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Ein Azubis streckt lachend die Zunge heraus. (Quelle: Ralf Krämer)

Yes, we can!

Die Zahlen zu Swasiland sind oft negative Superlative: Das Land zwischen Südafrika und Mosambik hat weltweit die höchste Aidsrate, ist eines der ärmsten Länder der Welt, und die Lebenserwartung ist mit 51 Jahren nur in drei Ländern niedriger. Viele Jugendliche haben keinen Schulabschluss, das Heer der Arbeitslosen und Hilfsarbeiter wächst beständig. Die Kindernothilfe unterstützt seit Jahren drei große Ausbildungszentren, um der Jugend des Landes Hoffnung zu geben.

Von Gunhild Aiyub, Redakteurin

Dass ein König ein Projekt eröffnet, geschieht bei der Kindernothilfe und ihren Partnern auch nicht alle Tage. Beim Siteki Industrial Training Centre (SITC) im Osten Swasilands erschien König Mswati III 2002 höchst persönlich, um es feierlich seiner Bestimmung zu übergeben. Der König hat jedoch bei vielen seiner Untertanen und erst recht im Ausland keinen guten Ruf, sein Reichtum und seine Verschwendungssucht sind legendär. Die meisten Einwohner seines Landes leben dagegen buchstäblich von der Hand in den Mund – und bei vielen bleiben die Hände oft leer.

SSC Swasiland Skills Center (Quelle: Ralf Krämer)
Eines der Gebäude des Zentrums in Manzini
Brian Magongo (Quelle: Ralf Krämer)
Brian Magongo, Direktor des Zentrums in Manzini
 

Immerhin weiß der König eine gute Ausbildung zu schätzen, und die Swasiland Skills Centres (SSC), zu denen das Projekt in Siteki gehört, füllen eine Lücke, die in Swasiland fatale wirtschaftliche Folgen hat. „In vielen Ausbildungszentren werden nur Auszubildende mit Mittlerer Reife aufgenommen“, sagt SSC-Direktor Brian Magongo, dadurch bleiben Tausende junger Leute auf der Strecke. Bei uns können sich 17- bis 25-Jährige bewerben, die lediglich einen Grundschulabschluss haben.“ Zwei Drittel der Schüler in Swasiland schaffen es nach der siebenjährigen Grundschule nicht auf eine weiterführende Schule. Und so vergrößert sich jedes Jahr die Heerschar der Hilfsarbeiter und Arbeitslosen. Zwei Drittel der Swasis leben unterhalb der Armutsgrenze. Das erfolgreiche Mittel der SSC dagegen: ein Jahr Unterricht in den Ausbildungszentren, danach ein mehrmonatiges Praktikum bei lokalen Unternehmen.

Bisher gibt es über das Land verteilt drei dieser Zentren mit insgesamt 600 Azubis. In Manzini nahe der Hauptstadt Mbabane entstand 1984 quasi der Prototyp. Ein Jahr später stieg die Kindernothilfe in die Förderung mit ein. In elf Werkstätten machen hier junge Leute ihren Abschluss zum Beispiel als Schreiner, Elektriker, Klempner, Automechaniker, Landwirt. „Die Bewerber standen Schlange, sie kamen aus dem ganzen Land. Jedes Jahr mussten etliche junge Leute abgewiesen werden, weil es nicht genügend Plätze gab“, sagt Brian Magongo. „Ein Grund dafür, dass wir 1994 im Südwesten des Landes das Nhlangano Agricultural Skills Training Centre (NASTC), 2002 dann im Osten das Zentrum in Siteki eröffnet haben.“ Die Lehrergehälter zahlt die Regierung – mal mehr, mal weniger pünktlich, und die ursprüngliche Summe wurde vor einigen Jahren auch noch um 20 Prozent gekürzt. „Die Kindernothilfe finanziert unter anderem die Ausbildungs- und Prüfungsgebühren sowie die Materialkosten“, so Ingrid Hach, Kindernothilfe- Koordinatorin für Swasiland.

