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Kinder in einem Kinderzentrum in Haiti. (Quelle: Jakob Studnar)

"Frühkindliche Bildung steckt noch in den Kinderschuhen"

Frühkindliche Bildung ist noch immer ein Stiefkind der Entwicklungszusammenarbeit. Deutschland etwa investiert weniger als ein Prozent seiner internationalen Entwicklungsgelder in diesen Bereich. Die Kindernothilfe möchte das ändern: mit intensiver Kampagnenarbeit und einer Studie, die helfen soll, dass die frühkindliche Bildung effektiver gestaltet werden kann – um so nicht zuletzt auch der anhaltenden Flüchtlingskrise entgegenwirken zu können

Von Bastian Strauch

Längst weiß der Mensch, dass die allerwichtigsten Weichen für seine Entwicklung bereits in den allerersten Lebensjahren gestellt werden. Sigmund Freuds Psychoanalyse oder der neurowissenschaftliche Befund, dass sich bis zum vierten Lebensjahr 85 Prozent der Gehirnstrukturen ausbilden, sind nur zwei von sehr vielen Puzzleteilen dieser Erkenntnis.

Prof. Markowetz. (Quelle: Bastian Strauch)
Prof. Markowetz bei der Präsentation der Studie

Umso erstaunlicher, welche Schlüsse die Entscheider der Welt aus diesem Wissen ziehen: Gerade mal 3,8 Prozent ihres Bildungsetats investieren die Regierungen durchschnittlich in ihre eigene frühkindliche Bildung. In den sogenannten entwickelten Staaten sind es immerhin rund 9 Prozent, in Ländern südlich der Sahara 0,3 Prozent. Entsprechend haben in den meisten Ländern dort weniger als die Hälfte der Kinder Zugang zu frühkindlicher Bildung, in einigen tendiert der Anteil sogar gegen Null.

  • Geradezu groteske Effekte

    Noch kurioser erscheinen die Zahlen, wenn man die nachgewiesenen Effekte für Mensch und Gesellschaft betrachtet, die die intensive Förderung von kleinen Kinder erzielen: In Bangladesch etwa konnte durch die Ausweitung frühkindlicher Bildungsprogramme die Kindersterblichkeit um zwei Drittel gesenkt werden. Und für Mädchen aus armen brasilianischen Familien etwa verdreifacht sich die Wahrscheinlichkeit, die 8. Schulklasse zu erreichen, wenn sie an einem Vorschulprogramm teilgenommen haben. Nicht zuletzt weisen Studien nach, dass die Investition in frühkindliche Bildung enorme positive Auswirkungen auf die Wirtschaftsleistung von Gemeinschaften bis hin zu Staaten hat. Vor diesem Hintergrund wird der mangelnde Einsatz der Machthabendenden in diesem Förderbereich geradezu grotesk – vor allem dieser Tage, in denen der frisch gekürte Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften Angus Deaton betont: „Die Armut zu verringern ist ein Schlüssel, um die anhaltende Flüchtlingskrise zu bekämpfen.“

    Die Kindernothilfe setzt immer mehr auf das Potenzial frühkindlicher Bildung und alles daran, die Politik zu überzeugen, in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit (EZ) mehr in die Förderung der Kleinsten zu investieren. Mit ihrer Kampagne „Bildung ändert alles – von Anfang an“ hat das Kinderrechtswerk ein Jahr lang mit Kindergärten und ehrenamtlichen Mitarbeitern aus ganz Deutschland Bundespolitiker aufgerüttelt, damit künftig zehn Prozent der internationalen Hilfsgelder in die Grundbildung fließen, zu der auch die frühkindliche Bildung zählt. Bislang sind es lediglich zwei Prozent. Höhere Bildungsstufen wie etwa Berufsbildung werden ungleich stärker gefördert mit rund 12 Prozent der Gesamtausgaben.

    Die Studie. (Quelle: Bastian Strauch)
    15 Kindernothilfe-Projekte wurden für die Studie unter die Lupe genommen.

    Im gleichen Zeitraum hat die Kindernothilfe ihre eigene Arbeit im frühkindlichen Bereich auf den Prüfstand gestellt, um sie noch weiter verbessern zu können. Dafür gab sie bei der Ludwig-Maximilians-Universität München eine Studie in Auftrag, die unter anderem herausfinden sollte: Welche Stellschrauben sind für den Erfolg frühkindlicher Bildung besonders wichtig? Zudem wollte die Kindernothilfe durch die Studie erfahren, wie es generell um die frühkindliche Bildung in der staatlichen und nichtstaatlichen EZ bestellt ist und welche Definitionen und Konzepte zugrunde liegen.

