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Ein Junge mit Behinderung beim Ballspiel. (Quelle: Christian Herrmanny)

Aus dem Versteck hinein ins Leben

Text und Fotos: Christian Herrmanny, stellvertretender Pressesprecher der Kindernothilfe

In Sambia führt ein Handicap oft zu sozialer Ausgrenzung.  Eltern von Kindern mit Behinderung sind ebenso überfordert  wie das marode Gesundheitswesen. An umfassende staatliche  Hilfe und Unterstützung ist meist nicht zu denken. Das Kindernothilfe-Partnerprojekt „Choma Children Development Project“ (CCDP) zeigt in der Region Choma im Süden des afrikanischen Landes allerdings, dass auch hier Inklusion möglich ist – mit eindrucksvoller Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit. 

Ein hoher Wurf mit dem Ball – gefangen! Das Lachen und fröhliche Johlen der Kinder beim Ballspiel könnte von jedem beliebigen Bolzplatz kommen. Es wird gejubelt und auch mal laut gestöhnt. Doch die Laute klingen manchmal etwas befremdlich, manche Rufe sind nur sehr undeutlich zu verstehen. Ein Blick auf die Bewegungen der Kinder macht schnell klar: Diese Mädchen und Jungen, die sich da gerade ein Rugby-Ei zuwerfen und -schießen, haben allesamt eine Behinderung – körperlich oder geistig.

Blessed beispielsweise wurde ohne Arme geboren, die kleinen Hände wachsen direkt an den Schultern. Annes linkes Bein steht vom Knie an in einem spitzen Winkel seitlich vom Körper ab, so dass sie sich nur auf dem rechten Bein hüpfend bewegen kann. Dies aber mit enormer Geschwindigkeit und Ausdauer! Wrendos Hüfte wiederum weist eine massive Fehlstellung auf, doch das Mitspielen ist ihm ganz wichtig, auch wenn es ihm sichtlich schwerfällt und vermutlich auch Schmerzen bereitet. Wrendo beißt die Zähne zusammen, jagt hinter dem Ball her und jubelt, als er ihn hat! Der glückselige Schrei beim Abwurf zeigt allen Mitspielern und Zuschauern, wie viel Freude Wrendo dabei hat und was ihm das Spielen bedeutet.

Honest Mweemba. (Quelle: Christian Herrmanny)
Honest Mweemba, Sozialarbeiter beim Kindernothilfe-Partnerprojekt CCDP

Die Bewegungsabläufe der Kinder hier sind langsamer, als von anderen Gleichaltrigen gewohnt; die Koordination ihres Ballspiels ist eine echte Herausforderung, gerade für Kinder mit Spastiken und eingeschränkter Motorik. Aber das Strahlen der Gesichter zeigt: Die Mädchen und Jungen haben eine enorme Lebensfreude und mindestens ebenso viel Bewegungsdrang wie Kinder ohne Behinderung. Und dass sie auf Krücken, in Rollstühlen, mit Korsagen und großen Lätzchen hier so befreit spielen, ist in Sambia absolut keine Selbstverständlichkeit. Es ist dem Einsatz von Sozialarbeitern zu verdanken, die sich mit großem Engagement um die kleinen Menschen mit den unterschiedlichsten Handicaps kümmern. Allen voran Honest Muchona Mweemba, Sozialarbeiter beim Kindernothilfe-Partnerprojekt CCDP. Viele Eltern lehnen ihre eigenen Söhne und Töchter ab, wenn sie nicht „normal“ sind, erzählt Mweemba: „Die Eltern schämen sich für diese Kinder. Also verstecken sie sie in ihren Häusern, damit sie nicht von anderen Leuten gesehen werden. Die Eltern haben keine Hoffnung. Sie warten darauf“ – und an dieser Stelle versagt dem 27-Jährigen kurz die Stimme, bevor er leiser fortfahren kann – „sie warten wirklich darauf, dass ihre Kinder sterben.“

 

 


Sambia März 2016: House for the Disabled BIC (Quelle: Christian Herrmanny)
 Die Kinder aus dem Projekt machen einen Ausflug.

In der Praxis sieht es so aus, dass die Eltern und gesunden Geschwister in vielen Familien morgens das Haus verlassen, und die Kinder mit Behinderung tatsächlich den gesamten Tag sich selbst überlassen bleiben. Während die anderen Familienmitglieder arbeiten oder zur Schule gehen, sind diese Mädchen und Jungen zu Hause, ohne Pflege, ohne Betreuung, ohne Förderung und Hilfe. Manche warten bis abends in dunklen Räumen auf die Rückkehr der Eltern und Geschwister. Speziellen Unterricht oder medizinische Versorgung gibt es fast nie.

Kinder schuften im Steinbruch. (Quelle: Josephine Herschel)
Um das Familieneinkommen aufzubessern, müssen auch Kinder schuften.

Die ohnehin am Existenzminimum lebenden Familien empfinden Kinder mit Behinderung oft als enorme Belastung. Denn: Die meisten Mädchen und Jungen müssen hier Feldarbeit verrichten oder haben neben dem Schulbesuch auch noch Jobs in Steinbrüchen oder Sandgruben, um das knappe Familieneinkommen aufzubessern. Und anstatt beim Einkommenserwerb zu helfen, benötigen Kinder mit Behinderung selbst Hilfe. Zeit seines Lebens werden die Familien für diesen Menschen aufkommen, ihn unterstützen müssen. Geplant und erwartet wird es in den traditionellen Familienstrukturen eigentlich genau anders herum: Wenn die Eltern einmal krank oder im Alter schwächer werden, kümmern sich ihre Nachkommen um sie.