Percy in seiner Werkstatt. (Quelle: Ralf Krämer)
Percy in seiner Werkstatt
Fotos von Stühlen, die Percy geschreinert hat. (Quelle: Ralf Krämer)
Stühle, die Percy geschreinert hat
 

Percy ist heute erfolgreicher Schreiner und Polsterer

Percy, ehemals Kindernothilfe-Patenkind, gehört zu denen, die heute dank Abschluss am Manzini Industrial Training Centre selbstständiger Handwerker sind. Ohne das Projekt säße er auf der Straße, und seine Brüder könnten nicht zur Schule gehen. Quietschend schiebt er das garagenähnliche Tor seiner Werkstatt nach oben. Dahinter stapeln sich Schaumstoffwürfel, Stoffe für Sitzmöbel, knallbunt bezogene Kissen, Holzbretter, und ganz hinten an der Wand stehen eine große Bohrmaschine und eine Kreissäge. Der Raum ist Werkstatt, Ausstellungsraum und Laden zugleich. In einem kleinen Fotoalbum präsentiert der 31-jährige Polsterer Bilder seiner Kreationen, die er als Auftragsarbeiten fertiggestellt hat: Sofas, Sessel, Holzstühle, mit Stoff bezogene Sitzhocker, mal schlicht, mal elegant, so wie die Kunden es sich gewünscht haben. „Mein Geschäft läuft gut“, sagt Percy stolz. „Mit meinen Einnahmen kann ich die Miete bezahlen und den Schulbesuch für meine fünf jüngeren Brüder. Mein Vater ist tot, und meine Familie braucht meine Unterstützung.“ Seinen nächsten Auftrag hat Percy auch schon in der Tasche: Bürostühle für ein Unternehmen im Ort. Für die Azubis in der Polsterei seines ehemaligen Projekts ist Percy ein Vorbild und Ansporn. Er hat das geschafft, wofür sie in Theorie und Praxis noch ackern müssen.

Beteiligung der Azubis am Gewinn

Schon während der Ausbildung werden die jungen Leute am Gewinn beteiligt – denn das, was hier produziert wird, wird oft auch verkauft. SSC ist deshalb ständig in Kontakt mit Unternehmen, um Aufträge an Land zu ziehen. Die Buchhaltung legt für jeden von ihnen einen Betrag auf die hohe Kante – wenn sie mit der Ausbildung fertig sind, können sie davon eine  „Tool box“ kaufen, eine Werkzeugkiste mit einer Grundausstattung, die sie für ihren Beruf brauchen. So haben sie eine kleine Starthilfe, mit der sie sich selbstständig machen können.

Angehende Automechanikerin. (Quelle: Ralf Krämer)
Nompendolo will Automechanikerin werden.
Angehende Elekrtrikerin. (Quelle: Ralf Krämer)
Eine angehende Elektrikerin
 

Traditionelle Rollenverteilungen werden in den Projekten auf den Kopf gestellt – für viele Männerberufe melden sich jedes Jahr auch junge Frauen an. Da ist zum Beispiel Nompendolo, 21 Jahre alt, ihre Familie ist arm, in ihrem Dorf gab es keine Perspektiven für sie. Auch in der Stadt wollte sie keiner ausbilden ohne Schulabschluss. In Manzini wird sie jetzt Automechanikerin. Später möchte sie eine eigene Werkstatt haben. Von den männlichen Azubis gibt’s keine dummen Sprüche: „Die akzeptieren mich voll und ganz!“ Sie lacht. „Die sind alle wie Brüder für mich.“ Dann greift sie zum Schraubenschlüssel und arbeitet weiter am Motor.

Von den 36 Azubis in der Elektrowerkstatt sind zehn Mädchen, bei den 30 angehenden Klempnern probieren gerade drei weibliche Azubis, einen Abfluss an das Waschbecken zu installieren. In der großen Schreiner-Halle entstehen unter den Händen von 20 Jungen und drei Mädchen 100 Schreibtische für das Erziehungsministerium. Die ersten fertigen Exemplare türmen sich aufeinandergestapelt an einer Wand, bei den nächsten werden die Schubladen in das Gestänge eingefügt, das in einer anderen Abteilung geschweißt wurde. Unter den Auftraggebern, die hier produzieren lassen, sind auch Schulen und Hotels.

Zwei Jungen mit Ytong-Stein. (Quelle: Ralf Krämer)
Joseph (l.) ist dankbar für die Ausbildung.
Grundmauern eines neues Hauses. (Quelle: Ralf Krämer)
Grundmauern eines neuen Hauses
 

Absprachen mit der Industrie erhöhen die Berufschancen

In der Halle für Bauhandwerk im Projekt in Siteki schichten junge Männer  Ziegel auf- und nebeneinander. Ihre erste Wand, die sie selbstständig gemauert haben, hat leichte Schlagseite, aber sie lernen ihr Handwerk ja auch erst seit zwei Monaten. Auf dem Papier haben sie ein kleines Haus mit drei Zimmern entworfen, und hinter der Werkstatt für angehende Bauleute haben sie geübt, wie man die Umrisse absteckt. Joseph rückt auf der halbfertigen Mauer einen Ytong-Stein zurecht. Er hat sein weit entferntes Dorf verlassen, um im SITC eine Ausbildung zu machen. Verwandte hatten viel Gutes über das Projekt gehört und ihm angeboten, während der Ausbildung bei ihnen zu wohnen. „Das ist eine Riesenchance für mich“, sagt der 18-Jährige. „Wenn ich hier fertig bin, möchte ich mich in meinem Dorf selbstständig machen. Bauhandwerk ist immer gefragt.“