    „Die hohe Bedeutung von frühkindlicher Bildung für die gesellschaftliche und individuelle Entwicklung ist in der Fachwelt unumstritten, sie wird auch in der internationalen EZ mittlerweile von immer mehr Akteuren vorangetrieben, aber: Konzeptionell steckt sie noch in den Kinderschuhen“, diagnostiziert Professor Reinhard Markowetz, der die Studie gemeinsam mit Janina Wölfl und Klaus Jahn von der Fakultät für Psychologie und Pädagogik durchführte. Das zeige vor allem ein Blick auf die Uneinheitlichkeit der zahlreichen Definitionen, Ansätze und Maßnahmen, die es gebe. „Woran es mangelt, sind einfache, gut strukturierte und effektive Instrumente für die Praxis“, sagt Markowetz.

  • Hochkomplexer Bereich

    Dies sei aber auch verständlich, denn: „Wie jeder Bildungsbereich ist auch der frühkindliche in der EZ hochkomplex. Es muss schließlich nicht weniger beantwortet werden als: Wer macht was wann mit wem wo wie womit warum wozu“, so Markowetz. Alleine bei der Frage „wer“ reicht die Bandbreite vom Kind über Eltern, Familie und Betreuer bis zu staatlichen Bediensteten und Institutionen. Hinzu kommt, dass bei der frühkindlichen Bildung in der EZ noch ganz andere Faktoren beachtet werden müssen als hierzulande. Denn krasse Armut und Ungerechtigkeit oder vermeidbare Krankheiten führen zu weiteren Dimensionen für die Planung von Programmen: Sie haben einerseits großen negativen Einfluss auf die frühkindliche Bildung, können aber andererseits auch durch sie bekämpft werden.

    Hinter der bunten Palette von Definitionen, Ansätzen und Maßnahmen scheint aber zumindest ein grobes gemeinsames Bild von frühkindlicher Bildung in der EZ durch. Denn alle Maßnahmen zielen auf eine Verbesserung von Versorgung, Erziehung, Betreuung oder Bildung von Kindern bis acht Jahren ab – damit die Kinder ihr volles Entwicklungspotenzial ausschöpfen können.

    Fachkonferenz Frühkindliche Bildung (Quelle: Bastian Strauch)
    Auf der Fachtagung wurden viele intensive Diskussionen geführt.

    Je mehr und besser frühkindliche Bildung all diese Aspekte miteinander verknüpft, desto erfolgreicher ist sie – so lautet ein wichtiges Ergebnis der Forscher, nachdem sie 15 Kindernothilfe-Projekte in Afrika, Asien und Lateinamerika untersucht haben. „Die Ganzheitlichkeit, die ja schon Wilhelm von Humboldt mit seinem Bildungsideal gefordert hat, ist auch für die frühkindliche Bildung in der EZ von enormer Bedeutung“, so Markowetz.

    Ermittelt wurden die Ergebnisse der Studie durch quantitative und qualitative Befragungen sowohl der Kinder und Eltern als auch der pädagogischen Betreuer und Projektverantwortlichen. Die Fragen bezogen sich auf die Entwicklung der Kinder, auf das pädagogische Programm, auf Kontextfaktoren, wie etwa kulturelle und gesellschaftliche Aspekte, sowie auf die Qualität von Struktur, Prozess und Organisation. Hinsichtlich der Ganzheitlichkeit konnte auf diese Weise nachgewiesen werden, dass ein breites pädagogisches Programm große Effekte auf die Entwicklung der Kinder hatte.

