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Flüchtlingslager in Bangladesch. (Quelle: Christian Herrmanny)

Die Kinder der Rohingya: Mit dem Leben davongekommen

Tabaya (Quelle: Christian Herrmanny)
Tabaya

Was Tabaya erlebt hat, sollte eigentlich kein Mensch durchmachen müssen. Doch die Zehnjährige ist stark: Sie hat ihre Flucht von Myanmar nach Bangladesch nicht nur überlebt, sie kann sogar freimütig davon berichten. Zwölf Tage und Nächte war das Mädchen unterwegs nach Cox’s Bazar. Die Stadt im Süden Bangladeschs ist jener sichere Ort, an dem die muslimische Minderheit der Rohingya nicht mehr die Angst haben muss, vertrieben, missbraucht oder sogar getötet zu werden – so wie Tabayas Nachbar, den die Militärs in Myanmar erschossen. Barfuß und am Rande ihrer Kraft kam Tabaya gemeinsam mit ihren sechs Geschwistern, ihren Eltern und einer Tante in Cox’s Bazar an. Das war Anfang September. Seitdem leben sie alle im Flüchtlingslager, unter schwierigsten Bedingungen, aber vorerst sicher.

Text und Fotos: Christian Herrmanny, stellvertretender Pressesprecher der Kindernothilfe

„Hier ist es viel besser, als vorher“, erzählt Tabaya, als sie gerade von der Essensausgabe kommt. „Wir bekommen hier Reis und Gemüse, und seit heute gehe ich in die Schule nebenan.“ Die „Schule“, das ist das Kinderzentrum, in dem die Mädchen und Jungen malen, basteln, schaukeln oder spielen können. Auf andere Gedanken kommen. Ihre grausamen Erinnerungen ein wenig beiseiteschieben – oder verarbeiten: Die psychosoziale Betreuung im Kinderzentrum bietet den Kindern einen geschützten Raum und hilft beim Umgang mit dem, was ihnen widerfahren ist. Für ihren ersten Besuch im Kinderzentrum hat sich Tabaya mit ihrer Spange und dem leichten Kopftuch besonders hübsch gemacht. „Die schicken Sachen habe ich von meiner Tante bekommen“, strahlt das Mädchen. Im Flüchtlingslager gibt es aber auch bei Straßenhändlern einiges zu kaufen. Und selbst wenn die Rohingya offiziell nicht arbeiten dürfen, sind doch viele Erwachsene – so wie Tabayas Vater – Tagelöhner oder verdienen etwas Geld als Friseur, Korbflechter oder Fischer.

Flüchtlingscamp in Bangladesch. (Quelle: Stephen Davies; Kindernothilfe-Partnerorganisation Amurt)

Cox's Bazar ist eines der größten Flüchtlingslager weltweit

In den Süden von Bangladesch kommen schon seit 1986 geflüchtete Rohingya. Mitglieder der in Myanmar verfolgten und unterdrückten religiösen Minderheit flohen immer wieder aus ihrer Heimat in die Nachbarländer. 2009 siedelten bereits mehr als 300.000 Geflüchtete rund um Cox’s Bazar, einem beliebten Urlaubsort für die wohlhabenden Bewohner Bangladeschs. Hier, an der Bucht von Bengalen, gibt es einen der längsten Sandstrände der Welt. Und jetzt eben auch eines der größten Flüchtlingslager weltweit: Seit der extremen Übergriffe, Morde, Vergewaltigungen und Bandschatzungen in Myanmar Ende August 2017 kamen etwa 700.000 weitere Frauen und Männer – vor allem aber Kinder – hierher. „Wir sind nur mit der Kleidung am Körper losgelaufen“, berichtet Nour Nahar. Die 27-Jährige versteckte sich mit ihren beiden Kindern im Wald, als sie nachts von den ersten Schüssen aus dem Schlaf gerissen wurde. Aus dem Dickicht am Waldrand musste sie mit ansehen, wie ihre beiden Brüder von der Armee erschossen wurden. Anschließend brannten die Soldaten ihr Haus nieder. Auch ihr Ehemann war zu diesem Zeitpunkt im Dorf. „Ich habe ihn seitdem nicht mehr gesehen und nichts von ihm gehört. Ob er noch lebt, weiß ich nicht“, sagt die junge Frau leise und senkt den Blick.

Rohingya in Bangladesch. (Quelle: Christian Herrmanny)
Nour Nahar weiß nicht, ob ihr Ehemann noch lebt.

Nach den Angriffen war sie mit ihrem achtjährigen Sohn und der zwölfjährigen Tochter eine Woche lang zu Fuß auf der Flucht. Die Familie hatte nicht mehr die Zeit, Geld oder Schmuck aus dem Haus zu holen. Nur das Handy hatte sie dabei. Die strapaziöse Flucht aber gelang dann ohne weitere Angriffe. Andere Rohingya wurden sogar noch auf dem beschwerlichen Weg nach Bangladesch ausgeraubt oder gar getötet: Für Banditen waren die geschwächten, unbewaffneten Familien ein leichtes Ziel. Hunger, Durst und Erschöpfung forderten weitere Todesopfer unter den Flüchtenden.

