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Ein lächelnder Junge mit erhobenen Armen. (Quelle: Ralf Krämer)

Die Waisenkinder des Königreichs

Swasiland ist die letzte absolute Monarchie in Afrika und eines der ärmsten Länder der Welt. Die HIV-Rate erreicht hier die höchsten Werte, Hunger, Verzweiflung und Tod gehören zum Alltag der Kinder. Doch in einigen Regionen wächst eine neue Generation heran, mit großem Lebensmut, Bildungshunger und dem unbändigen Willen, etwas zu verändern.

Von Gunhild Aiyub, Redakteurin

„Eure Majestät, Sie haben viel Geld, aber Sie wollen immer noch mehr.“ In den falschen Ohren kann dieser Satz gefährlich werden, Majestätsbeleidigung ist in Swasiland kein Kavaliersdelikt. Dass die königliche Familie Geld für eigene Zwecke mit vollen Händen verprasst, wird im Ausland seit Jahren kritisch angemerkt. 69 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze, während König Mswati III. einen sehr luxuriösen Lebensstil pflegt. Aber das heißt noch lange nicht, dass man im Land selbst darüber reden darf. Swasiländische Medienredaktionen, die darüber berichten, stehen in der Gefahr, geschlossen zu werden.

Kindergruppe unter einem Baum.  (Quelle: Ralf Krämer)
Gabsile (r.) ist die charismatische Leiterin der Kinderrechtegruppe.

Derjenige, der diese Kritik ungeniert in einem selbst geschriebenen Gedicht vorbringt, ist knapp 13 und lebt im Gebirgsland der Region Komonye. Seine Kinderrechtsgruppe tagt gerade unter einem Baum, einen Raum gibt es in dieser armen Gegend für sie noch nicht. Das hält die 40 Kinder und Jugendlichen nicht davon ab, sich seit mehr als einem Jahr zu versammeln, angefeuert von der charismatischen Leiterin der Gruppe. Die 17-jährige Gabsile kommt selbst aus bitterarmen Verhältnissen, aber in ihr brennt ein Feuer, das merkt man bei jedem Satz, den sie spricht. Sie trommelt die Kinder aus der Umgebung regelmäßig zusammen, immer wieder beschwört sie sie geradezu, dass sie Rechte haben, von den Vereinten Nationen verbrieft, und dass Bildung in ihrem Leben an erster Stelle stehen muss. Wie wichtig Bildung ist, das hat sie beim Kindernothilfe-Partner Africa Co-operative Action Trust (ACAT) gelernt, und auch, wie man eine Gruppe leitet. ACAT hat ihr Potenzial erkannt und sie gefördert. Die Kinder, die sie um sich versammelt, hängen an ihren Lippen, kleine Persönlichkeiten in löchrigen Hosen, fast alle Aids-Waisen, einige barfuß, manches Mädchen schleppt ein Geschwisterbaby auf dem Rücken mit sich herum. Sie alle haben ein Selbstbewusstsein, das man hier nicht erwarten würde, eine Ernsthaftigkeit, einen klaren Blick für die Probleme der Menschen hier.

 "Denkt daran, ein Baby ist teuer!"

Mitglieder einer Kinderrechtegruppe.  (Quelle: Ralf Krämer)
Sindy (l.) hielt einen Vortrag über Frühschwangerschaften.

Bei jedem Treffen tragen Gruppenmitglieder ein Thema vor, auf das sie sich vorbereitet haben. Sindys Beitrag heute ist ein eigenes Gedicht über Teenager-Schwangerschaften. Sie sind weit verbreitet, ein häufiger Grund für den Ausstieg aus der Schule. „Denkt daran, ein Baby ist teuer!“, ruft das Mädchen der Gruppe zu. „Warum zerstört ihr damit euer Leben? Education first, children later“ (Bildung zuerst, Kinder später), ist ihre Botschaft, viel wirksamer, wenn es von einer Gleichaltrigen kommt als von einem Erwachsenen mit erhobenem Zeigefinger. Ein anderer referiert über das Thema Armut. Hier sind sie alle Experten, jeder hier lebt von der Hand in den Mund. Joseph hat die Lacher auf seiner Seite, als er sein Gedicht „What is money“ (Was ist Geld) vorträgt, in dem auch die Kritik am Königshaus laut wird.

Gabsile fasst jeden Beitrag noch einmal zusammen, paukt den Mädchen und Jungen die wichtigsten Erkenntnisse ein. Und immer wieder geht es dabei um Bildung, Bildung ist das Wichtigste, ohne Bildung keine Zukunft, Bildung ist alles. Sie haben zu wenig Schulen in der Region und die nächste ist viel zu weit weg. Wenn das Wetter schlecht ist, können sie nicht zum Unterricht, weil der Weg über die Berge zu gefährlich ist. Das muss sich ändern, sie haben ein Recht auf Schulbesuch.

