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Schulkinder halten selbstgebastelte Plakate hoch. (Quelle: Marc Darchinger)

Eine starke Stimme gegen schreiende Ungerechtigkeit

2,6 Millionen Kinder leben weltweit mit dem HI-Virus, jährlich kommen 220.000 dazu – und die wenigsten haben die Möglichkeit, angemessen behandelt zu werden. Ein Skandal, denn: Bei Nichtbehandlung sterben 80 Prozent, und der Entwicklung adäquater Medikamente standen bislang vor allem Profitinteressen der Pharmaindustrie im Weg. Gemeinsam mit dem Aktionsbündnis gegen Aids konnten wir jetzt aber einen Durchbruch für Kinder mit HIV und Aids erzielen.

Von Bastian Strauch, Redakteur

Lange Gespräche mit Entscheidern aus Wirtschaft und Politik, Unterschriften sammeln auf der Straße und im Internet, bei Sturm und Hagel vor dem Bundeskanzleramt demonstrieren – kann so etwas Kinderleben retten und die Welt gerechter machen? Und ob! Ein Jahr lang haben Kindernothilfe-Mitarbeiter gemeinsam mit dem Aktionsbündnis gegen Aids genau solche Kampagnen-, Lobby- und Advocacy-Arbeit intensiv betrieben. Und zwar um 2,6 Millionen Mädchen und Jungen eine Stimme zu verleihen, die vom Tod bedroht sind und unter schreiender Ungerechtigkeit leiden, aber kaum Möglichkeiten haben, sich dagegen zu wehren.

Es geht um die 2,6 Millionen Kinder auf der Welt, die den HI-Virus tragen, die allermeisten von ihnen wurden schon im Mutterleib angesteckt und leben in den ärmsten Ländern der Erde. 80 Prozent werden ihren sechsten Geburtstag nicht mehr erleben, wenn sie nicht mit angemessenen Medikamenten behandelt werden. Die schreiende Ungerechtigkeit: Bislang gab es genau diese angemessenen Medikamente nicht – obwohl die Entwicklung medizinisch längst machbar ist und man sie auch für Kinder weltweit günstig zur Verfügung stellen könnte. Warum? Unter anderem da es für große Pharmaunternehmen nicht ausreichend profitabel erschien, in dieses Marktsegment zu investieren.

Das Leben von 2,6 Millionen Kindern ist bedroht

„Ein beschämender Zustand im hochtechnologisierten 21. Jahrhundert“, diagnostiziert Frank Mischo, Gesundheitsexperte der Kindernothilfe, „und auch symptomatisch für die Grenzen gelebter Solidarität in der sich immer weiter globalisierenden Gesellschaft: Wir sprechen hier von 2,6 Millionen der verwundbarsten Menschen auf der Erde, deren Recht auf Leben bedroht ist und die ohne fremde Hilfe nichts dagegen unternehmen können – auch ihr Umfeld ist aufgrund extremer Armut und Machtlosigkeit in den meisten Fällen hilflos.“

Genau aus diesem Grund entschied das Aktionsbündnis gegen Aids im Oktober 2014, seine Kräfte für genau diese 2,6 Millionen Kinder zu bündeln und die Kampagne „Kinder ohne Aids“ aufzusetzen. „Wir wollten ihnen und ihren Familien unsere starke Stimme leihen, um die Entwicklung kindgerechter HIV-Medikamente und deren weltweite günstige Verfügbarkeit zu forcieren“, sagt Mischo, der die Kampagne koordiniert. Eines der größten Probleme hatte die Dosierung dargestellt. „Bislang waren die notwendigen Wirkstoffe vor allem über Tabletten erhältlich, und diese waren viel zu hoch dosiert und nicht an das Immunsystem von Kindern angepasst“, erläutert Mischo. „Da das Immunsystem von Kindern sich noch im Aufbau befindet, sind je nach Lebensalter verschiedene quantitative Zusammensetzungen von drei Wirkstoffen notwendig.“

Ein Sirup mit viel Alkohol für Kinder

Um Dosierung und Verträglichkeit für ein kindliches Immunsystem zu bewerkstelligen, ist bislang eine grotesk anmutende Aufbereitung notwendig: Für eine einmonatige Behandlung bekommt man drei Fünf-Liter-Flaschen ausgehändigt, jede beinhaltet einen in Sirup aufgelösten Wirkstoff. Diese müssen dann, je nach Lebensphase des Kindes, unterschiedlich zusammengemischt werden – zudem hat der Sirup einen für Kinder zu hohen Alkohol-Anteil und schmeckt sehr bitter. „Katastrophale Umstände für Menschen in armen Ländern, die dutzende Kilometer bis zur nächsten Krankenstation überwinden müssen, wenn sie überhaupt eine Behandlungsmöglichkeit haben“, so Mischo.

