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Jungen in der Kindertagesstätte. (Quelle: Christoph Engel)

Was aus einer chilenischen
Bretterbude wurde

Chile: Nach 30 Jahren intensiver Zusammenarbeit und einem verheerenden Erdbeben ist es nun geschafft: Eine Kindertagesstätte in einem chilenischen Armenviertel kann nun völlig eigenständig für das Wohl der Kinder sorgen – und ihnen eine bessere Zukunft ermöglichen. Projekt-Koordinatorin Eva Böckel stattete ihr einen letzten Besuch ab.

Von Eva Böckel, Projektkoordinatorin für Chile

Jaquelin Melani strahlt mich an: „Wie schön, dass du gekommen bist! Die Kindernothilfe durfte bei der Einweihung einfach nicht fehlen!“ Stolz führt mich die langjährige Leiterin von Loida durch die neue Kindertagesstätte, die tatsächlich ein Schmuckstück geworden ist: freundlich, geräumig und lichtdurchflutet. Was für ein Unterschied zu meinem letzten Besuch Ende 2010, der in einer notdürftig als Kinderkrippe hergerichteten alten Turnhalle stattfand!

Im Armenviertel herrschte blanke Not und Hunger

Kindertagesstätte Loida vor 30 Jahren. (Quelle: Kindernothilfe)
Die Kindertagesstätte Loida vor 30 Jahren.

Doch die gemeinsame Geschichte von Loida und Kindernothilfe beginnt viel, viel früher. Im Projektordner in Duisburg findet sich noch das rosa Durchschlagspapier, das den Beginn der Kooperation dokumentiert: 1983 wurde eine Tagestätte der Methodistischen Kirche in Coronel, im Süden Chiles, ins Patenschaftsprogramm der Kindernothilfe aufgenommen. Damals, mitten in der Militärdiktatur, herrschten in den Armenvierteln Chiles blanke Not und Hunger. In einer Bretterbude hatte Loida 1979 begonnen, in einem Notspeisungsprogramm unterernährte Kinder medizinisch und mit Mahlzeiten zu versorgen. Kindergarten und –tagesstätte kamen bald dazu. Hier wurden die Kinder betreut, erhielten Zugang zu frühkindlicher Bildung und schulische Unterstützung, die ihre Familien nicht leisten konnten. Für die Mütter wurde die Tagesstätte ein Zufluchtsort, wo sie sich mit anderen Frauen treffen, ihre Sorgen und Nöte teilen und sich gegenseitig unterstützen konnten – solche Orte waren unter der Pinochetdiktatur rar geworden. Schnell fanden sich Paten, die die Kinder und ihre Familien begleiteten. Ihr verlässlicher finanzieller Beitrag war wichtig; wichtig war auch die Fürsorge und Solidarität, die sie de Menschenmit ihrer Unterstützung vermittelten. Aus einigen Patenschaften wurden Freundschaften fürs Leben, weit über die Förderung der Kindernothilfe hinaus.

Loida konnte in ein festes Gebäude ziehen, die Arbeit festigen und ausbauen. Die Kinder und Jugendlichen wurden hier vom Kleinkindalter an dauerhaft gefördert und gestärkt; manche sogar bis zum Ende einer Universitätsausbildung. Die Eltern wurden ermutigt und befähigt, ihre Verantwortung gegenüber den Kindern besser wahrzunehmen, aber auch ihre eigene Situation zu analysieren und zum Positiven zu verändern.

Über die Jahre veränderte sich Chile, die Lage der Menschen im Umfeld Loidas hat sich jedoch nicht wesentlich gebessert. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind extrem, und viele der Familien leben in „pobreza dura“ – so wird der „harte Kern“ der Armen beschrieben, für die es kaum Aufstiegschancen gibt.

Nicht die Armen, Armut muss bekämpft werden!

Unterernährung ist kaum noch ein Problem; Langzeitarbeitslosigkeit und Überschuldung der Familien, Wohnraummangel (oftmals hat eine Familie nur einen sehr kleinen Raum zur Verfügung), Gewalt, Drogen, Alkoholismus und nicht zuletzt psychische Krankheiten als Folge des enormen Stresses, dem die Familien ausgesetzt sind, sind die Hauptprobleme, die die Entwicklung der Kinder belasten. Der chilenische Staat tut viel zu wenig dafür, die Situation dieser Menschen zu verändern – in der Gesellschaft herrscht die Haltung vor, dass nicht die Armut, sondern vielmehr die Armen selbst das zu bekämpfende Problem darstellen. Die Folge ist die fortwährende Verschärfung von Ausgrenzung und Stigmatisierung der Menschen, die so in einer perspektivlosen Lage gehalten werden.

