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Jungen in der Schule. (Quelle: Jakob Studnar)

Die blaue Schule ist für alle da

Text: Annika Fischer, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Fotos: Jakob Studnar

Dire Dawa. Es gibt in Dire Dawa eine Schule, an der die Kinder nicht aussehen wie Schüler. Schüler nämlich in Äthiopien, die tragen Uniform. Gelbe Bluse, grüner Rock. Blaue Hose, weißes Hemd. Rote Kragen zum roten Beinkleid, neonleuchtende Shirts, jede Schule anders! Nur diese hier – ist bunt. Mädchen kommen in farbenfrohen Gewändern, Jungen in Trikots: Messi, Ronaldo, Costa, Ronaldinho, lauter kleine Kicker singen am Morgen die Nationalhymne auf dem staubigen Hof. Nur haben sie keine Fußballschuhe, sondern bloß ausgetretene Badelatschen, und die Kleider haben allesamt bessere Tage gesehen. In diese Schule gehen die Kinder, die sich keine Schule leisten können.

Auch keine Uniform, kein Heft, keinen Stift und eigentlich auch nicht, zum Fahnenappell um halb neun pünktlich zu sein. „Manchmal“, sagt der achtjährige Abebe, „habe ich zu spät gefrühstückt.“ Was eine diplomatische Umschreibung ist für: Es ist niemand da, der Frühstück macht. Es ist nicht einmal Frühstück da. Abebes Vater ist tot, Abebes Mama hat noch vier große Töchter. Sie muss arbeiten, sagt der Junge. „Aber sie sagt nicht, was sie macht.“

Waschen ist wichtig

Manchmal macht sie Essen. Nur bleibt dann kein Geld mehr, um den Jüngsten in die Schule zu schicken. Bei der gleichaltrigen Alemee ist das auch so, neben Abebe in der Bank: Mama fegt die Straße, Papa ist blind und zu Hause. Es waren Krankenschwestern, die den Drittklässlern beigebracht haben, dass man sich vor dem Essen die Hände wäscht, es sind hin und wieder Polizisten, die kommen und sie erziehen. Und die drei Lehrerinnen, von der Kindernothilfe bezahlt wie dieses Haus mit den zwei Klassenzimmern.

Jungen beim Dame-Spielen. (Quelle: Jakob Studnar)Jungen beim Dame-Spiel im Lernzentrum.

Der himmelblaue Putz blättert, aber es ist ein Haus aus Stein, in dem es einen Kühlschrank gibt mit Trinkwasser, einen Kassettenrecorder, damit die Mädchen tanzen können, und ein Schachbrett, auf dem die Jungen mit Kronkorken Dame spielen. Und es gibt Seife. Das ist vielleicht das Tollste für den kleinen Abebe, „sie halten uns hier sauber“. Denn er weiß: „Wenn ich nicht sauber bin, kann ich nicht in die richtige Schule gehen.“ Dort müssten ihre Schüler nämlich „sein wie alle anderen“, sagt die Lehrerin Alganesh Misgina.

Irgendwie kriegen sie das immer hin: Fast alle Kinder aus diesem Lernzentrum, das sie „Non-formal education“ nennen – „Nicht formale Bildung“, wechseln nach der dritten Klasse in die „Formal education“, und fast immer sind sie dort gute Schüler. Weil sie gelernt haben, wie Makeda, die 15-Jährige: „Das Leben ist nicht angenehm, wenn man nicht lernt.“ Oder weil sie wissen, dass sie sich nicht nur für sich selbst mühen: „Wir strengen uns mehr an“, sagt Makeda, „weil wir wissen, dann können wir unsere Familien da rausholen.“

Ein Junge steht an der Tafel. (Quelle: Jakob Studnar)
Abebe ist froh, etwas lernen zu können.

Viele Kinder in Äthiopien glauben, dass sich das so gehört. Senait etwa möchte „etwas erreichen, um der Tante helfen zu können“. Diese Tante: Sie holte das Mädchen vom Land nach Dire Dawa; die Eltern hofften, Senait könne dort endlich zur Schule gehen. Für drei Töchter konnten sie das nicht bezahlen. Senait aber, 13 Jahre alt, hatte keine Zeit für die Schule: Sie muss Feuerholz holen, sie schleppt es in Bündeln vom Berg hinunter in die Stadt. Dann braucht die Tante Wasser, um Fladenbrot zu backen, das Senait auf der Straße verkauft.

Die Tante beutet Senait aus

Senait. (Quelle: Jakob Studnar)
"Ich fühle mich frei", sagt Senait. Sie denkt, dass so das Leben ist.

Dort entdeckten die Leute von der Kindernothilfe das Mädchen, sie sorgten dafür, dass beides geht: Senait arbeitet immer noch, aber sie darf auch in die blaue Schule. Dritte Klasse, mit 13, aber sie sagt: „Ich fühle mich frei.“ Senait denkt, dass so das Leben ist. Sie weiß nicht, dass die Tante sie ausbeutet, sie würde es auch nicht verstehen, die Frau ist Familie. Aber selbst die Behörden wollen nicht mehr, dass Kinder in Äthiopien so aufwachsen müssen. Neuerdings wird kontrolliert, ob sie zur Schule gehen.

Und, das steht schon fest: Ab 2021 wird die Regierung das blaue Haus der Kindernothilfe übernehmen, als offizielle Schule. Nur, man ahnt es schon, die armen Kinder  sind dann nicht weg. Sie werden eine neue bunte Schule brauchen.

Erschienen am 11.12.2017 in der WAZ

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