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Ein Junge schleppt einen Stapel Ziegel. (Quelle: Christian Herrmanny)

Von harten Ziegeln und verlockendem Gold

Das Projekt für Kinderarbeiter in den Ziegeleien Cajamarcas im Norden Perus arbeitet seit Jahren sehr erfolgreich. Doch der sinkende Goldpreis zieht die gesamte Region in den Abgrund.

Christian Herrmanny, stellvertretender Pressesprecher der Kindernothilfe

Der Volleyball schießt in die Höhe, als wolle er diesmal tatsächlich den Himmel erreichen. Die Kinder am Boden strahlen mit der Sonne um die Wette. Ausgelassen spielen die Mädchen und Jungen in der Schulpause mit Bällen, Springseilen oder Luftballons. Fast alle tragen die dunkelblaue Schuluniform mit den weißen Hemden oder Blusen – und sie haben Schuhe an den Füßen, was hier in Santa Barbara, einem Vorort von Cajamarca im Norden Perus, längst keine Selbstverständlichkeit ist. Die gute Ausstattung mit Kleidung, Schuhwerk, Schulmaterialien und Büchern ist Bestandteil der Projektarbeit für arbeitende Kinder in Cajamarca. „Ich gehe jetzt nur noch manchmal arbeiten, wenn es sehr viel Arbeit gibt“, erzählt die 14-jährige Girasol. „Aber ich gehe jeden Tag in die Schule und lerne. Am besten gefällt mir Mathe.“

Girasol ist eines von 250 Kindern – überwiegend ehemalige Ziegeleiarbeiter –, die die Kindernothilfe gemeinsam mit dem lokalen Partner IINCAP (Instituto de Investigación, Capacitación y Promoción Jorge Basadre) zurzeit erreicht. Noch vor zwei Jahren half Girasol ihrem Vater tagtäglich im Steinbruch. Sie schippte Kalkstein, schob schwere Schubkarren, stellte aus Lehm, Wasser und eben Kalkstein Ziegelsteine her und entgratete sie nach dem Brennvorgang. Girasol übernahm schon in frühen Jahren die Arbeiten ihrer Mutter, die sich ihrerseits um die kleineren Kinder und ein Baby kümmern musste. Und Girasol packte an wie eine Erwachsene. In der Schule ist sie bis dahin niemals gewesen, Zeit zum Spielen blieb fast nie. Doch der Kindernothilfe- Partner IINCAP konnte Girasols Eltern, die selbst weder lesen noch schreiben können, überzeugen, ihre Tochter ins Projekt zu schicken.

Girasol mit ihrem Bruder bei der Arbeit im Steinbruch. Christian Herrmanny)
Früher hat Girasol im Steinbruch geschuftet.
Girasol sitzt im Klassenzimmer. (Quelle: Christian Herrmanny)
Heute geht sie zur Schule.
 

"Ich bin jetzt glücklich"

Nun ist Girasol stolze Besitzerin einer Schuluniform, sie bekommt jeden Tag eine warme Mahlzeit, und auch die Schulmaterialien werden vom Projekt finanziert. Nur am Wochenende geht die 14-Jährige ihren Eltern noch gelegentlich zur Hand, um das Familieneinkommen aufzubessern. Dass Girasol trotz ihrer Körpergröße und ihres Alters erst in die zweite Klasse geht, stört sie nicht. Sie musste ganz von vorn anfangen, strengt sich im Unterricht ganz besonders an, blüht aber auch völlig auf beim Spiel in den Pausen, beim Toben und Fangen. Und die warme, schmackhafte Schulspeisung ist für sie ein weiterer Höhepunkt eines jeden Schultages. „Ich bin jetzt glücklich, weil ich fast nicht mehr arbeite“, sagt Girasol. „Ich habe gelernt, dass ich das Recht auf Nahrung, auf Kleidung und auf Bildung habe. Und ich bekam Hefte, Stifte, Bücher und einen Anspitzer“, erzählt sie. Doch für viele hundert Kinder aus ihrer Nachbarschaft sieht der Alltag ganz anders aus.