  • Zeit und Raum zum Spielen ist wichtig

    „Während wir bei der Kindernothilfe viele ganzheitliche Ansätze und entsprechende Erfolge gefunden haben, gibt es in der Entwicklungszusammenarbeit insgesamt aber noch großen Ausbaubedarf in dieser Hinsicht“, sagt Markowetz. „Wir empfehlen allen Akteuren etwa, nicht nur auf einzelne Bausteine zu setzen wie Gesundheit oder Ernährung. Und falls eine Organisation nur über eingeschränkte Expertise verfügt, sollte sie sich mit anderen vernetzen, um das Bildungsspektrum ganzheitlich zu erweitern und damit die Wirksamkeiten frühkindlicher Bildung qualitativ zu erhöhen.“

    Ein weiteres zentrales Ergebnis der Studie: Auch bei den Kleinsten sollte man keinesfalls die Kraft der Selbstbestimmung und des Drangs, die Welt um sich herum zu erobern, unterschätzen, sondern diese intensiv fördern. „Je mehr die Kinder die Maßnahmen mit wachen Augen mitgestalten können und je mehr eigene Handlungsspielräume sie dafür bekommen, desto besser können sie ihre Potenziale entfalten“, erklärt Markowetz. Entsprechend wichtig ist es deshalb, den Kindern sehr viel Zeit und Raum zum Spielen zu geben. „Gerade im Spiel sind die Kinder die Akteure ihrer eigenen Entwicklung, erproben sich in vielfältigen Situationen, integrieren die dabei gemachten Erfahrungen und befördern damit das Erwachen ihrer Intelligenz“, betont Markowetz.

    Aber auch ganz andere Faktoren entpuppten sich als entscheidend für Bildungserfolge. Programme, bei denen auch die Eltern einbezogen sind – indem sie etwa selbst pädagogisch gebildet werden – haben deutlich besser abgeschnitten als solche, die nur mit den Kindern allein arbeiten. „Am Ende sind es schließlich Mutter und Vater, die den größten Anteil an der Bildung ihrer Kinder haben“, sagt Markowetz. „In Entwicklungsländern haben sie aber aufgrund von Armut oft nicht genügend Kapazitäten, um sich ausreichend um ihre Kinder zu kümmern. Sie müssen arbeiten, sind oft selbst Analphabeten und überlassen die Erziehung und Betreuung den älteren Geschwistern. Die Einbindung der Eltern ist daher schwieriger, aber ein wichtiges Erfolgsrezept.“ Einen weiteren großen Unterschied macht die Qualifikation der pädagogischen Mitarbeiter in den Projekten. „Diese hat sich als eine der wichtigsten Grundlagen für die Nachhaltigkeit der Projekte herausgestellt“, sagt Markowetz.

  • Über 7.000 Postkarten für mehr Engagement

    „Die Erkenntnisse der Studie helfen uns sehr, unsere Arbeit weiterzuentwickeln“, betont Dorothea Schönfeld, Bildungsreferentin der Kindernothilfe, die die Studie mitbegleitet hat. „Denn wir haben jetzt einen noch viel besseren Einblick, welche Konzepte und Maßnahmen unter welchen Umständen welche Erfolge erzielen können.“ Ganz wichtig sei es auch, diese Erkenntnisse mit anderen Akteuren der Entwicklungszusammenarbeit zu teilen, denn man arbeite ja für das gleiche Ziel: allen Kindern der Welt möglichst große Entwicklungschancen zu bieten. Und nicht zuletzt sollen die Ergebnisse der Studie die Argumentationsgrundlage erweitern, um noch mehr Druck auf die Politik auszuüben. „Wir haben deshalb eine Fachtagung in Berlin veranstaltet, wo wir die Studie vorgestellt und zahlreiche Bildungsexperten und politische Entscheidungsträger zur Diskussion eingeladen haben“, so Schönfeld.

    Fachkonferenz Frühkindliche Bildung (Quelle: Bastian Strauch)
    Mädchen und Jungen eines Berliner Kindergartens übergeben Thomas Silberhorn vom BMZ über 7.000 Postkarten.

    Und auch die Kleinsten kamen dabei nicht zu kurz: Mädchen und Jungen des Berliner Kindergartens Casa Azul/Maison Bleue übergaben Thomas Silberhorn, Staatssekretär des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), ein besonderes Geschenk: Über 7.000 Postkarten der Kampagne „Bildung ändert alles – von Anfang an“, von denen sie einige auch selbst eingesammelt haben. Jede einzelne fordert die Bundesregierung dazu auf, zehn Prozent der Entwicklungsgelder in die Grundbildung zu stecken. Zugesagt hat Thomas Silberhorn dies nicht, sondern vielmehr verteidigt, dass das BMZ etwa Berufsbildung in der Förderung vorzieht. Es werden also wohl noch einige weitere Schritte getan werden müssen, dass die Entscheider der Welt die richtigen Schlüsse aus längst bekanntem Wissen ziehen.

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Studie Frühkindliche Bildung

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