, sondern Alltag in den Slumvierteln Pumwanis, wo viele der Kinder wohnen. Dann aber zeigen Szenen des Stückes, wie sie sich mit den Themen auseinandersetzen: „Nachbarkinder“ haben beobachtet, wie der viel zu alte Kerl das Mädchen mitnimmt. Sie erstatten Anzeigen bei der „Polizei“. Jungen in zu großen Uniformen verhaften erst den trunksüchtigen „Vater“, dann den „Freier“ und bringen das Mädchen heim zur Mutter.

Mittlerweile 50 Kinderparlamente

Kenianische Kinder engagieren sich längst nicht mehr nur in den Schulen für ihre Rechte. „Einige der Schüler aus dem Kinderclub der Selbsthilfegruppen am St. John‘s sind Mitglied eines Kinderparlaments“, sagt Vivian Okoth von Act. Davon gibt es in Kenia inzwischen etwa 50. Jede größere Stadt hat eins, 17 davon gibt es allein in der Hauptstadt Nairobi. Viele liegen in den Armenvierteln. Kinderparlamente sind natürlich keine Regierungsparlamente, sie funktionieren aber nach deren Vorbild. Jedes hat etwa 40 Mitglieder, einen Präsidenten, Stellvertreter, Bürgermeister, Sekretär oder Senatoren und natürlich Abgeordnete. Die sind zwischen acht und 14 Jahren alt, Jungen und Mädchen sind gleichberechtigt vertreten. In ihren Sitzungen lernen sie etwa, wie man politisch diskutiert oder demokratisch abstimmt. Kinderparlamente können zwar keine Gesetze beschließen. Trotzdem aber bewirken sie etwas. Kinder interessieren sich für Politik. Zudem sind sie von den Kindern aus ihrer Gegend gewählt und sollen bei den Erwachsenen dafür sorgen, dass Kinderrechte beachtet werden.

„Damit das auch geschieht, haben die Kinder feste Ansprechpartner“, sagt Peris Macharia. „Im St. John‘s stehen Lehrer und Betreuer zur Verfügung, wir haben Ärzte, und auch die Kinderbeauftragten in Bezirksverwaltung und Polizeistation kooperieren mit unserem Zentrum.“ Schließlich hänge es auch von ihnen ab, wie erfolgreich ein Kinderclub oder ein Kinderparlament funktioniere. „Es gibt gute und schlechte Polizisten, Kinderbeauftragte, die sich für die Rechte von Kindern einsetzen, und andere, die es nicht tun.“

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