 „Im vergangenen Jahr haben wir die Weichen gestellt, dass unsere Absolventen noch bessere Chancen auf einen Job haben“, berichtet SSC-Direktor Brian Magongo stolz. „Wir haben uns mit der Swasiländischen Eisenbahn kurzgeschlossen - jetzt berücksichtigt unser Lehrplan unter anderem auch die speziellen Anforderungen, die Azubis erfüllen müssen, die sich dort bewerben wollen. Im Bereich KFZ-Mechanik haben wir mit einem Autokonzern eine ähnliche Absprache getroffen.“

Um die Wartelisten für die Zentren zu reduzieren, arbeitet SSC seit diesem Jahr an neuen Ausbildungsformen, um möglichst vielen jungen Swasis eine Chance zu geben. Jetzt müssen die Jugendlichen nicht mehr zu SSC in die Städte kommen, sondern der Kindernothilfe-Partner kommt zu ihnen in die Dörfer. In einem neuen Modell können  Angehende Elektriker und Schneider in ländlichen Gebieten durchlaufen einen dreimonatigen Crashkurs durchlaufen. Und weil das alles auch nicht reichen wird, um den Bedarf zu decken, baut SSC gemeinsam mit dem Bildungsministerium ein viertes Projekt mit Schwerpunkt Landwirtschaft in der Region rund um die Stadt Hlohlo im äußersten Norden. Ab 2017 wird es dann in jeder Region des Landes ein Ausbildungszentrum geben.

Hütte aus Lehm und Ästen. (Quelle: Ralf Krämer)
Lomajeles altes Häuschen
Lomajele Maziya wohnt zum ersten Mal in einem Steinhaus. (Quelle: Ralf Krämer)
Sie ist glücklich über ihr neues Haus aus Stein.
 

Jährlich zwei kostenlose Häuschen für Arme

In den ärmeren Familien Swasilands kommt eine Aktion von zwei der Zentren ganz besonders gut an: Zweimal im Jahr errichten die Azubis kostenlos Ein-Zimmer-Häuschen für besonders bedürftige Menschen – wie für die fast 80-jährige Lomajele Maziya. Versteckt zwischen Bananen- und Maisstauden steht ihr kleines schmuckes Häuschen, weiß getüncht mit rotem Sockel und Wellblechdach. Ihr Leben lang hat Lomajele in selbstgebauten Hütten gewohnt, die Wände ein Geflecht aus Ästen, mit Lehm bestrichen, das Dach aus Stroh oder Wellblech. Im Inneren war es dunkel, es gab weder Fenster noch Tür, und der Boden war aus festgestampfter Erde. „Mit der Zeit wäscht der Regen den Lehm aus den Wänden“, erzählt sie, „das Wellblech wird rostig und es regnet hinein, dadurch weicht der Boden auf.“ Wurde ein Haus unbewohnbar, baute Lomajele daneben ein neues. Doch jetzt sie ist zu alt für solche Arbeiten, und sie hat niemanden, der ihr helfen könnte.

Genau solche Menschen sucht SSC. Ausbilder Jimmy M. Maseko und seine Jungs aus der Abteilung Schreiner- und Bauhandwerk in Siteki rückten mit Holz, Steinen, Zement und Werkzeugen an und stellten ihr ein solides Steinhäuschen mit einem Fenster, einer stabile Holztür und einem Zementfußboden hin. Die Baumaterialien spendeten lokale Unternehmen. Als Lomajele in ihr neues Zuhause einzog, konnte sie es kaum fassen. „Das ist das schönste Haus, in dem ich je gewohnt habe!“, sagt Lomajele, und die Augen in dem runzeligen Gesicht leuchten. „Dass ich auf meine alten Tage so etwas geschenkt bekomme, hätte ich nie erwartet.“

Neben der Haustür haben die jungen Architekten und Bauarbeiter ihr Motto verewigt.  „We can - by SITC“ kann dort jeder lesen, der Lomajele besucht. „Wir können – dank SITC“. Der berühmte Slogan des amerikanischen Präsidenten Barack Obama – zu eigen gemacht von jungen Männern in einem der ärmsten Länder der Welt!

Schrift an der Hauswand: "We can by SITC". (Quelle: Ralf Krämer)
"We can by SITC" steht an der Hauswand.

 

Projekt-Nr. 74101