In Sambia, einem der ärmsten Länder Afrikas, kommt noch ein weiteres Problem hinzu: Der Staat entzieht sich weitestgehend seiner Verantwortung für Kranke, Alte und eben Menschen mit Behinderung. Krankenkassen oder ein staatliches Rehabilitationswesen sind für die armen Bevölkerungsgruppen unerreichbar. Das Gesundheitswesen ist ausgesprochen schwach entwickelt: 86 von 1.000 Kindern sterben im Kindesalter. Die Lebenserwartung insgesamt ist hier so niedrig wie in kaum einem anderen Land. Mangelernährung betrifft weite Teile der Bevölkerung, zwei Drittel der Einwohner gelten als arm.

Viele Eltern fühlen sich mit ihren Kindern mit Behinderung überfordert – und vom Staat allein gelassen. Die soziale Ausgrenzung besorgt den Rest: „Kinder mit einem Handicap werden stigmatisiert und diskriminiert“, so steht es in einem Bericht des CCDP, der das Problem ausführlich beleuchtet. „Einige Menschen glauben, dass die Behinderung eine Bestrafung für frühere Sünden ist, und verstecken ihre Kinder deswegen. Den Mädchen und Jungen werden grundlegende Menschenrechte wie Gesundheitsvorsorge, Bildung und der Umgang mit anderen verwehrt.“ Und weiter ist im Bericht zu lesen, dass sogar „Rituale, die die Gesundheit des Kindes nachhaltig schädigen können, in dem Glauben durchgeführt werden, dass die Behinderung des Kindes geheilt wird.“

Therapie im House for the Disabled. (Quelle: Christian Herrmanny)
Auch die Therapie kann Spaß machen.

Grund genug fürs CCDP, hier zu intervenieren und Aufklärungsarbeit zu betreiben: Die Sozialarbeiter führen Gespräche mit den Gemeinschaften und den Familien, hören in den Schulen nach und sensibilisieren die seit Jahren erfolgreich arbeitenden Kinderrechte-Komitees für das Thema Inklusion. Denn das Thema ist durchaus wichtig: Insgesamt leben im Distrikt Choma fast 900 den Behörden bekannte Mädchen und Jungen mit einer Behinderung. „Wenn wir in die Dörfer gehen und von Nachbarn hören, dass dort ein Kind mit einer Behinderung ist, gehen wir in die Häuser hinein. Wir fragen nach und sprechen mit den Eltern“, erklärt Mweemba. „Die Erwachsenen und auch schon die Kinder müssen wissen, dass eine Behinderung nichts Schlimmes ist.“ Bei Veranstaltungen und inklusiven Festen sorgen kleine Rollenspiele, Lieder und Gedichte für eine Anerkennung der Kinder mit Behinderung – und ihrer Rechte.

Neben den Erfolgen gibt es aber auch weiterhin Familien, die sich mit ihrem gehandicapten Kind hoffnungslos überfordert fühlen. Sie können – oder wollen – ihm zunächst noch nicht die notwendige Unterstützung zukommen lassen. Diesen Familien steht ein Schutzhaus mit 13 Plätzen in Simunzele zur Verfügung: Sozialarbeiter kümmern sich hier rund um die Uhr um die Mädchen und Jungen. Sie werden medizinisch versorgt, bekommen gesundes Essen und viele Lernanreize. Nicht wenige können die Regelschule in unmittelbarer Nähe besuchen. Aber auch die Eltern werden in die Pflicht genommen und sollen lernen: In Kursen bekommen sie zum Beispiel Übungen für die Kinder beigebracht – Gymnastik, Rehabilitation, Entspannung und die richtige Versorgung ihrer Kinder. Es gibt Vorträge und immer wieder Hinweise, wie die Kinder in das normale Familienleben integriert werden können.

Der Junge hat großen Spaß beim Ballspielen. (Quelle: Christian Herrmanny)
Der Junge hat einen Riesenspaß beim Spielen.

Das Schutzhaus selbst lebt Inklusion vor: So werden beispielsweise gezielt Spielgruppen von Kindern mit und ohne Behinderung gefördert. Und jeden Tag kommen Schüler der benachbarten Regelschule zum Schutzhaus und helfen bei der Essenszubereitung für die Bewohner nebenan. Diese Unterstützung ist eine Selbstverständlichkeit im Schulalltag – immerhin sind die Kinder, die hier für einen bestimmten Zeitraum wohnen, ja auch Mitschüler in den Klassen. „Sie kommen zusammen, essen und lernen gemeinsam. Und genau das wollen wir ja erreichen“, sagt Mweemba.

Die Aufgaben der Kindernothilfe-Partnerorganisation sind vielfältig, die Herausforderungen bleiben groß: erfolgreiche Aufklärungsarbeit in den Dörfern, Hausbesuche zur Unterstützung der Familien, Hilfe bei der Inklusion, Integration der Kinder mit Behinderung in die Gemeinschaft, Vermittlung an Krankenstationen oder Lobbyarbeit bei der Regierung. Aber der erfolgreiche Einsatz zeigt: Das Bewusstsein verändert sich nach und nach in Choma – damit auch Kinder mit Behinderung glücklich aufwachsen.

Projekt 61380