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Das Schülerparlament. (Quelle: Christian Nusch)

Wenn Kinder im Parlament sitzen

Dass Kinder Mitspracherecht bekommen, wenn es um ihre Rechte und Belange geht, ist in Kenia ungewöhnlich. Die Falling Waters Secondary School in Nyahururu hat mithilfe des Kindernothilfe-Partners St. Martin das Experiment gewagt und ein Schülerparlament gegründet. Mit Erfolg – das Beispiel macht jetzt Schule.

Text: Katharina Nickoleit  

Es hat durchaus etwas Präsidiales, wie Bonnie da sehr gerade und mit ordentlich gebundener Krawatte im Besprechungszimmer der Falling Waters Secondary School sitzt. Und tatsächlich ist der 14-jährige Präsident – und das schon seit zwei Jahren. Präsident des Schülerparlamentes. „Mir fielen immer wieder Kinder auf, die schlecht behandelt wurden. Dagegen wollte ich etwas tun“, erklärt Bonnie, warum er für das Amt kandidierte. Und genau das ist es, was er als Präsident des Schülerparlaments erreichen möchte.

Bonnie, Präsident des Schülerparlaments. (Quelle: Christian Nusch)
Schülerpräsident Bonnie

Alle zwei Wochen treffen sich die 15 Delegierten. Jede Klassenstufe schickt einen Vertreter, außerdem gibt es Beauftragte für Sonderthemen wie Schuldisziplin, Umwelt oder Bildung. Alle wurden demokratisch gewählt. Klassensprecher oder Gremien, in denen Schüler sitzen, sind in Kenia etwas Besonderes. Es ist in dem ostafrikanischen Land einfach nicht üblich, Kinder an Entscheidungen zu beteiligen. Der christlichen Organisation St. Martin in Nyahururu ist es wichtig, dass sich daran etwas ändert. „Kinder haben in Kenia kaum die Möglichkeit, ihre Meinung frei zu äußern und ihren Alltag mitzugestalten. Mit den Schülerparlamenten geben wir ihnen eine Plattform, über die sie Gehör finden“, erklärt Simon Maina den Ansatz. Der 37-Jährige ist für das Programm zur Stärkung der Kinderrechte von St. Martin zuständig, einer Partnerorganisation der Kindernothilfe, die in Nyahururu, einer Stadt in Zentralkenia, ihren Sitz hat.

Das Schülerparlament der Falling Waters Secondary School hat die Gelegenheit, sich in Sachen Demokratie und Mitbestimmung zu üben, umgehend genutzt. Bei ihrem ersten größeren Einsatz ging es allerdings nicht um misshandelte Kinder, sondern um die Bedürfnisse ihre Mitschüler. „Eine Zeit lang gaben uns die Lehrer so viele Hausaufgaben auf, dass keine Zeit mehr zum Spielen blieb“, berichtet Bonnie. „Wir sind zur Schuldirektion gegangen und haben uns beschwert. Wir konnten sie davon überzeugen, dass sich an den Hausaufgaben etwas ändern muss, weil wir ein Recht zum Spielen haben.“ Bonnie wirkt sehr zufrieden mit sich, als er an diesen Erfolg zurückdenkt.

Das Schülerparlament. (Quelle: Christian Nusch)
Das Schülerparlament

Simon Maina schmunzelt in sich hinein. Er freut sich vor allem darüber, dass sich Bonnie auf eines der in der UN-Konvention festgeschriebenen Kinderrechte bezieht. „Es ist wichtig, dass sich die Kinder ihrer Rechte bewusst werden. Nur wenn sie sie verstehen, können sie sie schützen und andere Kinder, denen diese Rechte verweigert werden, verteidigen.“ Simon Maina trifft sich regelmäßig mit den Mit-  gliedern des Schülerparlamentes. Bei den Versammlungen geht es nicht nur darum, wie die Schüler ihre Anliegen besser vortragen und durchsetzen können, sondern auch ganz grundsätzlich um die einzelnen Rechte, die in der Kinderrechtskonvention verankert sind. Simon Maina will die Jungen und Mädchen auch dafür sensibilisieren, dass die Kinderrechte in Kenia oft mit Füßen getreten werden – und dass sie als Vertreter der Schülerschaft daran etwas ändern können. „Wir sagen ihnen‚ wenn ihr seht, dass ein Kind Schutz braucht, weil es missbraucht oder misshandelt wird, dann meldet es einem Lehrer oder einer anderen Vertrauensperson.“

Der kenianische Erziehungsstil ist autoritär, erst vor Kurzem wurde die Prügelstrafe in den Schulen verboten. In einer Umgebung, in der Körperstrafen zum Alltag gehören, ist es für die Schüler schwer, ihre Stimme zu erheben, wenn sie sehen, dass andere Kinder misshandelt werden. Dass man Züchtigungen nicht einfach hinnehmen muss, ja sich sogar dagegen wehren kann, das ist für die meisten Kinder etwas Neues. Bei Evi hat das, was sie in den Sitzungen mit Simon Maina gelernt hat, einen tiefen Eindruck hinterlassen. Für die 13-Jährige ist das Recht auf körperliche Unversehrtheit das Kinderrecht, das in Kenia am meisten verletzt wird. „Ein Kind in meiner Nachbarschaft wurde von seinen Eltern zur Strafe mit heißem Wasser verbrüht“, erinnert sich Evi. Dabei konnte und wollte sie nicht mehr länger zusehen. Ermutigt durch das, was sie im Kinderparlament gelernt hatte, nahm sie all ihren Mut zusammen und trat für die Rechte dieses Kindes ein. „Ich habe die Behörden eingeschaltet. Das Kind wurde erst im Krankenhaus behandelt und dann zu Pflegeeltern gegeben.“

Schülerpräsident Bonnie. (Quelle: Christian Nusch)
Präsident Bonnie bei der Arbeit

Es sind solche Geschichten, die Simon Maina davon überzeugen, dass die Arbeit mit den Schülerparlamenten wichtig ist. Anfangs war es schwer, die Schulen dafür zu gewinnen, bei dem Projekt mitzumachen. Wird es nicht nur einfach für Unruhe sorgen, wenn die Schüler Mitspracherechte bekommen? Werden die Kinder nicht womöglich aufmüpfig und schwer zu bändigen, wenn sie wissen, dass sie Rechte haben? „Wenn sich Kinder ihrer Rechte bewusst werden, lernen sie zugleich auch viel über ihre Verantwortung, die damit einhergeht. Und das wiederum macht den Unterricht für die Lehrer einfacher“, erklärt Simon Maina.

Und Bonnie und sein Parlament geben ihm Recht. Die Falling Waters School war die erste, die der Wahl eines Schülerparlamentes zustimmte. Bonnie fühlt sich als dessen Präsident ganz selbstverständlich nicht nur für die Rechte, sondern auch für die Pflichten seiner Mitschüler verantwortlich. „Wir sagen den Kindern auch, dass sie im Unterricht Disziplin halten, dass sie ruhig sein und pünktlich kommen müssen.“ So fremd und bizarr das Konzept „Schülermitverantwortung“ den Schulen in Nyahururu anfangs vorkam, nachdem sich im Bezirk herumgesprochen hatte, dass damit keineswegs die Ordnung in sich zusammenbricht, fragen zunehmend Vertreter anderer Schulen, ob sie sich das genauer anschauen dürfen. Das macht Hoffnung. Denn wenn sich mehr Kinder dafür einsetzen, dass ihre Altersgenossen zur Schule gehen dürfen, ohne Gewalt aufwachsen und anständig ernährt werden, kann sich vieles zum Besseren wenden.

Stand: April 2018

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