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Straßenkinder nachts auf einem Marktplatz. (Quelle: Christian Nusch)

Nur wer vertraut, kann Hilfe annehmen

Wer Straßenkindern helfen will, muss erst ihr Vertrauen gewinnen. Für die Mitarbeiter des indonesischen Kindernothilfe-Partners Kampus Diakonia Modern ist genau das eine der wichtigsten Aufgaben – aber auch eine der schwierigsten. Wenn sie aber geschafft ist, sind die Mädchen und Jungen bereits auf einem sehr guten Weg in eine bessere Zukunft.

Die rot-grün leuchtenden Flugobjekte, die der kleine Junge mit einer Zwille in den nächtlichen Himmel schießt, sehen auf dem Fatahillah-Platz, dem sorgfältig restaurierten Zentrum der Altstadt von Jakarta, wunderschön aus. Für einen Moment könnte man glauben, der Achtjährige spiele damit. Ein Irrtum: Er verkauft sie. Jessica Hutting und Benjamin Lumy nicken dem Kind zu und gehen weiter. „Wir kennen ihn, so wie alle Kinder hier. Es geht ihm soweit gut, seine Mutter ist in der Nähe und verkauft Getränke“, sagt Jessica.

Die beiden Mitarbeiter von Kampus Diakonia Modern (KDM), einer Partnerorganisation der Kindernothilfe, suchen ein anderes Kind: die zwölfjährige Siri. Sie laufen an den Gauklern, lebenden Puppen und dem schicken Café vorbei, zum Rande des Platzes. Einige Mütter und viele, sehr viele Kinder sitzen in der warmen Nachtluft auf dem Boden und den Steinbänken. „Die Kinder verbringen die meiste Zeit auf der Straße“, erklärt Jessica. „Das ist nicht unbedingt ein Problem, bei vielen sind die Mütter in der Nähe, sie arbeiten als Straßenhändlerinnen und bringen die Kinder halt mit.“ Trotzdem haben Jessica und Benjamin ein wachsames Auge auf diese Kinder. Sie gehören zu den Ärmsten Indonesiens und sind besonders gefährdet. Gibt es Hinweise auf Gewalt oder Missbrauch? Zeichen dafür, dass sich plötzlich gar niemand mehr um sie kümmert? Am Rande der Gruppe sitzt ein stilles, trauriges Mädchen: Siri. „Ihre Mutter ist vor einer Woche gestorben. Der Vater ist Fahrer, er kommt fast nie vor elf Uhr nachts heim, und die Kinder sind die ganze Zeit sich selbst überlassen. Siri kümmert sich jetzt um die drei kleinen Geschwister“, gibt Jessica einen kurzen Überblick über das Schicksal der Zwölfjährigen. Auf dem großen Platz wirkt sie verloren, traurig und einsam. Am liebsten möchte man sie nehmen und an einen sicheren Ort bringen. Aber so einfach ist das nicht. Dabei hätte Jessica so einen Ort anzubieten: das Schutzhaus von KDM.

Straßenkinder auf Java / Indonesien (Quelle: Christian Nusch)
Das Kunstatelier ist bei Straßenkindern sehr beliebt.
Straßenkinder auf Java / Indonesien (Quelle: Christian Nusch)
Für Ika ist das Atelier der wichtigste Ort: Sie möchte Comiczeichnerin werden.

Ein Schutzhaus für 75 Kinder

Es liegt am Rande der indonesischen Hauptstadt, da, wo die Millionenmetropole langsam ländlich wird, wo es statt grauer Straßen grüne Felder und statt Autolärm Vogelgezwitscher gibt. 75 Kinder leben hier mit Hauseltern, die nicht nur ihre Grundbedürfnisse stillen, sondern sich auch liebevoll kümmern. Und mit Lehrern, die etwas anders unterrichten als an „normalen“ indonesischen Schulen. Das fängt schon mit dem besonderen Schulsystem an: Die Kinder werden nicht nach Alter, sondern rein nach Lernstand aufgeteilt. In der gelben, der mittleren Klasse, lernt Sumiati gerade zu multiplizieren. Das ist eigentlich Stoff der dritten Klasse, sie ist aber schon 15. Seit zwei Jahren lebt das Mädchen hier. Der Tag, an dem sie zu KDM kam, war zugleich ihr erster Schultag. „In Indonesien haben viele Kinder keine Geburtsurkunde. Das bedeutet: Sie haben keinen Zugang zum Gesundheitswesen, keinen Schutz – und keinen Zutritt zu den Schulen“, erläutert Benjamin Lumy, Direktor von KDM, eines der Grundprobleme vieler Kinder aus armen Familien. Mindestens elf Millionen indonesische Kinder besuchen keine Schule.