In Cajamarca, auf 2.700 Metern Höhe mitten in den Anden, leben die meisten Mädchen und Jungen in äußerst prekären Verhältnissen. Dass hier in der Region Kinder in den Ziegeleien schwer schuften, gehört zum alltäglichen Bild. Die Haut der Kinder ist oft rissig und sogar blutig. Ihre Nieren und Harnwege infizieren sich nicht selten beim Stampfen im kalten, feuchten Lehm. Und das Gewicht der Steine führt zu Schäden an den noch wachsenden Knochen der Kinder. Das Projekt der Kindernothilfe unterstützt die Familien dabei, den Teufelskreis von Armut und Kinderarbeit mit Bildung zu durchbrechen. Viele Kinder aus dem Projekt wurden bereits Mechaniker, Bäcker oder gehen anderen Berufen nach. „Das Leben der Familien im Projekt hat sich sehr verbessert“, sagt Antonieta Torell Rabanal vom Kindernothilfe-Partner IINCAP. „Aber die Zahl der Kinderarbeiter insgesamt steigt! Die Kinder sind unterernährt, die Armutsrate ist enorm. Dazu hat vor allem der Bergbau geführt.“

Yanacocha-Goldmine. (Quelle: Jürgen Schübelin)
Die Goldmine Yanacocha

Der sinkende Goldpreis sorgt für steigende Armut 

Der Bergbau, das ist eine der weltgrößten Goldminen ganz in der Nähe Cajamarcas: Yanacocha. Hier wird Gold im Tagebau gewonnen, doch die Nachfrage nach dem Edelmetall ist längst nicht mehr so hoch wie noch beim großen Gold-Boom in den 2000er Jahren. Aber seit etwa fünf Jahren werden kontinuierlich Minenarbeiter entlassen, viele ziehen wieder fort. So werden auch immer weniger Dienstleistungen benötigt, erneut verlieren Verkäufer, Taxifahrer und Markthändler ihren Job. Häuser stehen leer, an Neubauten denkt hier zurzeit kaum jemand. Dies alles hat dramatische Folgen vor allem für die Kinder: Die arbeitslosen Mütter und Väter schicken ihre Söhne und Töchter zum Geldverdienen in die Ziegeleien. Da es kaum andere Einnahmequellen gibt, arbeiten sehr viele Menschen in der Region in der Ziegelherstellung. Die Preise für die Ziegelsteine sind jedoch wegen der steigenden Konkurrenz gesunken. Die Familien bekommen heute für ihre Arbeit nur noch 60 Prozent des Lohns, den sie noch vor drei Jahren bekamen – obschon die Kosten für Lebensmittel und Brennmaterial stetig steigen. Immer mehr Familienmitglieder sind somit gezwungen, diese Lohnausfälle auszugleichen. Manche Kinder arbeiten inzwischen lediglich noch für ein warmes Essen am Tag. Und zu allem Überfluss steigen unter dem Druck der wirtschaftlichen Not auch noch die Zahlen von Alkoholmissbrauch und häuslicher Gewalt.

Johannes B. Kerner spricht mit einer Kinderarbeiterin. (Quelle: Christian Herrmanny)
2015 besuchte Johannes B. Kerner das Projekt für die Spendengala "Ein Herz für Kinder"
Alternative Schule in Cajamarca (Quelle: Christian Herrmanny)
Die Kinder sind glücklich, dass sie in die Schule in Cajamarca gehen können.
 

Die Kindernothilfe und ihr Partner stellen sich den Herausforderungen

Die Kindernothilfe und IINCAP stehen den Menschen auch und gerade in dieser schwierigen Phase zur Seite. Dank der 300.000 Euro, die bei der Spendengala von „Ein Herz für Kinder“ zusammenkamen, kann nun ein zweites Projekt für weitere 250 Mädchen und Jungen ausgeweitet werden. Die Eltern werden geschult, damit sie – beispielsweise in der projekteigenen Bäckerei – höhere Einkommen erzielen und ihre Kinder gewaltfrei erziehen. Die Kinder wiederum erhalten Schulunterricht, Förderstunden, Lektionen zu Hygiene und Gesundheit, aber auch Zeit zum Spielen. Und auch die Lehrer werden mit einbezogen, erhalten Schulungen zur Didaktik und zur Integration arbeitender Kinder in den Regelunterricht. „Die Ziele, die wir uns mit dem Projekt gesetzt haben, werden erreicht“, konstatiert Sozialarbeiterin Antonieta Torell Rabanal. „Die wichtigste Veränderung sind die Bildung und auch der Respekt und der Schutz vor Gewalt. Aber es bleibt natürlich ein langer Prozess.“ Denn trotz aller Wirksamkeit des Projekts: Die Region um Cajamarca leidet insgesamt immens unter dem wirtschaftlichen Abschwung und verarmt zusehends. Die Herausforderungen bleiben – die Kindernothilfe und IINCAP stellen sich ihnen.

Projekt Nr. 88003

 


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