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Selbsthilfe im Land der ersten Stunde

Interview: Chrisitan Herrmanny, stv. Kindernothilfe-Pressesprecher

Im Kindernothilfe-„Stammland“ Indien tut sich viel. Die Kindernothilfe ist dort fast allen Bundesstaaten aktiv. Wir haben mit Komal Waghmare, einer unserer Koordinatorinnen in Indien, über nachhaltige Hilfe auf dem asiatischen Subkontinent gesprochen. 

Komal Wagmare (Quelle: Christian Herrmanny)
Komal Waghmare; Foto: Christian Herrmanny

Das Kindenothilfe-Engagement in Indien begann vor etwa 60 Jahren mit Patenschaften. Heute ist das Hilfswerk, wie in allen Projektländern, mit vielfältigen Projekten vertreten. Wie fördert die Kindernothilfe Kinder und deren Familien in Indien?

Mit unseren Gemeinwesen-Projekten geben wir den Kindern in den Dörfern die Möglichkeit, Kindergruppen zu gründen. Dort erklären wir ihnen ihre Rechte, bringen ihnen bei, diese für sich einzufordern und was sie tun müssen, wenn sie Verstöße bemerken. Ein Beispiel: Die Kindergruppen treffen sich regelmäßig einmal pro Woche. Wenn ein Kind nicht erscheint, fragen sich die Kinder warum und gehen dem nach. Es gab in der Vergangenheit schon Fälle, in denen die Gruppe zum fehlenden Kind nach Hause gegangen ist und herausgefunden hat, dass die Eltern dem Kind sogar verboten haben, zur Schule zu gehen. Sie haben mit den Eltern diskutiert und ihnen verdeutlicht, dass ihr Kind ein Recht auf Schule hat. Danach durfte es wieder gehen. Wir merken, dass die Kinder wirklich etwas erreichen können, wenn wir ihnen eine Stimme geben – und sie selbst spüren das auch.

Es gibt viele weitere Beispiele dafür, wie sich Kindergruppen einsetzen: Sie führen Umweltaktionen in ihren Dörfern oder Sensibilisierungsprogramme, zum Beispiel zum Thema Wassersparen in Dürreregionen, durch. Dabei machen sie die Leute unter anderem darauf aufmerksam, dass man Spülwasser auch um Pflanzenwässern benutzen kann. Oder sie setzen sich dafür ein, dass Geschäfte keine Plastiktüten mehr herausgeben, sondern auf Jutebeutel oder Papiertüten umsteigen. 

Wie helfen Frauen-Selbsthilfegruppen den Kindern?

Frauen-Selbsthilfegruppen helfen Kindern und ihren Familien auf vielen Wegen – nicht nur mit Geld: Die Frauen in den Selbsthilfegruppen stammen alle aus Familien am Rande der Gesellschaft, aus armen Verhältnissen. In diesen Familien kommt es häufig zu Missbrauch, oft sind die Männer alkoholkrank. In manchen Fällen wird das gesamte Einkommen für Alkohol ausgegeben. Die Frauen kommen zusammen und reden über ihre Probleme und suchen gemeinsame Lösungen. Dabei geht es auch darum, wie sie ihren Kindern Schulbildung ermöglichen können. Das liegt ihnen sehr am Herzen, denn Kinder gehören in die Schulen und nicht aufs Feld. 

KNH17465.jpg (Quelle: Kindernothilfepartner)
Indische Frauen-Selbsthilfegruppe während eines Meetings

Die Lösung ist oft einfach wie effektiv: Durch gemeinsames Sparen und gegenseitige Kredite können Frauen dann beispielsweise einen kleinen Lebensmittelladen eröffnen. Ich kenne Frauen, bei denen auch der Ehemann diese Arbeit interessant findet, mit ins Geschäft einsteigt und damit einer sinnvollen Beschäftigung nachgeht anstatt herumzusitzen und zu trinken. Frauen haben dann die Möglichkeit, eine weitere Arbeit anzunehmen und noch mehr zu verdienen. So können sie ihre Kinder zur Schule schicken und sie gut ernähren. Viele Kinder bekommen mittlerweile dreimal täglich Essen – und das ist für viele beileibe keine Selbstverständlichkeit. 

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in der Programmarbeit?

Es ist mir sehr wichtig zu betonen, dass keines unserer Projekte auf reiner Wohltätigkeit basiert. Wenn wir in einem Dorf ein Projekt beginnen, machen wir von Tag eins an klar, dass die Entwicklung, die wir anstoßen, nachhaltig sein muss. Denn nach fünf oder sieben Jahren wird die Förderung durch die Kindernothilfe eingestellt. Und dann sollen die Menschen die Arbeit selbst weiterführen können. Das geschieht besonders dadurch, dass wir die verschiedenen Gruppen ins Leben rufen, sie stärken und ihnen eine Stimme geben. Wenn wir die Arbeit beginnen, sagen wir: „Wir verlangen von euch, dass ihr mitmacht.“ Und ihnen beizubringen, wie sie das tun können, genau dafür sind wir da. 

Wie sieht das konkret aus?

Wir fragen die Menschen: Was muss sich in eurem Dorf verändern? Sie sollen sowohl die Probleme benennen als auch die Lösungen erarbeiten. Denn: Die Leute kennen beides, fühlen sich aber nicht imstande, die Herausforderungen und die Lösungen anzugehen. Sie fühlen sich unterdrückt, da sie sich am Rande der Gesellschaft befinden. Mit unserer Arbeit  geben wir ihnen das Wissen, die Hoffnung und das Selbstbewusstsein, den Wandel anzustoßen. 

Diesen Wandel mitzubekommen, ist doch sicher ungeheuer befriedigend?

Das stimmt – aber nicht nur in den heutigen Projekten, sondern auch von der früheren Arbeit der Kindernothilfe: Vor Kurzem bin ich geschäftlich nach Bangalore gereist. Am Flughafen nahm ich mir mit meinem Kollegen ein Taxi. Wir sprachen über unsere Tagesplanung, und der Taxifahrer bemerkte, dass wir über die Kindernothilfe sprachen, und mischte sich plötzlich ins Gespräch ein. Ich stellte mich als Kindernothilfe-Koordinatorin vor, da meinte er auf einmal: „Ich bin ein ehemaliges Patenkind.“ Er hatte vor mehr als 20 Jahren in einem der Hostels in Andhra Pradesh gewohnt. Mittlerweile besitzt er fünf Taxen und hat ein gutes Einkommen. Er hat drei Töchter und kann ihnen allen eine Ausbildung ermöglichen. Eine Tochter macht gerade ihren Doktor, eine andere wird Ingenieurin und die dritte ist in der zwölften Klasse. Er sagte: „Als Kind war ich ein Junge, der nicht mal Schuhe trug. Mein heutiges Leben verdanke ich einer Person  in Deutschland, die meine Unterbringung und Ausbildung finanziert hat.“ Ich bin hin und  weg von dieser Geschichte. Sie ist eine der vielen Erfolgsgeschichten und zeigt, wie nachhaltig die Arbeit der Kindernothilfe in Indien war und ist.  

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