Neben dem schulischen Programm gibt es für die Älteren auch eine praktische Ausbildung: In den Werkstätten von KDM lernen die Jugendlichen Backen, Arbeiten mit Glas, Batiken, Nähen oder Gartenbau. Das Kunstatelier steht allen offen, und es ist einer der wichtigsten Orte des Kinderheims. „Die Kinder lernen über die Kunst, ihre Gefühle auszudrücken, ihnen in den Bildern Raum zu geben“, erklärt Kunstlehrer Epin. Das ist gerade für die Kinder, die in ihren Familien oder auf der Straße Schlimmes erlebt haben, wichtig. „Und sie lernen auch durchzuhalten, sorgfältig zu arbeiten – und dass Regeln wichtig sind. Zum Beispiel, wenn man eine Perspektive richtig zeichnen möchte.“

Ika musste Geld verdienen

Für die zwölfjährige Ika ist die Malerwerkstatt ihr wichtigster Ort, ein Platz, an dem sie sich ganz und gar verlieren kann, an dem es nur um sie und ihre Träume geht. „Meine Mutter war krank und konnte sich nicht mehr um mich kümmern. Also habe ich das Geld für uns verdient, Taschentücher verkauft oder auf der Straße gesungen. Aber es hat nie gereicht, um mir eine Schuluniform zu kaufen.“ Ihre Mutter ist inzwischen zu Verwandten aufs Land gezogen, die Tochter ließ sie bei KDM zurück. „Ich bin so froh, dass ich hier bin! Hier muss ich nicht zusehen, dass Geld für Essen reinkommt, sondern kann einfach zur Schule gehen. Und hoffentlich eines Tages Comiczeichnerin werden.“

Ika vermisst ihre Mutter, natürlich. Und manchmal ist sie neidisch auf ihre Freundin Irul, denn die lebt mit ihrem Vater und ihren Geschwistern bei KDM. Kinder mit ihren Eltern in einem Kinderheim aufzunehmen, das klingt erst einmal absurd. „Uns geht es darum, dass es den Kindern gut geht. Meistens geht es den Kindern am besten, wenn sie mit ihren Eltern zusammen sein können. Und wenn die Eltern nun mal nicht dazu in der Lage sind, sich ohne Unterstützung um ihre Kinder zu kümmern, dann geben wir ihnen eben diese Hilfe“, erläutert Jessica das ungewöhnliche Konzept. Allzu viele Plätze für Familien hat KDM nicht, und längst nicht alle Eltern sind bereit, sich den strengen Regeln des Kinderheimes anzupassen, nicht zu rauchen, keinen Alkohol zu trinken und mitzuhelfen.

Straßenkinder auf Java / Indonesien (Quelle: Nickoleit)
Prayitno lebt mit seinen drei Töchtern im Projekt.

„Wir schliefen jede Nacht woanders auf der Straße“

Doch für Prayitno war das genau das Richtige. Wie so viele kam er mit seiner Familie vom Land in die Stadt, um dort sein Glück zu finden. Und wie so oft blieb das ein Traum. Er kannte niemanden in Jakarta, hatte keine Ersparnisse und fand keinen Job. Die Familie zerbrach, seine junge Frau fand einen anderen Mann und ließ die drei Töchtern bei dem 58-Jährigen zurück. Während er seine Geschichte erzählt, streichelt er zärtlich seiner Jüngsten, die auf seinem Schoß sitzt, übers Haar. „Das Leben in Jakarta ist teuer. Ich konnte uns nicht einmal eine einfache Hütte mieten. Wir schliefen jede Nacht irgendwo anders auf der Straße. Das war eine gefährliche Situation für meine Töchter!“ Die Polizei schaltete sich ein, sie wollte die Kinder von dem Vater trennen und sie in eines der staatlichen Heime stecken. KDM erfuhr von dem Fall und bot der Familie an, sie aufzunehmen. „KDM ist ein sicherer Platz, die Kinder können zur Schule gehen und es gibt genug zu essen“, sagt Prayitno dankbar, und man merkt ihm an, dass er am liebsten für immer hier bleiben würde. Aber das geht nicht. „Wir geben den Eltern nur eine Starthilfe. Wir bilden sie weiter und helfen ihnen, in der Nähe einen Job zu finden. Dann ziehen sie mit ihren Familien in ein eigenes Häuschen. Die Kinder können trotzdem weiterhin bei uns zur Schule gehen.“ Prayitno wird demnächst in einer Metallwerkstatt anfangen und dann hoffentlich bald auf eigenen Füßen stehen. Und seine älteste Tochter Irul ist einfach froh, keine Angst mehr davor haben zu müssen, dass die Polizei kommt und sie von ihrem Vater wegnimmt.

