Suche
Jetzt spenden Pate werden
Lena Gercke mit zwei brasilianischen Mädchen im Arm. (Quelle: Florian Kopp)

„Die Kindergeschichten gehen
unter die Haut“

 Von Angelika Böhling, Kindernothilfe-Pressesprecherin

Während der Olympischen Spiele 2016 in Brasilien nutzte Kindernothilfe-Botschafterin Lena Gercke ihren Aufenthalt, um ein Projekt der Kindernothilfe in São Paulo zu besuchen.

Lena Gercke im UNAS-Zentrum

Am liebsten sitzt Leticia in der Puppenecke und versucht, mit einem kleinen Glätteisen die hoffnungslos wirren Haare ihrer Puppe zu frisieren. Mit viel Geduld fädelt sie eine um die andere Haarsträhne in das kleine Spielzeuggerät ein, zieht es dann mit sanftem Druck zu sich und lässt es abrupt los. Die Haare der Puppe springen in das zerzauste Chaos zurück, doch das stört die Kleine nicht. Sie macht einfach weiter. Sie schaut kaum hoch, ist ganz bei sich. Das freudige Schreien und Johlen der anderen Kinder um sie herum scheint sie nicht wahrzunehmen.

Hier im Zentrum der Kindernothilfe-Partnerorganisation UNAS, mitten im größten Armenviertel São Paulos, finden täglich fast 120 Kinder das, was sie zu Hause nicht haben: einen Platz, an dem sie ungestört spielen, lachen und laut sein dürfen. Einen Ort, an dem es keine Gewalt gibt, dafür aber Menschen, denen die Mädchen und Jungen ihr Herz ausschütten können, die ihnen helfen und die ihnen zeigen, wie sie sich schützen können.

Lena Gercke in Brasilien (Quelle: Florian Kopp)
Zöpfeflechten im Projekt

"Ohne meinen Vater ist es besser zu Hause"

Als Kindernothilfe-Botschafterin Lena Gercke an diesem Montagmorgen das Tor zum Kinderzentrum in der Favela Heliópolis öffnet, betritt sie eine ganz andere Welt als die der vergangenen Tage: Von dem Glanz der Olympischen Spiele in Rio ist hier nichts zu spüren. Die sonnengelben Wände mit selbst gemalten Kinderbildern wirken schlicht, aber fröhlich. Das Lachen und Kreischen der Mädchen und Jungen, die sich um einen Tisch-Kicker drängen, ist ohrenbetäubend. In der Küche wird Essen zubereitet, und es duftet nach frischen Pão de Queijo, kleinen köstlichen Brotkäsekugeln – einer brasilianischen Spezialität.

In der Puppenecke hockt die elfjährige Leticia an ihrem Lieblingsplatz und lächelt das Model an. Zöpfe flechten, Haare glätten – die beiden verstehen sich sofort und kommen ins Gespräch. Sie wohne mit ihrer Mutter und drei Geschwistern ganz in der Nähe in einer kleinen Wohnung, erzählt Leticia der Besucherin aus Deutschland. Sie gehe gerne in die Schule, und wenn sie groß sei, möchte sie als Frisörin arbeiten, strahlt die Kleine und rückt mit einem gekonnten Handgriff die große Schleife auf ihrem Kopf zurecht. Den Vater habe sie schon lange nicht mehr gesehen, aber wenn er vorbeikäme, gehe es meist sehr laut zu. „Nein“, sagt sie dann leise „ohne meinen Vater ist es besser zu Hause.“

„Zwischen 70 und 80 Prozent der Kinder in den Armenvierteln der Megastadt São Paulo wachsen ohne Vater auf“, erklärt später Christiane Rezende, eine der Kindernothilfe-Koordinatorinnen in Brasilien. Die Frauen heiraten häufig, um den Schlägen oder sexuellen Übergriffen im eigenen Elternhaus zu entkommen. Doch der Mann, auf den sie treffen, hat nicht selten eine ähnliche Kindheit erlebt. „Gewalt zieht Gewalt nach sich. Wir wissen, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass Kinder, die Gewalt erfahren haben, das als normal ansehen, akzeptieren und sie auch in Zukunft gegen die eigenen Kinder anwenden.“ Gemeinsam mit Kindern, Eltern und Lehrern wollen die Mitarbeiter von UNAS in sechs Kinderzentren in São Paulo aus dem Kreislauf der Gewalt ausbrechen und Wege aufzeigen, wie ein friedliches Miteinander möglich ist.

"Keine Gewalt" steht auf den selbstgemalten Schildern. (Quelle: Florian Kopp)
Die Kinder protestieren gegen Gewalt-

Über 252.000 Fälle von Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in einem Jahr

Wie groß Ausmaß und Bandbreite der Gewaltanwendungen gegen Kinder und Jugendliche in Brasilien sind, zeigt die Auswertung der Daten eines landesweit geschalteten Hilfe-Telefons aus dem Jahr 2013: Über 252.000 Fälle von Gewalt gegen Kinder und Jugendliche wurden in der Notrufzentrale registriert. Die meisten Anrufe gingen wegen Vernachlässigung und psychischer Gewalt ein. Mehr als 40 Prozent der Kinder und Jugendlichen klagten über Schläge und Misshandlungen im eigenen Elternhaus, und mehr als ein Viertel der Anrufer, also fast 14.000 Mädchen und Jungen, zeigten sexuellen Missbrauch an. Doch warum ist die Gewalt in Brasilien so allgegenwärtig?