Jetzt haben Kinder weltweit bessere Behandlungsmöglichkeiten

Und was hatte die Pharmaindustrie bislang abgehalten, weniger umständliche Kindermedikamente gegen HIV zu entwickeln? „Wohl vor allem der Absatzmarkt“, so Mischo, ,,in den westlichen Ländern kommt kaum noch ein Kind mit HIV zur Welt, da man die Mutter-Kind-Übertragung dort gut durch Behandlung verhindern kann. Und da in den Ländern des Südens vor allem Kinder aus den ärmsten Familien von HIV und Aids betroffen sind, ist die Produktentwicklung für große Pharmakonzerne nicht rentabel.“ Die intensive Advocacyarbeit des Aktionsbündnisses und anderer weltweit tätiger Akteure mit Vertretern der Pharmaindustrie hat aber dazu beigetragen, dass nun wichtige Weichen gestellt sind, damit Kinder weltweit bessere Behandlungsmöglichkeiten haben. „Eine der größten Hürden war, dass die Patente auf die Wirkstoffe bei einigen großen Firmen lagen, diese aber wegen geringer Gewinnaussicht die Entwicklung nicht vorangetrieben haben“, sagt Mischo. „Sie haben nun aber endlich die Wirkstoffe für den sogenannten Patentpool freigegeben – weil sie überzeugt werden konnten, dass sie so etwas Gutes tun und zumindest keine Verluste machen.“ Jetzt können Anbieter von günstigen Nachahmerprodukten kindgerechte Medikamente, unter anderem bekömmliche Granulate und Pulver herstellen, und kostengünstig auf den Markt bringen.

Damit ist die Arbeit aber noch nicht erledigt für das Aktionsbündnis gegen Aids. „Damit auch wirklich alle Kinder weltweit angemessen behandelt werden können, sind auch noch große politische Anstrengungen notwendig“, ergänzt Mischo. Die Bundesregierung solle etwa den Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria mit mindestens 400 Millionen Euro jährlich unterstützen. Das Geld sei vor allem notwendig, um den Zugang zu Viruslasttests für alle Menschen flächendeckend zu ermöglichen. Die Geräte dafür sind teuer, fast 100.000 Euro pro Stück, und in den meisten armen Ländern stehen oft nur sehr wenige Geräte zur Verfügung – und die dann meist in privaten Kliniken.

Dr. Katja Pohlmann (Bundeskanzleramt) mit Frank Mischo (Kindernothilfe)
Dr. Katja Pohlmann (Bundeskanzleramt) mit Frank Mischo (Kindernothilfe) bei der Unterschriftenübergabe.

30.000 Unterschriften für die Kampagne

„Während ein Viruslasttest sicher ermittelt, ob ein Neugeborenes HIV-positiv ist, kann ein normaler HIV-Test nur Antikörper nachweisen – und die können auch von der Mutter stammen“, erklärt Mischo. Bei flächendeckender Anwendung des Viruslasttests könnten also die zu behandelnden Kinder sofort identifiziert werden und mit Behandlung zu 100 Prozent überleben. Ohne Viruslasttest müsste man hingegen alle Mädchen und Jungen behandeln, die Antikörper haben. Die Finanzierung wäre also viel teurer, und Kinder, die den Virus gar nicht haben, müssten sich auf Verdacht den Nebenwirkungen der Medikamente aussetzen.

Um den Druck auf die politischen Entscheider zu intensivieren, hat das Aktionsbündnis unter anderem intensive politische Informations- und Überzeugungsarbeit geleistet. Die Ehrenamtlichen der Kindernothilfe haben drei Viertel der 30.000 Unterschriften für die Kampagne „Kinder ohne Aids“ gesammelt. Übergeben wurden sie im Rahmen des Weltaidstags an das Bundeskanzleramt, und engagierte Jugendliche konnten bei dem Gespräch mit Kanzleramtsvertretern teilnehmen. Eine Zusage gibt es von der Bundesregierung noch nicht, 400 Millionen in den Globalen Fonds einzuzahlen. Das Aktionsbündnis gegen Aids wird aber nicht lockerlassen, bis dieses Ziel erreicht ist und alle Menschen mit HIV und Aids lebensrettende Behandlungen bekommen. 

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