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Landschaft in Afghanistan. (Quelle: Jörg Denker)

„Auch wir können von den
Afghanen lernen“

2002 begann die Kindernothilfe ihr Engagement in Afghanistan. Hinter dem Land lagen Jahrzehnte voller Krieg und Terror. Internationale Wiederaufbaupläne weckten Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Doch noch immer ist Afghanistan von Krieg, Terror und Armut geprägt. Weshalb und welche Hoffnung es trotz allem gibt: Jörg Denker, Leiter unseres Asienreferates, gibt Antworten.

Von Jörg Denker, Leiter des Referats für Asien und Osteuropa

„Wir kommen gerade aus Pakistan, wo wir jahrelang in einem Flüchtlingscamp gelebt haben. Wir sind zurückgekehrt, um in der alten Heimat ein neues Leben aufzubauen – aber unser Dorf ist komplett zerstört. Wir brauchen Ihre Unterstützung!“ März 2002 – ich erinnere mich sehr gut an den Dorfältesten, der damals unser Büro aufsuchte. Ich arbeitete im Norden Afghanistans für eine amerikanische Nichtregierungsorganisation (NGO) – drei Jahre, bevor ich zur Kindernothilfe kam. Was mich beeindruckte: Die Bitte um Unterstützung war keine Bitte um Almosen. Es war eine Bitte um Zusammenarbeit. Er wollte in einen Dialog treten, um gemeinsam mit uns sein Dorf aufzubauen, Lebensgrundlagen für die Bewohner und nicht zuletzt ein friedliches Afghanistan – die gleichen Ziele, die sich auch die NGOs in Afghanistan auf die Fahnen geschrieben hatten.

Die meisten von ihnen gingen aber nicht auf den Dialog mit den Afghanen ein, sondern präsentierten ihnen das, was sie immer in Nachkriegskontexten anbieten: Decken, Zelte, Wasserkanister und was sich sonst noch in ihren Lagerhäusern befand. Genauso reagierte leider auch mein damaliger Arbeitgeber auf die Bitte des Dorfältesten. Und der lernte schnell: Wenn es schon keine richtige Zusammenarbeit gab, dann würde er wenigstens die Zelte, Decken und so weiter annehmen – besser als nichts. Gegen Brunnen, Bewässerungskanäle und Straßenreparaturen, die in einer späteren Wiederaufbau-Phase angeboten wurden, war ebenfalls grundsätzlich nichts einzuwenden, also nahm der Dorfälteste auch diese an.

Teilweise haben die Maßnahmen sogar kontraproduktiv gewirkt

Umgekippter Panzer. (Quelle: Jens Großmann)
Noch immer herrschen Krieg und Terror.

Stellt sich die Frage: Waren diese einfachen Wiederaufbau-Programme, auf die sich die westliche Gebergemeinschaft schnell geeinigt hatte, wirklich die richtige Antwort auf die großen gesellschaftlichen und politischen Probleme Afghanistans? Nach zehn Jahren des Wiederaufbaus muss man leider sagen: in vielen Fällen – nein. Denn noch immer prägen Krieg, Terror und krasse Armut das Land. Teilweise haben die Maßnahmen sogar kontraproduktiv gewirkt. Ein Beispiel ist der Wieder- und Neubau von Straßen in abgelegenen Regionen des Landes, der oft als Zeichen für ein sich erholendes Afghanistan angeführt wird. Viele Straßen sind durch sogenannte „Cash for Work“-Programme entstanden – an und für sich nichts Schlechtes: Arme Bauern hatten sie unter Anleitung westlicher Organisationen gebaut und wurden dafür bezahlt. Kurzfristig haben die Straßen den Bauern aus dem Gröbsten herausgeholfen, doch langfristig produzieren sie eher Fragen als Antworten. Autos haben in diesen Landstrichen nämlich meist nur die lokalen Warlords (Kriegsherren, die einzelne Gebiete beherrschen), etwa um ihre Milizen zu transportieren. Und der Arbeitslohn der Bauern floss auch zu großen Teilen direkt an die Warlords – denn sie sind durch ein jahrhundertealtes System der Schuldknechtschaft verbunden. Das Ende der Geschichte: die Straßen haben die ausbeuterischen Macht- und Feudalstrukturen nicht aufgebrochen, sondern gestützt.

Trotz allem, es gab und gibt gute Ansätze und auch die Bereitschaft, mit den Afghanen in Dialog zu treten. Etwa mit einer große Studie, die direkt nach der westlichen Intervention in Afghanistan durchgeführt wurde. Das Ergebnis: Die Mehrheit der Bevölkerung hofft vor allem im Bereich Bildung für ihre Kinder auf internationale Unterstützung. Die erste Konsequenz: Schulen wurden gebaut, Lehrer ausgebildet – ein sinnvoller Schritt. Was abermals häufig fehlte, war eine Fortführung des Dialogs, stattdessen planten die westlichen Geber alleine weiter, vor allem auch für eigene Zwecke: Auch sie brauchten tausende Angestellte in Afghanistan, die lesen und schreiben konnten, und zwackten sich die wenigen frisch ausgebildeten Afghanen ab.

