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Die Straßenkinder von Dire Dawa (Quelle: Jakob Studnar)

Die Kinder von der Straße sind wild, roh und furchtlos

Dire Dawa. Sie schlafen vor dem Handyladen und spielen auf der Müllkippe. WAZ-Weihnachtsspenden helfen denen in Äthiopien, denen keine Eltern helfen.

Text: Annika Fischer, Westdeutsche Allgemeine Zeitung; Fotos: Jakob Studnar

Die brüchigen Fliesen vor einem Handyshop, gleich gegenüber der „Peace-Bar“ – das ist ihr Schlafplatz. Der Ablauf der Flaschenspülmaschine, draußen vor der Limonadenfabrik – das ist ihr Waschplatz. Die Müllkippe im ausgetrockneten Flussbett, wo es nach faulen Abfällen riecht und nach Urin – das ist ihr Spielplatz.

Nesanet ist erst elf Jahre alt, ein Straßenkind in Dire Dawa, Äthiopien, einziges Mädchen in einer Bande auch nicht größerer Jungs. Der Vater Alkoholiker, der Stiefvater gewalttätig, die Mutter fort. Die Straße schmutzig und gefährlich – aber Nesanets Zuhause. Wenn sie sich etwas wünschen dürfte, „dann will ich zu Mama“. Aber selbst die Polizistin Sajin sagt: „Vergiss das!“ Und eigentlich geht es auch nicht. Sie haben einander versprochen, immer zusammen zu bleiben, „egal, was passiert“. Es ist der Ehrenkodex der Straßenkinder.

Die Straßenkinder von Dire Dawa halten zusammen, das haben sie sich versprochen. (Quelle: Jakob Studnar)
Die Straßenkinder von Dire Dawa halten zusammen, das haben sie sich versprochen.

Ihre Bettdecke ist ein Fetzen PVC

Wild sind sie, roh und furchtlos. Auf nackten Füßen rennen sie über Steine und Scherben, stolz erklimmen sie das Dach des Telefonladens, holen ihre Bettdecke: einen Fetzen PVC. Und dann flitzt einer und fischt aus dem Müll ihr liebstes Spielzeug – in der Dose war einmal gelber Zementkleber. Den schnüffeln sie, um das alles auszuhalten, „das brauchen wir zum Leben“, sagt ein Junge, der „zehnzwei“ Jahre alt ist, also zwölf. Sie rauchen deshalb auch Zigaretten. „Wir wollen ja nicht krank werden.“

Wer erzählt diesen Kindern sowas? Die Eltern nicht. Die von Hawi leben in den Bergen, erzählt der 13-Jährige, die Mutter habe ihn rausgeschmissen, nachdem er sich mit seinem Bruder geprügelt hatte: „Komm nie, nie wieder!“ Auch von der Schule flog er, weil er sich mit anderen schlug. Und Nesanet, die durfte nicht mehr lernen, weil sie keine Schulbücher hatte. „Und die Lehrerin weiß, dass ich schnüffel.“

Sie sind wild, roh und furchtlos. Die Straenkinder von Dire Dawa (Quelle: Kindernothilfe)
Sie sind wild, roh und furchtlos: Die Straßenkinder von Dire Dawa.

Die Kinder klauen und betteln

Die Polizei von Dire Dawa kennt sie alle, weil sie klauen, sich hauen, auf dem Markt Taschen aufschneiden. Am besten, erklärt Nesanet treuherzig, kommt man an das Geld der Leute, wenn sie sich bücken, um in ein Dreirad-Taxi einzusteigen. Was soll sie sonst machen, manchmal kriegt sie Essens-Abfälle von einem Hotel, meist muss sie betteln, auch um Kleider.

Hawi trägt ein T-Shirt, das nur noch vom Dreck zusammengehalten wird, zerschlissen und viel zu groß. Die Hose darunter hat Pünktchen. Nesanet hat dieses Streifenhemd an, so lang wie ein Kleid über den winzigen Shorts. Wenn sie erzählt, zieht sie es verschämt bis über die Füße. „Just want to be happy“, ist dann zu lesen auf ihrem Bauch, „Ich möchte einfach nur glücklich sein“.

Hilfe für die, die noch nicht zu lange draußen waren

Aber die Kinder sind hart geworden auf der Straße, sagt die Polizistin Rahel, die eben alle begrüßte mit einem freundlichen Klaps. Die Ordnungskräfte sind keine Feinde in Dire Dawa, sie bringen die kleinen Diebe zur Kindernothilfe, in ihre Schutzzentren und von dort in die Schule, am besten zurück zu ihren Familien. Nur sind sie oft schon zu lange draußen, und sie sind zu viele, „man kann nicht allen helfen“, sagt Rahel.

Manchmal gehen die Polizisten von Haus zu Haus und sammeln für die Kinder; für das neue Schuljahr hat jeder Beamte zwei Schulhefte gespendet, aber „es ist nie genug“.

Nesanet möchte in einem Büro arbeiten

Nesanet helfen die Hefte gerade nicht, sie möchte Shampoo, damit sie sich die störrischen Haare waschen kann. Irgendwann will sie in einem Büro arbeiten wie dem der Hilfsorganisation. Dann musst du lesen und schreiben; kannst du das, Nesanet? Da wird das hibbelige Kind plötzlich still.

Und Hawi mit seinen Narben im Gesicht, der will Streit schlichten und dafür sorgen, dass kein Erwachsener den Kindern etwas tut. Das ist gut, Hawi, aber es ist keine Arbeit, mit der du Geld verdienst. „Dann warte ich, bis ich stark genug bin, Sachen zu tragen. Dann kann ich Tagelöhner werden.“

Hawi (Quelle: Jakob Studnar)
Hawi will später dafür sorgen, dass keiner den Kindern etwas tut.

Bei der Polizei sind die Kinder sicher

Doch was will man mit diesen Kindern über die Zukunft reden, sie denken bis zu einem Happen Essen oder einem Schluck Wasser und bis zur nächsten kalten Nacht. Noch passen die Jungs dann auf Nesanet auf, aber was, wenn sie älter wird und eine Frau? „Falls sie mich anfassen, gehe ich zur Polizei“, sagt die Elfjährige und grinst. Sowieso tun sie das oft, vor allem nachts, dann hängen sie in der Nähe der Wache herum. „Sie wissen“, sagt die Beamtin Rahel, „dass sie da sicher sind.“

Erschienen am 13.12.2017 in der WAZ

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