Endlich wieder ohne Angst schlafen können

Inzwischen erstrecken sich die Lager rund um Cox’s Bazar über zig Quadratkilometer. Trotzdem fanden Nour Nahar und ihre Kinder tatsächlich ihre Tante wieder – trotz der unüberschaubaren Menge an Menschen, die sich hier mittlerweile niedergelassen hatte. Ihre winzige Hütte baute Nour Nahar direkt neben die der Tante. Trotz aller Trauer über den Verlust von Angehörigen und den der angestammten Heimat, trotz der schwierigen Versorgungslage und dem ständigen Anstehen für Wasser, Zeltplanen, Seile oder medizinische Hilfe ist die Stimmung in den Flüchtlingslagern erstaunlich ruhig. „Ich bin so froh, dass ich nachts wieder ohne Angst schlafen kann“, meint sie und zeigt auf ihre zusammengerollte Decke im engen Zelt. Nur nachts auf die Latrinen, die unweit entfernt stehen, traut sich die junge Frau dann doch nicht allein.

Toilettenhäuschen im Lager. (Quelle: Christian Herrmanny)
Toilettenhäuschen

Die Toilettenhäuschen – finanziert unter anderem von der Kindernothilfe – bilden ein wichtiges Element in den Flüchtlingslagern. Sie sorgen für mehr Hygiene, und viele Latrinen sind wiederum gleich mit einer Biogas-Anlage verbunden. So können die Familien in der gasbetriebenen Kochstelle ihr Essen zubereiten und Wasser erhitzen. Außerdem reduziert die Anlage den Gestank der Toiletten und verhindert, dass die Menschen Bäume abholzen, um kochen zu können. „Ich bin immer morgens mit dem Kochen dran“, sagt Nour Nahar und rührt in einem dampfenden Topf. Dank der internationalen Hilfe muss hier zurzeit niemand hungern, auch wenn der Speiseplan mit Reis, Linsen, Öl und Zucker wenig abwechslungsreich ist.

 

Dr. Jubayer Mumin. (Quelle: Christian Herrmanny)
Dr. Jubayer Mumin

Ein paar Kilometer weiter wird gerade eine kleine Krankenstation für Babys und Kleinkinder aufgebaut. Wer hierher kommt, dem reichen die normalen Lebensmittel nicht mehr aus. „Manche Kinder hatten auf der Flucht acht Tage lang nichts zu essen“, sagt Dr. Jubayer Mumin, einer der Ärzte. Er behandelt vor allem Infektionen, Fieber und Durchfallerkrankungen. Oft stellen sich bei den kleinen Patienten Komplikationen ein. Die Kinder sind geschwächt und meist nicht geimpft, sie verlieren Gewicht – trotz Spezialmilch und -kost. „Es ist schrecklich“, sagt eine Mutter, die das Schicksal Tausender Frauen in den Krankenstationen teilt: „Zu Hause war mein Kind gesund, jetzt muss ich um sein Leben bangen.“ Die anstrengende Flucht und das Leben mit so vielen Menschen auf engstem Raum unter unzureichenden hygienischen Bedingungen bringen die Körper von Kindern, aber auch schwächeren Erwachsenen an den Rand ihrer Kraft.

Verteilung von Hilfsgütern. (Quelle: Christian Herrmanny)
Verteilung von Hilfsgütern im Flüchtlingslager

Welche Zukunft haben die Rohingya in Bangladesch?

Die Herausforderungen sind also groß in Bangladesch, einem Land, das ohnehin zu den ärmsten der Welt gehört. An politische Lösungen des Konflikts will hier im Camp niemand so recht glauben – weder die Geflüchteten selbst, noch die Vertreter der Hilfsorganisationen. Alle richten sich auf ein langfristiges Bleiben ein, auch wenn die nächste Regenzeit Mitte des Jahres das Leben in den riesigen Lagern noch einmal massiv verschlechtern wird.So weit mag die zehnjährige Tabaya jetzt noch nicht denken. Für sie steht das Lernen ganz oben auf der Wunschliste, am liebsten in einer richtigen Schule. Doch auch dafür müssten neue Strukturen geschaffen werden. Und damit würden die politisch Verantwortlichen eingestehen, dass die Lager mit Zelten so weit das Auge reicht noch sehr lange vor Ort bleiben. Das wäre realistisch, ehrlich und für die Rohingya eine Erleichterung – aber dafür fehlt zurzeit noch der politische Wille.

Rohingya: Die Rohingya sind eine von 135 Bevölkerungsgruppen in Myanmar und haben als muslimische Minderheit bis dato keinen Anspruch auf eine Staatsbürgerschaft. Sie werden seit Jahrzehnten diskriminiert und vor allem in den vergangenen Jahren immer wieder gezielt verfolgt. Politischen Rückhalt haben sie weder im buddhistisch dominierten Parlament noch bei der Regionalregierung.

Unser Einsatz für die Kinder

Die Kindernothilfe engagiert sich zunächst mit rund 530.000 Euro für die Geflüchteten in Cox’s Bazar. Drei Partnerorganisationen verteilen warme Mahlzeiten, sorgen für Hygieneschulungen, bohrten Brunnen, bauten Latrinen und Waschplätze. Ganz wichtig sind auch die Kinderzentren. Hier gibt es auch Unterstützung für Schwangere, Stillende und  junge Mütter, und die Mitarbeitenden werden zum Thema Kinderrechte trainiert. Unbegleitete Kinder leben vorübergehend in einem sogenannten „Safe House“ und werden nach Möglichkeit zurück in ihre Familien vermittelt, oder es werden Pflegefamilien für sie gesucht.

Waschplatz im Flüchtlingslager. (Quelle: Christian Herrmanny) Essenszeit im Flüchtlingslager. (Quelle: Christian Herrmanny)
Waschplatz des Kindernothilfe-Partners
Essenszeit im Flüchtlingslager

Stand: Januar 2018