Das führte zu einem erheblichen Verlust von qualifizierten Kräften. Fast jeder Afghane, der ein wenig Englisch konnte, arbeitete am Ende für eine internationale Organisation, für eine westliche Armee oder multinationale Konzerne. Viele Afghanen glauben heute, dass die so entstandene Marktwirtschaft künstlich und auf das Fortbestehen der internationalen Gemeinschaft und den Machterhalt des vom Westen installierten Präsidenten ausgerichtet ist.

Dialog, Partnerschaft und gemeinsames Handeln

Befriedung und Wiederaufbau Afghanistans sind und bleiben wohl noch lange eine riesige und enorm komplexe Aufgabe. Wir als Kindernothilfehaben vor zehn Jahren begonnen, unseren kleinen Beitrag zur Lösung zu leisten. Auch wir haben dabei immer wieder mit Problemen zu kämpfen, doch die bisherigen Erfolge bestärken uns, dranzubleiben und die Afghanen nicht alleine zu lassen. In all unserem Tun setzen wir auf Dialog, Partnerschaft und gemeinsames Handeln mit den Menschen der lokalen Zivilgesellschaft. Wir wollen vor allem Familien helfen, eigene und langfristige Lösungen für ihre großen Probleme zu entwickeln: dass sie sich aus der Armut befreien können, gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, feudale Strukturen aufbrechen sowie Konflikte gewaltfrei lösen. Für dieses Ziel arbeiten wir mit internationalen und nationalen Partnerorganisationen zusammen, die jahrzehntelange Erfahrung haben.

Afghanisches Mädchen. (Quelle: Jens Großmann)
Afghanistan blickt nach vorn – trotz grausamer Vergangenheit.

Unser Partner Operation Mercy etwa leitet unser Selbsthilfegruppen- Programm in Afghanistan. In Kabul gibt es bereits eine Föderation, in der 1.200 Frauen aus verschiedenen ethnischen Gruppen organisiert sind. Sie setzt sich regelmäßig mit Regierungsvertretern zusammen, um die Probleme ihrer Stadtviertel – meist Slums – zu lösen. Frauen, die bis vor wenigen Jahren weder lesen noch schreiben konnten, setzen sich bei der Regierung für ihre Rechte ein. Für sie und ihre Familien hat sich in den letzten Jahren vieles zum Positiven gewandelt. So gehen durchweg alle ihre Kinder zur Schule, Kinderarbeit, früher eher Normalität in den Slums, existiert im direkten Umfeld der Selbsthilfegruppen nicht mehr. Der Selbsthilfegruppenansatz kann der afghanischen Gesellschaft einen Weg zeigen, Probleme gemeinsam und friedlich zu lösen.

Um die Bildung im Land voranzutreiben, betreibt Operation Mercy noch ein ganz besonderes Projekt: Sie produzieren und vertreiben das, was es in Afghanistan ansonsten so gut wie gar nicht gibt: Kinderbücher. In der Landessprache Dari haben sie mittlerweile über 20 Bände mit traditionellen Fabeln und Klassikern der Kinderliteratur herausgebracht. Und die sind so beliebt, dass sogar schon Kopien auf dem Schwarzmarkt zu finden sind.

Es gibt Generationen, die Konfliktlösung nur durch Gewalt kennen

Blindenschule. (Quelle: Jens Großmann)
Zwei Jungen in einer Blindenschule.

HAWCA, ein weiterer Partner, setzt sich direkt für Slum- und Straßenkinder ein. Wichtig für ihre Arbeit ist die Friedenserziehung. In einem Land, in dem seit 30 Jahren Krieg herrscht, gibt es Generationen, die Konfliktlösung nur durch Gewalt kennen. Gerade die jetzt aufwachsende Generation muss friedliche Wege kennenlernen. Hier setzt HAWCA an und arbeitet so mit den ärmsten Kindern in Kabul, egal welcher Volksgruppe sie angehören. So werden Möglichkeiten des Dialogs über die verschiedenen Konfliktgrenzen hinweg entwickelt. Eine weitere Gruppe von Kindern, die besonders gefährdet und ausgegrenzt sind, sind Mädchen und Jungen mit Behinderungen. Unserem Partner Serve Afghanistan ist es gelungen, viele von ihnen in „normale“ Schulen zu integrieren. Das entsprechende Curriculum wird zurzeit mit den Ministerien so bearbeitet, dass es landesweit Gültigkeit erlangt. Dass alles klappt so gut, dass ich bei meinen Besuchen vor Ort häufig gedacht habe: Auch wir in Deutschland können in Sachen Inklusion viel von den Afghanen lernen.

Afghanistan ist kein Land ohne Hoffnung. Die internationale Staatengemeinschaft muss jedoch endlich verstehen, dass man langfristige, nachhaltige Lösungen anstreben muss, bei der die afghanische Zivilgesellschaft beteiligt werden muss. Es geht dabei nicht um die Verteidigung der westlichen Demokratie. Es geht dabei um die Menschen, um die Kinder selbst, in einem der ärmsten, aber auch einem der schönsten Länder dieser Welt, die ein selbstbestimmtes Leben in Würde führen wollen. Dabei brauchen sie weiter unsere Unterstützung.

Armut bekämpfen - Zukunft schaffen

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Knapp 1,2 Milliarden Menschen leben weltweit in extremer Armut - die Hälfte davon sind Kinder und Jugendliche. Die Bekämpfung der Armut ist deshalb eines der zentralen Ziele der Kindernothilfe.

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