Straßenkinder auf Java / Indonesien (Quelle: Nickoleit)
Siti kümmert sich um Straßenkinder.
Straßenkinder auf Java / Indonesien (Quelle: Christian Nusch)
Händler unter einer Autobahnbrücke

„Straßenkinder dürfen kein Vertrauen haben“

KDM nimmt nur Kinder auf, die freiwillig kommen und deren Eltern einverstanden sind. Sie zu erreichen ist schwieriger, als man denken würde. „Die Kinder haben kein Vertrauen – und das ist auch gut so. Straßenkinder dürfen kein Vertrauen haben, Vertrauen ist gefährlich,“ erklärt Jessica. Diese überlebenswichtige Strategie macht es den Streetworkern sehr schwer, den Kindern zu helfen.

Bei Sumiati hat es sechs Monate gedauert, bis sie bereit war, sich auf KDM einzulassen. Sie lebte über Jahre bei ihrer Ziehmutter Siti – eine herzensgute Frau, die mit dem Wenigen, was sie hat, sechs Kinder versorgt, um die sich sonst niemand kümmert. „Sie tun mir einfach leid. Wenn ich etwas zu essen habe, teile ich es mit ihnen. Und wenn nicht, dann bin ich wenigstens für sie da“, sagt Siti. Wer weiß, was ohne ihre Ziehmutter aus Sumiati geworden wäre. Doch trotz dieser Fürsorgesind die Lebensumstände bei Siti äußerst schwierig. Sie verbringt den ganzen Tag unter einer Autobahnbrücke, wo sie einen kleinen Essensstand hat. Der Verkehrslärm ist ohrenbetäubend, alle paar Minuten ertönt das nervtötende Warnsignaleines vorbeifahrenden Zuges, und die Luft ist von Abgasen geschwängert.

Über ein halbes Jahr lang kam Jessica regelmäßig vorbei, um Sumiati davon zu überzeugen, zu KDM zukommen. „Ich wollte lange nicht, weil ich Angst hatte“, sagt sie. „Dass ich mich dann doch dazu entschlossen habe, es zu probieren, lag daran, dass ich dort endlich zur Schule gehen konnte.“ Etwas zu lernen, das ist der 15-Jährigen unendlich wichtig, und sie ist fest entschlossen, die versäumten Schuljahre aufzuholen. „Ich weiß, dass ich bei KDM eine einzigartige Chance bekommen habe!“ Jessica lächelt, als sie das hört. Sie hat von Anfang an Sumiati geglaubt, auch wenn der Weg mühsam war. Und wenn sie nach den Kindern schaut, um die sich Siti gerade kümmert, nimmt sie Sumiati oft zu einem Besuch bei ihrer Ziehmutter mit.

Straßenkinder auf Java / Indonesien (Quelle: Christian Nusch)
KDM-Mitarbeiterin Jessica geht abends auf den Fatahillah-Platz, um mit Straßenkindern zu sprechen.

Die Kinder müssen weg von der Straße

Doch dringender ist im Moment die Situation einer anderen Familie: die der zwölfjährigen Siri und ihren drei jüngeren Geschwistern. Dies ist schon der dritte Abend der Woche, an dem Jessica in die Altstadt Jakartas gefahren ist, um das Mädchen zu treffen. Mitten in der Kindergruppe und doch einsam sitzt sie am Rande des Fatahillah-Platzes. Jessica setzt sich zu ihr, fragt, wie es nun daheim geht, jetzt wo sie die meiste Zeit alleine ist. Ob sie sich das Heim nicht mal anschauen möchte? Vielleicht zusammen mit ihrer Tante, die ganz in der Nähe wohnt? Auf dem Gesicht der Zwölfjährigen zeichnet sich Zerrissenheit ab. Sicher, sie ist die meiste Zeit alleine und trägt viel zu viel Verantwortung. Aber trotzdem sind der Platz und das eine Zimmer der Familie ihr zu Hause und wenigstens nachts ist ja auch ihr Vater da. Und wer weiß schon, ob das wirklich alles so stimmt, was Jessica da erzählt? „Ich werde mit ihrem Vater sprechen, an sein Verantwortungsgefühlappellieren, damit er mich unterstützt“, seufzt Jessica. Denn eines ist klar: Die Kinder müssen weg von der Straße, auch wenn es noch so viel Mühe und Überzeugungsarbeit kostet.

Projekt 28061


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