Selbst ACAT-Leiter Enock Dlamini ist beeindruckt von der Ernsthaftigkeit der jungen Leute: „Ich freue mich auf den Tag“, sagt er grinsend, „wenn ihr vor dem König steht und sagt: ‚Eure Majestät, Sie haben viel Geld, aber Sie wollen immer noch mehr…‘ Heute sprecht ihr unter einem Baum, aber eines Tages in einer großen Halle vor einer großen Versammlung.“ Diese Kinder nehmen ihr Schicksal nicht hin, sie haben erkannt, worauf es ankommt. „Bildung ist wie eine Kreditkarte!“, ruft Enock Dlamini der Gruppe zu. „Mit ihr steht euch die Zukunft offen.“

Drei Jugendliche sitzen auf einem Bett in einer ärmlichen Hütte. (Quelle: Ralf Krämer)
Sifiso und seine Schwestern haben vor fünf Jahren ihre Eltern verloren.

Die Zahl der (Aids-)Waisen steigt dramatisch

So jung die Mädchen und Jungen sind, sie haben begriffen, dass eine gute Schulbildung ihre einzige Chance für ein besseres Leben ist. Ihre Eltern sind fast alle tot, Swasiland hat die höchste HIV-Rate der Welt, zwei Drittel aller Todesfälle sind auf Aids zurückzuführen. Mit katastrophalen Folgen für das kleine Land. Es ist die mittlere Generation, es sind die Ernährer, die sterben – und damit deren Wissen und Fähigkeiten, die zum Broterwerb nötig sind, was wiederum die bereits vorherrschende Nahrungsmittelknappheit und Armut verstärkt. Das Wirtschaftswachstum fällt seit 2004 um jährlich etwa 1,6 Prozent niedriger aus. Die Anbauflächen haben sich um 34 Prozent, die Viehherden um 30 Prozent verkleinert, und die Maisernte ist um 55 Prozent gesunken. Die Zahl der (Aids-)Waisen steigt dramatisch. Jedes fünfte Kind wächst ohne Eltern auf. Wenn die Kinder Glück haben, gibt es noch Großmütter, die sich um sie kümmern, ansonsten sind sie auf sich selbst gestellt.

Wenn sie eine Zukunft haben wollen, brauchen sie einen Schulabschluss. Und obwohl niemand sie dazu anhält, die Schule zu besuchen, tun viele Waisenkinder genau das: Niemand weckt sie morgens, treibt sie an, aufzustehen, nicht zu trödeln, die Hausaufgaben zu erledigen. So wie Sifiso, 17, und seine beiden Schwestern, elf und 14 Jahre alt. Ihre Eltern starben beide vor fünf Jahren innerhalb weniger Monate. Sifiso wurde mit zwölf Jahren plötzlich zum Familienoberhaupt. Morgens um fünf Uhr steht er auf und bereitet das Frühstück zu. Er sieht nach den fünf Kühen und packt die wenigen Schulsachen zusammen.

Ein Leben ohne Eltern

Eine lachende Frau vor einem Haus.  (Quelle: Ralf Krämer)
Eine Nachbarin kümmert sich um die Waisenkinder.

Um halb sieben machen sich die Kinder auf den einstündigen Fußmarsch zur Schule, Wiesen und felsige Abhänge hinauf und wieder hinunter, Straßen gibt es hier oben im Gebirge nicht. Im Winter ist es morgens noch stockdunkel, dann ist der Weg gefährlich wegen der Dungas, den tiefen Felsspalten mitten in der Landschaft. Wenn es regnet, sitzen sie mit nassen Sachen im ungeheizten Klassenzimmer. Um 15.45 Uhr geht es wieder zurück nach Hause. Die Kinder versorgen die Kühe und das kleine Maisfeld hinter dem Haus, schleppen Wasser vom Fluss tief unten im Tal herauf, in schweren 20-Liter-Kanistern. Niemand drängt sie, Hausaufgaben zu machen, sie machen sie freiwillig. Bildung ist ihre Chance, sie haben keine andere. Eine Nachbarin, eine ehrenamtliche Mitarbeiterin von ACAT, sieht immer wieder nach dem Rechten, gibt von dem Wenigen, das sie selbst für sich und ihre achtköpfige Familie hat, ab, steht ihnen mit Rat und Tat zur Seite. Sisifo möchte später nicht in der Landwirtschaft arbeiten, sondern Lehrer werden. Enock Dlamini, der selbst aus armen Verhältnissen stammt, glaubt an Sisifo: „Der Junge kann es schaffen“, ist er überzeugt, „er muss nur dranbleiben.“

Weiter unten im Tal haben Kinder einen anderen Zugang zur Landwirtschaft. Sie selbst haben dafür gesorgt, dass sie richtig in Schwung gebracht wird – und damit das Leben vieler Dorfbewohner verändert. 70 Prozent der Swasiländer arbeiten in der Landwirtschaft; die meisten produzieren nur für sich und ihre Familien, nicht für den Verkauf. Die Region Shiselweni ist der ärmste Distrikt des Landes, 76 Prozent der Einwohner leben unterhalb der nationalen Armutsgrenze. Neben der Landwirtschaft gibt es kaum Einkommensmöglichkeiten, Industrie und Handel sind auf die Städte Manzini und Mbabane konzentriert, regelmäßige Dürreperioden sorgen für eine chronische Unterversorgung der Bevölkerung.

