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Bayesh (15) in ihrer Klasse an der Hidasie-Grundschule in Dire Dawa, Äthiopien. (Quelle: Jakob Studnar)

Alltag einer Schülerin: Nachts muss Bayesh arbeiten

Dire Dawa. Äthiopien ist arm. Aber Einzelschicksale zeigen, dass Hilfe wichtig ist und ankommt. Hier geht es um das Leben von Bayesh, 15 Jahre alt und Schülerin.

Text: Annika Fischer, Westdeutsche Allgemeine Zeitung; Fotos: Jakob Studnar

Sie haben Bayesh geholt, ihre Geschichte zu erzählen, weil sie eine Erfolgsgeschichte ist. Von einem Mädchen, dessen Eltern zu arm sind, um es zur Schule zu schicken, und das nun zu den Besten in der 6. Klasse gehört. Aber jetzt sitzt Bayesh da mit gesenktem Kopf, und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Sie ist nicht mehr die Klassenbeste, hat sie gerade sehr leise gesagt, „nur“ noch dritte. Bayesh schämt sich. „Ich bin manchmal so müde.“

Die 15-Jährige geht zur Hidasie Grundschule im Quartier 06 der Großstadt Dire Dawa, einem Armenviertel. An die Mauern haben sie Formen und Zahlen gemalt, daneben die Körperteile des Menschen und ihre Namen. Die 1080 Schüler tragen Schuluniform, oben gelb, unten dunkelblau, sie sehen alle gleich aus und sind es doch nicht. Bayesh zum Beispiel gehört zu den 150, die aus einem Lernzentrum der Kindernothilfe zum Hidasie gekommen sind, 150, deren Eltern noch ärmer sind als arm.

Kinder können sich Schule eigentlich nicht leisten

 Konjit Mekonin, Direktorin der Hidasie Grundschule. (Quelle: Jakob Studnar)
Konjit Mekonin, Direktorin der Hidasie Grundschule.

Die Schule bekam sechs Computer dafür, dass sie Kinder aufnahm, die sich Schule eigentlich gar nicht leisten können, dazu einen Haufen Bücher und einen Kühlschrank. Und Bayesh erhielt ein paar Hefte und Stifte und die alte Uniform eines Mädchens, das inzwischen zum College geht.

„Es gibt keine Leistungsunterschiede“, sagt Konjit Mekonin, die Direktorin, über die alten und neuen Schüler. Wohl aber waren da anfangs Probleme mit der Disziplin, vor allem mit der Pünktlichkeit.

Neben der Schule Arbeit

Viele Kinder aus dem Lernzentrum, sagt Mekonin, kommen zu spät, weil sie arbeiten müssen, um ihre Familien zu ernähren, und sie wurden genau dafür von den anderen gemobbt. Schülerclubs haben geholfen, die Lage an der Schule zu befrieden, aber sie haben die Lage der Kinder nicht besser gemacht.

Bayesh lernte schnell, „ich passe immer auf“, außerdem weiß sie, was von ihr verlangt wird: „Die Kinder aus gut situierten Familien“, sagt ihre Freundin Makeda, „können machen, was sie wollen, weil sie wissen, dass ihre Eltern für sie sorgen.“ Die Eltern von Bayesh können das nicht. Der Vater ein Tagelöhner, die Mutter Hilfskraft in der Kaffeerösterei, und Bayesh unter fünf Geschwistern das einzige Mädchen: Sie muss mithelfen, sagt sie. Und rückt nur ganz langsam damit heraus, was das heißt.

Die Älteste muss vier kleine Geschwister versorgen

Es heißt, dass Bayesh früh aufsteht, die kleinen Brüder versorgt. Dann geht sie zur Schule, sie läuft eine Stunde lang, weil sie kein Geld hat für den Bus oder ein Tuk-Tuk, eines dieser knatternden Dreiräder, die in der Stadt als Taxis unterwegs sind.

Nach der Schule muss sie denselben Weg zurück, sie kocht Essen, bringt es der Mutter in die Fabrik, versorgt die Geschwister, putzt und räumt auf. Und danach, es ist jetzt sieben Uhr abends – geht sie wieder in die Rösterei. Bayesh sortiert Kaffeebohnen, die guten für den Export, die schlechten für die Einheimischen. Bis nachts um zwei. Zum Lernen kommt sie nur sonntags. Zum Spielen nie.

Kein Wunder, dass Bayesh müde ist.

Kindernothilfe zahlt für die Schulausstattung

„Ich mag das alles nicht“, sagt das Mädchen und schaut auf seine knetenden Hände, „aber es ist meine Aufgabe.“ Bayesh gibt alles Geld zu Hause ab, die Familie lebt davon. „Ich weiß nicht, warum die Mutter ihrem Kind so viel aufbürdet“, sagt Teshalech Sibhatu, die Koordinatorin der Kindernothilfe in Äthiopien.

Aber nur, weil die Organisation für Bayesh bezahlt, Bücher, Hefte und demnächst eine neue Uniform, können Mädchen wie sie überhaupt zur Schule gehen. Und von einem besseren Leben träumen. Bayesh will Ärztin werden. Sie hebt den Kopf – und lächelt wieder.

Erschienen am 17.12.2017 in der WAZ

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