Eine mögliche Antwort: Bis Ende der Achtzigerjahre beherrschte eine brutale Militärdiktatur das Land. Ihre Macht sicherte sich die Regierung über viele Jahre durch grausame Folter und das systematische Ausschalten von Andersdenkenden. Erste Demokratisierungsprozesse – und damit die Achtung der Kinder- und Menschenrechte – entwickelten sich erst mit Einführung der Verfassung von 1988. Gleichzeitig mit den demokratischen Veränderungen in der Politik nahm aber die Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft zu. Der Grund dafür: Vorhaben, wie etwa soziale Ausgaben zu erhöhen oder die Urbevölkerung zu schützen, blieben aus, und die Kluft zwischen Arm und Reich wurde größer – selbst in den Jahren des wirtschaftlichen Wachstums.

Theaterspielen im Projekt. (Quelle: Florian Kopp)
Die Kinder spielen Gewaltszenen nach, die sie selbst erlebt haben.

Theaterspielen hilft, die eigenen Erlebnisse zu verarbeiten

So wird Sicherheit auch heute noch häufig mit der Anwendung von Gewalt gleichgesetzt. Das gilt für die sogenannten Befriedungstruppen der Polizei, die Drogenbosse in den Favelas und ebenso für das Zusammenleben in der Familie. Eine Gesellschaft, die durch die Macht der Männer in Form des Machismo geprägt ist und deren Justiz bis heute Ausschreitungen gegen Kinder und Frauen nicht ausreichend ahndet, ist der Nährboden für Gewalt und Missbrauch in den Familien. „In den Communidades“, wie Länderkoordinatorin Rezende die Favelas nennt, „leben aber auch viele Familien, die genug haben von Gewalt und Kriminalität. Sie wollen, dass ihre Kinder sicher aufwachsen, zur Schule gehen und später eine Ausbildung machen.“ Mit diesem Ansporn bilden sich im ganzen Land immer mehr bürgerschaftliche Vereinigungen und Nichtregierungsorganisationen, die einerseits Druck auf die Regierung machen und andererseits eigene Hilfsprogramme starten – wie etwa die Kinderzentren von UNAS.

Nach dem Abstecher in Leticias Schönheitssalon laden die älteren Kinder des Zentrums Lena Gercke zu einem Theaterstück ein, in dem der Gast aus Deutschland zur Freude der Mädchen und Jungen eine Rolle übernimmt. „Das Theaterspielen“, erklärt Christiane Rezende, „hilft den Jugendlichen, ihre Erlebnisse zu verarbeiten und Situationen nachzustellen, über die sie bisher nicht gesprochen haben.“ Unter Anleitung von Sozialpädagogen und Psychologen diskutieren die jungen Leute ihre eigene Darstellung in einer anschließenden Gesprächsrunde. „Es geht unter die Haut, wenn man die Geschichten der Kinder hört“, sagt Lena Gercke sichtlich bewegt. „Dass die Mädchen und Jungen so reflektiert über ihre bitteren Erlebnisse sprechen können, ist eine große Stärke des Projekts und beeindruckt mich sehr.“

Lena Gercke besucht eine Familie in der Favela.(Quelle: Florian Kopp)
Lena Gercke besucht eine Familie in der Favela.

20 Quadratmeter für sechs Personen

Wie die kleine Leticia, wachsen auch der sechsjährige Alifer und sein zwei Jahre älterer Bruder Vitor ohne Vater auf. Die beiden besuchen die Nachmittagsschicht des Kinderzentrums von UNAS und kommen gerade aus der Schule, als Lena Gercke vor ihrer Haustür steht. Mutter Ana-Carla Santos hat die große blonde Frau eingeladen und ist bereit, ihr die neue Wohnung zu zeigen, in der sie seit knapp einer Woche lebt. Zusammen mit ihren beiden Söhnen, den Töchtern Bryan (2) und Carolina (14) und der demenzkranken Mutter teilt sie sich 20 Quadratmeter; ein Bett und eine Matratze auf dem Boden müssen für sechs Personen zum Schlafen reichen. Zusammen mit dem bisschen Rente der Großmutter und der Sozialhilfe, „Bolsa familia“ genannt, kommt die Familie auf ein Einkommen von knapp 1.200 Reais, umgerechnet rund 330 Euro. Doch allein die Miete für die neue Unterkunft beträgt 600 Reais (ca. 165 Euro). Das Geld reicht hinten und vorne nicht aus, und Ana-Carla nimmt jeden Gelegenheitsjob an, der sich bietet: Manchmal reinigt sie die Busse der örtlichen Transportgesellschaft, an anderen Tagen hilft sie als Verkäuferin auf dem Markt aus.

„Ich bin froh“, sagt die 34-jährige Mutter, „dass meine Söhne im Zentrum gut versorgt sind und dort auch essen können. So habe ich eine Sorge weniger.“ Und wenn Probleme in der Schule auftauchen, springen die Mitarbeiter von UNAS auch ein und helfen weiter. „Es ist nicht leicht, sich in das Leben der Kinder hineinzuversetzen“, sagt Lena Gercke später nachdenklich. „Ein Besuch wie dieser hilft mir zu verstehen, dass die Kinder hier nicht nur Opfer, sondern auch ganz starke Persönlichkeiten sind.“ 

Hilfe für Kinder in Favelas

Rund 11,5 Mio. Menschen leben in Brasiliens städtischen Armenvierteln, den Favelas. Alleine im Südosten Brasiliens wohnen fast zehn Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Favelas. In São Paulo unterstützt die Kindernothilfe zusammen mit der lokalen Partnerorganisation UNAS 400 Mädchen und Jungen zwischen sechs und 16 Jahren in drei Kinder- und Jugendzentren.

Diese Webseite verwendet Cookies, um bestimmte Funktionen zu ermöglichen. Mit der Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden. Alle Details finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.