Patenkinder bei der Feldarbeit in Sidlangatsini (Quelle: Ralf Krämer)
Jedes Wochenende bearbeiten die Kinder ihren Acker - mit großem Erfolg.

Ein Acker zu Weihnachten

In einigen Dörfern von Shiselweni ist der Hunger seit Jahren kein Thema mehr. Verschiedene Hülsenfrüchte – wie etwa Cowpeas, zu Deutsch Augenbohnen – sowie reichlich Tomaten und Kürbisse: So lautet die Erntebilanz vom Community Garden. Vier Hektar Ackerboden, bewirtschaftet hauptsächlich von den Dorfkindern, jungen Leuten, denen die Familien den Anbruch neuer Zeiten verdanken. Die Mädchen und Jungen waren den ewigen Hunger leid, und so waren sie auf die Idee gekommen, den alten brach liegenden Gemeinschaftsacker wieder zu reaktivieren. Was ihnen fehlte, war das nötige Wissen und eine vernünftige Bewässerung. Dass es dann funktioniert mit den Ernten, hatten sie auf Feldern gesehen, die die Bewohner von Nachbardörfern unter Anleitung des Kindernothilfe- Partners ACAT bewirtschaftet hatten.

2009 fragte ACAT die 200 Patenkinder in der Sidlangatsini Community, was sie mit dem Weihnachtsgeld von der Kindernothilfe machen wollten. Neben Schule und Unterstützung der Familien enthält der Patenschaftsbeitrag auch eine Summe für ein kleines Geschenk zu Weihnachten. Die Antwort der Kinder war für alle Erwachsenen überraschend. Wollten sie Geschenke haben? Eine Party feiern? Einen Ausflug machen? Nein, die Kinder wollten den Acker bebauen, den die Erwachsenen vor zig Jahren aufgegeben hatten. Jedes Jahr mussten Familien hungern. Was sie von ihren eigenen kleinen Gärten ernteten, reichte vorne und hinten nicht, dabei war die Lösung so einfach, fanden die Kinder. Die Erwachsenen staunten über ihren Wunsch, und manch einer lächelte wohl auch über die vermeintliche Naivität. Bei der Ortsbesichtigung meinte Dorfbewohner Mr. Nhleko resigniert: „Eine tolle Idee, aber das wird doch nie was. Wir haben nicht genug Geld, wir sind zu arm, es ist unmöglich.“

Großartiger Erfolg der Kinder

Ein Landwirtschaftsexperte pumpt Wasser in ein Auffangbecken. (Quelle: Ralf Krämer)
Ein ACAT-Fachmann sorgte für die Bewässerung.

ACAT fand die Idee großartig und bot Unterstützung an. Die Organisation legte Wasserleitungen von höher gelegenen Brunnen ins Tal, besorgte eine kleine Wasserpumpe, schulte die Kinder und einige Eltern im landwirtschaftlichen Knowhow. „Wir haben arrangiert, dass einige Erwachsene während der Woche aushelfen, während die Kinder in der Schule sind“, erklärt Enock Dlamini. „Aber am Wochenende sind sie alle hier.“ ACAT steuerte das Wissen bei, was wann wie angebaut wird. Bildung war auch hier das Zauberwort, Bildung, die direkt praktisch umgesetzt werden konnte. Cowpeas eignen sich besonders für den Anbau in dieser Klimazone. „Sie sind sehr nahrhaft, nicht krankheitsanfällig und können auch Dürrezeiten überstehen“, so der ACATDirektor. „Cowpeas sind teuer, das heißt, die Kinder können mit dem Teil, den sie nicht für die Familie brauchen und verkaufen, eine Menge Geld machen. Anschließend nutzen sie den Acker, um Gemüse anzubauen.“

Die Kinder verbrachten ihre Wochenenden auf dem Acker. Sie säten, buddelten beispielsweise 4.000 Tomatensetzlinge in die Erde, hegten, pflegten und wässerten die Pflänzchen und freuten sich über jeden Zentimeter, den sie in die Höhe schossen. Am Ende trugen sie die erste großartige Ernte zusammen. Mr. Nhleko wurde dabei beobachtet, wie er stolz die riesige Tomatenernte sortierte. Er musste zugeben: Die Kinder haben das Unmögliche möglich gemacht. Seit mittlerweile sechs Jahren ist ihr Gemeindegarten quasi die Speisekammer der Region.

"Wir wissen, wie wir überleben können"

Jetzt diskutieren die jungen Landwirtschaftsexperten darüber, ob sie nicht noch mehr Felder anlegen sollten. „Damit die Leute auch in anderen Dörfern genug zu essen haben“, erklärt die 14-jährige Sibongile. Besonders die Großmütter, deren Kinder an Aids gestorben sind, die eigentlich für sie hätten sorgen sollen, sie könnten mit der Ernte von diesen Feldern besser über die Runden kommen. „Und wir selbst haben auch etwas davon“, weiß Sibongile. „Wenn wir mal alleine sein werden, sind wir vorbereitet, wir wissen, wie wir überleben können.“

 

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