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Mutter Annonciata auf ihrer Farm im Feld. (Quelle: Jakob Studnar)

Neues Glück für Ruanda

Vor 20 Jahren, im April 1994, begann der Völkermord von Ruanda. Radikalisierte Angehörige der Hutu ermordeten in 100 Tagen etwa 800.000 Angehörige der Tutsi-Minderheit und gemäßigte Hutu. Die Kindernothilfe begann sofort danach eine langwierige Aufbauarbeit in dem traumatisierten Land. Inzwischen haben sich viele Ruander dank der Kindernothilfe in Selbsthilfegruppen organisiert und neues Glück gefunden.

Von Hayke Lanwert, WAZ-Reporterin

Sie wohnen dort, wo es nicht mehr weiterzugehen scheint. Wo der holprige Weg längst im Grün ausfranst und der morgendliche Nebel lange an den Hügeln klebt. Ein rotbraunes Haus aus Lehm, aus jenen Ziegeln, die die Menschen hier eigenhändig herstellen. Ein Haus, wie es im Norden Ruandas viele gibt. Ärmlich, kaum mehr als zwei Räume groß, mit gestampftem Boden und Wellblechdach. Kein fließendes Wasser, keine Toilette. Stattdessen eine offene Feuerstelle, auf der gekocht wird. Und doch ist das hier Annonciatas großes Glück.

Denn Annonciata, die zweifache Witwe und Mutter von sechs Kindern, hat sich aus dem Nichts ein für ruandische Verhältnisse erfolgreiches Leben aufgebaut. Eine kleine Farm mit etwas Land drumherum, auf dem sie Gemüse anbaut, mit drei Kühen, vier Schafen, Hühnern und einem Schwein. Es gab Zeiten, in denen sie und ihre Kinder nichts zu essen hatten, „manchmal nicht einmal eine Mahlzeit am Tag“, sagt Annonciata, und schickt stolz hinterher, dass die Kinder trotz des Hungers am Morgen in die Schule gegangen seien.

Von einer Frau ohne Bildung zu einer selbsbewussten Landwirtin

Suchte man eine Vorzeigefrau für die Aufbau-Arbeit der Kindernothilfe in Ruanda, sie wäre eine perfekte Besetzung. Eine Frau, die in einer Selbsthilfegruppe gelernt hat, wie sie sich und ihre Kinder aus dem Elend befreien kann. Annonciata: deren erster Ehemann 1994 getötet wird, während des ruandischen Völkermordes an den Tutsis. Die mit ihren vier Kindern vor den Hutu-Soldaten flüchtet, später erneut heiratet und bald auch den zweiten Mann verliert, als der und elf weitere Arbeiter in einem Steinbruch verschüttet werden. Lange Jahre des Elends beginnen. Heute weiß sie, wie gute Landwirtschaft funktioniert. Sie hat gelernt, mit Geld umzugehen, wie sie ihre Produkte mit Gewinn verkaufen kann. Aus einer Frau ohne Bildung ist eine selbstbewusste Landwirtin geworden.

„Sie klopften damals an meine Tür, suchten arme Leute, luden sie ein“, erzählt die heute 49-Jährige. Sie, das waren Mitarbeiter des ruandischen Hilfswerks AEE, des African Evangelistic Enterprise, mit dem die Kindernothilfe kooperiert. Die Ärmsten der Armen sollten in Workshops unterrichtet werden, vor allem aber sollten sie sparen und sich gegenseitig mit Krediten unterstützen. Eine Dreiviertelstunde von Annonciatas Farm entfernt, auf der anderen Seite des im Norden Ruandas gelegenen Ortes Gicumbi, treffen sich an diesem Nachmittag 18 Frauen einer anderen Selbsthilfegruppe. Stolze Frauen. Ihre Gruppe haben sie „Die Antwort“ genannt, und jede Einzelne von ihnen weiß genau, was sie geschafft hat. In ihren farbenfrohen traditionellen Gewändern sitzen sie zusammen, wie üblich einmal in der Woche, um ihrer Schatzmeisterin gespartes Geld zu überreichen und dieses fein säuberlich in das Kassenbuch einzutragen.

„Wir alle haben eine Erfolgsgeschichte zu erzählen“, sagt Jacqueline, eine 35-Jährige. Fünf Kinder hat sie, eine kräftige Frau im beigen Wickelrock, die nun aufsteht, um vor der Gruppe über sich selbst zu berichten. Vor ein paar Jahren noch hätte sie nicht vor vielen Menschen reden können, sagt Jacqueline, aber in den Versammlungen der Gruppe hätte sie genau das gelernt.

Kleine Schritte, die das Leben einer Familie verändern

Ein anderes Mitglied der Selbsthilfegruppe. (Quelle: Jakob Studnar)
In kleinen Schritten schaffen es die Frauen, sich ein wenig Unabhängigkeit zu erkämpfen.

Und dann erzählt sie, wie sie und die anderen Frauen anfangs gerade einmal 50 Ruandische Francs gespart haben und dann immer mehr. Wie sie selbst ihren ersten Kredit von den Freundinnen lieh, 3.000 Francs für eine Ziege. Wie sie deren zwei Zicklein verkaufte und von dem Geld Sorghum und Hirse zum Bierbrauen erwarb und das Bier mit Gewinn weiterverkaufte. Am Ende der langen Aufzählung ist Jacqueline Besitzerin einer demnächst kalbenden Kuh. Kleine Schritte sind das, aus westeuropäischer Sicht, aber in Ruanda sind sie geeignet, das Leben einer Familie zu verändern.

Auch Claudine, eine 38-jährige, äußerst temperamentvolle Frau, kennt jedes ihrer kleinen unternehmerischen Wagnisse auswendig. Jeden Kauf, jeden Verkauf, jeden Gewinn. Vom ersten Kredit, von dem sie Avocados erstand, über das Kaninchen, bis hin zur Kuh, die nun täglich 20 Liter Milch gibt. „Vom ersten Geld kaufte ich Essen für die Kinder. Bis dahin gab es immer nur eine Mahlzeit pro Tag. Es reichte nie aus, die Kinder satt zu bekommen“, sagt sie.

So glücklich ist sie über ihren Erfolg, dass sie nach ihrer kleinen Rede vor der Gruppe zu tanzen beginnt, dass sie auf ihr schönes Kleid hinweist. „Ich war eine der Ärmsten der Armen!“, sagt sie und, dass sie nach ihrem gerade geborenen vierten Kind kein weiteres mehr möchte. Denn auch das haben die Frauen in den Selbsthilfegruppen gelernt: wie sie verhüten können, wie sie für die Gesundheit ihrer Familie sorgen müssen. Mit dem ersparten Geld gelingt es den Frauen sogar, für ihre Familien eine Krankenversicherung abzuschließen.

Zurück zu Annonciata, der Landwirtin auf der anderen Seite des Hügels. Sie hat es geschafft, dass Jean d‘Amour, ihr ältester Sohn, Landwirtschaft studiert. Ein Traum ist wahr geworden. Doch es gibt noch andere. Den etwa, sich irgendwann eine friesische Kuh leisten zu können. Jene Schwarzbunte, die selbst hier, im hintersten Winkel Ruandas, für ihre enorme Milchleistung bekannt ist. Annonciata, kein Zweifel, wird diese Vision fest im Blick halten. Sagt‘s und stellt sich für den Fotografen in Pose: „Ich bin eine glückliche Frau!“


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