Loida blieb immer eng bei den Familien und passte die Unterstützung an die veränderte gesellschaftliche Situation an. Die Projektleitung arbeitete dabei mit dem Kindernothilfepartner Anide zusammen, der nicht nur die Übermittlung und korrekte Verwendung der Patenschaftsgelder gewährleistet, sondern die Projekte auch in ihrer fachlichen Weiterentwicklung unterstützt. Ein wichtiger Impuls war hier die Einführung des Kinderrechtsansatzes, bei dem es darum geht, Kinder nicht als Objekte und Empfänger von Hilfeleistungen zu sehen, sondern als handelnde Subjekte mit Rechten, die es einzufordern gilt. Loida griff diesen Gedanken auf und trug ihn nicht nur in die Familien hinein, sondern engagiert sich in verschiedenen Netzwerken, die den chilenischen Staat und seine Institutionen in die Pflicht nehmen, die Rechte der Kinder auf Bildung, Gesundheit, Schutz, Chancengleichheit, Teilhabe etc. zu gewährleisten.

Die zerstörte Kindertagesstäte nach dem Erdbeben. (Quelle: Jürge Schübelin)
Das Erdbeben 2010 bedeutete einen herben Rückschlag.

Der große Einschnitt kam am 27. Februar 2010: das Erdbeben. Die Bilder der Zerstörungen, der folgenden Unruhen und Plünderungen, der massiven Militärpräsenz gingen um die Welt. Coronel liegt in einer der am stärksten betroffenen Regionen. Das Projektgebäude war teilweise zerstört; was noch stand, war akut einsturzgefährdet. Unmöglich, hier noch Kinder zu betreuen, die doch jetzt die Hilfe am dringendsten benötigten! Obwohl selbst vom Erdbeben betroffen und traumatisiert, begann das Team von Loida unmittelbar nach der Katastrophe, die Kinder und ihre Familien aufzusuchen und Hilfe zu improvisieren. Trotz der Zerstörungen an Wohnraum wurden Behelfsräumlichkeiten hergerichtet; die Kinderkrippe kam in der erwähnten Turnhalle, der Kindergarten anderweitig unter. Mit den Schulkindern wurde unter freiem Himmel und in den Abendstunden in der Kinderkrippe gearbeitet. Obwohl diese prekäre Arbeitssituation das Team extrem belastete, engagierte sich die Direktorin gleichzeitig mit Hochdruck für den Wiederaufbau der Tagesstätte. Die Kindernothilfe hatte bereits finanzielle Unterstützung dafür zugesagt; Anide gelang es in zähen Verhandlungen, die staatliche Kindergartenbehörde Junji dazu zu bewegen, sich zur Hälfte daran zu beteiligen – für die Kindernothilfe alleine wären die in Chile enorm hohen Baukosten kaum zu tragen gewesen. Zugleich sicherte die Junji zu, in Zukunft die laufenden Kosten von Kinderkrippe und -garten zu übernehmen – ein Meilenstein!

Das Team von Loida bewegte sich an den Grenzen der Belastbarkeit

Die Kindertagesstätte Loida heute. (Quelle: Eva Böckel)
Die Kindertagesstätte Loida heute.

Bis dahin war es noch ein weiter Weg. Es fand sich ein engagiertes Architektenteam, das sich mit Feuereifer der Aufgabe widmete, auf begrenztem Raum und mit begrenzten Mitteln ein Gebäude zu planen, das gleichzeitig Kindergarten und soziales Stadteilzentrum werden sollte und vor allem den strengen Bauvorschriften der Junji entsprechen musste. Auf dem nach dem Beben umkämpften Immobilien-Markt ein geeignetes Grundstück zu finden und zu erwerben, erwies sich als schier unlösbare Aufgabe; die Kooperation mit der Junji bei Bau, Finanzierung und Inbetriebnahme des Kindergartens gestaltete sich schwierig. Leitung und Team von Loida bewegten sich jahrelang an den Grenzen ihrer Belastbarkeit.

Aber jetzt – August 2013, die Einweihungsfeier hat begonnen: „Ich habe ein Recht auf Gesundheit!“, ruft von der Bühne herab ein kleines Mädchen den anwesenden Vertretern des Staates trotzig ins Gesicht – vier Jahre alt mag sie sein. Projektleiterin Jaquelin strahlt noch immer, genau wie die Eltern, die zahlreich gekommen sind. Dann steigt sie auf die Bühne und redet von den vielen Aufgaben, die Chile noch zu bewältigen hat, um die Rechte der benachteiligten Kinder zu verwirklichen.

Und die beste Nachricht zum Schluss: Die Kindernothilfe muss Loida nicht mehr unterstützen, denn nach vielen Jahren unermüdlichen Einsatzes hat Anide den chilenischen Staat davon überzeugt, den Hauptteil der Arbeit von Loida zu finanzieren, um die Zukunft der Einrichtung nachhaltig zu sichern. Unser gemeinsames Ziel ist somit erreicht. Wir können nun neue Projekte unterstützen, an Orten und in Regionen, wo Hilfe am dringendsten benötigt wird. Und Loida und Anide werden weiter mit Herzblut den Kindern zur Seite stehen und daran arbeiten, das Gesicht Chiles zu verändern!

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