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Sebrina, Zenash und Genet (v.l.) haben im „Canu“, einem Schutzhaus für Straßenkinder Zuflucht gefunden. Hier lernten sie wieder zu lachen.. (Quelle: Jakob Studnar)

Straßenkinder: Endlich in Sicherheit

Annika Fischer, Reporterin der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ)

Dire Dawa.  Die Kindernothilfe rettet in Äthiopien vor allem Mädchen von der Straße. WAZ-Weihnachtsspenden unterstützen Schutzhäuser in der Stadt Dire Dawa.

In dieser Woche waren es schon 16, dabei ist gerade erst Freitag. 16 Kinder, aufgegriffen am Busbahnhof von Dire Dawa, Äthiopien. Sie kamen allein, von irgendwo her, sie suchten Arbeit in der Stadt, sie wollten Geld verdienen. Aber die Polizei holte sie von der Straße, bevor sie auf der Straße landeten. Das Schlimme ist, sagt der Beamte in der Bahnhofswache und zieht den Zettel hervor mit den 16 Namen: „Es gibt keinen Tag, an dem kein Kind kommt.“ Und viele kommen immer wieder.

Drei Mädchen wollten in der Großstadt ihr Leben verändern

Sebrina zum Beispiel, die hatte sich das so schön gedacht: Es war ein Freitag, als sie ihre beiden Freundinnen an die Hand nahm in ihrem Dorf 70 Kilometer von hier. „Wir gehen in die Stadt, wir werden Arbeit finden und unser Leben verändern.“ Ein paar selbst geflochtene Körbe verkauften die drei für das Busticket, 1,80 Euro nur Hinfahrt. „Wir wollten wieder nach Hause“, sagt das Mädchen, das sicher älter ist als die behaupteten zehn Jahre, „wenn wir etwas Geld verdient haben.“ Nur, so ist das Leben nicht in Dire Dawa.

Busbahnhof in Dire Dawa. (Quelle: Jakob Studnar)
Der Busbahnhof in Dire Dawa. Hier kommen die Kinder an.

Die Polizisten sagten Sebrina, dass sie Glück hatten: Sie wurden entdeckt, bevor sie verkauft wurden zum Arbeiten, als Hausmädchen oder für billigen Sex. „Es gibt viele schlechte Menschen da draußen“, sagten sie ihr. „Vieles kann ich gar nicht erzählen“, sagt Beza, Hausmutter in einem Schutzhaus für Kinder wie Sebrina, finanziert von der Kindernothilfe. Vielleicht noch diese Geschichte: von dem Mädchen, das unter die Straßenkinder geriet, als Sexarbeiterin verkauft wurde und von einer Bande vergewaltigt.

„Als erstes machen wir sie sauber“

Die Polizei bringt solche Kinder zu Beza, 126 im vergangenen Jahr. „Als erstes machen wir sie sauber“, sagt Beza. Bei ihr bekommen sie Kleider, Essen, Medizin – und Therapien von Ärzten und Psychologen, die sogar nachts kommen. Erst wenn es ihnen besser geht, bringen die Beamten sie zurück nach Hause. Und fast immer rufen dann die Eltern an voller Dank: „Wir haben noch nie erlebt, dass Eltern ihre Kinder abgelehnt haben, sie sind immer glücklich.“ Sebrina will ja auch nach Hause: „Sie lieben mich da, und ich gehöre dorthin.“

Nur ist es oft ein langer Weg, bis die Kinder wirklich in Sicherheit sind. Immerhin: 20 Polizisten kümmern sich in Dire Dawa inzwischen darum, und sie wissen, wohin sie all die Ausreißer und Schulschwänzer, die Verschleppten und Verkauften, die Straßenjungen und missbrauchten Mädchen bringen können – eigentlich immer in eine Einrichtung der Kindernothilfe.

Polizisten helfen Straßenkindern in Dire Dawa. (Quelle: Jakob Studnar)
Polizisten in Dire Dawa kümmern sich um Straßenkinder.

Ganesh verkaufte Bonbons – und vielleicht auch sich selbst

Urji, 21, kam ins Schutzzentrum für Mädchen. Sie war Prostituierte, da war sie nicht einmal 15, man hat sie in die Schule geschickt, kochen gelehrt, nun hat sie ihren eigenen kleinen Laden und macht Essen für die Straßenkinder. Oder Ganesh, 15, und Sarah, 14, die sind noch dort. Ganesh verkaufte Bonbons am Busbahnhof, an guten Tagen verdiente sie 30 Cent, an allen anderen gar nichts. Sarah wohnte im Rotlichtviertel, ihr Schulweg führte vorbei an den Bars.

Beide erzählen von Anmache und von ihrer Angst vor den Männern. Was wirklich geschehen ist, erzählen sie nicht. „Wir nehmen die Verletzlichsten auf“, sagt Dereje vom Kindernothilfe-Partner FSCE. Aber auch er weiß: Es laufen noch zu viele da draußen herum.

Ganesh und Sarah sind froh, im Schutzhaus in Dire Dawa zu sein. (Quelle: Jakob Studnar)
Ganesh (rechts) und Sarah sind froh, im Schutzhaus in Dire Dawa zu sein.

„Das Leben war schwierig“, sagt Yared

Manche „erwischen“ sie früh. Wie Yared, der mit den Straßenkindern herumhing, der sich stritt und prügelte. Bei dem 16-Jährigen war es der alleinerziehende Vater, der die Polizei ansprach. Die brachte ihn ins Jugendzentrum. „Ich habe es gehasst“, sagt Yared, „das Leben war schwierig.“ Nun haben ihn Ehrenamtliche beraten, er hat Freunde gefunden und gelernt: „Ich bin nicht perfekt, aber ich bin okay.“ Oder Feven, die 15-Jährige, die ihre Mutter bestahl und mit dem Geld in die Spielhalle ging: die dachte, das Zentrum sei „ein Gefängnis“ und die sich nun wundert über die Geduld der Erwachsenen. Feven will jetzt Fußballspielerin werden. Sie trainiert jeden Tag.

Es sind kleine Schritte, die die Kindernothilfe geht mit diesen Kindern. Aber die Menschen in Dire Dawa gehen mit: Eltern, die sich trauen, um Hilfe zu bitten. Polizisten, die nicht strafen, sondern un­terstützen. Und Busfahrer, die alleinreisende Kinder nicht mehr mitnehmen – oder umsonst wieder mit nach Hause.

Erschienen am 26.12.2017 in der WAZ

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